Mittwoch, 20. April 2016

Untergang

...Neubeginn oder Erdrutsch? Vor diesem leeren virtuellen Blatt sitze ich nun seit Tagen. Den Anfang nicht findend. Weil mir das Ende fehlt? Dabei könnte ich doch einfach erzählen. Von einem Pilgerweg. Der keiner war. Einer Reise. Wohin? Zu mir? Zu uns? Mir fehlen die Antworten darauf und noch viele mehr. Obwohl ich sie bekommen habe. Ganz ohne Fragen zu stellen. 

Vielleicht war es also doch ein Camino. Nur ganz anders, als ich ihn mir gedacht hatte. Konnte ich ihn mir denn überhaupt vorstellen? Sicher nicht. Gab es eine Chance vorher zu simulieren was wie passieren (oder eben nicht geschehen) würde? Nein. Ich habe die Verantwortung getragen. Ohne zu ahnen wie das ausgehen könnte. Welche Gefühle mich begleiten, welche Dämonen der Vergangenheit auferstehen und mich einholen würden. 

Um es vorwegzunehmen: Wir haben unseren Weg in Spanien abgebrochen. Sang- und klanglos. Doch halt, dieser Begriff ist nicht stimmig. Wir haben ihn nach sehr kurzer Rücksprache beendet. Wir wollten einfach von jetzt auf gleich nicht mehr weiter. Wir gingen zurück. Nach Portugal. In das Land, das in unseren Herzen einen so großen Raum einnimmt. Santiago war nicht (mehr) wichtig. Sondern WIR. Es war die richtige Entscheidung!

Wer mich kennt weiß, dass ich nichts für Zufall halte. Es sollte alles sein, so wie es war. Und hat vieles ausgelöst, mit dem nicht zu rechnen war. Aus dem Ende wurde ein neuer Anfang. Vielleicht. Wenn das das Ziel sein soll. Es klingt vermutlich "kryptisch", was ich schreibe. Aber anders kann und will ich es zunächst nicht formulieren. Ich kann und will überhaupt wenig im Moment. Was ich dem Weg zuschreibe. Dem unvollendeten, der zum Schluss doch in sich rund war. Nicht weniger oder mehr, als meine vier bis zum Ende gegangenen langen Caminos. 

Ausgerechnet in den beiden Tagen vor dem Rückflug suchte mich die gefürchtete Migräne heim, in einer bisher nicht gekannten, noch verschärften Form (was mich dazu bringt nun doch noch einmal einen Versuch der Behandlung durch einen Internisten zu starten!). Ich hatte im Fieber einen seltsamen Traum, von dem ich glaube, dass er mir eine wichtige Botschaft (meiner eigenen Gedankengänge) übermitteln wollte. Die ich (hoffentlich) richtig interpretiere.

Seltsam, dieser hölzerne Tresen - irgendwie ziemlich aus der Zeit gefallen.  Die Dame dahinter auch, mit ihrer Spitzenbluse und den hochgesteckten Haaren. Sie reicht mir eine in Tinte getauchte Schreibfeder. Eine Schiffspassage unterzeichne ich. Und wundere mich. Das wäre eigentlich so gar nichts meins! Überall gerahmte Bilder an den Wänden von mächtigen Ozeandampfern, erhaltenen Auszeichnungen, den angebotenen Strecken. Da beginne ich etwas zu ahnen...

Plötzlich finde ich mich in der "Electrico" von Porto wieder, die im Traum eine richtige Bahn mit Anhängern ist und offenbar gen Hafen rumpelt. Zahlreiche Menschen sitzen an kleinen Tisch, spielen Karten, rauchen Zigarren, trinken Champagner. Ich schaue an mir hinunter, da ich vermute, dass meine Kleidung nicht passt. Was tue ich überhaupt hier? Das ist doch alles so gar nicht meine Welt?! Warum habe ich eine Schiffsreise gebucht, wenn ich das doch gar nicht wollte? Noch dazu offenbar auf einem englischen Schiff einer längst vergangen Zeit?

Es scheint mich auch niemand zu bemerken, alle schauen förmlich durch mich hindurch. Ich bin Gast und scheinbar doch nicht anwesend. Irritiert suche ich den Blick irgendeines Menschen. Bis ich ihn finde. Eine blonde, schlanke Frau steht an den Ausgangstüren, hält sich an einer der Messingstangen fest. Seltsamerweise trägt sie einen grünen Wanderrucksack und hat eine -jacke locker um die Hüften geknotet. Ihre sportliche Bekleidung kommt mir merkwürdig vertraut vor.

Sie passt so gar nicht in diese Gesellschaft. Und ich brauche meine Zeit um zu erkennen, dass ich selbst diese Reisende bin, nur um einige Jahre jünger. Das macht mich neugierig und ich spreche sie an. Ob sie sympathisch ist? Wie wird sie auf mich wirken? Ich mag ihr Lächeln, ihre ruhige, freundliche Stimme und offene Art. Ja, sie gefällt mir und plötzlich frage ich mich auch gar nicht mehr, was ich an diesem Ort tue. 

Sie sagt mir, dass sie gleich aussteigen wird, da ihr Weg zu Ende sei. Und fragt mich, wohin ich unterwegs wäre. Ich erzähle von der gebuchten Passage. Ihr Gesicht wird plötzlich sehr ernst, dann löst es sich wieder: "Du weißt, dass das Schiff untergehen wird?" Ich nicke. Die Electrico hält an. Die Frau mit dem Rucksack steigt aus, dreht sich noch einmal um und winkt mir lächend zu. Dann verschwindet sie in der Menschenmenge. 

Die kleine Bahn ruckelt an und jetzt kann ich schon gut den Hafen erkennen. Am großen Kai liegt ein mir riesig erscheinendes Schiff mit vier Schornsteinen, die bereits rauchen. In wenigen Tagen wird es auf eine Seemine laufen und binnen einer Stunde untergehen. Vielleicht hätte ich auch aussteigen sollen?! Aber ich bin gar nicht auf diesen Gedanken gekommen. Ich gehörte einfach zu diesen anderen Menschen. Die offenbar nicht ahnen was sie erwartet. Auf dem mächtigen Schiffsrumpf kann ich nun deutlich den Namen erkennen. BRITANNIC.

Der Traum lässt viele Interpretationen zu. Die für mich wichtigsten scheinen zu sein: 
Dass wir manchmal in unser Unglück laufen (fahren), obwohl wir das ganz genau wissen müssten. 
Dass wir vielleicht eine Passage unterschreiben, die ein anderer Mensch für uns gebucht hat, möglicherweise vor sehr langer Zeit. 
Dass wir uns irgendwann von einem Teil unseres Selbst verabschieden müssen, da seine Zeit gekommen ist. 
Dass es wichtig ist sich zu mögen, so, wie man wirklich ist. Die (oft schwere) Hypothek zu überwinden, die uns das Schicksal mitgegeben hat. 
Dass...


Viele Menschen haben den Untergang überlebt. 
Vielleicht hätte ich dazugehört. Wenn ich nicht erwacht wäre. 





Viele Menschen haben ein Problem damit das Leben zu überleben.
Vielleicht würde ich dazugehören. Wenn ich nicht aufgewacht wäre.