Samstag, 27. Februar 2016

Allein unter Männern

Es ist schwierig etwas zu lesen, das man vor vielen Jahren geschrieben hat. Mit dem Wissen von 2007, den Gefühlen und Gedanken die man damals hatte. Ich bemerke, dass ich versucht bin zu (ver)ändern. Denn heute ist JETZT. Da ich so unendlich viel mehr Puzzlestücke meines Lebens aufgenommen und ausgelegt habe, ein ganz neues Bild entstanden ist. Aber wichtig ist mir gerade, dass das Tagebuch authentisch bleibt, nichts korrigiert wird, was mir aus heutiger Sicht als zu kitschig, übertrieben oder falsch interpretiert erscheint. Darum bleibt es in diesem Fall wie es war, bis auf kleine Kürzungen. Auch wenn sich in diesen fast zehn Jahren so unendlich viel (in mir und um mich herum) bewegt und verändert hat. Anderes wiederum nur unwesentlich.



·         Eine Liebesgeschichte (Kapitel 2)


Der Bus muss irgendwo auf einem Rastplatz nachts um drei Uhr auf den Gegenbus warten, zwecks Fahrertausches. Das klappt nicht. Statt mich um sechs  Uhr in Heidelberg zu befinden, wo man mich erwartet, werde ich zu diesem Zeitpunkt noch vor Frankfurt sein. Und entsprechend aufgeregt. Was mache ich, wenn meine Fahrgemeinschaft ohne mich losfährt? Sie wollen ja noch südlicher und einen weiteren Pilger abholen. Um drei Uhr nachts kann ich niemanden anrufen...
Nach sechs Uhr erreichen wir Frankfurt. Der Bus hat an zehn Stellen gehalten, es sind nur noch drei Fahrgäste da. Und nun muss der Fahrer erst Pause machen. Kein Camino. Alles umsonst. Wie komme ich bloß von Heidelberg wieder zurück? Tausend Gedanken...

Gegen acht Uhr klingelt mein Handy: "Wo bist du?" Irgendwo zwischen M und X. Sie lachen: "Dann frühstücken wir erst einmal..." Erleichterung! Der Busfahrer ist verlegen. 3 1/2 Stunden wird die Verspätung am Ende betragen. Er erläutert mir die Einzelheiten der Landschaft. Fragt, ob ich Radio hören möchte und schaltet es ein, als ich nicke. Meine Ohren fassen nicht, was da gespielt wird, ich höre den Song anders, als je zuvor. “Dieser Weg wird kein leichter sein… und die Straße führte zu mir…“
Ich singe leise mit, weiß nicht, dass der Text bald wahr werden wird...

Als ich aus dem Bus springe und mich umschaue stehen da zwei große, nette Männer in meinem Alter. Einer hält einen Kaffee in der Hand, der andere belegte Brötchen. Ich werde begrüßt und umarmt. Bemerke es erstaunt. Jetzt bin ich also "Mitpilgerin". Später wird noch der Jüngste eingesammelt, dann geht es los gen Südwesten. Wir beschließen die Maut zu sparen und nur auf Nebenstraßen zu fahren. Wechseln uns am Steuer ab. Alle sprechen irgendwie Dialekt (fränkisch, sächsisch, bayrisch). Verstehen sich nur mittelprächtig.. Mich, als Nordlicht, verstehen alle. Peter, den Leipziger, keiner außer mir. So sitzen wir beide zusammen, je nachdem wo ich mich gerade befinde, vorn, oder auf der Rückbank.

Gegen 22 Uhr sind alle kaputt. So viele schreckliche Orte wie an diesem Tag, habe ich in Jahren vorher zusammengerechnet nicht gesehen. Dazu schlecht ausgebaute Straßen erlebt. Die Mitreisenden möchten nun doch ins Hotel, statt im Auto zu schlafen wie besprochen. Ich bin baff. Ein Hotel um 22 Uhr in dieser Gegend? Waren die Herren schon mal in Frankreich? "Nein!" Dacht' ich mir's doch irgendwie... Guter Rat ist teuer. Das Navi monologisiert seit dem Morgen unaufhörlich in nerviger Lautstärke. Männer brauchen sowas offensichtlich. Dabei liegt der halbe Wagen voller Straßenkarten. Und außerdem gibt es Schilder.

