Montag, 7. März 2016

Die Leichtigkeit des Seins...

...sie fehlt mir gerade irgendwie, denn ständig regnet, graupelt, stürmt es, die Straßen sind glatt. Unsere Wanderstiefel versinken im Modder bei den Touren, die wir als Training für den Camino laufen. Manchmal mag ich deswegen nicht hinaus, habe überhaupt eine regelrechte Krise, was den Português betrifft. Wir kamen wir nur darauf?! Es hilft aber nichts, nun sind es nur noch zweieinhalb Wochen, dann geht es los. Wir wiegen jedes einzelne Ausrüstungsteil nach und tragen es auf unserer Liste ein. "Die Leichtigkeit" - sie wird unterwegs eine große Rolle spielen!
In meinem Tagebuch von 2007 war das auch so - und doch ganz anders, lest selbst:



Eine Liebesgeschichte... Kapitel 14

Die Zeit reicht noch mich in die Küche zu stürzen, nach einem Eimer zu suchen und mir die Füße zu verbrühen. Merkwürdigerweise singe ich dabei vor mich hin und hüpfe irgendwie auf dem wackeligen Holzstuhl herum. Ursel bringt mich auf den Boden der Tatsachen zurück. "Hat er noch etwas gesagt?" Ich denke nach. Was will sie jetzt hören? "Ähhh, nein. Nicht direkt!" Sie wirkt enttäuscht. "Ich hab' schon mal mit dem gegessen! Er ist nett, nicht? Ich glaube, der hat ein Auge auf mich geworfen!" Ich muss ein Lächeln unterdrücken. Tatsächlich? Dann müsste ich mich sehr geirrt haben. Da waren irgendwie zwei Augen ziemlich direkt ganz woanders hin gerichtet...


Um 21.58 Uhr erklimme ich wie ein verletzter Tarzan mein Hochbett und stoße mir prompt den Kopf an der Decke. Meine Stirnlampe hab' ich auch vergessen! So ein Mist. Und flupp, ist auch schon das Licht aus! "Das ist ja alles wie in eine Kindergarden", ich höre seine Stimme noch. Ja, er ist noch da. Ich spüre die sanfte Umarmung, den Geruch seiner Haare. Wonach bloß? Jetzt muss ich aber schlafen, denn morgen ist wieder laufen angesagt. Ich bin hier nicht im Urlaub!


Allein, der Vorsatz nützt nichts. Ich beginne zu schwitzen. Ist denn das Fenster verrammelt bei dieser Bullenhitze? Tatsächlich. Dreißig erhitzte Leiber in einem winzigen Raum. Und die Wärme steigt nach oben! Ich ziehe zuerst die Radler aus. Dann das Shirt. Ohne Dessous geht es nicht. Aber aus dem Schlafsack mache ich durch Öffnung des Reißverschlusses eine Art Decke. Irgendwo wird noch gequatscht. Das kann ja kein Mensch aushalten, Enge, Hitze und Lärm! Hätte ich bloß gleich das Hotelzimmer angenommen, ich Schaf! Ich muss mich hinweg träumen. Und so strebe ich in meinen Gedanken Logrono zu. Natürlich erwartet Guy mich dort und wir tanzen, in der Abendsonne. Haaach…

"Eine ganz besondere Frau, on a very special way" hat er gesagt. Ja, er war auch ein besonderer Mensch für mich. Ein Wiedersehen? "So Gott will", hatte ich noch gerufen. Und ich wünsche mir mit aller Intensität, dass er wollen möge... Darüber schlafe ich oberflächlich ein.


Um 5 Uhr beginnt das obligatorische Stirnlampengetanze. Seufz. Ich falle mehr nach unten, als zu klettern. Schnappe mir einen Kessel und den Eimer. Wieder Salz und Essig. Der Mensch hält was aus, wenn er will. Ach, da war doch noch etwas... War es ein Traum? Wie weit ist Logrono entfernt? Dort wird er warten, ich bin mir ganz sicher! Auf meine Frage ob ich Ursel von meinem Proviant etwas anbieten darf, greift sie sich sofort eine Banane und einen Schokoriegel. Ihren Kaffee trinkt sie wiederum allein aus. Aber es fällt mir (noch) nicht auf. Ich schwebe heute gewissermaßen.


