Dienstag, 8. März 2016

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne...

Manchmal erkennen wir es gar nicht, dass etwas anfängt. In einer anderen Situation wiederum glauben wir es wäre so, dabei liegt in ihr schon der Keim des kommenden Endes angelegt. Wie gnädig ist es doch, dass wir Menschen davon scheinbar lange nichts bemerken...

Auf meinem Weg 2007 durch die Weite Nordspaniens war ich ahnungslos. Dachte an den Tag, die Stunde, den Moment. Mir war gerade zu Beginn dieser Fernwanderung drastisch deutlich gemacht worden wie schnell alles ganz anders sein kann. Durch meine Verletzung. Und die unerwartete Rückkehr eines tiefen Schmerzes der Vergangenheit...

Vieles hat sich seitdem verändert. Auf manchen Anfang (der vielversprechend erschien) folgte nichts. Auf andere schicksalhafte Folgeschritte. Dazu bin ich älter geworden. Und damit vorsichtiger? Ich kann es nicht sagen. Lebenserfahrung beinhaltet nicht immer aus allen Fehlern spontan zu lernen. Aus manchen aber doch. Sie kann uns allzu vorsichtig werden lassen, uns den Mut zu Abenteuern nehmen. Was wir später bereuen. Nachholen kann man nur selten etwas. Vieles nie, es ist manchmal schlicht zu spät dafür. Dazu gibt es sehr zutreffende Gedanken von Mark Twain, die ich zu beherzigen versuche:


"In 20 Jahren wirst du mehr von den Dingen enttäuscht sein, 
die du nicht getan hast, als von jenen Dingen, die du getan hast.
Also mach' die Bugleinen los und segle heraus aus dem sicheren Hafen!" 



Eine Liebesgeschichte... Kapitel 17

Am Morgen sind wir noch so freundlich unsere Nerven-Terroristin in den richtigen Bus zu setzen, denn jetzt möchte sie plötzlich unbedingt fünf  Etappen voraus fahren. Ja bitte, gerne doch. Sie guckt uns nicht einmal mehr an, als das Gefährt mit ihr davonfährt. Auch gut.


Lena und ich trinken erst einmal in einer kleinen Bar einen großen Cafe con Leche (wenige Wochen später werde ich genau dort wieder sitzen und daran denken). Beratschlagen. Das nächste Etappenziel ist zweiundzwanzig Kilometer entfernt. Lena hat große Probleme wegen der zahlreichen Blasen an ihren Füßen. Und meine könnten auch nicht gerade Modell stehen, für "Germanys next Fuß-Model". Zwar sind die Wunden ganz gut abgeheilt, dafür haben sich nun Kavernen (Hohlräume) unter den Fersen gebildet und mit Blut gefüllt. Schmerzt kaum weniger. Wir entscheiden also: ein kleines Stück Busfahrt, den Löwenanteil laufen. So machen wir es dann auch. 

Dauerregen nervt und kostet viel Kraft. Der aufgeweichte Weg zieht sich wie ein Lämmerschwanz. Endlich ist der Ort greifbar nahe. Jedoch, an der Herberge findet sich das Horrorschild eines jeden Pilgers: "COMPLETO". Und jetzt? Wir lesen im Nieselregen in Windeseile im Wanderführer nach. Weiter zum nächsten Refugio. "COMPLETO"! Das kann ja heiter werden, denn mehr Herbergen gibt es hier nicht. Nun muss eine private her!


Der Blick in einen langen Flur lässt uns ein gut gefülltes Stiefelregal erblicken. Seufz - keine guten Aussichten... Wir bekommen aber trotzdem zwei Betten, welche Erleichterung! Doch die Freude währt nur kurz. Leider ist es ein winziger Kellerraum, direkt neben Wäsche-Waschbecken und rumpelnder Waschmaschine. Dieses Loch hat nur ein düsteres klitzekleines Fenster und ist saukalt. Wir zittern wie Wackelpudding auf dem Glasteller, reißen unsere Schlafsäcke aus den Hüllen und verkriechen uns darin. Ich ziehe bibbernd sogar die ungeliebte Mumienkapuze zu und rolle mich wie eine Raupe eng zusammen. 


Wir schlafen fast zwei Stunden lang. Was sollte man auch sonst tun in dieser nasskalten Tropfsteinhöhle?! Warmes Essen muss dringend her! Zu dritt machen wir uns auf das verschlafene, totenstille Belorado am Nachmittag zu erobern. Gottseidank spricht Lena perfekt spanisch (Leistungskurs) und fragt sich durch. Eine geöffnete Tienda? No! Irgendwann weist eine alte Frau aber doch in eine Richtung. "Aqui!" Das verstehe sogar ich.