"Kennt dieses Ding auch Hotels?" Im Prinzip schon. Aber dafür müsste man es programmieren können. Und das kann Uwe der pensionierte Berufssoldat aus Sonthofen nicht. Er hat das Teil erst am Vortag erworben. Großartig! Wir sitzen in der Pampa am Straßenrand, keiner von uns spricht  französisch, es ist eine kalte Aprilnacht und ich habe seit zehn Stunden Migräne.
Ab ins Auto, dann läuft wenigstens die Heizung. Peter hört auf mich: "Wohin soll‘s denn gehen, meine Gute?" Egal. "Fahr‘ erst mal. Und wir gucken, nach Motelschildern!" Drei Köpfe drehen sich permanent um 360°. Dann ein kollektiver Aufschrei: "Da drüben!" Da blinkt etwas großes, buntes. Na also, geht doch. Könnte sein, dass wir dort noch jemanden antreffen. 

Dem ist natürlich nicht so. Unter einer Außenleuchte findet sich immerhin eine Art Terminal. Vier Köpfe beugen sich darüber. "Das Ding ist aus!" Ich tippe drauf und der Bildschirm lebt. "Ist das französisch?" fragt Uwe. Chinesisch wird's nicht sein. Gemeinsam verstehen wir, dass es noch zwei freie Doppelzimmer gibt. Oder so ähnlich. Egal. Mittlerweile würde jeder auch auf dem Fußboden schlafen...
"Wo muss man denn da jetzt drücken?" Versuch macht klug. Ich tippe einfach mal. Sesam öffne dich! Next Level. Die Bezahlung. "Wo steckt man denn das Geld rein?" Nirgends, wenn ich das richtig sehe. Das Ding wünscht Kreditkarte. Ratlosigkeit. Denn sowas hat keiner. Bis dem Jüngsten einfällt: "Oma hat mir doch da was zugesteckt!" Es ist die Karte! Rein damit in den Schlitz und Bestätigung gedrückt. Plopp, 2 Schlüssel fallen ins Fach. Bravo! "Na, wie haben wir das hinbekommen?!" sagen die Herren. Und ich muss leise lächeln. 

Wir schleichen mit Hilfe einer unserer Stirnlampen um das wie tot daliegende Gebäude. Wo sind bloß die Zimmernummern? Nur mit Lupe zu entziffern. Aber: Alles wird gut! Eine Tür öffnet sich. Neues Problem: "Wer schläft mit wem in einem Zimmer?" Auf Berufssoldaten und Teenies habe ich so gar keine Lust, Peter ist der Stillste und die beiden Anderen sind erlöst. Die Verständigung fällt ihnen leichter.
Ich schließe die Tür auf und suche nach dem Lichtschalter. Ein typisch winziges, französisches Doppelbett. Ein Tisch, ein Stuhl, in einer Zimmerecke eine Plastikkabine mit Dusche und WC. Absolut luxusfreie Zone. Ich erhole mich zuerst von dem Schrecken. "Schläfst du lieber rechts oder links?" Ist ihm egal. Es gibt nur eine lange Rolle als gemeinsames Kopfkissen. Kann ich gerne haben. Auch nur eine Decke, in Form des berühmt-berüchtigten Steckkissens, a la sowjetischer Säuglingsschnürmethode... Darf ich ebenfalls allein nutzen. Na prima!

Als Peter im Bad ist, ziehe ich mich in Windeseile aus. Und dann doch lieber halb wieder an. Man weiß nie. Auch stille Wissenschaftler können tief fischen. Aber die Anwendung meiner Selbstverteidigungskünste (VHS Kurs 1 - 3), kommt nicht zum Tragen. Wir liegen beide da wie die Mumien. Ich bis zur Nase in Laken und Decke gehüllt und er hat selbst die Kapuze des Schlafsacks zugezogen. Außerdem jonglieren wir demonstrativ so weit außen am jeweiligen Bettrand, dass die Gefahr besteht herauszufallen. Ich schalte das Licht aus. Keiner rührt sich. Ich denke: Oh mein Gott, was für eine Situation. Noch nicht ganz auf dem Jakobsweg, aber schon ein Mann mit im Bett!
Peter beschleichen wohl ähnliche Gedanken. Nach Minuten seufzt er tief und flüstert: "Wenn das meine Frau wüsste!" Ich muss mich eines lauten Lachens erwehren und raune zurück: "Erzähl' es ihr einfach nicht!" Die Mumie nickt, soweit ich das in der Dunkelheit erkennen kann...
Zehn Jahre lang war kein Mann in meiner Nähe. Und nun liege ich mit einem Seite an Seite auf 120 Zentimetern, den ich am Morgen noch gar nicht gekannt habe. Wenn ich das meiner Herzensschwester erzähle! Der Weg fängt ganz langsam an mir Spaß zu machen... Als wir am Abend des nächsten Tages endlich St. Jean Pied de Port am Fuß der französischen Pyrenäen erreichen, bin ich nicht mehr ganz so ängstlich, wie ich es war. Der Jakobsweg beginnt die Schatten der Veränderung voraus zu werfen…

Wir suchen das Pilgerbüro auf, bekommen unsere ersten Stempel in den sogenannten Pilgerpass (ist so ähnlich wie ein Jugendherbergsausweis - ohne ihn keine Herberge!) lassen am Auto die Luft aus einem Reifen ( Uwe hofft so würde es in den folgenden Wochen  nicht gestohlen ), gehen etwas essen und verziehen uns geschafft in die ersten Doppelstockbetten des Weges. Am Horizont droht der Feind, die Bergkette der Pyrenäen, die es am Folgetag zu übersteigen gilt. Ich schlafe in dieser Nacht mit fünf Männern in einem Raum. Tief und fest. Das muss die Luft sein. Oder die Erschöpfung.

