Mittwoch, 9. März 2016

Auf der ständigen Suche



... sind wir. Nach dem, was uns glücklicher machen, eine Leere ausfüllen würde. Der Zeit mehr Sinn gäbe. Oder dem Leben mehr Zeit. Es ist kurz. Und manchmal endet es völlig anders als gedacht. Privat habe ich das bitter erfahren müssen. Aber auch beruflich oft erlebt. Ich habe nie wirklich eine Heimstatt auf dieser Welt gehabt. Für dauerhaft. Immer wieder habe ich (ohne es zu erkennen) gehofft eine zu finden. Sicherheit. Schutz. Wärme. Und habe gelernt, das man dies am Ende wohl nur in sich selbst tragen kann. Ganz tief drinnen, wo es einem niemand nehmen kann, im geheimen Zimmer, von dem die Welt nichts erfährt...

Wenn ich nun mein Tagebuch von 2007 nachlese wird mir immer mehr deutlich, dass es mir auf dem Jakobsweg nicht anders erging. Eine Herberge war stets das bescheidene Ziel aller Pilgerwünsche. Anzukommen. Ein Bett. Ein Mensch vielleicht, mit dem man ein gutes Gespräch führen kann. Ist das so verschieden zum realen Leben?

Was ich jetzt ebenfalls erkenne: In jenen Momenten da ich verzweifelte, wurde mir ein Wesen geschenkt, das mir in irgendeiner Form beistand. Mir zeigte, dass ich nicht allein und verlassen war. Das ist bis heute so. 2014 habe ich in einem komplizierten Behördenkampf einen rettenden Engel gebraucht. Und er war da! 2015 war auch ein schreckliches Jahr. Nur ganz anders, da privat. Und genau als das alles begann, da trat der Held in mein Leben! Wirklich "Zufall"? 

Warum zweifle ich in der letzten Zeit wieder? Verlasse mich nicht darauf, dass ich gut beschützt bin? Weil in meinem Leben so vieles geschehen ist. Das so wichtige Urvertrauen nicht hat entstehen können, in der frühen Kindheit. Es später zum Teil "nachwachsen" zu lassen, das ist schwer. Wird uns immer wieder stolpern lassen. Vielleicht ist es gar unmöglich. Aber immer wieder habe ich trotzdem Hoffnung. Weil ich nicht ganz verlassen bin. Ich scheine es nur manchmal zu vergessen...



Eine Liebesgeschichte... Kapitel 19

oder mal wieder eine Leidensgeschichte?

Lena kommt, kaum dass ich am vereinbarten Treffpunkt vor der Kirche stehe. Knapp 9° bietet uns dieser Wandertag und ich kleide mich andauernd an und aus, das nervt. Der Weg zieht sich dahin. Die letzten zwölf Kilometer führen durch Wald. Bäume, Bäume und nochmals Bäume, fast drei Stunden lang. Sieht mittig irgendwie aus, als habe man hier alles mit Kettenfahrzeugen plattgewalzt. Ein Truppenübungsplatz?  Eher unwahrscheinlich. Brandrodung? Oder eine Feuerschneise? Es ist keiner da, der uns diese Frage beantworten könnte. Jedenfalls ist es irgendwie auch meditativ, wenn man sich das einredet. Nichts lenkt das Auge von den Gedanken ab. Endlich taucht der Kirchturm des Klosters San Juan de Ortega auf.

Über diese Anlage und auch die darin befindliche Herberge erzählt der Wanderführer so einiges. Unter anderem schildert er sehr realistisch, dass die ganze Geschichte von einem uralten Pfarrer und seiner noch wesentlichen älteren Schwester "bewirtschaftet" wird und sich in einem entsprechenden Zustand befindet. Was, bitteschön, soll denn nun damit sanft umschrieben werden? Als wir unsere gestempelten Pässe die ausgetretenen Steinstufen hinauftragen, wird es uns schnell klar. Na bravo!

