Freitag, 18. März 2016

Einer, der in der Fremde ist...


also ein PEREGRINO werde ich bald sein. Gestern, am Abend, habe ich nachgezählt wie oft ich noch in meinem eigenen Bett schlafen werde. Danach in Porto. Und dann? Wohl auf einem Campingplatz. Im IRGENDWO von NIRGENDWO. Eine Herberge im eigentlichen Sinne werde ich/werden wir nicht am 1.Tag des Caminho Português zu erreichen vermögen. Das Buch vermerkt dazu: "Porto-Vila do Conde-Arcos. Reine Laufzeit ohne Pausen: 11 3/4 Stunden. 43,8 km." Das schafft kein normaler Mensch 50plus am allerersten Lauftag. Wo werde ich also ein Bett haben? Werde ich den Weg finden? Werden meine Kräfte ausreichen? Wie werde ich Zeit- und Klima-Umstellung verkraften? Kann ich mich verständigen? Ist da ein Minimalgefühl von Sicherheit? 
Eine, die in der (absoluten) Fremde ist. Und dazu Asperger Autistin...

Was ist anders als früher? Da war mir Letzteres nicht bekannt. Ich habe mich nicht als sonderlich anders empfunden als der Rest der Menschheit. Ein wenig vielleicht.  Aber geht das nicht jedem so ab und zu? Eben dies ist das Problem. So anders sind Asperger gar nicht. Darum fällt die Diagnose oft so spät. Warum habe ich jetzt "fällt" geschrieben (wie ein Urteil), statt "erfolgt"? Da habe ich nun wieder etwas worüber ich lange nachzudenken vermag...

Möchte ich anders sein, als ich es bin? Wer und wie wäre ich dann? Darauf gibt es keine Antwort. Da landen wir wieder beim FREMDSEIN. Bin ich das nicht nur in Portugal, sondern auch in mir selbst? Nein. Ich bin wie ich bin. Weil es war wie es war. Oder ist es gerade umgekehrt? Weil es war wie es war, bin ich wie ich bin? Hätte ich Eltern gehabt die ihr Kind geliebt und unterstützt hätten, wäre mein Leben dann ein anderes gewesen?

Es bringt nichts sich in solchen Gedankenverflechtungen zu verstricken! Denn HEUTE ist JETZT. Es war wie es war. Und ich bin wie ich bin. In der Gegenwart und durch die Vergangenheit. Man kann nur lernen daraus. Für die Zukunft, die ich (vielleicht?) noch habe. Wie könnte sie aussehen? Wohin führt mich mein Weg? Was braucht es dazu an Veränderung? Erkenne / leiste ich das? Oder verstecke ich ich mich hinter: "Es geht nicht, ich kann nicht, zu spät, zu aufwendig, zu teuer, sinnfrei, usw..."?

Einen Beitrag mit Nicholas Müller (Jupiter Jones) schaue ich mir am frühen Morgen an. Er berichtet von seinen Qualen, den Panikattacken, mitten im größten Erfolg. Dem frühen Tod der Mutter, den er weggeschoben, nicht wirklich verarbeitet hat. Wie er den Song "Still" schrieb, in der Erinnerung an sie. Wunden brechen auf. Bei mir. Ich drehe es um. Eine Mutter denkt intensiv an ihre Söhne. Den jüngsten, den sie nicht hat beschützen können. Den mittleren, der allen Schutz (eben wegen der Vergangenheit?) vielleicht darum im Übermaß (?) erhalten hat. Der vermutlich ebenfalls Asperger ist, aber es strikt leugnet. Manchmal ist man machtlos. Dann bleibt nur grausame Stille. Wo Worte nötig wären. Und Liebe sich Nähe wünscht. Sonst ist man überall in der Fremde...

Das Spiel der Sonne und Schatten auf Wasser und Erde,
Schrei und Bewegung eines Tieres. Wer auf Reisen geht,
ohne im Innern das zu suchen, der kommt leer zurück. 

(Aus "Vom Unterwegssein", Hermann Hesse)



Eine Liebesgeschichte... Kapitel 26

Mit meinen beiden Weggefährten wird gefrühstückt, Flucht unmöglich. Es ist zwar nur ein großer Milchkaffee mit 2 Minikuchen ( mehr nehmen Spanier um diese Zeit in Bars auch nicht zu sich ), aber ungewohnt für mich.
Jochen hat angekündigt, dass ein Tafelberg vor uns läge und der liegt mir schon mal im Magen (nein, nicht der Alkohol vom letzten Abend!). Mit Bergen hab' ich es gar nicht seit den Pyrenäen. Außerdem schätze ich meine Kondition recht realistisch ein. Natürlich bin ich inzwischen wesentlich trainierter als am Anfang. Aber trotzdem habe ich mein Alter, davon beißt keine Maus einen Faden ab. Wie wird es ausgehen? Sehad wird bergan sprinten, ich mich in der Mitte hinterher kämpfen und Jochen wird hinter mir schnaufen. Und ganz genau so kommt es auch!

In jeder Kurve muss ich stehenbleiben, tue so als wolle ich mir die Landschaft ansehen und schaue hinunter. In Wahrheit geht es nur darum Atem zu holen und neue Kräfte zu mobilisieren. Der Gipfel rückt langsam näher, aber fordert mir viel ab. Noch immer zerrt der Rucksack schwer an meinen Schultern, lässt die Nackenmuskeln verhärten und beschert mir einen gewissen Dauerkopfschmerz. Meine Füße? Die ehemaligen Wunden haben sich geschlossen, dafür habe ich etliche Blutblasen aufzuweisen. Und die beiden Kavernen unter den Fersen, die wie mit Messern stechen bei jedem Schritt, haben sich erheblich vergrößert. Mein Weg war nicht leicht fast vom ersten Schritt an. Eine Metapher, für mein Leben? So denke ich heute…
Trotz allem komme ich irgendwann oben an und das Lächeln kehrt sofort in mein Gesicht zurück. Stolz stehe ich da und schaue hinab auf die unten liegende Landschaft, die mir wie verzaubert erscheint. An die Nebel von Avalon denke ich, als ich die Ruine des ehemaligen Römer-Kastells auf einem spitzen Berg über „Castrojeriz“ ( daher hat es seinen Namen ) erkenne, umrahmt von einem dicken Wolkenkranz. Wie verzaubert ist die Welt an einem solchen Morgen… Ich wollte vielleicht sterben auf diesem Weg und jetzt lebe ich in vollen Zügen!