Am Morgen stehen wir früh auf. Es sieht nach Schnürregen aus. Auch das noch! Wir packen still. Nun wird es ernst. Ein Becher Kaffee, eine Scheibe Weißbrot. Ich würge, bin nahe daran, mich zu übergeben. Bin total aufgeregt. In der engen Gasse mit dem Kopfsteinpflaster treffen wir auf einige andere Pilger.

Vor dem steinernen Tor gehen wir nach links, in die Kirche. Wir zünden Kerzen an. Jeder kniet schweigend in einer Bank und hängt seinen eigenen Gedanken nach.
"Bitte lass' mich gesund ankommen, damit die Kinder keine Probleme haben. Alles sonst lege ich in deine Hände. Du wirst es schon richtig fügen, so, wie es für mich sein soll!" Wir schultern die Rucksäcke, verabschieden uns voneinander. Jeder soll und will seinen ganz eigenen Weg gehen. Als ich durch das Tor hinaustrete, schlägt die Kirchenglocke hell acht Mal. Dann läutet sie und diesen Gruß kann ich noch minutenlang mit auf den Weg nehmen. Ich werte es als gutes Zeichen. Siebenundzwanzig schier endlose Kilometer erwarten mich. Fast nur steil bergauf bis zum Pass.
  
Ich kann ihn und die erste Etappe nach zehn Stunden bezwingen. 
Aber mit Verletzungen, die böse Folgen haben werden...

  

Eine Liebesgeschichte (Kapitel 3)


     Dieser Weg wird kein leichter sein… Ich summe es leise vor mich hin. Nun bin ich auf ihm unterwegs. Aus Fotos und Beschreibungen in Büchern wird Realität. Harte Realität. Direkt nach St. Jean geht es schon steil hinauf. Mir bleibt die Luft weg. Der Rucksack drückt schwer auf den Schultern. Noch ist alles asphaltiert. Kurve um Kurve wechselt stetig ansteigend ab mit geraden Abschnitten. Dieser Weg wird steinig und schwer...Wie lang sind 27 km, unter diesen Umständen? Ich weiß es nicht. Bin noch nie gewandert, Berge nicht gewohnt.

   Auch die Menschen nicht, die mir nun "laufend" begegnen. Die Einheimischen, die aus den Bergen kommen und hinunter wollen zum Ort, um ihren Alltag zu erledigen. Und die Pilger, die meistens zu zweit oder in kleinen Gruppen an mir vorbeiziehen. Ich kann nicht schneller. Eigentlich kann ich nicht einmal das was ich tue.

Der kleine rote Wanderführer ist meine einzige Orientierung. Er steckt umgefaltet in der rechten Außentasche meiner Wanderhose, zusammen mit der Lesebrille. Das darf ich nicht trennen, soviel habe ich schon gemerkt. Alles andere ist noch unorganisiert. Wo war noch mal die Sonnenbrille? Die Mütze? Das Regencape? Der Rucksack hat Haupt- und Nebenfach plus Seitentaschen. Die Wanderjacke Seitentaschen, Innentasche und die Napoleontasche. Die Wanderhose zwei Hosentaschen, zwei rückseitig und zwei auf den Schenkeln. Die schwarze Fleecejacke hat... Uff! Damit komme ich ganz durcheinander.

Ich bin ein hilfloses Greenhorn und mir dessen in diesen Stunden zum ersten Mal wirklich bewusst. Was habe ich mir da vorgenommen? Achthundert Kilometer zu Fuß? Nach drei Kilometern sitze ich in Hunto ( 3 Häuser ) völlig erschöpft auf einer Mauer und bin laut Wanderführer immerhin von einhundertachtzig Höhenmetern bereits auf vierhundertneunzig aufgestiegen. Und fix und fertig. Übergewichtige Frührentnerinnen 50plus sollten daheim bleiben und nicht in den Pyrenäen herumklettern! Das schießt mir zu dieser Zeit durch den Kopf! Aber dafür ist es jetzt zu spät. Noch volle vierundzwanzig Kilometer sind es bis zum rettenden Kloster Roncesvalles, dann bereits auf der spanischen Seite.

