Mittwoch, 10. Februar 2016

It's me oder wie alles begann


Wer bin ich? Wie fing alles an? Ein wenig davon möchte ich in diesem Post beantworten. Das Ende meiner Berufstätigkeit kam ziemlich abrupt (da hab' ich als Versandleiterin eines Großhandels für Kerzen u. Gesundheitsprodukte gearbeitet). Nun konnte ich nicht mehr verdrängen (denn das hatte ich zuvor mit exzessiver Arbeit getan), dass es in der Ferne mein Haus gab. Das hatte ich viele Jahre zuvor komplett renoviert und verkaufsfertig einem Makler übergeben. Damals war aber nicht die Zeit für sooo alte Häuser (Bj.1565) und für Ostfriesen ist ein solches Objekt ohnehin suspekt und uninteressant. Tenor: "Zu dem Preis krieg' ich ja 'ne Doppelhaushälfte mit Garten!" Stimmt. Aber das ist natürlich ein Vergleich wie Äpfel mit Birnen. Oder Motorrad und Auto. Für den Preis einer Harley kann man gut und gerne...

Der Vermittler verkaufte das Haus jedenfalls nicht. Zumal dessen sehr junge Beauftragte enorm engagiert erschien, Zitat: "Wer will denn schon ein Haus aus der Renaissance? Ich nicht!" Wer kein Herzblut investiert, der hat oft von vornherein verloren, das weiß ich aus meiner Lebenserfahrung heraus. Ich ließ mir nach einem ergebnislos verlaufenen Jahr den Schlüssel zuschicken, legte ihn in eine Schublade und wollte mir Zeit nehmen. Vieles trat in mein Leben, auch mein Job von 8- 22 Uhr. Den ich mit Begeisterung ausgefüllt hab', für den ich buchstäblich gebrannt hab', besonders im Außendienst. Am Ende war es viel zu viel. Da war ich dann ausgebrannt, zunächst krank, später verrentet. Nun hatte ich Zeit. Und konnte mein Problem nicht mehr leugnen: Es gab ein Haus und das sollte dringend zu Geld gemacht werden...

Meine Tochter fuhr mit mir los in die Ferne. Die damaligen Gefühle kann ich heute kaum beschreiben. Hatten doch alle gesagt: "Mensch, das Ding ist doch längst hin, da leben die Ratten drin und die Penner! Das Dach ist bestimmt eingestürzt, die Heizungsrohre sind geplatzt, alles steht unter Wasser! Die Tapeten sind von den Wänden gefallen, Fenster eingeworfen, die Haustür ist aufgebrochen!" Usw. Na, das macht vielleicht Mut...

Als das Auto nach bangen Stunden auf der Autobahn in die Altstadtstraße einbog, da sahen wir zumindest keine Ruine. Aber etwas sehr Erstaunliches. Man kann mich gern auslachen, aber ich habe oft gesagt, dass es zwischen diesen uralten Mauern so etwas wie eine Seele gibt. Religionsflüchtlinge aus den Niederlanden haben das Haus einst erbaut, ihre Handelsbeziehungen mitgebracht und auf der nahen Werft Hansekoggen bauen lassen. Unzählige Menschen haben hier gelebt, sind geboren worden und starben daheim. Müde Füße alter Menschen und kleine Trippelschritte mit Kinderbeinen haben die alten Holzstufen knarren lassen. In der Kellerköken brannte einst ein Herdfeuer im offenen Delfter Kamin, der Kran im Giebel beförderte alle Waren zur Lagerung in die oberen Etagen. Denn im Kaufmannshaus wurden Segel für die Schiffsneubauten genäht und allerlei Zubehör für deren Ausstattung verkauft. 

Bis zu einem Schiffspartikulier im 19.Jahrhundert konnte ich die Geschichte   verfolgen, dank des Stadtarchives. Er hat wohl Frau und Sohn verloren und lebte am Ende ganz allein im großen Haus, das wegen der repräsentativen Deckenhöhe im EG vorne drei und durch versetzte Wohnebenen an der Rückseite (das ist also keine Erfindung der Neuzeit!)  vier Etagen hat. Alles zusammen sind es ca. 190 qm an Grundfläche, aber natürlich nicht nach den modernen Berechnungen der Raumhöhen. Das kannte man damals nicht und Stauraum war wichtig. Den gibt es auch unter den Treppen und in Ecken, alles wurde genutzt. 

Nachts, wenn ich schlaftrunken die kleine Schneckenhaustreppe zum Dach hinauf stieg, wo sich ein Minibad befindet, meinte ich immer wieder einen  schmalen, großen Mann in Biedermeierbekleidung an den Kaminzug gelehnt zu sehen, der mich ernst anblickte. Mit der Zeit gewöhnte ich mich daran und ordnete das ein unter "es gibt nun einmal Dinge zwischen Himmel und Erde, die.."