Sehad sieht die Tränen in meinen Augen. Er ist mir seelenverwandt und wir wissen, was im Anderen vorgeht, schon nach so kurzer Zeit. Unsere gerade erst begonnene Freundschaft wird wenige Stunden danach auf die Probe gestellt werden. Und er wird sich für mich entscheiden. Ich danke noch heute dem "Zufall", der ihn im richtigen Moment auf meinen Camino gespült hat.
911m hoch stehen wir, auf dem „Alto de Mostelares“, haben nun noch den sehr steilen (!) Abstieg vor uns und danach viel weiteres auf und ab. Die Gespräche drehen sich um Gott, Glauben und Katholizismus. Sehad ist Moslem und möchte möglichst viel über die Sicht der Christen erfahren. Im Ausgleich möchte ich wissen, was ihn von uns unterscheidet. Und finde eher Übereinstimmungen. Mir fällt auf, dass es Jochen in jedes Lokal zieht. Das ist meine Sache nicht. Er möchte rasten und in Ruhe ein Bierchen trinken, ich möchte unterwegs sein. Das passt nicht zusammen. Sehad hatte sich gestern in Hontanas zu einem alkoholischen Getränk in der Mittagszeit verführen lassen und es bitter bereut in den Stunden danach. Heute beuge ich vor und sage lapidar: "Kein Bier vor vier, wir gehen weiter!" 

 Heiß ist es geworden, der Schweiß perlt aus allen Poren. Unbarmherzig brennt die Sonne auf uns herab und schützende Bäume gibt es nicht. Mehr als willkommen ist ein "Hospital de peregrinos" das den Templern zugeschrieben wird. Wir betreten schweigend den kleinen Altarraum, lassen Rucksäcke und Wanderstöcke auf den uralten Steinboden fallen und bewundern die karge Ausstattung. An der Wand hängt dekorativ ein schwarzer Umhang mit dem Templerkreuz. Auf dem Felsenaltar stehen nur Ikonen. Alles ist äußerst schlicht, so wie ich es mag.
Sehad bleibt im Eingangsbereich, Jochen holt sich einen Stempel für seinen Pilgerpass und ich sinke auf den ausgetretenen Steinstufen vor dem Altar nieder. Irgendetwas drückt mich dort förmlich zu Boden, anders kann ich es nicht ausdrücken. Durch den Ausschnitt in der Wand darüber scheint die Sonne und ich erkenne, dass er die Form eines stilisierten Engels darstellt. Mir ist seltsamerweise als hätte ich schon hunderte Male hier so gekniet. Es ist einer der verzauberten, magischen Momente auf meinem Weg! 

Mein Gebet beinhaltet zuerst meinen Dank. Den Weg überstanden zu haben bis jetzt. Den Wunsch, die Kinder und Enkel im fernen Deutschland mögen behütet und beschützt sein. Und eine Bitte: Könnte es vielleicht möglich sein, einen ganz bestimmten Menschen wiederzusehen?! In meine Gedankengänge lärmt eine Gruppe von "Camino lights", die per Bus hierher geschafft worden sind. Nun wollen sie Fotos. Möglichst mit echten Pilgern darauf. Und vorn kniet eine, direkt in dem schmalen Lichtstreifen der durchs bunte Fenster fällt, was für ein Motiv!
Sie haben keinerlei Hemmungen sich zwischen mich und den Altar zu drängen und ihre Digikameras mit all' ihren nervenden Geräuschen in Betrieb zu nehmen. Angewidert erhebe ich mich, als auch schon ein Mönch auftaucht der sie empört aus dem Altarbereich vertreibt. Warum nur haben manche Menschen selbst den geringsten religiösen Anstand (oder überhaupt jeglichen?) verloren?

Mein Wunsch übrigens, der wird binnen kürzester Zeit erfüllt werden, aber gänzlich anders als ich es erhofft hatte. Doch davon weiß ich nichts. In mir kämpfen Empörung und Kraft. Als Jochen unterwegs erneut anhebt über den Paderborner Katholizismus zu dozieren zündet in mir ein Turbo. Zum ersten Mal auf dem Weg ziehe ich das Tempo an und jage alsbald nur so dahin. Die Landschaft huscht an mir vorbei. Ich höre nur das Zirpen der Zikaden und das Knirschen der Milliarden von Steinchen unter meinen Wanderstiefeln.
Ab jetzt werde ich "den Camino fliegen", wie man mir bald nachsagt. An einem Brunnen fülle ich meine Wasserflasche und setze dafür den Rucksack ab. Die Wanderbluse nervt mich. Scheuert an den Armen und ist sowieso verschwitzt! Nach einem schnellen Blick ringsum ziehe ich sie aus und reiße die Ärmel ab, stopfe sie als Taschentücher in meine Seitentasche. Liebe die Sonne auf meiner nun nackten Haut. Und renne dem nächsten Etappenziel entgegen, durch die völlig menschenleere und hitzeflirrende Berg- und Tallandschaft. Dann liegt es vor mir: „Boadillo del Camino“. Dort wollen wir nächtigen. Einen Pool soll diese wunderschöne Gartenherberge haben. Und in den will ich mich werfen, trotz meiner Angst vor Wasser. Auf diesem Weg will ich auch diese Furcht überwinden!

