Dienstag, 1. März 2016

Die Vergangenheit lebt

... oder ist sie für alle Zeit begraben wie unter dem Staub Herculaneums? Wieder wird es Frühling. Heute haben wir den 1.März. Alle Erinnerungen steigen auf. An das Leben. Träume. Lachen. Licht. Und Dunkelheit. Bald werde ich wieder losgehen. Einen ganz anderen Weg. Doch das Ziel ist kein anderes als damals. Stundenlang telefoniere ich mit einem Freund vom Camino. Dem ich mich besonders verbunden fühle. Wir verstehen uns ganz ohne Worte, obwohl viele fallen. "Der Weg ist das Ziel". Oder andersherum: "Das Ziel ist das Ziel"? Wir sind uns einig wie immer.

In wenigen Wochen werde ich wieder vor dem riesigen vergoldeten Altar der Kathedrale von Santiago stehen. All' der Prunk und Protz wird mich nicht interessieren. Nur die Vergangenheit. Die Erinnerung an jene Menschen, die mir Wegbegleiter waren / wurden im letzten Jahrzehnt. Mit denen ich in Wanderstiefeln die heiligen Hallen betrat. Ernst. Oder (wie beim ersten Mal) strahlend. Ich war in diesem Moment eine Königin. Die gesiegt hatte über alles, was diese Ankunft scheinbar hatte verhindern wollen. Stand nun da, mitten im Pilgergottesdienst. Umgeben von Freunden des Weges, die aus vielen Bänken winkten. Es war einer der glücklichsten Momente meines Lebens. Und bald darauf einer der traurigsten. Beides gehört auf immer untrennbar zusammen, wenn ich erneut die schweren, knarrenden Tore der Kathedrale erneut öffnen werde, so Gott will...




Eine Liebesgeschichte... (Kapitel 5)

Von Liebe kann an diesem eiskalten Morgen, dem 18. April, weiß Gott noch keine Rede sein...

Ich habe kaum geschlafen. Alles tut mir weh. Ich hasse es eingezwängt zu sein im Schlafsack. Daheim lasse ich immer einen Fuß aus dem Bett hängen. Das ging aber nicht in dieser monströsen Eiskiste. Wie hab' ich gefroren! Und mir irgendwann sogar die Mütze aufgesetzt. Wie spät es da war? Keine Ahnung, ich trag' ja keine Uhr. Wie spät es ist als sich gregorianische Gesänge in mein Ohr drängen ist allerdings schnell klar, denn meine belgische Bettnachbarin, die mir am Abend noch ihre Lebensgeschichte erzählt hatte, erklärt: "It's 6 o' clock. Time, to start!" Und der Schein ihrer Stirnlampe leuchtet mir voll in die noch schmalen Augen...

Sind die denn alle wahnsinnig? Rennen wie die Wilden hin und her, rascheln mit Plastiktüten, ich komme mir vor als läge ich mitten in der Fußgängerzone einer deutschen Großstadt! Und die Intensität der Musik vom Band steigert sich auch. Wie ist denn das werte Befinden? Man könnte mal versuchen sich aufzurichten... Plong! Spanische Doppelstockbetten sind niedrig, müssen für Kinder gemacht sein. Und trotz kurzgeschorener Pilgerfrisur hänge ich mit meinen Haaren in der stark durchhängenden, metallenen Federkonstruktion vom Oberbett fest. Das ist allerdings rein gar nichts gegen den Schmerz in Schultern und Nacken, Schenkeln, Waden und im Magen. Rasant humpelnd durchquere ich den Saal und stolpere die Steinstufen zu den Sanitärkatakomben hinunter. Sämtliche WCs sind verrammelt, die Waschbecken zum Teil doppelt besetzt. Es bleibt nur eine Duschkabine. Schwallartig übergebe ich mich, würge, bis nur noch ein Reflex da ist. Der Tag fängt gut an!


Verdammt, diese Reaktion meines Körpers verfolgt mich seit frühester Kindheit. Und ich werde sie nicht los. Sobald ich angespannt bin setzt das ein. Und immer muss ich dabei ans Waisenhaus denken, wo man nicht aufstehen durfte und vor dem nicht leer gegessenen Teller sitzen bleiben musste, bis... Und das wurde erst recht gegessen! Sollte so sein, jedenfalls. Wer jammerte oder schrie bekam einen heftigen Schlag in den Nacken. Ich erhielt nie auch nur einen einzigen. Denn ich saß stumm da, die Augen voller Tränen. Aber ich weinte nicht und gab keinen Ton von mir. Das hatte ich in langen, quälenden Jahren daheim beigebracht bekommen. Denn wenn man klagte wurde es nur schlimmer, das hatte ich rasch begriffen.

Auch an diesem regnerischen Morgen in Roncesvalles gebe ich keine Äußerung von mir. Ich wasche mich, putze die Zähne, als die meisten Pilger schon fort sind. Laufe in Schlappen auf den Fersen, das geht ganz gut. Über Nacht hat sich die große Wunde unter dem rechten Fuß etwas geschlossen. Alles wird besser, daran glaube ich fest. Normalerweise hasse ich Hagebuttentee. Den gab es immer in den Heimen! Aber an diesem kalten Morgen wärme ich meine Hände an dem heißen Becher und schlürfe Schluck um Schluck das rote Zeug mit viel süßem Zucker. Sorgfältig verbinde ich die Füße. Unten im Regal "von Pilgern für Pilger" lag noch Verbandsmaterial, das habe ich vorsorglich an mich genommen. Von dem Kram werde ich noch pfundweise brauchen und dafür mehr Geld ausgeben müssen als für‘s Essen. Aber davon weiß ich noch nichts, als ich an diesem dunklen Morgen den Rucksack aufsetze mit einem unterdrückten Schrei.

Ich bin die Letzte die loszieht. Hinter mir werden die Tore geschlossen. Wo geht es lang? Ah, da ist ein Schild. "Santiago de Compostela" steht darauf. Und die noch zu bewältigende Entfernung: "790 km". Ich schleiche mühsam daran vorbei. Wenn mir in diesem Moment jemand sagen würde: "In wenigen Monaten wirst du erneut hier stehen", ich hätte wohl nur müde gelächelt.  Aber es wird so sein...


Doch fünf Monate zuvor da bin ich nur riesig froh, dass es flach dahin geht. Fast wie daheim. Und überall finden sich Schilder mit gelben Pfeilen. Ach, wie locker ist ein Kilometer gegangen! Die Ängste der Nacht waren unangebracht. Und im Wanderführer steht zur Etappe auch: "Einstufung mittelschwer!" Na dann...
Es bleibt eben. Wie schön! Zweiundzwanzig Kilometer sollen es heute sein, dann werde ich das Tagesziel locker erreichen. Fast schwebe ich dahin. Sandwege, Asphalt. Darauf lassen sich die Stiefel knapp über den Boden ziehen. Den Schmerz muss man eben ignorieren! Nach drei Kilometern erreiche ich den ersten Ort: Burguete. Idyllisch ist das hier, alles gepflegt, wie in einem Kurort. Plötzlich höre ich Stimmen. Vor einer Bar sitzen etliche Pilger, Rucksäcke stapeln sich. Was für ein Lärm, nichts wie weg. Menschen sind mir ein Graus. Am Ende würden sie noch mit mir reden wollen...