Es ist eine Verkettung seltsamer Umstände (Zufall oder zugefallen), die uns kreuz und quer durch die Gassen geführt hat und gerade zur rechten Zeit in dem kleinen Laden auftauchen lässt. Wir entscheiden uns (mal wieder) für Nudeln, Gemüse und Obst und trödeln durch die engen Gänge, ob sich nicht doch noch etwas finden lässt. Entschlossen gehen wir danach zur Kasse. Wir haben alles. Gerade als wir bezahlen wollen öffnet sich die Ladentür. Und herein tritt: Guy. Mir bleibt das Herz für einen Moment stehen und ihm offensichtlich auch. Wie hatte ich vorhin in der ebenfalls düsteren Kirche noch gedacht: "Send me an angel!" Und nun steht er da.


Guy legt mir kurz seine Hand auf den Arm und sagt eindringlich: "Please wait! Don't go away! I'll be back in seconds!" Er sucht nach Batterien für seine Kamera. Morgens hatte er in irgendeinem Bergdorf welche gekauft, aber nun sind sie bereits leer. So ein "Zufall"?! Ich drücke Lena schnell meinen Drittelanteil der Kosten in die Hand und sage: "Esst ihr nur, ich werde eingeladen!" Und sie lächelt.


Draußen umarmt Guy mich kurz und fragt: "Du hast gegessen? No? Ok, komm, ich sah eine gute place!" Ich sitze in einem Korbstuhl mit blitzsauberen Kissen, spanische Musik ertönt im Hintergrund, in dem leckeren Kaffee könnte ich baden und endlich friere ich auch nicht mehr. "Three beds or two gestapelt today?" fragt eine amüsierte Männerstimme. Da erzähle ich. Schonungslos. Wie kalt es da ist, feucht und dunkel. Er wird ernst. "Wenn das Essen ist vorbei wir gehen sofort deine Backpack zu holen. It's enough now!" Ich nicke wie einst der Wackeldackel in meinem alten weißen  BMW. 


Hand in Hand suchen wir die schäbige Bleibe. "Hier!" Guy schaut neugierig hinein. "What's this?" Er betrachtet amüsiert das Wanderstiefelregal und fotografiert es von allen Seiten. Auch den Rest der ungastlichen Stätte. "Incredible! Nobody will believe this in Canada!" Kopfschüttelnd steht er in unserem Verschlag. "It's only for pigs", sagt er und "lass‘ schnell weggehen, es ist scheußlich kalt, ich friere." Er trägt meinen Rucksack, ich die Stöcke und Stiefel und zielstrebig läuft Guy auf ein Hotel zu. 


Ach herrje... Daran hatte ich gar nicht gedacht! Ich bin natürlich überhaupt nicht gewandet für so ein Etablissement. Der Kanadier hingegen ist ungerührt und schon stehe ich in einem weiträumigen Zimmer mit Teppichboden. Ach, ist der weich! Mit offenem Mund bestaune ich die Einrichtung. "Richtige Schränke!" Hab' ich ewig nicht mehr gesehen. Polstersessel, ein Fernseher. Auch ein riesiges französisches Bett. Haaach... Ein was?? Ach du lieber Himmel! Auch das hatte ich nicht bedacht...


Ob Guy den erschrockenen Blick wahrgenommen hat? Er lässt sich jedenfalls nichts anmerken und stellt meinen Rucksack vor einem der Schränke ab. "Bitte, du kannst alles nehmen!" Ich brauche so viel Platz aber gar nicht, was sollte ich denn da einräumen? Schüchtern lege ich den Schlafsack hinein, den werde ich wohl nicht benötigen. Mir wird plötzlich ganz komisch. Vielleicht war es doch nicht so eine gute Idee?! Guy hat sich mitten aufs Bett gelegt, stützt den Kopf mit einem Arm ab und betrachtet interessiert das Schauspiel. Vorsichtshalber setze ich mich auf einen der Sessel und behalte die Sandalen an.


"Du möchtest nicht nehmen ein Schaumbad? Das Wasser ist sicher heiß!" Oh ja, blendende Idee, damit kann ich Zeit gewinnen! Eifrig sammle ich meine Wechselgarnitur aus dem Rucksack zusammen, Zahnbürste und Kamm und verschwinde im Badezimmer. Riegele doppelt ab und hänge ein Handtuch vor das Schlüsselloch. Lacht jetzt jemand? Das verbitte ich mir entschieden! 