Am Ortseingang höre ich‘s schon plätschern. Nichts wie hin. Dort steht tatsächlich der Argentinier von den Pyrenäen, der mich dort angesprochen hatte! Er ist hocherfreut mich zu sehen und fragt, ob ich eine Dusche möchte. Wie, jetzt? Er dreht lachend ein großes, schmiedeeisernes Rad, woraufhin Wasser aus einem Rohr sprudelt. Ich lasse alle Lasten fallen, nehme Geldbörse, Kamera und Handy aus den Hosentaschen und springe jubelnd unter den kalten Wasserfall. Ach, ist das schaudernd schön! Ich quietsche wie ein Kind und fühle mich auch so. Die Tropfen auf meiner Haut, die Erfrischung meiner Seele – das sind wahre Geschenke.
Auf einem großen Stein lasse ich mich von den Sonnenstrahlen trocknen. Sie zaubern Bräune auf meine Blässe und Wärme in mein Herz. Ich sitze da und bin glücklich. Noch mehr, als Sehad am Horizont auftaucht. Er entdeckt mich auch, schwenkt seine Stöcke, schließt die Hände um den Mund und brüllt: „Gabrieeel!" Eine halbe Stunde später ist er da. Wo ist Jochen? „Ich mochte seine Geschichten irgendwann einfach nicht mehr hören..." Wir grinsen und verstehen uns wie Mutter und Sohn, boxen uns albern in die Seiten. 


Neunzehn Kilometer waren es also heute nur. Aber sie genügen uns. Zuerst der Berg, danach diese ausdörrende Hitze, an die 40°, es reicht. Wir sind kaputt und suchen nach der privaten Herberge, die zugleich auch Bar sein soll, wie günstig! Wir folgen den Schildern, an der städtischen Herberge vorbei, vor der echt gruselige Gestalten stehen. Nein, dann lieber 6 Euros bezahlen! Erleichtert treten wir durch ein schattiges Tor neben der Kirche mit den zahlreichen Storchennestern auf dem Turm. Tatsächlich tut sich ein wahrer Garten Eden auf, mit knallgrünem Rasen, einem Pool,  Blumenrabatten. Mit Begeisterung stellen wir das fest. Hier werden wir gleich lagern, uns entspannen! Als wir fröhlich schwatzend um eine Ecke biegen, sehe ich ihn: Guy. Er sitzt unter einem Sonnenschirm, hat sein linkes Bein hochgelagert auf dem Eisbeutel liegen und schreibt in sein Tagebuch.

Sage ich: "Herr, ich danke dir?" Ja, es ist wohl so. Ich gestehe es. Nur Stunden liegt mein Wunsch zurück, der jetzt seine Erfüllung findet. Irgendetwas hält mich jedoch davon zurück, zu ihm hinzustürzen. Wir belegen einen kleinen Tisch und Sehad eilt in das flache Gebäude um die Sanitärräume aufzusuchen. Ein hübscher Spanier mit Rastas fragt nach unseren Wünschen. Cafe con leche, was sonst? Unablässig schaue ich Guy an. Fühlt er denn meinen Blick nicht? Da sieht er hoch und erkennt mich. Ein irgendwie seltsames Lächeln zeichnet sich auf seinem Gesicht ab.
Ich gehe hin, hocke mich neben ihn. "Was ist mit dir geschehen?" Er sei verletzt, erklärt er. Sei wohl zu weite Strecken gelaufen. Nun wäre es bereits der zweite Ruhetag in dieser Herberge, der gerufene Arzt habe ihm dazu dringend geraten. Irgendetwas ist in diesen grauen Augen, das mich zur Vorsicht mahnt! Von seinem 40. Hochzeitstag erzählt er, der am Vorabend mit Kuchen samt Kerze (wie auf Kreuzfahrtschiffen üblich) gefeiert wurde. Der neueste Enkel sei auch geboren worden. Er zeigt mir auf dem Kameradisplay Fotos und strahlt zur gleichen Zeit eine ungeheure Distanz aus. 

Mein Herz zieht sich zusammen. Ich passe wohl kaum zu dieser Situation. "Möchtest du, dass ich gehe?" frage ich und er nickt. Der Junge hat gerade die Kaffeebecher gebracht, Sehad kommt zurück. Ich lege ihm hilfesuchend eine Hand auf den Arm. "Wirst du mit mir gehen? Ich ziehe doch weiter", sage ich. Und er fragt nichts. Er versteht ohne weitere Worte, legt bejahend seine schmale Hand auf meine. Gott hat wieder einmal zur rechten Zeit für mich gesorgt! Wir bezahlen, schultern erneut unsere Last und machen uns auf in die Hitze. Guy würdige ich keines müden Blickes mehr. Er hat mich tief verletzt.
Der Weg ist staubig. Und öde. Ich rede unablässig. Erzähle dem hübschen, jungen Mann an meiner Seite von meiner Vergangenheit. Warum ich überhaupt auf den Weg kam. Wie ich zusammenbrach in Viana und Guy in mein Leben trat. Von meinen Ängsten, dem Schnee, den lausigen Herbergen und meinen Verletzungen. Von meinem toten Kind und den beiden die leben und mir alles bedeuten. Er hört mir mit der ihm eigenen Sensibilität zu. Ohne überflüssige Kommentare. Und läuft mit mir lange und bittere weitere fünf Kilometer bis Fromista.  