Die gelben Pfeile sind versteckt, ich verlaufe mich. Die Schildchen sind manchmal unscheinbar klein und oben an Häusern angebracht. Ich werde besser aufpassen müssen! Hinaus aus dem Ort geht es mitten durch einen weiträumigen Bauernhof. In einem offenen Stall steht brüllend ein zitterndes Kälbchen. Ich trete näher und rede mit ihm. "Bist du auch so allein wie ich?" Es schreit nicht mehr, hört mir zu. Fast sieht die Landschaft aus, wie im Allgäu. Ach, so lässt es sich aushalten. Keine Steigungen, Berge. Es könnte direkt ein Park sein, man muss nur daran glauben...

Nett vom Schicksal, dass es mich den Tag so beginnen lässt. Ich schöpfe Hoffnung und das ist es was der Mensch braucht um Mut zu haben. Und den habe ich, mit jedem Meter mehr. Sonnenschein, wie schön! Irgendwann sitze ich unter einem Baum, trinke frischgezapftes Brunnenwasser und sehe andere Pilger vorbeiziehen. "Buen Camino", rufen sie, was so viel wie "Guten Weg", bedeutet. Und ich rufe es zurück. Sie sind in ihrer Welt und ich bin in meiner. Aber sie sehen es mir nicht an und ich bin mir dessen auch überhaupt (noch) nicht bewusst.


Nach der sanften Einstimmung wechselt die Landschaft. Es wird sehr wohl steil und brütend heiß. Die Wunden schmerzen als lägen Rasierklingen im Schuh. Im Kopf summt es, ein Kreislaufkollaps ist nah. Das angedachte Etappenziel werde ich unter diesen Umständen kaum erreichen, das ist mir ziemlich schnell klar. Die nächste Herberge ist meine! Doch wo fände sie sich bloß? Ich muss wieder alle paar Meter stehenbleiben. Schleppe mich entlang einer "richtigen" Straße nach Biscareta hinein. Die Rettung! In den steinernen Viehbrunnen tauche ich die Arme ein, benetzte das erhitzte dunkelrote Gesicht und fülle die Wasserflasche.

Eine spanische Bäuerin mit Kopftuch, Kittelschürze und schwarzer Strickjacke, führt eine rote Kuh über die Dorfstraße. "Donde es el Albergue de peregrinos?" frage ich mutig. Sie schüttelt den Kopf. No Albergue! Sie weist gen Westen und knurrt: "Zubiri!" Ich kann aber nicht mehr. Es geht einfach nicht, so sehr ich auch will. Mit dem Brunnenwasser wasche ich mir die Tränen ab, damit sie niemand sieht. Ich habe erst elf Kilometer geschafft. Nochmal so weit werde ich nicht mehr hinbekommen! Verzweifelt suche ich im Dorf nach Hinweisschildern. Dann bin ich schon hindurch. Am Ortsausgang findet sich eine kleine Tienda. Eine Weile liege ich erschöpft in deren Schatten. Meine  autistische Seite hält mich selbst in Deutschland davon ab Läden zu betreten die ich nicht kenne. Es kämpft in mir. Aber ich kann nicht!! Aus dem Getränkeautomaten davor ziehe ich eine kalte Cola und stürze sie hinunter. Immerhin…


Ich muss weiter, ob ich will oder nicht. Ab jetzt ist es purer Kampf. Steil. Ein neuer Pass wartet. Nur 922 m hoch, aber das reicht. Ich weine, weil niemand da ist der mich sehen könnte. Lasse mich irgendwo an einem dieser unzähligen Hohlwege fallen und schlafe direkt daneben ein. Ende, aus, ich kann jetzt nicht mehr und mir ist auch für eine Weile alles egal. Dennoch rapple ich mich irgendwann hoch. Hier kann ich nicht bleiben, es könnte Schlangen geben – die sind mein absoluter Alptraum!
Irgendwann stehe ich vor einer Felsplatte. Nein, besser: es ist ein riesiger Stein, ganz glatt, nirgendwo ein Halt. Wie kommt man da hinunter? Der Angstschweiß perlt, aber ich komme heil unten an. Von anderen Pilgern höre ich später, dass dort viele gestürzt sind und Lena, auf die ich bald treffen werde, hat sich dabei ihre Hose zerrissen...

Weitere Hohlwege. Matsch und Geröll, alles lose. Wie spät ist es? Wie weit ist es noch? Kein Mensch außer mir scheint in diesem Wald zu sein. Was wäre denn wenn ich stürzen und mich verletzen würde? Tja, dann würde ich wohl so da liegen bleiben... Die Oberschenkel und Waden krampfen. Mir fällt der dämliche Satz von Helge Schneider ein: "I break together." Ist das doof, aber genauso fühle ich mich! Plötzlich Autogeräusche, eine Straße ist zu überqueren. Und da steht ein Schild: ZUBIRI 6. Das werde ich doch wohl hinbekommen! Noch ist es hell.

Ich klammere mich an meinem einzigen mittlerweile leicht verbogenen Stock fest. Zähle die Schritte. Immer zwanzig, dann darf ich für einen Moment stehenbleiben. Nochmal zwanzig. Und wieder. Irgendwann ein neues Schild: Zubiri 4. Ich heule inzwischen laut, wie ein Wolf. Es ist eh keiner da. Ich bin die Letzte. Und werde vermutlich kein Bett mehr bekommen. Die Herberge ist äußerst klein und sehr beliebt. Wegen Waschmaschine und Internet. Ist mir alles völlig schnurz. Ich möchte nur unter einem festen Dach liegen. Eine Tür soll geschlossen sein. Die Schlangen sollen in der Natur bleiben...

An einem längst verlassenen Bauernhof komme ich vorbei. Eingebrochene Decken, zerschlagene Fenster, Geröll im Stall. Aber zur Not... Da würde ich in einer Ecke auf den Steinen... Soll ich auf-geben? An eine Gedenkstätte denke ich, die ich heute am Wegesrand erschüttert gesehen habe. Ich wusste, dass es in jedem Jahr Tote auf dem Jakobsweg gibt. Aber an möglicherweise mich selbst hatte ich dabei eher weniger gedacht. Jetzt wird mir allmählich klar wie schnell das gehen könnte, wenn das Herz ein wenig aus dem Takt gerät...



Es dürften nur noch zwei Kilometer sein. 2000 Meter. Wie viele Schritte sind das? Ich kann nicht mehr rechnen. Nicht einmal mehr denken. Wann habe ich denn zuletzt etwas gegessen? Ach ja, den Riegel Schokolade im Abstieg nach Roncesvalles. Das muss mehr als 26 Stunden her sein. Irgendwo kläfft ein Hund. Die Bäume werden allmählich lichter. Ich sehe schemenhaft in der Ferne einen Ort. Das muss Zubiri sein. Während ich versuche, die letzten Kräfte zu mobilisieren, bete ich. "Wenn es irgendwie möglich ist, lass' mich ein Bett finden. Nur heute. Morgen werde ich draußen schlafen, wenn du es denn so willst. Doch nicht jetzt. Bitte, bitte!" Noch 1000m sind es bis zur "Puente de la Rabia", der gotischen Tollwutbrücke. Die anvisierte Herberge soll direkt danach das erste Haus auf der rechten Seite sein. Und ich sehe von oben schon das Schild: "Albergue". Halb falle ich, halb stürze ich mich vorwärts und zur Tür hinein. "Una cama para una peregrina?" Der dicke, spanische Inhaber grinst. "Si!"