Inzwischen soll diese Herberge ( nach dem Tod des Pfarrers ) modernisiert worden sein. Damals jedoch ist sie die grottenschlechteste, widerlichste und ekelhafteste Herberge am gesamten Jakobsweg! Schwarze Pilzkulturen wachsen in Atompilzform und über mehrere Quadratmeter Größe ausgebreitet an den vor Jahrzehnten (oder –hunderten?) gekalkten Schlafraummauern hinauf. Die winzigen Klosterfenster sind verrammelt und triefend nass, man kann keines öffnen. Pures Wasser läuft an den Wänden hinunter.

Ich nehme das erste Bett neben der Tür. Damit ich - falls es mich überkommt - jederzeit flüchten kann. Lena wählt lieber eines hinten, an den Sanitäranlagen. Die dermaßen bestialisch stinken, dass ich weg muss davon ohne sie benutzt zu haben. Im Wanderführer steht dazu: "Warmes Wasser? Nur theoretisch. Im Winter gar nicht." Wir schreiben den 29. April und ich will gar nicht so genau wissen, ob hier nun Winter - oder Sommerzeit herrscht. Ich muss dringendst raus an die frische Luft!

Seit frühester Kindheit haben mich Bronchitis, Allergien und Asthma gequält. Inzwischen bin ich glücklicherweise von allem befreit und muss mir nichts davon zurückholen in dieser Höhle! Wir beratschlagen, auf einer Bank vor dem Klostereingang. Aber es gibt keine Chance etwas zu verändern. Bis zur nächsten Herberge wären es noch 7 km weiteren Fußmarsches, also zwei Stunden. Und das schaffen wir heute nicht mehr!

Als wir uns gerade in unser Schicksal ergeben haben tritt Guy um die Ecke, äußerst erfreut mich zu sehen. "Where's the hotel?" Lena und ich antworten fast gleichzeitig: "No hotel! Only this!" und wir weisen auf den muffigen Flur hinter uns. Ich durchlaufe mit Guy die Formalitäten und bringe ihn nach oben. Mit Verhandlungsgeschick (und einem Geldschein) gelingt es ihm, ein oberes Bett gegen ein unteres einzutauschen. Leider sei er ziemlich alt und rückengeschädigt. Soso, lächel...

Wir werden also erneut eine gemeinsame Nacht verbringen. Bloß durch einen Gang von einhundert Zentimetern getrennt. Aber immerhin. "Du möchtest coffee? Wo ist der Bar?" Unten. Entdeckt hatte ich sie schon. Wir sitzen an dem kleinen wackeligen Holztisch, inmitten der anderen lauten Pilger und schauen uns an. "I'm so happy! Ja, wirklich glücklich! Dass du bist hier!" Zart legt er mir eine Hand auf die Wange und ich meine darüber.

Leider bringt der Wirt in diesem Moment den Kaffee. Plus einer Flasche Rotwein. Den haben wir nicht bestellt. Aber der gehört dazu, so erfahren wir. Im Nebenraum entfaltet ein angefachter Kamin wohlige Wärme. Dort sitzt ein gutgekleideter Mann mit einem auffallenden, gezwirbelten Schnurrbart, zieht genüsslich an seiner langstieligen Pfeife und leert seine Flasche Rotwein. Er kritzelt pausenlos und soll ein bekannter Schriftsteller sein, der an einem Buch über den Camino schreibt.
"Wirst du auch ein Buch schreiben, einmal? Und wer werde ich dann sein?" Ich muss lachen, diese Vorstellung ist gar zu köstlich. Ich werde bestimmt nicht schreiben, worüber auch?! "Aber wenn, dann wirst du Guy sein. Guy aus Ottawa!" Als der Kaffee ausgetrunken ist, gießen wir uns den Wein ein. Glas für Glas. Und danach ist es nicht mehr ganz so kalt und nur noch halb so öde. Ich bin keinen Alkohol gewöhnt und werde fröhlicher. "Wonderful, du lachst. Ich seh‘ das so gern! Du bist schön!"