Die große Stadt mit ihren 142.000 Einwohnern liegt praktisch direkt vor uns. Easy going, ganze neun Kilometer, werde ich mich motivieren. Und im Regal von Pilgern für Pilger fand sich zudem ein superleichtes Paar Sandalen, die werden nirgendwo drücken und Luft ist wichtig für meine Füße. Ursel heftet sich an meine Fersen und ich eile wie auf Wolken vorweg. Halte an, wenn der Abstand zu groß wird. Die Sonne brennt wieder mit 37°. Der Wind fährt mir sacht durch die Haare. Ach, ist das Leben schön! Ja, an diesem Morgen denke ich es voller Inbrunst!

Vor Logrono liegt der eindrucksvolle, riesige Friedhof. Wir sind früh dran und besichtigen ihn. Ich esse meine zweite Banane und behalte das Tor im Auge, ob vielleicht dort jemand vorbeigeht. Die Stadt erwartet uns mit einem begeisternden Panorama. Atemlos stehe ich am grünen Fluss und schaue in alle Richtungen. Ist das schön! Überhaupt alles hier.



 Als wir endlich die ansteigende Straße zur Herberge erklommen haben steht dort ein Reisebus quer. Mit knipsenden Japanern. Und kaum kommen wir in ihre Nähe stürzt sich die Reiseleiterin auf uns. Ob wir "originale" Pilger wären? Und bitte die Straße noch einmal so hochkommen könnten wie eben gerade? Es hätten noch nicht alle fotografieren, bzw. filmen können. Schnell werden die restlichen Reisenden aus der Hotelhalle gerufen. Ursel stößt einen bösen Fluch aus. Höre ich da etwas wie: "Verfl….. Jap..?" Nein, sicher nicht!


Natürlich gehe ich wieder nach unten. Und komme strahlend wie vorher nach oben, zur Begeisterung der Meute die mir größentechnisch gerade so bis zu den Achseln reicht. "Jeden Tag eine gute Tat, wie bei den Pfadfindern", sage ich. Ursel motzt. Das tut sie überhaupt immer. Aber in meinem Höhenrausch fällt es mir zuerst gar nicht auf. Wir sind viel zu früh! Es wird noch geputzt. Aber wir werden unseren nervigen Ballast los. Und setzen uns in eine Bar. Ja, das kann ich jetzt, denn in der Tasche meiner Fleecejacke fand sich seltsamerweise ein zusammengefalteter Geldschein. Wie der da wohl hingelangt ist?! Die Sonne scheint mir auf die geschlossenen Augen. Ich habe die Beine hochgelegt und lasse Ursel aus ihrem Leben erzählen. DDR. Und nicht einfach. Daher wohl die Verbitterung.


Ich nehme meine Umgebung irgendwie träumend nur wie durch Watte wahr. Als die Kirchturmuhr schlägt erinnere ich mich. Ach ja, ich sitze in Nordspanien und habe noch kein Bett für die Nacht! Das findet sich aber schnell in der mittlerweile geöffneten Herberge. Meine Begleiterin verschwindet sofort im Bett. Mittags? Wer bin ich denn? Ich schnappe mir die Kamera und mache mich auf zur Stadt. Bummle durch die endlosen Straßen.

Stehe vor Schaufenstern. Was ist eigentlich modisch aktuell in dieser Saison? Fast zehn Jahre lang war mir das völlig gleichgültig. Aber jetzt ist irgendetwas anders. Stundenlang ziehe ich durch die Läden. Kaufen und mitschleppen kann ich sowieso nichts, aber anschauen wenigstens. Ein riesig langer Boulevard lädt mich regelrecht ein. Zuerst beide Seiten in die eine Richtung. Dann das Ganze entgegengesetzt. Suche ich unbewusst nach einem bestimmten Gesicht, in dieser großstädtischen Menschenmenge? Sicher ist es so.


Lange sitze ich in der beeindruckenden Kirche mit den unzähligen beleuchteten Seitenaltären. Hat irgendwie etwas von Kirmes, alles so unglaublich bunt und die vielen Glühbirnen! Wird "er" durch die Drehtüren kommen?