Während er fragt, schreibt und stempelt, liege ich vor dem Tresen, ziehe die Stiefel aus. Der Geist ist willig, aber der Körper über 50 Jahre alt... Mein Bett ist oben. Wie soll ich mit meinen Verletzungen da hinkommen, über die Leiter, mit den schmalen, runden Metallstangen? Alles egal. Ich ziehe den Rucksack auf dem Boden entlang in das winzige Zimmer. Setze mich zwischen die vier Doppelstock-Betten, an die Wand angelehnt. Später werde ich duschen. Und dabei auch sitzen, mit dem Kopf an der Wand. Aber heißes Wasser wird auf mich herabrinnen. Herr, ich danke dir!!
Bloggen werde ich an diesem Abend. So bescheiden ich es eben kann. Internet und Blog sind noch Neuland für mich... An meine Kinder denke ich, die mich zum Bus brachten und mir ihre Liebe auf den Weg mitgaben. Sie sollen wissen, wie es mir geht. Ich will sie nicht enttäuschen! Bin zu fertig, um mich zu freuen. Aber ich habe jetzt neunundvierzig Kilometer von achthundert geschafft. 


"Ich gebe nicht auf - alles wird gut, es muss einfach!" so schreibe ich an diesem Abend. Ich werde mich über die Stahlrohre ins Bett quälen. Und schon bald danach wieder hinunter. Der Magen wird krampfen und ich werde meinen Kopf über die WC-Schüssel beugen, um mich zu übergeben. Ich werde an mir, dem Weg und an allem zweifeln und am Ende auf der schmalen Holzbank liegen, die zur "Bayernzelt-Garnitur" im kleinen Aufenthaltsraum gehört.
Der Rother-Wanderführer sagt, bis Pamplona wären es 20 km. Unmöglich für mich zu schaffen, das ist mir klar! Dazu bräuchte es schon einen Engel, der müsste mich unterwegs tragen. Und irgend so etwas murmle ich wohl in dem Halbschlaf der mich heimsucht. Dabei ist er schon da, heißt Karl, ist Berliner Architekt und schläft im Nebenzimmer - wir wissen nur noch nichts voneinander... 

Er war am Vortag schon da, hatte sich ausgeruht, seine Wäsche gewaschen und in den Hof gebracht, gegessen, geschlafen. Und war losgewandert gen Pamplona. Erst dort, in der Herberge, fiel ihm auf: die gesamte Wechselkleidung hing noch in Zubiri auf der Hofleine! So setzte er sich in einen Bus und kehrte zurück. Er dürfte also eigentlich gar nicht da sein, aber er ist es durch diesen "Zufall" (?). Am Morgen steht er vor meiner Bank. "Na Kleene, wie siehst du denn aus? Bist hinne, wa? Det sieht man! Soll ick dir zu `nem Medico bringen? Nee? Nach Pamplona willste? Det wird 'nen heißer Ritt, det kann ick dir sagen! Na, denn pack ma deine Klamotten. Ick warte uff dir!!"

Sch..sstag. Hitze. Gewerbegebiete, Fabrikgelände. Karl textet mich zu mit seiner Lebensgeschichte, der seines ebenfalls unverheirateten Bruders und vom gesamten Rest seiner skurrilen Familie, inbegriffen der Flöhe des Hundes von der Nachbarin der Tante seines besten Freundes – oder war es der Onkel? "Schade", sagt er, "du bist zu jroß! Ick hatte eijentlich jehofft, nen nettet Frauchen zu finden, uff 'em Weg!" Schlagartig richte ich mich auf, werde spontan noch zehn Zentimeter größer. Sowas fehlt mir gerade noch! Ich bin kein nettes Frauchen, sondern das pure Gegenteil. Davon bin ich ganz fest überzeugt!!

Wir erreichen Pamplona. Mehr schlecht, als recht, aber immerhin. "Uff dir jebe ick ke'en Pfifferling", sagt Karl, der weiterzieht. "Et jibt Leute, die jehören einfach nich uff so'n Camino..."

Wochen später werden wir uns unverhofft wiederbegegnen. Da tanze ich gerade mit einer Gruppe junger Brasilianer in einer Bar am Weg, in die er hineingeschleppt wird von seinem Weggefährten. Er erkennt die Frau zunächst nicht, deren Haar hell und deren Haut braun geworden ist von der spanischen Sonne. Sie wiegt schon 10 kg weniger, hat die Ärmel aus ihrer Wanderbluse herausgerissen und einen irgendwie leicht wilden Blick in ihren blitzenden Augen. Aber sie, sie erkennt ihn. Und bedankt sich noch einmal. 


"Mensch Mädel", sagt er, "det is ja nich wahr, du bist ja'n echter Phönix aus der Asche!" 
Und das fängt da gerade erst richtig an...





Eine Liebesgeschichte... Kapitel 6

 

Ein Königreich für ein Bett! Abacho, unten also…
       Rita, eine der Hospitaleras, packt mich genau da hinein. Es ist das letzte das frei ist. Sonst gäbe es nur oben. Sie ist eine der unzähligen Freiwilligen, die in jedem Jahr in den Herbergen am Jakobsweg unentgeltlich einige Zeit verbringen um zu helfen. Manche gehen danach selbst ein Stück, andere wollen ausgleichen was sie an Gutem erfahren haben auf ihrem eigenen Camino, manche sind Lebenskünstler,verbringen ihre Zeit auf diese Art (auch über Jahre).

Ich genieße es, deutsch sprechen zu können. Denn die Casa (direkt unten, vor dem mächtigen Mauern Pamplonas) gehört den Paderbornern, "meiner" Jakobusgesellschaft  von der ich einst Pilgerpass und Infomaterial bekommen habe, sowie die große Jakobsmuschel, die als Erkennungszeichen der Pilger an meinem Rucksack hängt. Zusammen, mit den einlaminierten Fotos meiner Kinder, dem Medaillon aus Lourdes, das mir Anton, der Jakobspilger aus Österreich, ein Internetfreund, geschickt hat und den kleinen Gaben meiner Kinder. Einem Armbändchen meiner Tochter, einem Häkelherz von meinem Enkel.

Man sagt, wenn man selbst nicht pilgern kann, so kann es genügen, ein Teil mitzugeben, das Santiago erreicht, damit einem ein Wunsch in Erfüllung geht! Mein Sohn hat sich am Bus den Siegelring des verstorbenen Vaters vom Finger gezogen, das Einzige, was er von ihm noch hat. Er setzt ihn mir auf. Und gibt mir damit eine Erinnerung mit auf den Weg, einen Schutz. Mein Mann wird über mich wachen. Irgendwie begleitet mich das Gefühl...


Ich habe alles, was ich brauche. Nein, weit mehr als das: ein blitzsauberes Bett, Kissen und Decke. Man bringt mir Tee und eine Tasse mit Suppe. Rita redet mir gut zu. Erzählt mir aus ihrem Leben. Wir weinen miteinander. Aber wir lachen auch. Ich habe einen eigenen Stuhl, welcher Luxus. Durch das kleine, alte Holzfenster strömt warme Luft herein. Ich höre das Rauschen des grünen Rio Arga. Und schlafe tief und fest ein...