Die (auf flachen Heidestraßen eingelaufenen) Wanderstiefel drücken und scheuern. Was soll ich machen? Ich weiß es nicht. Drei Kilometer sind es bis Orrison. Da bin ich schon halbtot, aber auf immerhin achthundert Höhenmetern angekommen. Japaner drängen sich laut und albern lachend in dem stylischen Gebäude, in dem man auch übernachten kann, mit Halbpensionszwang. Ich glaube, zweiundvierzig Euro kostete das damals. Halsabschneiderei ist sowas. Und ich habe wenig Geld. Die Zeit rennt und ich habe erst acht Kilometer hinter mir.

Inzwischen bezweifle ich ernsthaft die spanische Pyrenäenseite noch an diesem Tag zu erreichen. Für den absoluten Notfall habe ich einen sogenannten Biwaksack bei mir. Das ist im Prinzip eine Hülle für den Schlafsack. Fast fünfhundert Gramm Zusatzgewicht habe ich mir damit aufgeladen, aus purer Angst. Wenige Tage vor meiner Abfahrt war nämlich ein Brite in meinem Alter auf gleicher Etappe in Schneetreiben geraten und erfroren. Woraufhin alle Freunde warnten: "Geh' auf keinen Fall los! Es ist noch zu früh! Warte!!" Doch das konnte ich nicht. Der Platz im PKW der Mitfahrgemeinschaft war gebucht.



Am Vortag erst war der Pass wieder freigegeben worden. Wir kamen also gerade richtig. Und man zeigte uns im Pilgerbüro auf einer Karte die gefährlichen Stellen („Achtung, wenn sie diesen Steinhaufen am Wegrand sehen, auf keinen Fall weitergehen! Danach folgt Tal um Tal, völlig einsam. Man findet Sie erst in Monaten!“ Na prima...). Bin ich da etwa schon dran vorbei? Und was war noch, hmmmh… Ein Metallzaun. Da sollte ich auf ein Tor achten. Und auf keinen Fall... Das weiß ich aber jetzt nicht mehr so genau... Ich schaffe immer ca. fünfzehn Meter. Dann bleibe ich stehen und schaue zurück. Von da unten bin ich gekommen. Der Himmel ist eine einzige anthrazitfarbene, tiefhängende Wolke, aus der es ab und zu tröpfelt. Habe ich "schon" zehn Kilometer geschafft? Ich weiß es nicht. Eine Armbanduhr trage ich nicht mehr. Sie bestimmte einst meinen Lebenstakt. Nun bin ich raus. Aus dem Leben. Und der Zeit, da sich alles nach der Uhr drehte. Ich bin aus allem heraus. Mehr tot, als lebendig. Und wenn ich es vorher nicht gewusst habe, dann begreife ich es drastisch, an diesem Tag! Meine Lebensuhr ist unbemerkt  stehengeblieben...

Jede Mauer suche ich um mich hinzusetzen. Eigentlich möchte ich gar nichts mehr als mich hinlegen und schlafen. Ich kann nicht weiter! Ich kann es einfach nicht. Aber ich muss. Verzweifelt suche ich irgendein Schild, auf dem stände wie weit es noch ist. Aber da ist keines. Absolutes Niemandsland ist das hier. Es gibt plötzlich kein Haus mehr. Nur diesen pfeifenden Wind, die Kälte und Steine. Sie liegen da, in allen erdenklichen Variationen und Größen. Die Vegetation ist niedrig, presst sich an den Boden, um dem eisigen Wind auszuweichen.




Ich spüre die flachen Flechten, als ich hinter einem Felsbrocken in dieser unendlichen Landschaft sitze und etwas esse. Um den verdammten Schmerz auf den Schultern zu beenden. Die Stiefel ausziehen zu können. Nicht mehr bergauf zu müssen. Diesem ganzen Horror für zwanzig Minuten zu entrinnen. Das rechte Hosenbein hochzukrempeln, denn es scheuert auf der frischen Tattoowunde. Ein Adlerpaar kreist hoch über mir. Ich liege auf dem Rücken und schaue ihm zu, ohne die Besonderheit dieses Augenblicks erkennen zu können. Ab und zu zieht hinter mir ein Pilger vorbei. Man hört es am Keuchen und dem Knirschen der unzähligen kleinen Steinchen. Dann ist es wieder still.
Ich fühle mich unendlich einsam. Merkwürdig. Jetzt und hier fällt es mir auf. Wie isoliert ich gelebt habe, in den letzten Jahren. Wie sehr ich den Kontakt zur Welt verloren habe. Mich abgekapselt. Die Tür von innen doppelt abgeschlossen, verbarrikadiert in einer fünfundzwanzig Quadratmeter winzigen Dachwohnung in der Nordheide, mit Blick auf Hamburg am Horizont. Wie bin ich dort hingekommen? Und wie hierher? Was tut eine verzweifelte,  verängstigte Frau meines Alters auf dem Jakobsweg? Hat sie sich etwas erhofft und wenn ja, was? Glaubt sie denn, es könne ein Wunder geschehen und sie würde wieder werden wie sie es einmal war? Abenteuerlich, mutig, durchs Leben tanzend?