Wir checken ein, erhalten die zwei letzten freien Betten. Oben. Wir sind spät angekommen! Mehr kann man also nicht verlangen. Die restlichen Zimmerbewohner sind Russen. Und sie erfüllen jegliche Vorurteile, die man ganz tief im Hinterkopf haben mag, feiern Party mit viiiel Wodka, grölen wie Tiere und haben im Zimmer Gomorrha zu neuem Leben erweckt. Wir waschen still unsere Wäsche in den Steinbecken im Hof. Sitzen fast wortlos beim Pilgeressen. Ich weiß nicht, dass bald Lenas Wäsche auf der Leine im Wind flattern wird, direkt neben meinen Sachen. Und auch nicht, dass sie die Nacht im Flur verbringt, da kein Bett mehr frei ist. Wir sehen uns nicht.
Ich werde entsetzt sein über die Trostlosigkeit dieser Stadt. Einen Euro investieren in einer Bar, um zu bloggen. "Leute, kommt nie nach Fromista!" werde ich schreiben. Und zugeben, dass ich an diesem Abend das Essen nicht werde herunterbringen können. "Danke, mein sensibler, leiser und aufmerksamer Wegbegleiter", so blogge ich noch. Eine seltsame Traurigkeit hat mich erfasst, doch ich bin noch nicht so weit sie auch interpretieren zu können. Ein Kommentar meines Sohnes tröstet mich:

Liebste Mama,
nachdem ich zuerst in den Tagen nach Deiner Abfahrt keine Einträge feststellen konnte und ja auch durch die SMS auf dem Laufenden gehalten wurde, habe ich Dein Blog fast so etwas wie aus den Augen verloren.
Sehr ergriffen habe ich nun Versäumtes nachgeholt und alle Zeilen aus der Mitte Deines Herzens gelesen. Und bin so froh, dass sich vieles, was ich für Dich erhofft hatte, nun bewahrheitet...
Dass der Weg, sprich das GEHEN nicht leicht sein würde und Du immer wieder an die Grenzen Deiner körperlichen Kräfte gelangen würdest, war wohl von Anfang an klar!
Aber ebenso klar war es mir, dass DU GANZ SICHER die Letzte sein würde, die aufgibt und sich wie 'ein geprügelter Hund' davon schleicht!! Dafür hat ER Dir viel zu viel Kraft und Zuversicht mit auf den (Lebens-) Weg gegeben!
Dass das Wetter in diesen Wochen derart verrücktspielen würde, hatte sich wohl keiner vorstellen können. Aber all' das, als solches, ist nur eine Randerscheinung. Zu mächtig dürften die seelischen Kräfte sein, die sich in Deinem Herzen Bahn brechen, als dass sie DICH ernsthaft betrüben, oder gar zur Umkehr bewegen könnten!
Meine Gedanken begleiten Dich überall und zu jeder Zeit. Meinem Schutzengel habe ich einen Aufenthalt in Spanien verordnet. Mein Herz ist bei Dir! Achte auf Dich und bleibe stark! Am Ende des Regenbogens wartet Gold auf Dich, um es mit alchemistischen Worten zu sagen.
Ultreia ( immer voran ), ich liebe Dich,
Dein Sohnemann


Es folgt: Eine gruselige Nacht. Schnarchende Russen. Flaschenberge.
Was erwartet mich noch? 424 km liegen vor mir bis Santiago.
Dabei hat das Abenteuer gerade erst richtig begonnen...


Eine Liebesgeschichte... Kapitel 27

Das ist der letzte Ort, an dem ich erwachen möchte... Doch unaufhaltsam wird es Morgen in Fromista. Der Anblick, der sich mir vom Bett oben auf das Szenario unten bietet, ist unbeschreiblich. Nahezu jeder Quadratzentimeter des winzigen Zimmers ist mit leeren Flaschen bedeckt. Dazwischen liegt verschwitzte Männerkleidung. Es ist massenhaft geraucht worden, obwohl das strikt verboten ist. Vier russisch sprechende und wie Wölfe behaarte männliche Wesen schnarchen lauthals in Unterhemden. Ich muss mich zusammenreißen mich nicht sofort zu übergeben. Der Gestank von kaltem Rauch, Schweiß und Alkohol ist schier unerträglich.

Sehad sitzt oben im Bett schräg von mir. Eingewickelt in seinen Schlafsack, als wolle er sich damit schützen vor einer Situation wie er sie noch nie erlebt hat in seinem bisherigen Leben. Er, der von den Eltern hofierte und verwöhnte Sohn eines ägyptischen Prinzen, findet sich auf brutale Weise in der realen Welt wieder, die er kaum kennt. Und ich hatte mich in den Schlaf geweint vor Enttäuschung. War weggeschickt worden wie man einen Hund verjagt, der bettelt. Dass es eher andersherum war, ich gegangen bin mit hocherhobenem Haupt, erinnerte ich nicht mehr. Starke Gefühle destabilisieren mich immer.

Wir machen uns Zeichen. Springen mit unseren Habseligkeiten von den Betten, packen in Windeseile und fliehen. Erst nach mehreren Kilometern sagt Sehad: "Manche Menschen sind viel schlimmer als Tiere!" Und darin liegt alle Verachtung, die er überhaupt ausdrücken kann. Ich bin dankbar ihn an meiner Seite zu haben. Wir reden, ohne Unterlass. Über Liebe. Und Enttäuschungen. Erwartungen der Eltern. Es ist leicht, ihm gegenüber offen zu sein. Er ist jung im Vergleich zu mir, spielt in einer ganz anderen Liga. Zwischen uns herrscht Harmonie. Respekt ist da. Akzeptanz. Ich bin dankbar, dass das Schicksal ihn mir geschickt hat.