Wir beschließen einen Spaziergang durch den "Ort". Ich habe vorgewarnt, dass er sehr klein ist. In drei Minuten haben wir das komplette 36 Seelen-Dorf besichtigt. Irgendwie finde ich das urkomisch! Wir betrachten dann noch die wenigen Sehenswürdigkeiten des Klosters und schießen die obligatorischen Fotos.
Der Wanderführer hat von der berühmt-berüchtigten Knoblauchsuppe berichtet, die Pfarrer und Schwester den Pilgern kredenzen sollen. Ich habe beider Fingernägel gesehen und verzichte dankend. So speisen wir in der auch leicht schäbigen Bar, aber jetzt immerhin am Kamin. Mit Kerze, Blume auf dem kleinen Tisch und einer weiteren Flasche Rotwein. Nach dem Essen sagt Guy plötzlich ganz ernst: "Weißt du, was los ist? Ich habe mir verliebt!" "Mich, Guy. Mich!" Er nimmt noch einen Schluck Wein und meine Hand.

Ich schaue aus dem Fenster und hinaus in die Dunkelheit, die sich inzwischen über die wenigen Häuser gelegt hat. Hunde bellen. Es ist empfindlich kalt geworden. "Wollen wir hinübergehen?" Er nickt. Im gesamten Herbergsbereich ist ein einziger kleiner Raum beheizt, in dem haben sich fast alle Pilger versammelt. Franzosen, Koreaner, Spanier, Italiener, ein Kanadier und ich. Wie bei der "Stillen Post" wird über drei Sprachen hinweg übersetzt. Und es kommt nur Blödsinn an. Guy hält unter der Tischplatte meine Hand. Obenauf liegen die Gesichter der Pilger. Das allgemeine Gelächter ist unbeschreiblich. Wieder einmal denke ich darüber nach, warum Menschen so vieler Nationen sich auf diesem Weg so gut verstehen, aber die Welt da draußen voll ist von Kriegen und Konflikten...

Als es Zeit wird in den Schlafsack zu kriechen, schnappe ich mir schnell eine der wenigen Decken. Mein Daunenschlafsack ist mein teuerster Besitz und darf nicht nass werden. Außerdem schlottere ich vor Kälte. Kaum liege ich erscheint des Pfarrers Schwester, brüllt herum und reißt an meiner Decke, die ich mit Zähnen und Krallen verteidige. Nein, die geb' ich nicht her! Keine Lust, im fremden Land an einer Lungenentzündung zu versterben!
Guy übersetzt mir: "Decken sind for pilgrims ohne sleeping  bag!" Ich knurre: "Sage ihr, dass ich diese stinkende, ekelhafte Decke nur hergebe, wenn man mich vorher ermordet! Und bitte übersetze es wörtlich!" Der spanische Dragoner verschwindet, mit Guys Decke unter dem Arm. Er hat sich nicht gewehrt. "Du bist hart!" sagt er. "Ja, manchmal!" Und das wird zunehmend mehr werden...

Als das allgemeine Schummerlicht schon ausgegangen ist, schleicht ein spanisches Paar mit Stirnlampen herein. Jaja, der Wein... Die reichlich beleibte Pilgerin versucht irgendwie nach oben zu kommen und ihr Gatte drückt sie zur Unterstützung unter dem Allerwertesten hoch. Es gibt viel Ge-rangel und Gekicher mit dem Endeffekt, dass die heruntergefallene Pfundsfrau direkt auf Guy zu liegen kommt, der einen Fluch ausstößt! Mir kullern die Tränen! "Nobody will believe this in Canada", zische ich unter gurgelnden Lauten. "And I couldn't get a photo", höre ich noch, bevor ich mir die Schlafsackkapuze immer noch blubbernd über's Gesicht ziehe.