Die, die da liegt, weint vor Verzweiflung. Ist unsicher. Glaubt nicht mehr an sich. Hat alles verloren, was ihr einmal Kraft gab. Sie weiß nicht einmal mehr, was das war. Und was sie im Laufe der Jahre so zerstört hat. Aber sie denkt an den Augenblick da sie gelobt hat sich auf diesen Weg zu machen. Und das motiviert sie die Stiefel neu zu schnüren, den Rucksack aufzunehmen und weiterzugehen.
Bei jedem Hundegebell erschreckt sie fast zu Tode. Erinnert sich an das Trauma ihrer frühen Kindheit. Den großen Hund der sie damals anfiel. Wie die Mutter dabei stand und nichts tat um der ungeliebten Fünfjährigen zu helfen. Den Schmerz der Verletzungen. Die Zähne die tief eintauchten. Das Gefühl sich nicht wehren zu können. Aber auch den Mann der plötzlich kam, die geifernde Dogge mit einem Stock vertrieb, das verletzte, blutende Kind aufnahm und es zu einem Arzt trug. Jeder Hund könnte in jedem Moment das Gleiche tun, wie damals. Was wäre, wenn?

Aus dem Regen wird Nebel. Dichter, grauer Nebel. So etwas habe ich noch nie gesehen. Und es schaudert mich. Vor Kälte, Angst und Mutlosigkeit. Wie konnte ich nur die Sicherheit meiner Wohnung verlassen?! Was habe ich denn erwartet? Und was haben diese merkwürdigen Geräusche zu bedeuten, die ich nicht einordnen kann? Aus der Schwärze tritt unvermittelt ein Fohlen. Ein wuscheliges, hellbraunes mit riesengroßen Augen und märchenhaft langen Wimpern. Es steht plötzlich direkt vor mir. Fast könnte ich es berühren. Wir schauen uns beide erstaunt an. Wer bist du? Was tust du hier? Ach, Augenblick verweile, du bist so schön...
Als eine Stute aus dem Nebel tritt bin ich starr. Natürlich, eine Mutter verteidigt ihr Kind. Aber ich habe nichts getan, mich nur erinnert wie ich einst geritten bin an den sonnenerhitzen Stränden Westafrikas und das Wasser aufspritzen fühlte unter den donnernden Pferdehufen. Jubelte vor Glücksempfinden. Wo ist sie nur geblieben, diese Abenteurerin? 

Mutter und Kind traben davon wie eine Fata Morgana. Der Nebelvorhang verschlingt sie. Kaum habe ich ein paar Schritte getan klingen erneut Hufe aus dem Nichts. Und wie aus dem Boden gewachsen steht ein fuchsroter Hengst vor mir mit zotteliger, wallender Mähne. Nein, bitte nicht das! Ich laufe schon vor jedem winzigen Hund davon, da muss jetzt nicht hier so ein Ungetüm stehen! Ich bin sicher eingeschlafen, es ist nur ein Alptraum... Aufwachen! Jetzt, sofort und gleich!
Der Hengst wiehert. Das dröhnt, wenn auch durch den dichten Nebel gedämmt, von den Bergen wieder. Ich wünsche mir es möge sich ein Loch im Boden auftun und ich könnte hineinkriechen. Oder da wäre jetzt ein ganz kleiner Felsen hinter den ich krabbeln könnte. Aber da ist rein gar nichts. Nur ich und er, der mich ebenso kritisch  mustert während er gemessenen Schrittes vorbeigeht. Dann verschwindet er, verschluckt wie seine Familie. Das stolze Tier hat mir ohne es zu ahnen (m)eine Angst genommen. Was ist denn ein Hund gegen ein wildes Pferd? Doch das ist mir in diesem Moment noch gar nicht bewusst. Erst viel später wird es so sein. Am Abend, als ich den Kids simse: "Keine Angst mehr vor den Hunden! Hier gibt es freilaufende Pferde..."

 

Der Weg hat unbemerkt sein erstes Wunder getan. 

Doch noch gilt es den Pass zu überwinden. Und mich selbst.