Irgendwo trinken wir einen Milchkaffee. Und hören nicht auf zu philosophieren. Was ist das Leben?  Wie ist die Liebe? Gibt es sie überhaupt? Erkennen wir sie, wenn sie uns begegnet? Die Kilometer eilen an uns vorbei in der Hitzeglut. Bei jeder Pause cremt Sehad seine überaus gepflegten Füße ein. Immer wieder fragt er: "Aber ist dort nicht eine kleine gerötete Stelle?" Ich muss schmunzeln über dieses verwöhnte Kind, das in Berlin nur weiße Anzüge trägt und wohl noch niemals Wind von vorn bekommen hat. In Fromista wurde die Apotheke gestürmt und nach der zehnten Salbe gefragt. An einen kleinen Hypochonder bin ich geraten, so muss ich lächelnd feststellen.

Und entdecke in der „Farmacia“ etwas, das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht: eine Waage. Das futuristisch aussehende Teil misst Länge und Gewicht und spuckt mir aus dem Schlitz einen dünnen Zettel aus: 68,9 kg Gewicht, bei 172 cm Körperlänge. Ich bin mächtig „erleichtert“, im allerwahrsten Sinne des Wortes...
Es wird eine Hitzeschlacht, wieder nahe 40°, wie mein kleines Thermometer anzeigt. Sehad und ich reden. Verschlafener Ort reiht sich an kleinen Ort. Und in irgendeinem Kuhdorf (sorry Schafdorf) sitzt "meine Caminotochter" Lena dann auf dem Rand eines steinernen Brunnens. Wie freuen wir uns sehr über das unverhoffte Wiedersehen! Erzählen von den Geschehnissen in der Zwischenzeit, seit wir uns im nasskalten Kloster San Juan de Ortega aus den Augen verloren haben. 

Irgendwann reitet es mich: ich muss wieder dahinfliegen. Es muss einfach sein! Kaum setze ich noch mit den Stiefeln auf, fast hört man kein Geräusch. Da ist nur diese unendliche Weite, mit dem strahlendblauen Himmel. Und ich jage ihm entgegen. An den Abhängen, wo andere zweifelnd stehenbleiben, stürze ich mich buchstäblich hinunter, verändern die kindskopfgroßen Steine unter mir kaum ihre Lage. Zu schnell eile ich über sie hinweg. In „Carrion de los Condes“ erwarte ich die Gefährten ein wenig lästernd, mit einem: "Na, kommt ihr auch endlich an?!" 



 In der Herberge bekommen wir sage und schreibe drei Betten nebeneinander, fallen in Tiefschlaf. Danach steht ein "Eingriff" an. Schon auf den Pyrenäen hatten sich Blutergüsse unter den Nägeln der Großzehen gebildet. Die im Laufe der Zeit zerbrochen sind zu spitzen Scherben. Und mit schöner Regelmäßigkeit in das beschädigte Nagelbett darunter stechen, was zu Blutungen und erheblichen Schmerzen führt. Jetzt soll Schluss damit sein, die Resektion ist beschlossen! Ich warne Lena die direkt neben mir liegt vor und sie verschanzt sich stöhnend unter ihrem Kopfkissen. 

Bald haben sich auch die anderen "Mitbewohner" mit Ausrufen des Entsetzens verbuddelt. "Wie hältst du das bloß aus?" Es muss eben sein. Nach der Prozedur desinfiziere ich, lege blütenweiße Verbände an. Exakt diese Gesichtsfarbe weist auch Sehad auf. Als Lena und ich in Sandalen zum Einkauf aufbrechen, bleibt er flach liegen... Entlang des grünen Flusses geht es mit unserer Beute zurück. Ein schöner Park ist dort angelegt, mit einem weitläufigen Spielplatz. Und Menschen aller Generationen sitzen schwatzend auf Bänken. Ich denke an das ferne Deutschland und die Einsamkeit der viele alte Menschen dort anheimfallen. Das scheint es hier in dieser Form nicht zu geben. Liegt es an der Sonne, der Wärme?
Wir belegen einen der derben Holztische der Küche im Untergeschoß mit unserem bescheidenen Einkauf und essen. Jubelnd betritt Peter, der Hüne von der Nachbarmatratze aus Castrojeriz, den weißgekachelten Raum. "Na Mädel, schön dich wiederzutreffen!" Er schließt mich wie ein Bär in die Arme, schneidet seine spanische Dauerwurst auf und füttert mich mit einer schmalen Scheibe nach der anderen. Seit vierzig Jahren ist er mit einer Spanierin verheiratet und mit seinem deutschen (nur halb so großen) Wandergefährten Hansi sozusagen im eigenen Land unterwegs.

Es wird ein fröhlicher Abend, der seinen Höhepunkt darin findet, dass Peter seine Mundharmonika aus der Hosentasche zieht und mir ein Ständchen bringt. Das allerdings seinen abrupten Abbruch findet, als eine der Klosterschwestern mit ernstem Gesichtsausdruck und mahnendem Finger über den Lippen die Tür aufreißt. Schade! Peter verspricht versäumtes würden wir nachholen. So wird es auch sein zwölf Tage später und es wird einer der berührendsten Abende des ganzen Weges werden. Da sämtliche Einwohner eines winziges Dorfes zusammenlaufen, die Hospitalera mit Geld bestochen wird, um die Einlasszeit zu verlängern und wir musizierend unter den funkelnden Sternen der Milchstraße sitzen, die dem "Sternenweg" seinen Namen gegeben hat. Doch noch ist es nicht soweit.