Ich werde nicht schlafen können. Mich schütteln vor Kälte.
Im Morgengrauen kleide ich mich leise an und renne davon.
Hätte ich entfernt geahnt was mich erwartet - ich wäre sicher geblieben wo ich war...


Eine Liebesgeschichte... Kapitel 20

Der Schmerz beginnt im Nasen-Rachenraum. Und macht mir deutlich klar was mich erwartet, wenn ich weiterhin in diesem Feuchtbiotop liegen bleibe. 

Gegen fünf Uhr beginnt das obligatorische Geraschel und Geräusel. Und plötzlich erfasst mich etwas wie eine Welle und reißt mich hoch. Was soll das alles? Diese heruntergekommene Hütte? Ein Mann, der mir ein Liebesgeständnis macht. Und ich Idiotin halte seine Hand? Was wird er gedacht haben? Es muss der ungewohnte Rotwein gewesen sein. Oder dieser merkwürdige Weg, der Seiten an mir sichtbar werden lässt, die ich gar nicht mehr kenne an mir. Und andere, die ich noch nie besaß...

Raus aus dem klammen Schlafsack! Bibbernd ziehe ich meine Sachen über. Das sind nicht viele, denn bei dieser Temperatur hatte ich das meiste ohnehin auch über Nacht am Körper. Leise schließe ich die Reißverschlüsse im matten Schein der tanzenden Stirnlampen. Lena will mit dem Bus weiter, sie hat eine Freundin in ihrem Alter wiedergetroffen. Und Guy? Er ist kaum zu erkennen, völlig verpackt, nur ein Unterarm hängt heraus. Solche Zustände ist der Hotelschläfer nicht gewohnt. Und dann gleich Hardcore... So, vorsichtig die Stöcke unter dem Bett hervorgeholt und die Schnallen des Rucksacks leise eingerastet. Die Mütze aufgesetzt. Schlurfende Schritte tappen an mir vorbei, öffnen die schwere Holztür und klappern die Stufen hinunter. Ich setze den Rucksack auf, klinke auch den Beckengurt ein. Alles ist jetzt längst Routine und hundertmal so vollzogen, dafür brauche ich kein Licht. Vorsichtig trete ich ans Nachbarbett, streiche mit einer Fingerspitze über den schmalen Arm. Sein Besitzer schreckt sofort auf, ich muss für ihn eine Erscheinung sein, so riesig vor seinem Bett mit dem ganzen Kram an mir. Ich erschrecke nun selbst so sehr, dass ich fast einen Sprung mache. Dann renne ich auch schon. "Gabby, wait! Oh Jesus!" Vergeblich versucht er im Schlafsack aus dem Bett zu springen…

Draußen ist es nachtschwarz. Noch nie war ich um diese Zeit unterwegs. Am klaren Himmel funkeln die Sterne. Wunderschön wäre es, wenn es nur nicht so bitterkalt wäre. Aber wenn erst die Sonne hervorkommt... Doch das wird sie nicht, an diesem Tag. Und ich werde alle Kräfte mobilisieren müssen, die mittlerweile in mir stecken!

 
Direkt vor dem Kloster trete ich in ein tiefes Schlagloch und probe den doppelten Rittberger rückwärts eingesprungen. Autsch, das tat weh! Und so etwas könnte mich leicht ins Hospital bringen. Aber bitte nicht jetzt, wo ich schon fast dreihundert Kilometer geschafft habe! Her, mit der ungewohnten Stirnlampe. Wie geht denn dieses Ding an? Jetzt muss ich also plötzlich den Kopf in einer bestimmten Haltung belassen, damit ich auf dem Boden etwas erkennen kann. Schöne Aussichten! Auch am Horizont, da malt sich rabenschwarz ein Wald ab. Muss ich den haben?