         Eine Liebesgeschichte... (Kapitel 4)

 

Immer wieder begegnet mir ein Argentinier, mindestens zehn Jahre jünger als ich. Und will sich unbedingt mit mir unterhalten. Ich mich aber nicht mit ihm. Ich will gar nichts, außer lebend die andere Seite der Pyrenäen erreichen. Und Smalltalk mit einem hartnäckigen Anfangsvierziger ist sicher das, was ich am wenigsten möchte in dieser Situation. Erst viel später werde ich erfahren, dass der Camino für viele Südamerikaner ein Heiratsmarkt ist. Na bravo...

Bei einer Pause ziehe ich den rechten Strumpf aus. Irgendwas stimmt da nicht. Unter der Fußsohle hat sich eine handtellergroße Blutblase gebildet! Dagegen helfen keine Pflaster. Ich muss alles wieder anziehen und mich weiterquälen.
Irgendwann stehe ich am "Steinernen Kreuz", einem Fixpunkt am Weg, von dem aus man den Pass in 1420 Metern Höhe sehen kann. Es ist das letzte extreme Steilstück, laut Wanderführer. Und als ich das hinter mir habe, empfinde ich für den Bruchteil von Sekunden so etwas wie Glück. Ich kann doch etwas! Ich stehe für einen Moment ganz oben! Das habe ich wenigstens geschafft.

Bald folgt der Rolandsbrunnen. Und danach der Grenzstein Frankreich / Spanien. Große Erleichterung! Jetzt geht es nicht mehr aufwärts, aber der Weg ist zur Schlammwüste geworden. Ackerfurchen voller Modder. Und schwupps bin ich bis über die Knöchel versunken und die eiskalte braune Brühe füllt mir die Stiefel. Egal. Es ist nicht mehr steil und geht geradeaus, das kann ich gut. Auch mit Schuhen, die ihr Gewicht bei jedem Schritt verdoppeln. Es ist, als hielte sie einer von unten fest. Eine junge Niederländerin iranischen Ursprungs steht laut heulend mittendrin. Ich rede ihr gut zu, halte,  ziehe sie, wo ich doch selber kaum weiterkomme. "Du bist ein Engel", sagt sie und ich erschrecke mich. Nein, nein, ich bin ein Wesen aus Fleisch und Blut. Selbst hilflos und müde!! Ich schleppe, zerre sie, bis zu einem halbwegs trockenen Wiesenstück. Ein Stück Käse habe ich zu geben und eine Dose Cola. Sie isst und trinkt. Erzählt mir ihre Geschichte. Wie gut, dass ich an der niederländischen Grenze gelebt habe, ich verstehe fast alles!

Der Vater hat sie für wahnsinnig erklärt. Eine Muslima die studiert, mit siebenundzwanzig Jahren noch nicht verheiratet ist ( welche Familienschande!) und nun achthundert Kilometer zu Fuß allein durch Spanien laufen will. "Er hat wohl recht gehabt, ich hätte das nicht anfangen sollen", sagt sie mehrfach. Da halte ich sie schon eine Weile im Arm. Ausdrucksvolle Augen hat sie, fast schwarz. Und die blicken mich hilfesuchend an. Fast fühle ich mich an Stelle einer Mutter: "Amina, du bist eine wunderschöne und ungeheuer tapfere junge Frau. Du wirst ankommen, ich weiß es ganz sicher. Wir werden uns in Santiago sehen!" Als wir uns trennen, da lächelt sie und winkt mir lange nach. Sie war einer der Engel des Tages für mich und wird es wieder sein. Denn das Schicksal wird uns zusammenführen, wenn ich Hilfe brauchen werde. Und in Santiago, da... Nein, das wird noch nicht verraten. 

Überall tauendes Gletscherwasser, niedrige Stacheldrahtzäune sollen vor dem Absturz in die Tiefe bewahren. Also die halten gar nichts. Da geht man locker drüber. Das will ich erst gar nicht zu Ende denken. Ein Eisfeld. Ich rutsche sofort aus und schlage lang hin. Bin unverletzt. Gott sei Dank. Überhaupt für alles. Dass ich so weit schon gekommen bin. Dass ich wieder Mut habe. Wie oft habe ich ein Stoßgebet gen Himmel geschickt, an diesem Tag. Eines meiner unkonventionellen. Trotzdem wurde es erhört. Jedes Mal geschah etwas. Gerade die Kleinigkeit, die mir half weiterzugehen. 