Im Bett signalisiert mir Sehad: Guy war da, suchte nach "der Hamburgerin".
Alles wird gut, so hoffe ich. Doch für mich vorgesehen ist ganz anderes…
 

Eine Liebesgeschichte... Kapitel 28

Heiß, heißer, Meseta.
Wie überleben Pilger diese Ödnis im Sommer? Uns kocht das Blut in den Adern. Lena mit ihren gequälten Füßen voller Blasen bleibt weit zurück. Sehad und ich sprinten wie die Gazellen über die Pampa. Leider besteht sie in diesem Fall aus Kieswegen und Straße. Nach dem typischen Wanderer - Anfangsfehler der mich fast verdursten ließ, trage ich nun immer zwei gefüllte Plastikflaschen mit Brunnenwasser bei mir. Der Wanderführer zeigt auf den Karten, wo die nächste "Quelle" zur Verfügung steht. Oder eben nicht. Wo es nur möglich ist, überschüttete ich mich komplett mit dem kühlen Nass. Wenn mir etwas egal ist dann mein Aussehen. Hauptsache kein Kollaps!

Wir möchten rasten, irgendwo im Schatten liegen. Aber das ist schier unmöglich. Zwölf Kilometer am Stück nur Gräben rechts und links, zugewachsen, moderig, unübersichtlich. Nein danke! Am Ende Schlangen?! Der Asphalt ist so heiß, dass man Abdrücke mit dem Schuh darin machen kann, wie wir belustigt feststellen. Kein Vogel fliegt, keine Grille zirpt. Alles erscheint wie ausgestorben.

Wieder einmal bewundere ich Sehads teure Ausrüstung. Alles farblich abgestimmt und von bester Qualität. Seine Verlobte hat wochenlang heimlich dafür gearbeitet und ihm diesen Luxus völlig überraschend geschenkt. Stolz hat er mir den dazugehörigen Brief gezeigt. Von ihrer großen Liebe zu ihm schreibt sie. Wie sehr sie es sich wünscht, dass er glücklich sein möge. Mit welcher Sehnsucht sie ihn erwarteten wird bis er zurückkehrt. Um das gemeinsame Leben zu beginnen und sich nie mehr zu verlieren… 

Zärtlich spricht er von "seiner Schnecke". Und fragt mich zugleich, ob Gott wohl etwas dagegen hätte, wenn Pilger unterwegs Affären anzettelten. Ernst schaue ich ihn an. Frage wonach er noch sucht, wenn er eine solche Frau hat, die ihm ihre ganze Liebe mit auf den Weg gegeben hat. Aber ich ahne, um was es geht. Er ist sich nicht sicher, mit dieser erneuten Ehe. Und er zweifelt an sich selbst, nicht an seiner zukünftigen Frau. Doch dieser Weg wäre nicht was er eben ist, wenn er nicht jedem seine ganz spezielle Lektion erteilen würde. Und diese wird uns bald trennen, Sehad Schmerz bringen und mich in den Himmel steigen lassen wie einen gasgefüllten Luftballon. Das Geheimnis des Caminos nimmt seinen großen Anlauf...

Der Wanderführer beschreibt eine Herberge mit Swimmingpool. Vor meinem geistigen Auge entsteht das dazu gehörige Bild. Strahlend blau wird er sein. Und viiiel kühles Wasser enthalten, das die Sonne leicht erwärmt hat. Haaach! Doch vorerst erkennen wir am Horizont nur flirrende Hitze. Trocknet uns der Mund aus. Fließt der Schweiß in Strömen. Noch ein Hügel und wieder einer. Soweit wir nur blicken können. Immer wieder stöhnende, jammernde, hinkende Pilger. Ab und zu verklebe ich eine Hacke, oder verbinde einen Fuß. Teures Material habe ich dazu aus der Heimat mitgebracht. Und weiß jetzt, dass ich es für mich nicht aufbrauchen werde. Hoffentlich. So will ich großzügig sein damit. 

Erneut ein steiler Hügel. Von der Ferne hatten wir eine Art Turm zu erkennen geglaubt, der sich aber nur als Stromhäuschen erwies. Welche Enttäuschung! Es müssen doch mittlerweile zwanzig Kilometer sein! Als ich auf dem Kamm ankomme schreie ich wie ein Groupie vor der Konzertbühne des angehimmelten Stars. Jaa!! Im Tal liegt die ersehnte Herberge, der Pool funkelt wie ein verheißungsvoller Diamant in der Mittagssonne. Ich schwenke wie wild meine Stöcke in Richtung Sehad, der sich ein Stück hinter mir daher schleppt und überschlage mich fast den Abhang hinunter. Ich bin am Ziel. Nichts sonst zählt! Keine Qualen mehr. Die Schmerzen werden aufhören. Ich kann die verdammten Stiefel ausziehen. Die Krämpfe in Schenkeln und Waden werden nachlassen. Ich bin für heute angekommen! Glück pur. Seufzend lasse ich mich im Herbergseingang fallen.

Sehad wirft seinen Rucksack neben meinen, fragt: "Cervesa?" und eilt los, um zwei Krüge kalten Bieres aufzutreiben. Kaum ist er entschwunden wankt ein junges Paar den Hang hinunter. Das Mädchen wird gestützt und jammert bei jedem Schritt. Als sie mich sehen kommen sie direkt auf mich zu. "Achte bitte auf sie", sagt der junge Mann, nachdem er mich merkwürdig angesehen hat,  „bitte achte auf sie, sie ist verletzt. Aber ich habe meinen Rückflug fest gebucht. Ich kann nicht bei ihr bleiben!" Ohne, dass darüber etwas gesagt wird, empfinde ich ganz tief in mir etwas. Das habe ich oft, wenn ich Menschen gegenüberstehe. „Was wirklich zusammengehört, das verliert sich nicht", sage ich. Dann ist er fort. Aber meine Vorhersage wird sich erfüllen. Als Sehad zurückkehrt, lächelt er. Und geht los, um noch ein Bier zu holen. Wir sitzen eine halbe Stunde schwatzend im Schatten, weil die Herberge noch geschlossen ist.


