Freitag, 26. Februar 2016

Rückblick und Vorausschau

Der kleine Ofen ist mir schon wieder ausgegangen, verflixt... An Heiligabend konnten wir ihn endlich in Betrieb nehmen - welch' große Erlösung und Erleichterung! Die vielen Jahre hier im Haus ohne Wärme haben mir zu schaffen gemacht. Ich hab' sie überstanden, irgendwie. Es ging ja nicht anders, Geld für die Heizung war einfach nicht da. Aber es waren jene fünf Monate jeden Jahres die mir vom Leben fehlten. In Ostfriesland gibt es ein Sprichwort, dass grob aus dem Plattdeutschen heraus übersetzt so viel bedeutet wie: "Du kannst besser nur mit einem Stück trocken Brot sitzen, als in einer eiskalten Stube!" Stimmt. Essen ist für mich eher Nebensache. Auf vieles sonst kann ich auch verzichten. Kälte aber tut weh. Vielleicht, da sie mich seit frühester Kindheit verfolgt. Die Geister der Vergangenheit wird man wohl nie ganz los...

Nun kann ich im vorderen Zimmer das Holz wieder knacken hören und bald wird  etwas Wärme hierher nach hinten strömen, denn ich sitze an der Hausrückseite, wo es heller ist und ich besser tippen kann. Eben noch Graupelschauer, nun scheint die Sonne durch's winzige Sprossenfenster. Kalt ist es trotzdem (noch). Was wird uns in Portugal erwarten? Frühling? Regen? Am Morgen und gegen Abend wird es sicher frisch sein, mehr kann man im März noch nicht erwarten. Dafür wird es keine Jagd nach freien Betten geben. Außer uns werden nur wenige Pilger so früh im Jahr unterwegs sein. Das ist auch gut so...

Der örtliche Sportladen hat gestern seine Tore für immer geschlossen und ich habe kurz vor knapp eine Wanderhose ergattert. 70% auf alles. Vermutlich wird dieses Teil noch oft mit mir auf Trekkingtouren gehen, dann lohnt die Anschaffung für 20 €.  Mit meiner Hose von 2013 stehe ich auf Kriegsfuß. Ihre rote Farbe erinnert mich zu stark an das Blut, dass bei und nach dem Unfall geflossen ist. So sehr ich mich auch mühe kann ich doch die Erinnerung daran nicht verdrängen, sie sitzt zu tief. Und darf auch da sein. Aber ich muss sie mir nicht im Blick auf die Hose während der neuen Tour ständig zurückholen...

Mir reichen andere Gedanken schon. Die bei jedem Pilger unvermeidlich aufsteigen, wenn die Zeit für die Caminostarts im Frühjahr gekommen ist. Von früheren Gefährten weiß ich, dass sie dann alte Fotos anschauen, ihre Tagebücher nachlesen, bei youtube nach Videos suchen. Was bei mir in diesem Jahr nicht anders ist. Kein Wunder, so kurz vor dem Aufbruch.

Was wohl aus den ehemaligen Begleitern geworden ist? Mit manchen stehe ich aktuell noch immer in gutem Kontakt. Andere habe ich aus dem Blick verloren, Zeit und Umstände haben uns getrennt. Googeln ist angesagt. Die Suche nach aktuellen Fotos und Informationen. Einen Namen habe ich vermieden. Aber am Ende, da suche ich auch nach ihm. Das ist relativ einfach, seit er Mitglied einer Band geworden ist. Ach, schon wieder ein Unfall. Gipsbein. So hab' ich mal vermerkt. Aus Bildern kann man viel herauslesen, wenn man genau hinschaut, auch wenn sie nicht privater Natur sind...

Ein solches habe ich dann aber völlig unerwartet auf dem (Bild)Schirm. Und sehe es mir intensiv an. Es ist so anders. So direkt. Der ernste Mann der dort abgebildet ist schaut direkt in die Kamera. Scheinbar mich an. Mir ins Herz. Und scheint mich etwas zu fragen. So empfinde ich es. Und werde traurig. Denn diese Augen habe ich einmal sehr geliebt. Sie waren für mich die schönsten der Welt. Doch seit vielen Jahren drücken sie deutlich erkennbar zunehmend Schmerz und Traurigkeit aus.

Wir sind beide (noch) älter geworden. Damals waren wir zusammen einhundertzwölf Jahre alt, lachend haben wir es ausgerechnet. Heute sind es einhundertdreißig - das ist schon sehr erschreckend irgendwie. Auch wenn es scheinbar nur Zahlen auf dem Papier sind.  

Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben
sondern den Jahren mehr Leben zu geben.“ 
Alexis Carrel, 28.06.1873 – 05.11.1944

Diesen Satz kennen wir wohl alle, aber beherzigen wir ihn auch? Oft frage ich mich das. Zu "leben", das bedeutet für jeden Menschen individuell etwas ganz anderes. Nicht zu (be)werten. Man sollte wenigstens sich selbst kennen. Die eigenen Bedürfnisse. Die echten meine ich, nicht jene, von denen man glaubt, dass sie das Leben ausfüllen und bereichern würden. Immer wieder hinterfrage ich das für mich: Wo stehst du - wo willst du (noch) hin? Was ist wichtig? Was längst nicht mehr? Nicht immer finde ich die richtigen Antworten. Auch nicht für die Vergangenheit. War eine Entscheidung, die ich damals getroffen habe wirklich richtig? Würde ich sie heute unter den gleichen Bedingungen noch einmal so treffen? Vermutlich ja. Und Er? Scheint es mich auf dem Foto zu fragen: "War es richtig, wie wir am Ende gehandelt haben?" 

Es kann darauf keine Antwort geben, wir leben seit neun Jahren damit. 
Ein Zurück gibt es nicht. 
Die Erinnerung wird uns bleiben. Es ist wie es ist weil es war wie es war.