Nein, er erscheint nicht. Aber ich summe noch immer vor mich hin: „When will I see you again…“. Sende den Kids eine SMS: "Das Leben ist schön!" Und so empfinde ich es. Die Schmerzen sind jetzt auszuhalten, ich sitze an einem frühsommerlich erscheinenden Abend auf der Plaza, ein Saxophonspieler musiziert neben mir. Es ist warm und der leichte Sommerregen vertreibt im Süden niemanden. "Die Leichtigkeit des Seins, heute habe ich sie gefunden", schreibe ich später in mein kleines Tagebuch. Auch: "Deutschland ist jetzt so unendlich weit weg, mit all' meinen Sorgen!"

Ich gehe noch einmal zurück in die Kirche. Setze mich erneut in die zweite Bank, schaue hinauf zum Altar und sage: "Das hast du gut hinbekommen, ich danke dir! Dass ich diesen Weg gehen kann. Überhaupt für alles, was ich hier fühlen und erleben darf!"


Es kühlt ab, auf 16°. Betont langsam schlendere ich zurück.

Am Morgen breche ich auf, gen Najera. Und wenn Gott will, so...



Eine Liebesgeschichte... Kapitel 15 

Gibt es Höllenritte, ganz ohne Pferd?

Dieser Tag ist so einer. Schon am Morgen gießt es wie aus Kübeln, über Nacht hat es sich eingeregnet. Meine Begleiterin - nun, alles wie gehabt. Das hebt nicht gerade meine Stimmung. Mensch, ist das eisig. Hatte ich nicht Spanien gebucht, statt der Arktis? Dagegen hilft nur ein beschleunigtes Tempo. Und ich renne, als ginge es um mein Leben. Bis ich vor einer Kreuzung stehe. Wer? Wo? Und wie? Wieder einmal gelbe Pfeile in alle Richtungen. Und jetzt? Auf einem Fels am Weg vertilge ich meine letzte Banane, als endlich die Gefährtin eintrifft. "Hör zu Mädel, laut Wanderführer bleiben uns zwei Möglichkeiten.“ Sie folgt mir. Ganz freiwillig.



Und wie die meisten anderen Pilger landen wir flugs auf der A 120, frisch im Bau. Überall Teerwalzen und Bauarbeiter. Leicht irritiert frage ich nach. Ja, wo ist er denn nun, der Camino? "Aqui!" Aha. Alles klar. Ich heize los, springe wie ein Hase zwischen Planierraupen und Baufahrzeugen hin und her. Das muss wohl so sein. Niemand sagt etwas. Ich stelle mir gerade eine ähnliche Situation in Deutschland vor...




Auf einer der nagelneuen Brücken gabelt sich der Weg. Eine Gruppe - offensichtlich Schulkinder an ihrem Wandertag - nähert sich mehr oder weniger nörgelig. In ihrem Schlepptau endlich Ursel. Wir betreten den "normalen Jakobsweg", der hier aus schwerem, rotem Lehm besteht. Pfui Teufel, die Stiefel bleiben kleben als stecke man in Kleiboden. Der Dreck spritzt bis hoch zu den Knien. Und mit jedem Schritt vervielfältigt sich das Schuhgewicht.

Das ist meine Sache nicht! Ich entscheide mich an einem Hang hinab zu gleiten und mich zurück auf die Autobahn zu begeben. Was Ursel vehement ablehnt. Weg bin ich. Besonders gut war die Idee nicht. Mir bleiben ein paar Zentimeter des  linken Standstreifens der hier schon gut genutzten  Autobahn. Es gießt, als wäre eine neue Sintflut ausgebrochen. Und jeder LKW der an mir vorbeifährt überschüttet mich mit einer Dusche, als befände ich mich in einer Auto-Waschanlage. Mir klappern vor Kälte und Nässe die Zähne aufeinander! Jeder Windzug reißt mir fast die Stöcke aus den Händen und den Rucksack vom Rücken.

Verdammt nochmal, so leicht lasse ich mich nicht unterkriegen! Schräg gegen den Sturm kämpfe ich mich voran. Ob gehupt wird, geblökt, oder was auch immer: es interessiert mich nicht! Endlich ein Schild: "NAJERA 6 km". Da habe ich schon fast 25 km hinter mir. Na bravo!