 
Als sich die Tür nach innen öffnet falle ich hintenüber, denn ich hatte mich entspannt angelehnt. Das „mit der Tür ins Haus fallen", gewinnt also eine ganz neue Bedeutung für mich... Ein junger Brasilianer hilft mir lachend auf. Er hat Musik seiner Heimat aufgelegt und in Gedanken tanze ich ein paar Schritte. Da ich die Erste bin, kann ich mir das beste Bett aussuchen. Einfach nur cool!!
Und wahrhaft cool ist es auch im Wasser. Da ich vorher so groß herum getönt hatte muss ich nun auch hinein. Bis zur Brust jedenfalls. Da stehen so einige Pilger ums Becken herum. "Ist es sehr kalt?" möchte einer wissen. Ich möchte ihm mit "ja!" antworten. Was nicht geht, da mir die Kälte buchstäblich das Blut in den Adern gefrieren lässt. So kann ich nur tapfer nicken. Es ist Sonntag, der 6.Mai und ein wahrhaftiger Sonnentag. Ich liege stundenlang im Bikini in den wärmenden Strahlen, versuche an nichts zu denken. Und an niemanden…

Da trifft Lena ein. Sie hat es also auch geschafft! Von Guy erzählt sie mir, der sie unterwegs überholt hat, in Begleitung eines deutschen Ehepaares. Ich zucke mit den Achseln: hier ist er nicht! Da unser Geld nicht für ein Pilgermenü reicht, plündern wir unsere Vorräte. Sehad und Ulli, das Mädchen mit den Schienbeinschmerzen, gehen gemeinsam essen. Über ihnen in einem der Hotelzimmer schläft ein erschöpfter Kanadier. Doch davon wissen sie nichts und es hätte sie wohl auch kaum interessiert, so sehr sind sie ins Gespräch vertieft. Sehad glaubt gefunden zu haben, wonach er gesucht hat…

Lena und ich entdecken in der kleinen Verkaufsvitrine Templerkreuze an Kordelbändchen für drei Euros und beschließen, sie uns zu gönnen. Nun haben wir etwas, das uns verbindet und immer an den Camino erinnern wird. Es werden mit der Zeit noch mehrere Kettchen dazukommen. Und verschiedene Armbänder. Eines wird ein Geheimnis bergen. Ein ewiges Rätsel bleiben, auf diesem geheimnisvollen Weg. Wie schreibe ich am Abend in mein Tagebuch:

Morgen früh wartet er wieder auf mich.
Mein wunderbarer, verzauberter und einmaliger Camino...


Eine Liebesgeschichte... Kapitel 29

Lena, ich, Sehad und Ulli brechen am Morgen zu viert auf, allerdings bleibt die Wandergemeinschaft nicht lange als solche erhalten, denn die beiden Letztgenannten ziehen zügig das Tempo an und sind alsbald unseren Blicken entschwunden. Aha. Das lässt tief blicken. Ob das gutgeht? Ich mache mir so meine Gedanken, aber bin für andere erwachsene Menschen nicht verantwortlich. Eher empfinde ich da gewisse Gefühle für meine junge Hamburgerin, die große Probleme mit ihren Füßen hat und nur langsam vorankommt. Wir stellen in unserem Wanderführer fest, dass sich erst in Leon ein Krankenhaus befindet und bis dort muss es irgendwie "gehen". 

So erreichen wir Sahagun, ohne auf die beiden Anderen zu treffen. Als Herberge wählen wir die stylische, jahrhunderte alte Kirche, die man um sie zu retten mit einem Zwischenboden versehen und noch einmal quergeteilt hat. In der einen Hälfte nächtigen oben die Pilger in Kojen, die mir wie Schließfächer erscheinen, hinter einem Riesenvorhang wiederum hat die Stadt unten ein Veranstaltungszentrum samt Bühne eingerichtet.
Lena schläft erschöpft, ich dusche mit mal wieder nur gerade lauwarmem Wasser, stecke meine kleine Kamera ein und verschwinde in die Stadt. Das erfasst mich jetzt immer wenn ich irgendwo einlaufe. Ich will nur den Rucksack loswerden, dann muss ich hinaus. Über die Plätze bummeln, die Luft einsaugen und alle Eindrücke aufnehmen! Wir kochen am Abend für die halbe Kompanie, der Franzose Jean-Pierre teilt dafür seinen Wein mit uns. Die Nacht ist kurz - weiter geht es! 

Es ist wieder so unfassbar heiß, das glaubt kein Mensch. Die Bauformen der Häuser haben gewechselt. Es umgeben uns jetzt Häuser aus gebrannten Lehmziegeln „adobe“, wie ich es aus Mexiko kenne. Allerdings sind sie dort farbig. Und hier ist es offen gesagt, nur heiß, steinig und staubtrocken, wie in den verlassenen Westernstädten Amerikas. Selbst die zum Teil riesigen Dorfhunde liegen wie erschossen mitten auf den Dorfstraßen. Ich trage jetzt Shorts und die Sonne darf nun auch die Haut unter dem Tattoo bräunen. Immer wieder wird es fotografiert. Der Spruch vom "Engel, der den Camino fliegt", macht mehr und mehr die Runde…

In „El Burgo Ranero“ treffen wir auf Sehad und Ulli, ergattern die letzten Betten, in der ortstypisch angepassten Lehmherberge. Lenas Füße packe ich in das berühmt-berüchtigte Essig-Salz–kochendes- Wasser-Bad und mache mich auf zur Ortbesichtigung. Doch da gibt es nichts. Im Einmarsch haben wir fast schon alles gesehen, das Dorf ist praktisch zu Ende. Ringsum nur Schafe und Pampa. Na prima. Das einzig Interessante könnte die uralte Kirche sein. Die leider abgeschlossen ist. Vor ihr steht ein Pilger und berichtet, er sei bereits einmal ganz drumherum gegangen, aber es gäbe keinen Nebeneingang. Er spricht endlich einmal deutsch, ist einfach nur nett und ich werde Wochen später seinen Platz im Flugzeug nach Hamburg erhalten, da er es nicht mehr erreichen kann. Horst, wo immer du bist, ich danke dir heute noch dafür! Und für alles Andere sowieso... 