Als ich erwache, sitzt eine interessante Frau auf dem Nachbarbett. "Where do you come from?" fragt sie mich gleich. Und ich erfahre, sie kommt aus Alaska und ist eine echte Inuitfrau, mit dicken, schwarzen Zöpfen, in einem langen, weiten Rock und mit einem Rucksack aus Seehundfell. Als ich nachfrage, warum sie den Camino geht, antwortet sie mit "Lebenskrise!" Und fragt nach meinem Grund. Ich suche nach der Vokabel für Frührente, aber sie fällt mir nicht ein. Also nicke ich, sage auch: "Crisis."

Die durchnässten Verbände wechsle ich, ziehe die offenen Sandalen an und packe mir den Leichtrucksack mit Wasserflasche, Kamera etc. Ohne Stiefel will ich die von Hemingway beschriebene  Stadt besichtigen. Jetzt ist die Temperatur auf über 35° gestiegen und ich bin plötzlich in den Hochsommer versetzt. Und in eine moderne Großstadt mit 200 000 Einwohnern, auch wenn sie viele alte Gemäuer - außer den gewaltigen Festungsanlagen, unterhalb derer die kleine Herberge liegt - zu bieten hat.


Alles ist riesig und weitläufig. Und von allem gibt es viel zu viel. Ich bin überfordert und fasziniert zugleich. Es ist Sommer, ich bin in Spanien, bummle wie eine Touristin durch die Straßen und über die Plätze. Ein ganz zarter, allererster Hauch von Glück durchdringt mich. Vielleicht wird doch noch alles gut?! Siebenundsechzig Kilometer habe ich nun geschafft!
Der Lärm nervt mich. Überall Menschen und Autos, Geschäfte, Musik, Handys, Trubel. Ich verschwinde in eine ruhigere Nebenstraße. Übervolle Müllcontainer, Dreck in allen Ecken. Ein magerer, großer Hund kommt zu mir, schnuppert vorsichtig an meinen Händen. Zart streichle ich über den kurzbehaarten, schönen Galgo-Kopf. "Leider habe ich nichts, mein schöner Perro", sage ich
und es stimmt. Womit mir einfällt, dass ich nun dringend etwas einkaufen muss. El perro läuft mir noch ein wenig nach, bevor er in eine enge Gasse verschwindet. Ach schade, wenn er gewartet hätte, hätte ich dem armen Hund etwas geben können... 


Hund??? Jetzt geht es mir erst auf... Ich leide doch seit fast 50 Jahren an einer extremen Phobie! Sobald ich nur einen sehe, wechsle ich zuerst den Bürgersteig. Dann die Straße. Was manchmal einen an sich kurzen Weg arg verlängert hat. Wenn in der Wechselstraße eventuell auch ein Vierbeiner... Vor diesem hier habe ich mich nicht gefürchtet. Ich habe ihn sogar gestreichelt. Meine Angst ist fort! Wie ist denn das nur möglich?? Er hatte so seelenvolle Augen...

Wen Jakobus liebt, dem schenkt er auf dem Weg eine Seele, so sagt man. Und ich hatte vor dem Camino noch gelästert: "Bloß nicht! Am Ende ist es ein Hund!" Jakobus muss mich sehr geliebt haben. Denn er schenkte mir weit mehr: Er schickte mir am Ende ein menschliches Wesen. Dem ich auch zu tief in die Augen blicken würde. Weil es die schönsten sind, die ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Weil sie von einer Tiefe sind, in der ich versinken werde. Blau wie das Meer und der Himmel darüber, von dichten, tiefschwarzen Wimpern umkränzt. Und bald werden aus ihnen Tränen über meine Hände laufen und ich werde sie sanft küssen, damit sie wieder lächeln...


An diesem 19. April 2007 bin ich es, die lächelt. Ich habe einen begehbaren Kiosk gefunden, da ist die innere Hürde leichter zu überwinden. Ich entdecke die kreislaufrettende Cola, eine Plastikdose mit Kartoffelsalat und eingeschweißte Würstchen. Der junge Spanier an der Kasse hat freundliche, schwarze Augen. Es ist ein wunderbarer Tag! Aus meinem Rucksack hole ich mein dünnes Mikrofaser–Handtuch hervor, das aussieht wie ein großes Staubtuch, wandere über die Magdalenbrücke und setze mich auf die andere Seite des Flusses, mit Blick auf die kleine, weiße Herberge Casa Paderborn.


Viele junge Familien sitzen um mich herum. Kinder spielen, Hunde toben. Ich denke an daheim, meine Kids und Enkel und empfinde eine tiefe Sehnsucht nach ihnen. Aber wenn sie mich so sehen würden, jetzt per Webcam, so würden sie denken: "Muttern hat's gut! Liegt in der Sonne an 'nem Fluss und genießt die Leichtigkeit des Seins!" Und das tue ich auch, im wahrsten Sinne des Wortes. Kein schwerer Rucksack drückt, die Stiefel stehen unter dem Bett, meine noch weißen Beine schauen aus einer Shorts heraus. Haach...

Wenn es nur nicht so schmerzhaft pochen würde, unter den Füßen! Zurück in der Herberge ereilt mich die traurige Nachricht, dass das Wasser ausgefallen und darum aus der angedachten Maschinenwäsche meiner verlehmten Sachen nichts geworden ist. Ich bin kurzentschlossen und frage nach einer Schere. Damit schneide ich die schöne Jack Wolfskin- Hose unter dem Knie ab und franse sie ein wenig aus. Gefällt mir, hat etwas von "Fluch der Karibik". Außerdem sieht man das Tattoo so viiiel besser, lächelnd vermerke ich es…

An diesem Nachmittag da habe ich ganz unbemerkt begonnen wieder ICH zu sein. Und zu leben. Noch zart, wie der Hauch eines Seidenfadens... Den Rucksack durchforste ich rigide. Weg mit den Leggings, dem Langarmshirt, der Gefrierdose, dem Besteck. Von Pilgern, für Pilger! Jedes eingesparte Gramm zählt!
Dann folgt die Stunde der Wahrheit. Ich ziehe die Wandersocken aus und wickle die Verbände ab. So hab' ich mir das gedacht! Ich konnte ja sehen, dass die Ledersandalen durchweicht waren... Kurze Überlegung, aber es geht nicht anders. Hat Rita vielleicht Jod? Ja, hat sie. Ich entferne rigoros sämtliche abgelöste Haut (nekröses Gewebe nennt sich das beschönigend) bis auf‘s rohe Fleisch, schneide alles ab. Rita sprayt. Schön ist anders! Zur Nacht lege ich neue Verbände an. Bloß kein Wundstarrkrampf, die Tetanusimpfung hab' ich verschwitzt…


Zehn Minuten vor Toresschluss stürzt ein Ehepaar aus Hamburg herein. Am Nachmittag mit dem Flugzeug angekommen. Natürlich, was auch sonst. Sie sind in meinem Alter, sehen kleidungstechnisch aus wie das doppelte Lottchen. Alles identisch und nagelneu. Gleiche Rucksäcke lehnen auch in der Ecke, darauf hatte ich vorher gar nicht geachtet. "Sprechen Sie wenigstens deutsch?" Der Unterton gefällt mir ganz und gar nicht. Wir tauschen Höflichkeiten aus. Die Herrschaften haben noch gut im Restaurant gespeist, sich etwas gegönnt. Ab morgen wird ja alles anders. Man ahne es schon, wenn man diese spartanische Herberge sähe! Na, die werden sich wundern... Und wohl ein paar Gänge zurückschalten müssen, in den kommenden Tagen. Aber sie kommen nicht weit. Genau genommen ganze drei Etappen! 