Sprudelnd läuft dampfendheißes Wasser ein. Ich fülle alle Shampooflaschen hinein die ich auf der Spiegelablage finden kann. Dann lasse ich meinen nassen Schmuddelkram fallen und tauche tief ein in den weißen Schaum. Kann irgendetwas auf der Welt in diesem Moment schöner sein? Niemand reißt an der Tür herum: "Is somebody in there?" Ich kann in einer marmorartigen Wanne liegen und alles ist blitzeblank sauber. Sobald das Wasser kühler wird fülle ich heiß nach. Forme mir originelle Hüte aus dem Schaum oder stocke belustigt meinen Busen auf.


Irgendwann fällt mir auf, dass ich seit mindestens einer Stunde Bad und WC blockiere. Ohilfe, das geht gar nicht. Ich entsteige notgedrungen dem Vollgenuss, hülle mich in ein riesiges, flauschiges, blütenweißes Badetuch und wische ein Stück vom Spiegel frei. Dann muss ich mir unbedingt die Haare föhnen. Denn so ein Gerät habe ich seit Wochen nicht mehr gesehen, geschweige denn in der Hand gehabt. Bei fünf Zentimeter Länge ist allerdings nicht nur das Haar sondern auch das Vergnügen kurz. 


Schnell noch die Zähne geputzt, den Körper trockengerubbelt und hinein in die frischen Sachen. Welche Wohltat eine weiße Radlershorts zu tragen und ein ebensolches Shirt mit langen Arm. Socken und Sandalen ziehe ich auch noch an. Die lange Hose nicht, da sie nass und schmuddelig ist. Ich lege sie über die Heizung, atme sehr tief durch, öffne die verriegelte Tür und sage möglichst fröhlich: "Du kannst ins Bad. Es ist jetzt frei!"


Guy liegt noch genauso da wie vorher. Sehe ich einen Anflug von Spott in seinen grauen Augen? Er sagt lächelnd: "Da war ich schon. Aber du könntest sein hier. Das eine Hälfte von Bett ist frei."




Dacht' ich's mir doch?! Nun hab' ich ein Problem...

Wer beschützt mich vor meinem Beschützer?





Eine Liebesgeschichte... Kapitel 18

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne...


Vorsichtig setze ich mich ans Fußende. Irgendwie und irgendwann muss ich ja auch mal in dem Bett schlafen. Die Knie ziehe ich bis unters Kinn und lege die Arme darum. Sicher ist sicher. Aber wohin sollte/ könnte ich denn fliehen, in meinem Aufzug? Und meinen Rucksack zurücklassen würde ich so-wieso nicht, er enthält alles was ich zum Überleben in diesem fremden Land brauche.


Es ist ein kluger Wolf, der sich da an‘s Kopfende zurückzieht, mit lang ausgestreckten Beinen. Er weiß, dass es keinen Sinn macht, einfach so über Lämmer herzufallen. Vielleicht hat er auch gar keinen Appetit?! Irgendwie fühle ich mich wie ein wehrloses Schaf das gleich der Schlachtbank zugeführt werden soll. Dass ich gänzlich in weiß gekleidet bin verstärkt den inneren Eindruck noch. 


"Warum gehst du eigentlich den Jakobsweg?" Nach einem Räuspern ist mir die richtige Frage eingefallen. Er wird Minuten brauchen, um sie zu beantworten. Und so ist es auch. Er erzählt von dem Buch, das er gelesen hat, von dem Menschen, der in Kanada ebenso „famous ist“, wie Kerkeling in Germany. Von seiner Frau erzählt er, mit der er seit fast vier Jahrzehnten eine gute Ehe führt. Von den Söhnen und der Tochter. Den beiden Enkeln. Und dass der dritte jeden Tag erwartet wird. Vorsichtig strecke ich die Beine aus. Ich habe auch Kinder und Enkel. Und erzähle ihm davon. 


Wir reden überhaupt sehr viel. Irgendwann fragt er: "Du bist ganz geändert, nun?!" Ich verstehe nicht was er meint. Längst ist es dunkel geworden, der Tag geht zur Neige. Ich weiß nicht, dass jetzt eine Frau ihre Masken ablegt. Dass sie nun sanft ist und leise. Dass sich ihr Blick ändert, ihre Stimme und die Gesten. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis sie auf einem anderen Bett ruhen wird. Und in den Armen eines Mannes liegen, der so ganz anders sein wird und den sie jetzt noch gar nicht kennt. Er wird ihr sagen, wie sehr er die beiden Wesen liebt, denen er da begegnet ist. Doch noch ist er ihr nur wandertechnisch auf den Fersen und viele Tage von ihr entfernt. Die beiden Menschen wissen nicht voneinander.