Nun stehe ich auf dieser spiegelglatten Fläche, schaue links hinunter in den Abgrund und murmle so etwas wie: "Hab' ich noch einen Wunsch frei?" Da rauscht von hinten ein Bayer heran. Kniebundhose, Rauschebart, geschnitzter Wanderstock. Der muss soeben einem Bilderbuch entsprungen sein. "Na, woaßt net weiter?" Das muss ich zugeben. Ich soll meinen Stock immer so tief es geht ins Eis stoßen, sagt er. Und prüfen, ob er fest sitzt. Dann erst einen Schritt machen. Und von vorn. Meinen Stock bewertet er mit: "Dös is a Dreck! So a'n brauchst!" und zeigt auf seinen. Und weg ist er. Hat ja recht, der gute Mann. Dabei wollte ich erst gar keinen Stock. Schäm... Die Tipps auf den Infoseiten in den Büchern und im Internet waren widersprüchlich. Und so entschied ich Stöcke bräuchte ich nicht. Zwei Tage bevor es losging bot ein Drogeriemarkt Walkingstöcke für ganze acht Euros an und ich dachte das wäre erschwinglich. Probeweise rannte ich damit durchs Seevetal und kam mir albern vor. Das sah aus wie Ski fahren ohne Schnee. So nahm ich nur einen einzelnen Stock mit und an den klammerte ich mich jetzt verzweifelt.

"Ultreia", das wurde mir zum Mantra. "Immer voran". Wenn ich dachte, nun wäre endgültig mein Endpunkt erreicht flüsterte ich es. Und nochmal und wieder. "Du gibst nicht auf, nein, das tust du nicht! Alles wird gut!" An einem gefrorenen Wasserfall wusste ich nicht weiter. Doch an den Spuren unten im Schnee erkannte ich, dass andere es geschafft haben mussten. Dann konnte ich das auch! Außerdem ging es nur noch vorwärts, zurück war unmöglich. So purzelte, rutschte, robbte ich über den Eishang abwärts und landete mit einem dumpfen Aufschlag. Na also, war doch gar nicht so schwer gewesen...
Und plötzlich sah ich Sonne. Ich rannte förmlich darauf zu. Die nassen Klamotten würden trocknen. Man konnte in die Ferne sehen. Ob ich vielleicht sogar das Kloster erkennen würde? Am Wegrand saß der urige Wanderer und ließ die Füße über das Tal baumeln. "Magst a Stück Schokolade?" Und wie ich mochte! Er überließ mir grinsend den Rest der Tafel. "Bist scho mal g'wandert?" Verlegen schüttelte ich den Kopf. "Wirst's scho noch lernen. Schaust zäh aus! Wirst scho ankommen da hinten, in Santiago!" Und er wies mit der derben, gebräunten Hand irgendwo ungenau gen Horizont. Dann stand er auf."Magst net mitkommen, da nunter, nach Roncesvalles, noch guat zwoa Stunden soans, von hier!" Ich sprang wie ein Reh neben ihm hier, fast tanzte ich. Es ging abwärts! Ich hätte die ganze Welt umarmen können!

 
Noch immer Geröll. Und abwärts hat auch seine Tücken, das merke ich schnell. Außerdem sind meine Kräfte verbraucht. Aber dieser urige Engel an meiner Seite hat Bonbons und Geschichten aus den Bergen. Und ich spende bereitwillig die erwünschte Bewunderung. Toll, was manche Menschen  leisten, dagegen kann ich nichts! Irgendwann kommen wir an eine feste Straße. "1 km" steht da und ein gelber Pfeil weist nach links. Sie werden mich nun da ich spanischen Boden erreicht habe begleiten diese Zeichen des Pilgerweges. Und ich werde ihnen sechs lange Wochen folgen. Es wird sich allmählich ein Rhythmus einstellen, von gehen, ruhen, waschen, einkaufen, essen, reden, schweigen. Lernen. Für manche Menschen werde ich ein Engel sein. Andere für mich. 

Einer wird der wichtigste von allen sein. Er wird auszulöschen versuchen was je vorher war. Er wird mich besitzen wollen und zugleich auf Händen tragen. Er wird mein Leben aufs Spiel setzen, um einer Liebe willen, wie ich sie nie vorher erlebt habe. Doch davon ahne ich an diesem ersten Wandertag nichts.
Während ich leide besucht ihn daheim der Pfarrer und erteilt ihm den Pilgersegen. Er wird ein dünnes Silberkettchen mit einem Marienmedaillon anlegen, das ich jetzt, in diesem Augenblick da ich schreibe, in meiner Hand halte. Er wird nicht über achtundvierzig Stunden lang anreisen und sich auch die harte Pyrenäenüberquerung schenken. Und die schweren Etappen danach. Er wird noch für Tage zu Hause sein, bis er nach Bilbao fliegen und von dort aus mit dem Taxi gemütlich nach Pamplona fahren wird. Er wird weit hinter mir sein, aber mir mit Hilfe der spanischen Busse immer näher kommen. Wäre es anders gewesen: Ich hätte ihn wohl in den Wochen zuvor auch nicht registriert. Er ist nicht mein Typ. Nein, gar nicht. Wenn ich so etwas wie eine Vorstellung von einem Mann der mir gefallen könnte überhaupt noch habe. Ein Jahrzehnt ohne, das ist eine sehr lange Zeit. Sehnsüchte hören auf. Irgendwann verliert man seine Träume. Und man weiß nicht mehr wie Leidenschaft sich anfühlt und die Nähe danach. Man sucht sie auch nicht mehr. Sie gehört zu einem längst verlorenen Leben...