Heute müssen sie nicht weit, nur nach oben, in die Betten. Was offensichtlich größere Schwierigkeiten mit sich bringt. Endlich liegen sie flach. Ich setze mir die Schlafbrille auf, wünsche allseits eine gute Nacht, stopfe mir das Ohropax in die Ohren und rolle mich ein. Für ungefähr dreißig Sekunden. Dann schrecke ich hoch wegen eines unerklärlichen, sich dumpf wiederholenden Geräusches. Raus mit den Ohrstöpseln! Der Typ oben im anderen Bett hämmert doch tatsächlich wie ein Specht auf das metallene Bettgestell ein. Denn die runde Inuitfrau unter ihm schnarcht laut, einem Eisbären nicht unähnlich, wie der empörte Hamburger bemerkt. Das kann ich nicht beurteilen, ich schlafe so selten im Zoo. Der Herr dagegen scheint Erfahrung damit zu haben. 


Ein spannender Dialog mit zunehmender Schärfe entspannt sich von Oberbett zu Oberbett. Sie: "Gib endlich Ruhe!" Er: "Ja!" Sie: "Hör' jetzt sofort auf damit! Das hält ja kein Mensch aus!" Er: "Hörst du denn nicht, wie dieses lebendige Fass unter mir schnarcht?! Das ist ja nicht zum Aushalten!" Er hämmert wieder. Sie: "Lass' das jetzt sofort nach! Was soll denn die andere Frau von dir denken? Du bist wirklich unmöglich!" Er: "Was ist denn, wenn die auch schnarcht?" Antwort, nun schon ziemlich schrill: "Stopf dir jetzt sofort die Stöpsel in die Ohren, sonst komm' ich dir da rüber!" Damit scheint er schon üble Erfahrungen gemacht zu haben, er folgt nämlich offensichtlich der Anweisung und stopft. 5 Sekunden später: "Das hilft nicht! Es gibt Frequenzen, die durchdringen einfach alles!!" Ich schiebe breit lächelnd meine Ohropax tief in meine Gehörgänge. Himmlische Ruhe!


Fünfundzwanzig heiße, unendliche Kilometer erwarten mich. Ich verirre mich.
Werde mit aufgeplatzten Lippen aus einer roten Pfütze trinken.
  Dem Hospitalero mit einem Kollaps in die Arme fallen.
Aber ich werde ankommen!


Eine Liebesgeschichte... Kapitel 7

Der Morgen ist frisch. Über Nacht ist die Kälte vom grünen Fluss durchs geöffnete Fenster in das Zimmer gedrungen. Es schüttelt mich regelrecht.

Der Raum ist schon leer. Die tapfere Inuitfrau hatte sich im Morgengrauen leise auf den Weg gemacht, ihre wenigen Sachen in das Seehundfell geschoben, die dicken Zöpfe neu gebunden und war verschwunden. Die Hamburger sind lauter. Ehenörgeleien am frühen Morgen. Das braucht kein Mensch. Da waren mir die Vogelstimmen aus dem Garten lieber...
Nun ist es gegen acht Uhr. Deadline, dann muss man die Herberge verlassen. Von Schlaf konnte keine Rede sein. In den Füßen hat es ununterbrochen geschmerzt und gepocht, kein gutes Zeichen. Besser wäre es sicher, wenn... Aber ich habe keine Wahl. Als ich die ziemlich enthäuteten Sohlen auf den Boden setze muss ich laut aufstöhnen. Aber es wird schon gehen, bis Uterga. Es sind nur 17 km. Jede Stunde werde ich pausieren. Mittags am Wegrand schlafen. Die Sonne scheint. Alles ist gut.

Der Schlafsack wird aufgerollt, die wenigen anderen Habseligkeiten packe ich in die dafür vorgesehenen Netztaschen. Mit dem winzigen Kamm fahre ich durch meine kurzen Haare. Schlüpfe in die schweren Stiefel, mit vielen Seufzern. Aber es geht. Im Büro lärmt es. Dort sitzen frühstückende Pilger. 3 Euros, zu teuer. Außerdem kann ich nichts herunterbringen um diese Zeit.
Rita bringt mir einen Kaffee, den trinke ich stehend, an den Türrahmen gelehnt. Seit ich wieder denken kann, ist mir klargeworden, dass ich mich in meiner eigenen Welt befinde. In der es keine anderen Menschen gibt. Sie leben in ihrer lauten, bunten und normalen. In meiner ist es still und schwarzweiß. Ich stelle den Becher in die leere Küche und lasse die schwere Holztür hinter mir ins Schloss fallen.


Tief atme ich draußen die weiche Luft ein. Es blüht plötzlich überall. Ach, wie schön! Die ganze Stadt durchquere ich. Sie belebt sich erst langsam. Die kleinen städtischen Fahrzeuge mit den rotierenden Bürsten sind unterwegs, fegen all' den Dreck hinfort, der am nächsten Tag in gleicher Menge erneut daliegen wird. Manche Bars haben schon geöffnet. Darin sitzen Pilger, deutlich an ihrer Kleidung zu erkennen. Sie lachen und unterhalten sich. Manchmal rufen und winken sie: "Buen Camino!" Dann lächle ich auch und rufe zurück. Gehe weiter. Der Weg zieht sich. Durch die gesamte Innenstadt, entlang großer Ausfallstraßen. Ich laufe mit dem Wanderführer in der Hand. Und übersehe trotzdem einen gelben Pfeil, lande plötzlich in einer der unzähligen Wohnstraßen. Dass etwas nicht stimmt, merke ich ziemlich schnell. Doch was nun? 


In einem der vielen identischen Fenster hängt rauchend ein unrasierter Spanier im Unterhemd und brüllt plötzlich: "Camino de Santiago aqui!". Er weist in eine Richtung. Erleichtert finde ich auf den Weg zurück. Mein Magen meldet sich und da ist gerade ein Obst- und Gemüseladen mit Kisten vor den Schaufenstern, in denen die Ware verlockend aufgestapelt ist. Unauffällig gehe ich ein paar Mal vor ihm auf und ab. Er ist hell und geräumig. Kein Kunde zu sehen. Nur eine Verkäuferin.
Nachdem ich zum fünften Mal an der geöffneten Tür vorbeikomme trete ich schnell ein. Alles wird abgewogen, ich kann mir nichts selbst nehmen, wie schrecklich! Nun stehe ich hinter dem hohen Glastresen und denke verzweifelt nach wie das spanische Wort für Bananen lautet. Irgendwie ulkig klang es. Als ich gefragt werde was ich möchte ist es mir gerade eingefallen. Ich könnte auch einfach darauf zeigen, aber das möchte ich nicht.

"Tres", fange ich leise an, räuspere mich und beginne nochmal: "Tres platanos, por favor! Y uno Coca Cola!" Stolz verlasse ich mit meiner Beute den Laden. Ich kann einkaufen! In einem fremden Laden und mit einer fremden Sprache. Ich hab' 3 Haare auf der Brust, ich bin ein Bär!! Die Früchte sind so grün, wie ich es zuletzt im Senegal an den Bäumen gesehen habe. Und sie schmecken noch holzig, aber sind für mich ein einziger Triumph.