Wann wollen wir überhaupt am Morgen los? Acht Uhr wäre eine gute Zeit. Ich schreibe eine Nachricht an Lena: "An den Platanen, morgen um 8 Uhr?! Alles ist gut!" Und sie antwortet bestätigend. So ist auch das geregelt. Worüber könnte man noch sprechen? Rucksack und Wanderstiefel?! Das tun wir auch. Guy hat dazu seine ganz spezielle Geschichte. Er hat gehandelt wie wohl alle Pilger. Sich intensiv Wissen angelesen. Welches wäre die geeignetste Ausrüstung? Er ist ein vermögender Mann, kauft von allem nur das Beste. Der Schock trifft ihn in Madrid. Sein Gepäck ist am Flughafen unauffindbar. Er hat nur das Allernötigste in seinem schmalen Bordcase bei sich.

Mit dem Freund der ihn abholt, gibt er eine Verlustanzeige auf und dessen Adresse an, falls der Rucksack doch noch auftauchen sollte. Am kommenden Tag muss er alles neu kaufen. Eben das, was es in den Madrider Geschäften so zu kaufen gibt. Erleichtert ist er wenigstens die gut eingelaufenen Stiefel behalten zu haben. Dieses Thema hätte sich sonst schnell zum Drama auswachsen können.


Ich erzähle von eBay. Wie ich über viele Monate hinweg meine Ausrüstung gebraucht zusammengesteigert habe. Auch die Schuhe. Wie hart die Anreise war. Von meinen Verletzungen berichte ich. Vorsichtig hebt er einen Fuß von der Decke, zieht den Socken herunter und schaut die Fußsohle an. Streichelt sanft über die neue, schützende Haut. Und wärmt den Fuß vorsichtig in seinen Händen. Nein, ich muss nicht davonlaufen… 


Als es schon weit nach Mitternacht ist fällt uns auf, dass wir gar nicht zum Pilgermenü gegangen sind. "Macht nichts, sieh' ich habe Kekse!" Passend dazu krame ich meine Dose Cola und 2 Bananen hervor. Wir teilen und krümeln das Bett voll. Schütteln gemeinsam lachend die große Bettdecke aus. "Glaubst du nicht, wir besser sollten schlafen jetzt?" Ich nicke angedeutet. "Which side is yours?" Ginge links vielleicht? Er lächelt. Ich schlüpfe unter die Decke und strample den anderen Strumpf auch noch von mir. Damit ist mein Nonplusultra an Striptease erreicht!


Guy zieht sich das gebügelte Wanderhemd über den Kopf, öffnet die Hose, legt beides auf einen Sessel. Er lächelt immer noch. Vorsichtig schlüpft er unter das Deckengewirr. "Vielleicht du möchtest liegen, in meine Arm?" Ich möchte. Aber umdrehen möchte ich mich eher weniger. Vorsichtig schiebt sich sein Arm unter meinem Hals hindurch. Und der andere legt sich ganz leicht um mich. "Schlaf gut, kleine Reh", sagt er. Und schläft bald darauf tief und fest ein. 


Ich wage es nicht mich zu rühren. Liege stocksteif da, wie der abgebrochene Ast einer Eiche. Höre auf die leisen, gleichmäßigen Atemzüge. Und empfinde wieder diesen angenehmen Geruch, den ich nicht einordnen kann. Nach Stunden drehe ich mich ganz langsam um, damit er nicht wach wird. Sein Kopf lag an meiner Schulter und dort legt er ihn leise seufzend auch wieder hin. Ich schaue ihn an. Und präge mir sein Gesicht ein. Diese Nacht wird nie zurückkehren, ich will mich an sie erinnern können.


Irgendwann neigt sich mein Gesicht in seine Haare. Und während ich in den erlösenden, kurzen Schlaf sinke weiß ich es plötzlich: Er duftet nach Honig. Nach Akazienhonig. Vielleicht ist es sein Haarshampoo. Oder einfach er.



Das  Klingeln des Weckers schreckt uns auf, wir packen wortlos.

Am Platz mit den Platanen trennen wir uns. Es ist eisig kalt.

"I hope I'll see you again!" Ich nicke: "So Gott will!" Er will, schneller als wir ahnen...



(Diesen Link hat mir heute der wichtigste Weggefährte vom Camino gesendet)