Überall Schlamm. Nach wenigen Metern sehe ich aus wie ein Schwein nach der Suhle. Es muss die ganze Nacht geregnet haben. Meine Lampe erfasst ein großes Blechschild. „BURGOS 28 km“ steht da und weist in die Bäume. Nein danke! Es zeigt auch ein Pfeil nach links, in Richtung der Nationalstraße. Mehr als dreißig Kilometer sollen es da sein. Na und? Die schaff' ich, das kann ich inzwischen! An der Straße ist es gar kein Problem, ich denke an meinen Trip auf der Autobahn. Und dort wird mich auch niemand vermuten, mir eventuell folgen. Sicher ist sicher! Die Dunkelheit verschluckt mich. Seltsam ist es, so zu laufen. Man muss permanent den Blick auf den Boden richten. Endlich ein Ort. Totenstill um diese Zeit. Keine Straßenlaterne an. Doch am Horizont fahren Lichter entlang, da muss die Schnellstraße sein! Wenn es doch nur nicht so kalt wäre... Kaum kann ich die Stöcke halten, muss immer wieder auf die Fäuste hauchen. Handschuhe habe ich nicht. Warum auch? Es ist der 30. April und wir hatten seit Tagen Tropenwetter. 

Ich laufe. Mechanisch. Und zittere wie Espenlaub. Eisiger Wind fährt durch meine leichte Sommerhose, dann kommt der Regen. Ich bin binnen Sekunden klatschnass. Es lohnt nicht jetzt noch das Regencape hervorzukramen, da ich schon durchnässt bin. Wo sollte ich denn auch den Rucksack auspacken?! Blöd ist es ohne Weggefährtin unterwegs zu sein, die könnte jetzt leicht helfen. Oh, Gott, ist das kalt! Das braucht kein Mensch! Der Kiefer beginnt zu schmerzen. Ich wickle den dünnen Schal neu, aber das hilft wenig.

Stunden später ist aus dem Regen ein Graupelschauer geworden. Längst bin ich blaurot gefroren. Will eigentlich nicht weiter. Aber was könnte ich tun? Es nützt nichts. Es sind jene Stunden, in denen ich besonders intensiv an meine Kinder denke. Dem Geräusch der beiden Stöcke Worte gebe. Ich -geh' - mit - euch - ich - geh' - mit euch - ich... Es ist das Einzige was mich motiviert, während mir die Graupelkörner schräg von vorn ins Gesicht stieben.



Seit einer Weile sehe ich eine verschwommene Silhouette am Horizont. Das muss Burgos sein. Bitte, bitte, lass' es Burgos sein! Nichts geht mehr. Ich werde mir mindestens eine Bronchitis holen, schon pfeife und gieme ich bei jedem Atemzug. Dann stehe ich endlich vor dem Ortsschild. Es ist Burgos! Eines der Gewerbegebiete. Rauchende Schlote, LKWS. Zum Stadtzentrum sind es noch neun Kilometer. Ich weine los. Lauthals. "Schick' mir doch bitte einen rettenden Engel“, flehe ich, "ich bin fertig!"  



Da erklingt ein ganz zartes Maunzen. Und aus der Hecke kriecht ein patschnasses Kätzchen. Als ich es streichle rollt es sich auf meinen Stiefeln ein und schnurrt, schaut mich mit großen Augen an. Arme Kreatur! Ich kann das Tier leider nicht mitnehmen. Keine Herberge nähme mich auf. Vorsichtig nehme ich die Katze hoch und presse mein erstarrtes Gesicht an das nasse Fell. Mein Engel des Tages hat also Haare und Krallen! Vorsichtig setze ich das Bündel im nächsten Hauseingang ab, der wenigstens etwas Schutz bietet. 