Es ist eine romantische Vorstellung, dass er sein ehemaliges Wohnhaus beschützt hat. Denn wie durch einen Zauber war es jeglichem Zugang entzogen, wie das Schloss von Dornröschen hatte es sich gleichsam durch eine grüne Mauer vor allzu neugierigen Blicken geschützt, mit einer Art undurchdringlicher Hecke. Selbst die Haustür und die oberen Fenster waren fest zugewachsen. Wenn das nicht "märchenhaft" ist...


So betraten wir also ein Heim, das noch immer eines war. Keine (Un-)Tiere, kein Wasser, keine herabgefallenen Ziegel. Es war, als habe das Haus ein Jahrzehnt lang den Atem angehalten, darauf gewartet, dass ich eines Tages zurückkehren würde. Sich geschützt, um mich aufzunehmen. Nun, da ich in einem gewissen Sinne schutzlos und traurig war...

Meine Idee neu zu renovieren und die maroden Fenster auszutauschen erwies sich rasch als undurchführbar, die Pendelei zwischen Hamburg und hier als viel zu zeitraubend und teuer. Das konnte ich mir nicht leisten. Also kehrte ich ganz zurück. Nur auf Zeit, wie ich dachte. Doch es kam alles ganz anders, wie so oft, wenn der Mensch denkt und Gott lenkt...

War es auch eine Flucht damals? Vor einer großen Liebe, die sich als unglücklich erwiesen hatte? Keine Anschrift mehr, kein Telefon, eine neue Mobilnummer. Ich war nun unerreichbar, ohne Spuren zu hinterlassen. Der berühmte Strich unter dem alten Leben. Fortan war alles anders. Das war es allerdings zum großen Teil ohnehin schon, da ich ein Jahr zuvor meinen ersten Jakobsweg gegangen war, von Südfrankreich bis nach Santiago und Finisterre, dem Ende der Welt, wie man lange dachte, an der spanischen Atlantikküste ganz im Westen. Aus dieser Zeit brachte ich Gedanken mit. Was bedeutete für mich Geld, Besitz? Was braucht der Mensch wirklich? Wenn man sechs lange Wochen nur das bei sich hat was sich im Rucksack befindet, begreift man es von Tag zu Tag mehr! Ich las das Buch von Anne Donath: "Wer wandert braucht nur was tragen kann". Dadurch verstand ich noch mehr. Was sich ändern musste. Was ich ändern musste...


 Es war seltsam, die Reste im Haus als Zeitkapsel zu erkennen, hier war das Leben ein Jahrzehnt zuvor stehen geblieben, Weihnachtsdeko stand noch dort, etwas verloren wirkend auf einem einfachen, mal selbstgezimmerten Leimholzregal (was ich daraus gemacht habe verdient später mal einen eigenen Eintrag):


Im ehemaligen Wohnzimmer stand mein kleiner Biedermeier-Schreibtisch mit Stuhl als einzigem Inventar:





Die ehemals aus Holzresten u. Baumarkttüren von mir gebaute Küche:


Letztere blieb, wurde reaktiviert. Auf dem kleinen Induktionskochfeld koche ich immer noch, auf den dicken Holzregalbrettern steht mein weniges Geschirr. Die modernen Elektro - Einbaugeräte werden bis auf den Kühlschrank nicht genutzt. Meine Wäsche wird von Hand sauber, wie auf dem Camino de Santiago auch. Mein improvisiertes Bett bestand anfangs aus Polstern (nach deren Größe mein Held im vorigen Jahr ein superschönes Terrassensofa im Stil von Palettenmöbeln gebaut hat, damit sie erneut Verwendung finden!) und dem Rollschrank eines bekannten schwedischen Möbelhauses (natürlich gebraucht erworben):


Ganz so karg ist es jetzt nicht mehr, aber was ich heute als überflüssigen Luxus empfinden würde, hat auch nicht Einzug gehalten (außer einiger Kochutensilien auf deren Benutzung der Held nicht verzichten möchte). Einem neuen Partner begreiflich zu machen, wie man denkt und fühlt, eben "tickt" und was einem gänzlich unwichtig ist, das bedarf Zeit (wir sind erst seit ungefähr einem Dreivierteljahr ein Paar) und der richtigen Worte in passenden Situationen. Aber wir sind auf dem richtigen Weg!

Und der wird uns in wenigen Wochen auf meinen Jakobsweg No.5 führen...



Die Menschen streben danach,
möglichst vieles zu besitzen.
Wenn sie es dann haben,
beginnen sie sich zu langweilen.
Sie suchen nach Heilung,
in der Schlichtheit des Einfachen.
Aber sind keinesfalls bereit,
dafür auf etwas zu verzichten.


( Paulo Coelho )