Je stärker der Verkehr zunimmt, desto mehr führt der Weg aus der Stadt heraus und schließlich am parkähnlichen Universitätsgelände vorbei. Überall gut angezogene Menschen. Und ich mit meinen lehmigen Stiefeln und der ausgefransten Hose. Viele rufen: "Buen Camino!" Und ich freue mich. Vor jungen Leuten fürchte ich mich nicht. Auf der anderen Straßenseite sind 2 Pilgerinnen vor mir, aus Norwegen. Eine hat den typischen Pilger-Humpelschritt drauf. Ich bin bei weitem nicht die Einzige...


Sie wollen ihren Weg hier heute beenden, in der Herberge von Cizur Menor. Aber es ist erst kurz nach zehn Uhr, gerade fünf Kilometer geschafft, das ist mir entschieden zu wenig. Da käme ich ja erst in Monaten in Santiago an! Wenn ich geahnt hätte, was mich bald darauf erwarten würde wäre ich sicher auch geblieben. Alles wäre ganz anders gekommen. ALLES! Denn ich wäre anderen Menschen begegnet, hätte in anderen Herbergen übernachtet und wäre nicht an jenem Tag, in jener Herberge, Wochen später, auf ihn getroffen...
Ich ziehe aber weiter. Spiele im noch verschlafenen Ort mit einem kleinen Hund, fülle am Brunnen meine Wasserflasche auf. Eile schnell an den Pilgern vorbei, die im Mini-Park auf den Bänken rasten. Mache mich wieder auf in die Weite der Landschaft, die mich in ihren Bann zieht sobald ich an den letzten Häusern vorbei bin. 


Die Schmerzen sind inzwischen kaum noch zu ertragen und ich muss die Zähne zusammenbeißen. Lasse mir von einem vorbeigehenden Spanier meinen Stock aus dem Rucksack ziehen, auf den ich verzichten zu können geglaubt hatte. Aber es geht aufwärts und wieder auf den schon hinlänglich bekannten Steinen in allen Größen und Formen. Ständig muss man darauf achten, nicht umzuknicken, denn das wär's dann wohl... Mein kleines Rucksack-Thermometer zeigt schon 29° an. Aber ich will nichts ausziehen, weil ich es dann tragen müsste. Und das will ich mir unbedingt ersparen.
Den Marsch über den "Alto del Perdon" gern auch, den 735 m hohen "Berg der Läuterung", und Übergang nach Navarra. Er droht schon vor mir und mit solchen Torturen hab' ich es unter Berücksichtigung meines Zustandes gerade nicht so. Im Zusatzführer über Herbergen, den mir die Paderborner zugeschickt haben, steht etwas von einem ganz neuen Fahrradweg, der um den Berg herum führen soll. "Wer weiß mehr und kann uns davon berichten?" lese ich. Der Weg soll länger sein, aber flacher und asphaltiert. So treffe ich die folgenschwere Entscheidung dem Schild nach rechts und nicht dem gelben Pfeil geradeaus zu folgen…


Eine halbe Stunde brauche ich, bis ich an der Autobahn anlange, neben welcher der Fahrradweg mehrspurig verläuft. Wirklich niegelnagelneu, soeben eröffnet und noch ohne jegliche größere Vegetation. Ich setze mich auf eine herumliegende Tonne und forste nochmal den Rucksack aus. So müssen sich ein wenig die Flüchtlinge auf der Flucht vor der „Roten Armee“ im Winter 1945 gefühlt haben. Da waren die Wegränder auch mit fortgeworfenen Habseligkeiten gepflastert. Bloß sind die Menschen damals an der Kälte verstorben und ich bin gerade einem Hitzschlag näher. 37° zeigt das Thermometer mittlerweile. Ich trinke die kaffeewarme Cola mit zwei Schlucken aus. Dann muss ich sie nicht schleppen. Großer Greenhorn-Fehler! Weiter geht’s, sitzenbleiben hilft nichts. Daheim trinke ich nur selten etwas, Wasser schon gar nicht. Aber nun ist meine Flasche innerhalb der kommenden halben Stunde leer. Der Schweiß perlt nur so an mir herunter, mein Gesicht ist heiß und dunkelrot. Wo ist denn hier bloß ein Brunnen??


Es dauert, bis ich begreife, dass es hier gar keinen gibt. Wer sollte hier auch schon entlang latschen und eine Flasche auffüllen wollen? Gottseidank zeichnet sich am Horizont die Silhouette eines Gebäudes ab. Sicher die Raststätte der Autobahn! Wenn ich schnell gehe, könnte ich in neunzig Minuten dort sein. Wenn...

Wahrer Durst lässt sich nicht beschreiben, man muss ihn erleben! Mein Kopf beginnt zu brummen, Sehstörungen treten auf. Der Kreislauf steigt erst und sackt dann ab. Aus der Zunge wird ein ausgedörrter  Klumpen, die Lippen trocknen zuerst aus, dann platzen sie auf. Die Augen brennen. Ich taste mit meinen Blicken die Gräben ab. Nur etwas Wasser möchte ich finden, um mein Gesicht nass zu machen. Es mir über den Puls zu gießen. Doch die Erdbrocken sind krustig und ausgedörrt. Ich fühle mich wie auf dem Mond. Während ich laufe halte ich die Fotos meiner Kinder in der Hand. So will ich nicht umkommen, so elendig nicht!

Dann erreiche ich die Raststätte. Ziehe schon den Rucksack hinter mir her. Sie ist noch nicht eröffnet! Und von meinem Weg mit dem zwei Meter hohen, engmaschigen Zaun getrennt, der die Autobahn seit endlosen Kilometern vom Radweg abgrenzt. Ich sehe auf der anderen Seite eine Art Zinkwanne mit einem dreckigen Rest Wasser. Aber ich kann nicht hin. Der Zaun ist nicht zu überklettern, man findet keinen Halt. Die Rettung habe ich vor Augen und kann sie nicht erreichen. Das bricht meinen Widerstand. Ich breche einfach zusammen.
Wie lange ich im Schatten dieses unheimliches "Bates Motel" gelegen habe, weiß ich nicht. Aber irgendwann raffe ich mich auf. Es wird garantiert keiner kommen und mich wegtragen! Ich werde schon selbst gehen müssen. Und das tue ich dann auch. Wenn man meine Art der Fortbewegung noch als gehen bezeichnen kann. Überall große einzelne Betonrohre. Da könnte doch... Aber so ist es nicht. 


Irgendwann ein Schild, das nach links zeigt. Durch eine immerhin halbdunkle und kühle Unterführung erreiche ich die andere Seite. Wiesen, Wege. Merkwürdig rote Erde, fast wie Ton. Und dann sehe ich sie. Am Wegrand, wo die Sonne nicht hingekommen ist, befindet sich eine winzige Pfütze! Ich werfe alles von mir und falle auf die Knie. In dem kleinen Biotop schwimmen alle möglichen winzigen Tierchen mit mehr als 4 Beinen. Manche unter Wasser, andere laufen fast auf der Oberfläche. Ich registriere es nur im Unterbewusstsein, als ich mein Gesicht in diese schlammige Flüssigkeit tauche. Und davon trinke, soviel ich überhaupt nur kann!
Ein wenig sitze ich danach noch im Schatten, dann schwinge ich den Rucksack zurück auf die schmerzenden Schultern, deren Hämatome inzwischen alle Farben des Regenbogens aufweisen. Im Kopf habe ich nur einen Gedanken: Wenn ich irgendwo ein Auto sehe, werde ich es anhalten! Mir ist alles egal. An Gefahr denke ich nicht mehr. Es gibt kaum etwas, was mir Menschen in meinem Leben nicht schon angetan haben. Wovor sollte ich mich noch fürchten? 