Die Glocken läuten wie zum Empfang. Die Klosterglocken von Roncesvalles. Leise rinnen Tränen. Ich hatte nicht geglaubt es zu erreichen, aber jetzt bin ich da. Das Pilgerbüro findet sich in der weitläufigen Anlage. Ich kann den Rucksack fallen lassen und auf einem echten Holzstuhl sitzen. Alle sind freundlich. Ob ich über die Berge gekommen sei? "Si por encima de montanas." Ich weiß nicht ob das so richtig ist, aber mir wird auf die Schulter geklopft, was fürchterlich schmerzt.

Den Rucksack kann ich nicht mehr aufsetzen. Ich trage ihn wie ein Baby quer vor der Brust, trabe in die gewiesene Richtung zum uralten Pilgerhospiz. Dort die große Glastür zu öffnen schaffe ich fast nicht mehr. Mit zitternder Hand zeige ich den Pilgerpass vor. "Ah, Deutschland! Ich bin Kees aus Holland und der Hospitalero!" Man bringt mich zu einem Bett in dem riesigen, fensterlosen Saal. Und darauf sinke ich nieder.
Ich denke an meine Kids daheim. Ich hab's geschafft! Bin da. Die schwersten siebenundzwanzig Kilometer von achthundert habe ich überstanden. Kees bringt mir ein Kissen und eine Decke. "Alles ist in Ordnung", sagt er, "jetzt bist du erst einmal hier bei uns! Und du hast es gut gemacht. Zehn Stunden sind eine prima Zeit für die Berge, wenn man das nicht gewohnt und dazu eine Frau ist!" 



Später bekomme ich heißen Tee. Und es ist wohl der beste den ich in meinem ganzen Leben je getrunken habe! Essen kann ich nichts, im Gegenteil, ich muss mich später übergeben in den blitzsauberen, weiträumigen Sanitäranlagen unter dem Schlafsaal. Während die meisten anderen Pilger zur Messe gehen bin ich tief und fest eingeschlafen. Ich brauche nichts, ich will nichts, ich lebe. Das genügt mir für diesen Tag. Irgendwann nach 21 Uhr werde ich mich in die Dusche schleppen. Wo ich auf den verletzten Füßen kaum stehen kann. Angelehnt an eine Wand, lasse ich das heiße Wasser über mich laufen. Es erscheint mir wie ein großes Geschenk am Ende dieses langen Tages.
An der Wand neben der Treppe finden sich unzählige Regalbretter voller Sachen. Von Menschen die offenbar schon am ersten Tag ihrer Wanderung festgestellt haben, dass sie sie nicht brauchen. Nicht an diesem Ort, nicht auf diesem Weg. Interessiert betrachte ich alles. Was Menschen so mitschleppen?! Viele Armreifen, z.B. Merkwürdig... Auch ich bringe etwas hinunter. Die Lederscheide meines Messers. Achtzig Gramm schwer, das weiß ich genau. Und mein Trinkwassersystem, mit vierhundertdreißig Gramm. Morgen werde ich ein Pfund weniger tragen müssen. Aber die Sachen wiedersehen, auf dem Weg...

Meine Fußsohlen weisen wie sich herausstellt handtellergroße Wunden unterhalb der Zehen auf. Dort haben die halben Schuh- Geleinlagen gedrückt. Zu denen hatte mir irgendjemand geraten. Die preiswerten Wandersocken mit ihren Falten waren auch ein Fehlkauf. Ich wickle Verbände über die pochenden Füße, die schon durchgeblutet sind, bevor ich noch in den Schlafsack krieche. Die Hämatome auf den Schultern, dort wo die Rucksackgurte saßen, die schmerzen auch. Er ist völlig falsch eingestellt, doch woher soll ich das wissen?!   
                                                                 
Einhundert schnarchende, hustende, schniefende, flüsternde Menschen.
Um sechs Uhr laute gregorianische Gesänge als Weckruf.                                 
Zweiundzwanzig Kilometer erwarten mich. Ultreia - immer voran! 



Das Video gibt die Etappe ziemlich gut wieder,
im Player ganz unten rechts zu klicken vergrößert das Format.

(Sorry, die Schrift will heute gar nichts, daher der seltsame Mix...)