Es folgt das Übliche. Ein Gewerbegebiet. Mit einer Fabrik und noch einer. Der nächsten. Ich setze mich erschöpft auf so manche halbhohe Mauer. Hab' die Nase voll! Von Dreck, Kälte, Nässe und Autos. Ich will es warm haben, jetzt, sofort und gleich! Noch ein Laden, noch einer, wieder eine Werkstatt. Dann beginnt die Vorstadt, das kenne ich allmählich. Und endlich liegt die Altstadt vor mir.

Die Brücke überspannt den grünen Fluss. Laut Wanderführer geht es dahinter nach links, eine Weile an ihm entlang. Jetzt nochmal nach rechts! Na endlich, da ist sie, die Pilgerherberge!! Allein: Das Teil öffnet erst um 14.30 Uhr. Und jetzt ist es noch vor 13 Uhr. Sakra, gibt's denn sowas?! Fluchend stelle ich fest, dass es nicht die geringste Möglichkeit gibt, mich unterzustellen. Nicht das allerkleinste Fitzelchen von Vordach aber auch! Das hebt meine Stimmung extrem. Jetzt reicht's mir! 

Zurück zur Altstadt. Ein prüfender Blick. Wo brennt Licht? Ah, da ist eine Bar. Todesmutig stürme ich hinein und rufe allseits: "Buenos dias" in die erstaunte Runde. Und es ist mir absolut gleich, ob ich damit die richtige Vokabel für die Tageszeit getroffen habe. Ein Dutzend spanischer Machos hängt an der Theke und ich schreite sie ab wie Queen Mum persönlich. Zwölf offene Münder!

Aus der Theke wähle ich Kuchen. Und schütte heißen Milchkaffee in mich hinein. Der „gefundene“ Schein macht solche Annehmlichkeiten möglich. Danke Guy, denn mir ist klar, wer da mein Nikolaus war. Nun genieße ich den ungewohnten Luxus! Auf dem riesigen Flachbildschirm laufen aktuelle Musikvideos. Niemand schaut hin. Ich sitze an meinem Tisch, wippe mit einem Fuß, schicke eine SMS heim, trage ins Tagebuch ein und genieße die allgemeine männliche Aufmerksamkeit. Nein, ich habe keine Angst mehr. Weder vor Hunden, noch vor Männern...


Als ich später zum zweiten Mal die Herberge erreiche erzählt mir Ursel, dass sie ein Auto angehalten hat und sich bis vor die Herbergstür hat bringen lassen. Mit dieser Masche hätte sie schon immer Erfolg, erklärt sie. Spontan bemerke ich Mordgelüste. Fast einunddreißig Kilometer weit bin ich heute gegen Sturm und Regen angelaufen und muss mir sowas anhören?! Sie hat natürlich ein Bett abacho und ich (zunächst) oben...

Lena die große Hamburgerin sagt ich fotografierte doch so gern, ich solle mal zu den Sanitärräumen gehen. Was es denn da abzulichten gäbe, frage ich. Sie grinst und sagt geheimnisvoll: "NICHT gibt!" Also mache ich mich auf den Weg. Und stehe entgeistert vor nackten WCs, ganz ohne Sitzauflage. Was nicht da ist, kann nicht schmutzig werden oder kaputt gehen. Interessiert mich das noch? Ich bin jetzt seit fast zwei Wochen unterwegs und glaube schon fast alles gesehen zu haben (ach, wie naiv bin doch!)...



Die ganze Herberge ist eine Art rechteckiger, kahler, überdimensionaler Pilgergarage, mit nur schmalen Kippfenstern unter der Decke. Alles dampft in der Nässe der Sachen die um die Bettenhölzer herum drapiert sind, der feuchten Socken und qualmenden, lehmigen Stiefel. Hat was von Terrarium irgendwie oder Tropenhaus. Mit vielen äußerst schlecht gelaunten Reptilien. Äh Pilgern, meine ich natürlich. Interessiert mich das?! Es sind nur noch ganze 583 km bis Santiago. Nur das zählt!


Ich weiß, dass Guy irgendwo vor mir läuft.