Es kommt aber kein Auto. Doch irgendwann ein Schild: Uterga, 3km. Bis dahin muss ich es schaffen. An einem einzelnen Haus räumt eine junge Frau Sachen aus ihrem Auto. Ich schleppe mich hin und bitte sie um Wasser. Sie mustert mich von oben bis unten, geht ins Haus und knallt die Tür zu. Klar, ich muss furchtbar aussehen und wenig vertrauenerweckend. Geduldig warte ich, doch sie kommt nicht zurück. Das kann ich lange einfach nicht glauben! Erst später wird man mich daran erinnern, dass die Basken über die katholischen Pilger keinesfalls erfreut sind. Dabei bin ich gar nicht...
Aus einer Art Regentonne für den Garten schöpfe ich mit der Hand ein wenig warmes Wasser in meine Flasche und ziehe weiter. Verwirrende Schilder, wie so oft in Spanien. Ja was denn nun? Und wohin? Ich kann keine Umwege gehen. Keine hundert Meter zu viel. Also geradeaus weiter. Irgendwann zeigt ein Schild in die Gegenrichtung. Uterga 3 km. Na prima, ich bin daran vorbei. Aber ich kann nicht zurück!


"Obanos 5 km" steht auf der nächsten Metalltafel. Und ich denke, dass ich die vermutlich nicht mehr überstehe. Aber gehe, Schritt für Schritt, Schmerz für Schmerz. Dann sehe ich den malerischen Ort. Oben, wie immer. Ich komme von einer völlig anderen Seite als die anderen Pilger. Längst ist es Nachmittag geworden. Werde ich noch ein Bett bekommen? Es ist mir völlig gleich. Alles ist mir eigentlich egal. Wie tief der Mensch sinken kann, in kürzester Zeit, wenn man ihm die elementarsten Bedürfnisse nicht erfüllt...
Die Straße ist staubig, menschenleer und steil. Aber sie hat etwas Unglaubliches: eine halbhohe Mauer. Auf ihr lasse ich mich alle paar Meter nieder. Liege flach da. Bis es wieder geht. Dann eine Tafel: "ALBERGUE" und ein Pfeil. Ich komme tatsächlich oben an, schleppe mich durch die leeren, heißen Gassen, in denen die Luft flirrt. In den Hauseingängen liegen Hunde wie tot. Wenn einer den Kopf hebt, sage ich müde: "Friede sei mit dir!" Und sie bellen nicht einmal. Neue Pfeile, immer noch eine Ecke. Malerische Häuschen mit Blumenkästen. Alles aufgeräumt und ordentlich. Doch ich habe kaum einen Blick dafür. Nach zweiundzwanzig Kilometern…


Dann sehe ich sie, die Herberge. Und das geöffnete Tor.
Neben dem großen Holztisch steht ein span. Hospitalero. Er fängt mich auf.      
Angekommen. Irgendwie. Und tatsächlich bei Josef und Maria…



             

Eine Liebesgeschichte... Kapitel 8 

Soso, ein Mann hält mich also in den Armen...

Bloß unter etwas unglücklichen Umständen. Er schleppt mich zu einem Stuhl und lehnt meinen Kopf an die Wand. Bringt mir ein Glas Wasser. Angenehm kühl und schattig ist es in der Diele des schönen alten Herrenhauses mit den großen Fliesen die ganz abgenutzt sind, von den vielen Schritten aus dem Lauf der Jahrhunderte. Ich registriere sie mit halbgeöffneten Augen. So ein Haus habe ich auch, aber seit etlichen Jahren nicht mehr gesehen. In ihm ist einst etwas Entsetzliches geschehen und ich bin vor dieser Erinnerung geflohen, habe es sich selbst überlassen. Seltsam, dass ich nach so langer Zeit daran denke...


Als der Rucksack neben mir steht, öffne ich den Reißverschluss der Deckeltasche und ziehe meinen Pilgerausweis in der schützenden Hülle heraus. Ihn zieren nun schon mehrere der teils prächtigen, farbigen Stempelabdrücke. In ihm stehen Name und Anschrift, dass ich in Frankreich, in St.Jean, gestartet bin und wann, sowie meine Art der Fortbewegung. En bicicleta ( per Rad )? A caballo ( zu Pferd )? Oder a pie ( zu Fuß )? Dieses kleine Kästchen habe ich ganz dick angekreuzt.

Eben jener Fuß macht mir aber gerade sehr zu schaffen, besonders der rechte. Der nette Hospitalero zieht mir vorsichtig die Stiefel aus, um sie ins Schuhregal im Vorraum zu stellen, damit kein Dreck in den blitzblanken Schlafraum gelangt. Etliche Paare stehen da schon aufgereiht. Auch zwei gleich aussehende, augenscheinlich nagelneue und aus braunem Leder. Die Hamburger! Na prima...

Da ich bis zum Bett mehr getragen werde, als dass ich die Füße auf den Boden setze, errege ich allgemeines Aufsehen. Und das ist ganz gewiss das Letzte, was ich möchte. Ich weise in eine dunkle Ecke. Könnte ich vielleicht dort, dieses untere Bett? Dann liege ich darauf. Es ist unbeschreiblich! Kein Druck mehr auf den gemarterten Fußsohlen. Keine Hitze, die das Blut verdickt und mich fast wahnsinnig werden lässt. Keine Angst mehr, irgendwo liegen zu bleiben. Nur dieses Gefühl von Geborgenheit. Hier bin ich jetzt zu Hause, bis zum Morgen. 


Erschöpft schlafe ich ein wie ich bin. Ohne Schlafsack, ohne geduscht zu haben. Ich bin fertig mit der Welt. Von Gezanke wache ich auf. "Warum hängt denn unsere Wäsche im Schatten? Sowas sieht man doch! Und nur zwei Toiletten, für dreißig Menschen, das ist völlig indiskutabel!" Ein männliches Murren ist die Folge: "Wer musste denn unbedingt auf diesen ach so tollen Jakobsweg?!" Ich brauche meine Augen nicht zu öffnen. Diese Form von Diskussionen habe ich noch gut in Erinnerung. Hilf Himmel!

Es ist ansonsten völlig ruhig in der Herberge mit dem einen Raum, in dem fünfzehn Doppelstockbetten stehen. Viele Pilger dösen, andere sitzen im Innenhof und unterhalten sich leise. Manche waschen, andere sehen sich den Ort an. Menschen mehrerer Kontinente sind versammelt. Friedvoll und Rücksicht nehmend. Bloß diese zwei Exemplare ausgerechnet aus meiner Stadt, die nerven den Rest der Gemeinschaft. Ist das peinlich!

Im Bett neben mir liegt eine rundliche Mittsechzigerin mit einem freundlichen Gesicht. "Schrecklich, sowas! Wenn man sich unterwegs nicht versteht! Mein Mann und ich wandern oft, aber sowas gibt es bei uns nicht!" Man spricht deutsch. Fast jedenfalls. Aus Österreich kommen die Beiden und sind einfach nur nett. Der Mann ( im oberen Bett ), bietet sich an, mir die Wäsche zu waschen. Das macht mich sprachlos. Maria, im unteren Bett blickt leicht vorwurfsvoll nach oben. "Nun lass' die junge Frau mal in Ruhe. Sie muss doch erst duschen!" Während sie sich aufstützt, erfüllt ein lautes Stöhnen den Raum. "Entschuldigung, aber ich habe es im Rücken. Ich kann mich kaum bewegen. Ein elender Schmerz ist das!"

