Donnerstag, 17. März 2016

Die Seelenreise nach Santiago


... wirft ihre Schatten voraus. Nun ist der Abflugtermin an beiden Händen abzuzählen. Die Liste der zu erledigenden Dinge scheint sich stündlich zu verlängern. Lange habe ich mit ihrer "Abarbeitung" gewartet. Ganz im Gegensatz zu den vier früheren Jakobswegen. Da war alles Wochen vorher genauestens geplant und vorbereitet. Meine Einstellung dazu hat sich verändert. Wegen des schweren Unfalls 2013? Weil ich nun in einer Beziehung lebe? Wegen all' der belastenden Vorkommnisse des vergangenen Jahres? 

Glaubte ich auf den früheren Caminos ich sei "weit weg von allem", in der ganz eigenen "Welt der Pilger"? So intensiv ich auch darüber nachdenke, ich komme nicht zu einer Lösung. Vielleicht ist mir eines inzwischen viel deutlicher, als es mir auf meinem im Tagebuch beschriebenen Jakobsweg vor neun Jahren war: "Man nimmt immer sich selbst mit, ganz gleich wohin man auch geht!" Das ist schlicht der Schlüssel zu allem. 

Wir werden unterwegs jenen Menschen begegnen, die wir anziehen. Oder die anziehend auf uns wirken. Wie im realen Leben auch. Die Frage ist, was wir daraus machen. Ob sie uns etwas lehren (oder wir sie?). Hören wir ihnen anders zu als daheim? Erkennen wir welche Knöpfe sie bei uns drücken (was vielleicht schon seit frühester Kindheit auf die gleiche Weise immer wieder neu funktioniert)? Vermögen wir diesen Kreislauf zu unterbrechen? Quasi zurückzutreten und uns objektiver als sonst einzuschätzen?

Dazu muss man nicht nach Spanien (oder Portugal) fliegen. Überall kann ich mich mir selbst stellen. Aber ohne Reflektion wird sich nichts verändern. Und dazu braucht es ein GEGENÜBER. Als ich 2007 binnen weniger Monate ein zweites Mal auf den Camino ging, da fragte mich mein Sohn was das Besondere dieses Weges sei, da er so viele Pilger anzöge. Ich dachte nur kurz nach und antwortete, es seien nicht die Kulturschätze, die Besonderheiten der Etappen oder ähnliches. Der Weg würde von den Menschen zum Leben erweckt die auf ihm gingen. Sie machten ihn aus. Ohne sie gäbe es ihn nicht. Von ihnen lernt man, an ihnen wächst man. Man begreift im besten Fall wer man ist. Und wer man sein könnte. Wenn man versteht...

Mein Weg 2013 hingegen war qualvoll. Ich konzentrierte mich darauf die Etappen zu überstehen. Nichts sonst war wichtig, als an jedem Tag anzukommen. Jedenfalls in den beiden ersten Abschnitten, Camino Mozarabe und Via de la Plata. Als ich auf den Hauptweg traf, den Camino Francés, befand ich mich in einer gewissen Sicherheit. Nun waren plötzlich Menschen um mich. Trotzdem blieben die Verletzungen und Schmerzen zwangsläufig im Vordergrund. Es zählte nur Santiago zu erreichen, um mein Gelöbnis zu erfüllen. 

Erst im Rückblick war ich in der Lage zu erkennen, was wirklich wichtig war in diesen Wochen. Welche Botschaften ich "zufällig" bekommen hatte. Und nahm mir vor sie baldmöglichst umzusetzen. Dazu nahm ich einen großen Anlauf, trennte mich vom größten Teil meiner Bücher. Und meiner Kleidung. Verschenkte vieles, verkaufte manches. Sah mir unzählige Häuser an. Kleine, billige, sanierungsbedürftige. Um den ganz großen Strich unter das "alte Leben" zu machen. Hin zur größtmöglichen Freiheit.

Der Wille war da. Doch das Schicksal hat es anders gewollt. Wie so oft. Manchmal wird uns das Heft aus der Hand genommen. Wir drehen und wenden uns, aber finden die rettende Tür - den Ausgang - nicht. So fühle ich mich im Moment. In der kleinen Werkstatt halte ich mich seit Wochen kaum noch auf. Sie fehlt mir. Aber seit zwei Menschen darin arbeiten (wollen) ist kaum noch Platz da. Und die Übersicht ist verloren gegangen. Tödlich für einen Asperger. Dann zieht er sich zurück. Weil er hilflos wird. Eine Situation nicht aus sich heraus verändern kann. 




Vielleicht kommt die Lust zum Jakobsweg noch, im Moment habe ich sie nicht. Möchte daheim bleiben. Ordnen. Klar denken. Oder wieder in der Wüste sein, mit ihrer Weite, scheinbaren Endlosigkeit und mangelnden Begrenzung. Vor allem mit ihrer Leere, Anspruchslosigkeit, der Ruhe für Augen und Seele, der Gleichförmigkeit. Den Menschen, die mit so wenig zurechtkommen, uns so unendlich viel lehren könn(t)en. Sie sind reich. Und halten uns dafür...



Ich brauche Leere,
um das Chaos 
in meinem Kopf
zu ordnen.

JAN DES BOUVRIE

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(Morgen geht's mit dem Caminotagebuch weiter, heute tapeziere ich wieder)