Fast zwei volle Stunden später schlage mich durch Häuserschluchten hindurch. Merkwürdig sehen sie aus, heruntergekommen. Umgestürzte Sofas liegen herum, am Straßenrand stehen abgefackelte Autowracks. Komische Männer stehen rauchend und trinkend in der Gegend herum. Es dauert eine ganze Weile bis ich bemerke, dass ein Geländewagen der Guardia Civil mir im Schritttempo folgt. Sie geleiten mich sicher durch das Problemviertel. Als ich nicht weiter weiß, deutet einer der beiden Polizisten mit dem Arm in eine Richtung. Und tatsächlich! In der Ferne sehe ich die Türme der Kathedrale!

Der Wanderführer ist klatschnass, es macht mir Mühe, ihn zu entziffern. Wo war noch die empfohlene Herberge? Ich streife hin und her, bis ich einen Straßennamen entdecke. Alles wird gut! Bald werde ich vor dem Haus stehen, heiß duschen, mich hinlegen. Doch weit gefehlt! Die Herberge gibt es nicht mehr, schon seit einem Jahr. Was jetzt? Und die Kathedrale sehe ich auch nicht in diesem großstädtischen Häusermeer. Ich spreche einen jungen Mann an und frage nach der nächsten Herberge. Dies ist eine große Stadt, hier muss es doch mehrere geben?!

Der junge Spanier geleitet mich und erzählt mir gleich die komplette Geschichte der Kathedrale und die von El Cid des Nationalhelden dazu, der majestätisch mit Pferd, Rüstung und Schwert als Denkmal über einer Brücke thront. Mir ist so kalt, dass ich nicht sprechen kann nur nicken. Ich bin so dankbar! Längst krampfen meine Schenkel, der linke Knöchel knickt andauernd nach außen um. Das Schlammloch vom Morgen hat also doch seine Wirkung getan. Ich bin gleich da, ich bin gleich da, ich schaffe es! Es hilft, sich etwas einzureden, das habe ich längst gelernt…

Dann stehen wir tatsächlich vor einer Pilgergruppe, die auf Einlass wartet. Ich bin wahrhaft glücklich und reihe mich in die Schlange ein. Eine Stunde lang prasselt Schnürregen auf uns nieder. Wir stehen einfach so auf der Straße da, absolut schutzlos. Das ist der Weg. Ich wollte ihn! Jetzt bin ich auf ihm unterwegs.
Endlich öffnet sich das Tor, dem Himmel sei Dank. Inzwischen schlagen schon meine Zähne aufeinander, ich kann mich kaum bewegen, so steifgefroren bin ich. Es geht eine enge Wendeltreppe hinauf, was in Stiefeln, mit langen Stöcken in den gefrorenen Fingern und einem großen Rucksack auf dem Rücken gar nicht so leicht ist. Eine Stufe. Warten. Bis oben die Aufnahme erfolgt ist. Wieder eine Stufe. Durch ein Fenster kann ich den Raum schon sehen. Lauter blitzblanke Betten. Eine Küche ist auch da. Ein Paradies!

Vor mir schließt sich urplötzlich die Glastür. Oh nein! Das ist unmöglich! Warum denn? Der Hospitalero spricht nur Spanisch und durch die geschlossene Tür verstehe ich schon mal gar nichts! Ein Pilger übersetzt: "Das Ding hat nur 18 Betten. Und du bist die Nr. 19." Ist denn das menschenmöglich?? Alle drehen sich um und Schritt für Schritt geht es wieder hinunter. Die meisten Wartenden verschwinden in der nächsten Bar um sich zu beraten. Hostal? Hotel? Ich durchstreife sämtliche Straßen der Umgebung, aber entdecke kein einziges Schild! Es muss doch irgendwo die Burgos-Information geben?! An der Kathedrale, so erfahre ich. Kaum aber habe ich den Laden gefunden wird innen ein Vorhang vorgezogen. Siesta bis 16.30 Uhr und nun ist es exakt 15 Uhr!