Oh, den kenne ich, nur zu gut! Aber heute liegt mein Problem wesentlich tiefer. An der Basis, sozusagen. "Nun komm' schon runter Josef und helf' der Frau, damit sie sich erfrischen kann!" Maria und Josef! Ich fasse es nicht. Ist das niedlich...


Der weißhaarige Mann packt mir den Rucksack aus. "Gut haben's des gmacht! Alles in Taschen, da find' ma was!" Ich finde die Frauendusche auch. Gegenüber befindet sich das WC, dazwischen ein Waschbecken. Schön übersichtlich! Ich ziehe mich aus und wickle vorsichtig die Verbände ab. Na bravo! Alles klebt, nässt, brennt, sticht. Und mit diesen offenen Wunden muss ich mich nun in die Duschtasse stellen. Hatte vorsorglich Flipflops aus Bast auf den Weg mitgebracht, um dem eventuell drohenden Fußpilz zu entgehen, aber die kann ich mit diesen Verletzungen nicht anziehen!

Das Wasser ist gerade lauwarm. Oder genauer gesagt: Knapp über dem Gefrierpunkt. Der Schock lässt mich tief einatmen. Jesus und Maria! Dann muss ich über diesen Ausspruch lachen. So liebe Menschen, diese beiden, denen ich da über den Weg gelaufen bin! Und sie werden Engel für mich werden, das wird sich bald zeigen. Meine Wäsche wasche ich dann aber doch selbst, soweit das in der kalten Lauge eben geht. Packe alles in eine Plastikschüssel und schleppe mich und das Zeug nach draußen, in den idyllischen Hinterhof.  

Es duftet als sei ich in einer Parfümerie gelandet und ein wahres Blütenmeer ergießt sich von einem knorrigen Baum. An den Wänden hängt dick und schwer und wie ein Baldachin eine Pflanze die ich aus der Türkei kenne. Leider ist mir der Name unter diesen Umständen entfallen. Während meine wenigen Teile in der Sonne trocknen kehrt Josef vom Einkauf zurück. Ob er für mich auch etwas besorgen soll? Nein, ich möchte gern etwas vom Ort sehen. Und selbst tun was irgendwie möglich ist.


Über den sonnenbeschienenen Kirchplatz mache ich mich auf zur nahegelegenen Tienda. Ein richtiger kleiner Supermercado ist das, mit Getränken in verglasten Kühlschränken und Gefriertruhen voller Köstlichkeiten. Dann eine nur mit Fisch! Jene, in allen erdenklichen Variationen, einfach in Klarsichtbeuteln ohne Aufschrift eingeschweißt. Jede nordspanische Hausfrau weiß eh, um was es sich da handelt. Ca fünfzig tote Augenpaare glotzen mich erstarrt aus der dick vereisten Truhe an, der ein leicht unangenehmer Geruch entsteigt. Igitt - nichts wie weg!!

Rasch humple ich zur Obstecke. "Tres platanos", na, ich beherrsche diese Fremdsprache doch schon fast, wie ein Einheimischer! Eine Dose der flüssigen Kreislauf-Medizin wandert noch dazu ins Einkaufskörbchen, ich gönne mir eine Tafel Schokolade ( seit Jahren wegen meines Übergewichtes nicht mehr gegessen ) und eine Dose mit einem merkwürdigen Salat. Bei den anderen weiß ich nicht was darin ist, aber hier steht ATUN, das kann nur Thunfisch bedeuten. Und den mag ich! Atun exotisch, russisch, oder mexikanisch. Sieht alles gleich aus und ich wähle exotisch. Vielleicht, weil ich mir selbst gerade so vorkomme...


Salat und Schokolade haben keine lange Lebenserwartung. Und ich vielleicht auch nicht, wenn nicht bald etwas geschieht. Das ist mir heute klar geworden. Ein kleines Wunder muss her! Aber woher soll es kommen?

Meine beiden biblischen Gestalten beraten mit mir. Zwei Kilometer weiter, in Puenta la Reina, dem Ort mit eben jener schönen Brücke, nach der er benannt ist, soll es eine Gesundheitsstation geben, in der man mit dem Auslandskrankenschein in Form der Chipkarte kostenlos medizinisch versorgt wird. Am Morgen könnte man gemeinsam ein Taxi nehmen und dort hinfahren. Grandiose Idee! Ja, so machen wir es! Ich bin ganz aufgeregt. Mir wird geholfen werden, ich bekomme Medikamente und alles wird gut. Daran glaube ich ganz fest!

Als ich meine ausgetrocknete Wäsche hereinholen will ist es schon Abend geworden, von irgendwoher erklingt spanische Musik aus einer Bar. Die Blüten duften betäubend. Viele Pilger haben sich schwatzend auf dem Boden niedergelassen, oder auf den steinernen, weiß verputzten Sitzbänken an den Wänden. Ob ich auch einen Becher Rotwein möchte, werde ich gefragt. Alkohol? Das fehlt mir noch! Ich trinke sonst keinen. Nicht aus Überzeugung, sondern weil ich einfach keinen Bezug dazu habe. Die Einladung freut mich aber so sehr, dass ich nicke. 


Und dann sitze ich mittendrin in dieser Gruppe scherzender und diskutierender Mensch, die allen Alters sind und aus vielen Nationen stammen. Englisch ist die alle verbindende Sprache und wir diskutieren buchstäblich über Gott und die Welt. Warum es diese Unterschiede gibt, politisch gesehen, wo wir doch alle Menschen sind, auf einer Welt die uns gemeinsam gehört. Auf der es so friedlich sein könnte, wie an diesem warmen Sommerabend in Obanos, noch 685 km von Santiago, dem Ziel aller Anwesenden entfernt. Vielleicht ist es, was uns verbindet. Hier zählt nicht, was du hast, oder was du daheim machst, sondern nur wie du hier bist.

Wir tragen alle einen mehr oder weniger drückenden Rucksack, haben Schmerzen, Blasen, einen Sonnenbrand. Tragen die gleichen Wanderklamotten. In der Nacht ruhen wir mehr schlecht als recht auf Jugendherbergsbetten. Wir duschen kalt, werden in aller Herrgottsfrühe geweckt, quälen uns steile Anhöhen hinauf und über ebensolche Hohlwege wieder hinunter. Wir stecken im Schlamm fest, der Regen läuft uns über den Nacken den Rücken hinab, die Sonne brennt unerbittlich. Manchmal überkommt uns entsetzliches Heimweh. Aber wir haben alle dieses eine, ganz große Ziel: Anzukommen! Eines Tages ehrfürchtig vor dem Altar in der Kathedrale zu stehen. Und zu wissen, dass man sich einen großen Traum erfüllt hat. Dass man stark ist.


In dieser Nacht schlafe ich fest, bin zurück bei den Menschen. Aber am nächsten Tag soll alles vorbei sein.

"Hospital, fly home Alemania!" wird der Arzt sagen. Doch ich laufe weiter...

Denn nichts ist so stark wie eine Idee deren Zeit gekommen ist!