Aber, dass mir nun jemand noch völlig unbedarft per Bus folgt,

der mein ganzes Leben auf den Kopf stellen wird, das ahne ich nicht...




Eine Liebesgeschichte... Kapitel 16

Der Regen schlägt in dieser Nacht genauso gegen die Scheiben wie am Tage.

Und am Morgen ist das Wetter auch nicht besser. Selbst die unzähligen Störche hängen verdattert in der riesigen, roten Felswand hinter dem Ort als warteten sie darauf, dass man ihnen Regenschirme brächte. Mein monströses Regencape kommt also erstmalig zum Einsatz. Daheim hatte ich es ausgepackt um "anlegen in voller Montur" zu üben. Wo war denn vorn? Und hinten? Es ist ein aufwendiges Teil, speziell auf Träger von großen Rucksäcken zugeschnitten und nennt sich "Kraxenponcho". Genauso ulkig wie das Wort klingt, sieht man mit dem Ding auch aus.

Bei der Generalprobe setzte ich also den ausgestopften Rucksack auf, sortierte dieses Dreimannzelt ungefähr in die richtige Richtung, erwischte mit dem Kopf auch tatsächlich die Kapuze - und das war es dann auch. Ich zog, zerrte und wurschtelte vergeblich. Das Biest ließ sich nicht über den Buckel ziehen. Also von vorn das Ganze. Cape runter, erneut hoch, Kopf in die Kapuze, Arme in die Ärmellöcher, Schwung und - Schweißausbruch! Nein, das ging gar nicht! Ich entledigte mich sämtlicher Teile, trank einen Kaffee und ging die Sache strategisch an. Gaaanz ruhig!


Leider versuchte ich diese Lösung im engen Flur meiner 25qm-Wohnung vor dem Spiegelschrank und es war eine echt akrobatische Leistung überhaupt dermaßen bepackt dorthin und wieder weg zu kommen. Wer gern schwitzt (das Thema Saunahosen = Regenhosen von Tchibo gab‘s ja schon), kann das auch mit so einem Ganzkörper-Überzug versuchen. Die Wirkung vervielfacht sich garantiert! Ich verschob den weiteren Versuch auf den nächsten Tag, um erst wieder zu Kräften zu kommen. Und kam am Abend darauf, es andersherum zu probieren. Also Poncho erst nach hinten werfen, dann über den Kopf ziehen und nach vorn abrollen. Ach, so einfach ging das?!

Wieder hangelte ich mich vor den Flurspiegel. Na prima. Ich sah ungefähr aus wie ein explodierter, buckliger Zwerg aus dem Märchen. Es fehlte nur noch ein Laternchen in der Hand. Aber der moderne Pilger trägt ja Stirnlampe. Ich knipste ein Foto. Enkelzwerge müssen schließlich auch mal herzhaft lachen können über ihre Omis...


Um mich nicht ganz in Schweiß aufzulösen, hatte ich an diesem 27. April einen Teil der Wanderhose abgezippt. Grandiose Idee bei 14° und eisigem Wind. War das kalt! Nun ja, einundzwanzig Kilometer würde man irgendwie überleben in dieser Wurstpelle! Der Weg zog sich wie immer. Schotterpisten, am Ende schier endlose Industriegebiete. Wo ist die Herberge? Langsam hab' ich‘s drauf. Meistens dort, wo der Kirchturm steht! Denn logischerweise gehörten Pilger und Kirchen schon immer  zusammen.

Dass es ordentliche Hinweisschilder gibt erleichtert die Angelegenheit. Was wir antreffen ist die älteste Herberge am ganzen Jakobsweg und ein wenig sieht sie auch so aus. Der Hospitalero scheint nur unwesentlich jünger zu sein und brüllt herum. Also zart besaitet sein darf man da nicht sein. Ich bin ihm fast schon entkommen, da erwischt mich ein Schrei: "Botas, aqui!!" Jaja, ist doch schon gut, ich höre noch recht ordentlich für mein Alter... 