Eben, als wir enttäuscht abziehen wollen, kommt ein Männchen angerannt. Der Schlüssel den er in der Hand hält, ist fast größer als es selbst. Gegen „donativo“, also Spende, würde er uns das Gebäude aufschließen. Wir nicken. Die nach außen hin unscheinbare Kirche ist eine wahre Fundgrube. Wenn man denn auf Heiligenskulpturen steht. Und Kitsch. Meine Tochter würde ausflippen! Ich lichte ein wenig von dem überladenen Kram ab, um ihn ihr später wenigstens visuell vorführen zu können.

Der einheimische Methusalem verfällt in nicht enden wollende Beschreibungen jeder einzelnen Figurengruppe und landet dabei mit mir unauffällig in der hintersten Ecke, wo noch etwas ganz Besonderes stehen soll. Kaum dort angekommen betatscht er mich plötzlich im Brustbereich und versucht mich zu küssen. Da ich recht groß bin erreicht er, obwohl er auf seinen Zehenspitzen hüpft, gerade so mein Kinn, bzw. die Unterlippe. Er hat braune Zähne, einen geifernden Blick und riecht fürchterlich aus dem Mund. Da ich mit einer solchen Entwicklung schlicht nicht gerechnet habe, stehe ich förmlich da wie angewurzelt. Ich möchte den widerlichen Kerl ohrfeigen und wegschubsen, aber sehe gleichzeitig sein hohes Alter von sicher über achtzig Jahren. Was im Grundsatz nichts ändert an der Situation. Aber ich bin Fachkrankenschwester für Psychiatrie. Und weiß um Demenzen, Senilität. Was mich nun unangemessen lähmt…

Als Horst der Pilger aus Paderborn auftaucht, bin ich befreit, aber unter Schock. Keinen Schritt weiche ich mehr von seiner Seite. Und er freut sich darüber. Da er in der gleichen Herberge untergebracht ist schlendern wir gemeinsam hinüber. Setzen uns im Garten nieder, auf eine kipplige, altersschwache Bank, unter einem wenigstens etwas Schatten spendenden Baum. Es wird eines meiner wertvollsten Gespräche auf meinem ersten Jakobsweg. Denn Horst ist auch in der Hospizbewegung aktiv und wir tauschen uns darüber aus.



Mir fällt auf, dass er sehr unsicher ist. Da viele Pilger mich kennen und im Vorbeigehen kurz mit mir reden, oder aus der Entfernung winken, sagt er dauernd: "Du musst hier nicht mit mir sitzen! Du kannst ruhig weggehen! Was habe ich schon zu erzählen..." Gerade das berührt mich. Und ich antworte ihm, dass ich keineswegs gehen möchte und mir das Gespräch mit ihm sehr wichtig ist. Das muss ich noch mehrere Male wiederholen. Dann entspannt er sich. Von nun an wird er immer wie-der meinen Weg kreuzen. Und ich freue mich darüber. 

Die Nacht wird wieder gruselig. Die obere Etage des Lehmhauses ist reine Schlafebene. Zwischenwände gibt es, aber um die Räume nicht zu niedrig erscheinen zu lassen, hat man darauf verzichtet, Zimmerdecken einzuziehen. Also schaut man direkt unter das aus Pfählen entstandene Dach, in dem viel Stroh zur notdürftigen Isolation steckt. Der pure Horror für mich. Fast fünfzig lange Jahre meines Lebens habe ich an Asthma und Heuschnupfen gelitten. Und die Erinnerung daran ist noch absolut lebendig.

Äußerst aktiv sind auch die beiden Frauen, die sich in der unerträglich stickigen Nacht unter diesem Strohdach buchstäblich in die Haare bekommen. Die eine hat das Fenster geöffnet um nicht zu ersticken. Die andere hat Angst zu erfrieren. An sich eine typische Caminosituation, bloß stehen sich hier zwei wie Kampfhennen gegenüber. Lena und ich fahren in den gegenüberliegenden oberen Abteilen der Doppelstockbetten entsetzt hoch. Zu einer Prügelei fehlen nur noch Millimeter...
"Wag' es ja nicht", droht die Pseudo-Heilpraktikerin. Und Ulla, meine ehemalige Hospitalera aus Pamplona, fragt lauernd zurück: "Was sonst?" Die beiden starren sich feindselig an. Der Tag hat mir auch so schon gereicht. So etwas brauche ich nun überhaupt gar nicht! Habe noch keine Sekunde geschlafen und werde es auch nicht mehr groß können. Die eine Walküre stößt die Fensterläden auf, die andere donnert die Fenster zu. Woraufhin erstere die Zimmertür weit aufreißt.

Das Ergebnis: Pure Wut steht als Energie im Raum. Von draußen stahlt der Schein der einzigen Straßenlaterne weit und breit direkt auf mein Kopfkissen. Um sich dort mit dem Strahl der grellen Flurlampe zu vereinigen, die nun auch unerbittlich herein leuchtet. Gerädert erheben wir uns früh. "Wag' es ja nicht!!" wird zu unserem geflügelten Wort für den Rest des Weges werden...

Am Nachmittag erreichen wir das Benediktinerkloster von Leon.
Ich treffe auf Guy. Doch der ist nicht (mehr) allein. 
Und mir wird eine längst fällige Lektion erteilt!