Mir bleibt nur die Kathedrale. Dort werde ich mich in eine Bank setzen und die neunzig Minuten abwarten. Wo ist denn bloß der Eingang? Und warum steht da keine Warteschlange? Nur Winter–Öffnungszeit, bis 1. Mai. Ab 17 Uhr ist erst wieder geöffnet. Es graupelt gerade wie wild! Burgos, "La Fria", trägt ihren Namen zu Recht. Ich sinke auf den Stufen nieder und weine wie ein Kind. Jetzt ist es endgültig vorbei mit meiner Beherrschung! Ich musste ja auch davonrennen... Vor was eigentlich?! Sicher läge ich ansonsten schon lange in einer Wanne mit heißem Wasser und hätte nicht diese tierischen Nierenschmerzen! Wie kann man nur so ein Kamel sein!

Nach einer Weile kann ich wieder klar denken. Also so geht’s nicht! Ich kann da nicht sitzen bleiben. Einen älteren Herrn spreche ich an, der vertrauenswürdig aussieht. Er nickt und weist mich an mitzukommen. Freundlicherweise hält er seinen Schirm über mich, aber ich zeige ihm, dass das nicht notwendig ist er soll lieber seinen edlen Zwirn schützen. Wir laufen und laufen, weit heraus aus dem Stadtzentrum. Noch über eine Brücke. Dann weist er auf einen Park in der Ferne. Immer weiter hin-durch solle ich gehen. Und dann: "Aqui!" Er macht Zeichnungen mit den Händen in der Luft. Ich könnte ihn küssen (natürlich nur platonisch!).

Die Stiefel quietschen geräuschvoll bei jedem Schritt, die Hose sieht aus wie gewaschen und noch nicht geschleudert. Der Dauerregen tropft mir von der Nase. Es geht treppauf und -ab. Zwei Kilometer außerhalb, das hätte ich allein niemals gefunden… Plötzlich entdecke ich Holzbaracken, die ein wenig aussehen wie Lazarette aus dem zweiten Weltkrieg, das müssen sie sein! Wo ist denn der Eingang? Ich frage. Überall Stiefel, Capes und Regenhosen unter den Vordächern. Hier werde ich nicht weggehen, ob ein Bett frei ist oder nicht, das habe ich mir geschworen. Ich habe keinerlei Lust erfroren auf den Straßen von Burgos ins Paradies überzutreten (falls ich überhaupt Anspruch darauf habe). Ich will nach Santiago, hinterher können wir darüber reden. Es sind jetzt nur noch ganze vierhundertachtundachtzig Kilometer und die kriege ich auch noch hin! 

                
Die Hospitalera spricht Deutsch, welch' angenehme Überraschung. Bevor sie den obligatorischen Stempel in den Pilgerausweis setzt sagt sie: "Es ist aber das Bett neben den Toiletten! Wir mussten die Tür herausnehmen, die Riegel waren hinüber!" Nun, besser die als ich! Ich würde auch auf einem WC schlafen, nach dem was ich hinter mir habe. Mit dem Rucksack im Arm quäle ich mich durch die engen, vollgestellten Reihen. Nobody would believe this in Canada... 

Schmerzlich denke ich an Guy. Ich habe wohl einen riesig großen Fehler begangen. Werde ich ihn wiedersehen? Direkt am Bett fließen irgendwelche Flüssigkeiten aus dem Sanitärbereich entlang. Ich lege den Rucksack verbotenerweise auf die Lagerstatt, zerre den Schlafsack heraus und lasse mich fallen. Mir ist völlig gleich was sich da unter mir ausbreitet und wonach es riecht. Mir ist überhaupt alles egal! Ich schlafe auf der Stelle ein. 

Guy steht zu diesem Zeitpunkt auf dem Kathedralenplatz.
Auch halb erfroren, aber stolzer Gast eines feudalen Doppelzimmers.
Er sucht nach einem geflohenen Reh. Wird er es finden?