Einhundert Betten! Das ist eine Menge! Eingeteilt in Form einer Art Viererkojen und mit halbrunden Trennwänden abgegrenzt. Öfter mal was Neues. Wenigstens keine quietschenden Doppelstocks, das hat was. Ich hab‘ auch bald was, nämlich eine ordentlich dicke Beule. Das WC-Becken steht so unglücklich unter einem Dachbalken, dass man dort mit dem Hinterkopf anschlagen muss sobald man sich niederlässt. Sehr durchdacht also diese alten Räume. Merkwürdigerweise behält man diese Falle selbst beim  zweiten Mal noch nicht in Erinnerung. Erst der dritte "Anschlag" ist endgültig erzieherisch!

Auch die Überdecken sehen aus, als hätten sie schon weitaus bessere Tage, dafür aber ewig kein Waschwasser mehr gesehen. Igitt, schnell falte ich sie zusammen und lege sie unters Bett. Nichtahnend, wie sehr ich mich eine Nacht weiter noch nach dieser Luxusherberge zurücksehnen werde… 


Erst einmal plündern Lena und ich einen spanischen EROSKI. Wir haben festgestellt, dass wir in Hamburg ganze fünf Kilometer auseinander wohnen. So ein Zufall! Ich mag sie sofort. Obwohl sie locker meine Tochter sein könnte, hat sie etwas Beschützendes an sich und ich fühle mich wohl mit ihr. Neben der riesigen Lena sehe ich richtig klein aus, dabei bin ich immerhin 172cm lang. Wir kochen das Übliche: Nudeln mit Soße. Und in jener landet alles was wir so haben. Also im Prinzip so eine Art tägliches Üeberraschungsei, mit wechselndem Inhalt. Ursel isst wieder gern mit, beteiligt sich aber nicht an den Kosten, an der Arbeit ohnehin nicht. Langsam aber sicher platzt mir der nicht vorhandene Kragen! 


Die berühmte Kirche in Santo Domingo de la Calzada mit dem sogenannten Hühnerwunder ( https://de.wikipedia.org/wiki/H%C3%BChnerwunder ) will sie nicht besichtigen, denn das kostet Geld ( obwohl sie es hat ). Bei ihr zählt nur "umsonst". Ihre ganze Ausrüstung hat sie geliehen und ist stolz darauf nicht einmal einen Wanderführer gekauft zu haben. Als ich frage wie sie denn ohne zurechtkommt antwortet sie dreist: "Anderen habe ja welche, irgendein Dummer findet sich immer!" Natürlich ist Madame heute wieder per Auto angereist, gänzlich ohne ein Wort spanisch. Die Masche "arme alte Frau", funktioniert auch per Pantomime. Und sie kann herzhaft darüber lachen, anderen die brav gelaufen sind das Bett wegzunehmen. Wer zuerst da ist mahlt nun einmal zuerst, das ist das Prinzip.


Man ahnt, es braut sich etwas zusammen. Lena und ich kommen gerade aus der Kirche zurück, als ich sehe, wie das Faultier in meinem "Rother" blättert. Und offensichtlich auf Krawall gebürstet ist. Warum ich eigentlich auf dem Camino unterwegs wäre, fragt sie. Ich erkläre ihr, dass ich ein Gelübde abgelegt habe nach Santiago zu gehen. Noch habe ich es nicht ganz ausgesprochen, da verspottet sie mich. Und lacht wiehernd über den Gedanken jemandem ein Versprechen zu geben, der gar nicht existiert.

Da reicht es mir endlich! Ich bin ein äußerst geduldiger und belastbarer Mensch. Akzeptiere selbstverständlich jede andere Religion. Und wenn ein Mensch an gar nichts glaubt, ist das auch völlig in Ordnung. Aber verhöhnen lasse ich mich und meinen Glauben nicht! Ich reiße ihr mein Buch aus der Hand, nehme auch meinen Stift an mich und erkläre ihr: "Ab morgen kannst du dir andere Dumme suchen, mit mir läuft das nicht mehr!" In mein Tagebuch schreibe ich was mir eine Mitpilgerin daraufhin gesagt hat:

 
"Befreie dich unterwegs von Mühlsteinen, sonst begegnen dir keine Engel mehr!"

Das muss ich gerade noch rechtzeitig richtig gemacht haben, denn...



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PS: Ich hänge wieder nach mit lesen, kommentieren, antworten, etc. 
Schon wieder Migräne, da fehlen mir dann leider komplette Tage...