Montag, 21. März 2016

Wer bin ich - wer könnte ich sein?


Nach Jerusalem wandert man, um Jesus zu finden,
nach Rom geht man zum Papst, 
doch auf dem Pfad nach Santiago de Compostela sucht man allein sich selbst. 

(Spanisches Sprichwort)


Ein Weg-Tagebuch neun Jahre später nachzulesen, beinhaltet zwangläufig dem Menschen zu begegnen, der man einmal war. Oder immer noch irgendwie ist?! Auf jeden Fall kann man nicht unberührt davon bleiben. Hinterfragt vieles. Vor allem sich. Nicht immer ergeben sich Antworten. Vielleicht ist noch nicht alles gesagt. Oder manches schlicht nicht erfragt. Leben bedeutet Wandel. Veränderung. Ab und zu auch Stillstand. 

Und doch sind wir alle (be)ständig auf einem Weg. 
Wir kennen nur den Zeitpunkt und Ort unserer endgültigen (noch) Ankunft nicht...



Eine Liebesgeschichte... Kapitel 30 

Von "El Burgo Ranero" noch völlig übernächtigt erreichten Lena und ich „Leon“. Wir quälten uns durch die belebte Innenstadt mit ihren tausenden Läden, vornehmen Glasfassaden und Einwohnern, die chic gekleidet ihren Alltag lebten. Wir dagegen sahen, so verschwitzt und abgekämpft wie wir waren, mit unseren schmutzigen Stiefeln und Schmuddelklamotten aus wie die Tramps. Fast schämte ich mich. 37° Grad Hitze verzeichnet mein Tagebuch. Auf der Schattenseite der großen Boulevards erreichten wir die Altstadt mit ihrer wunderschönen Kathedrale.

Ich liebte diese Stadt sofort. So stolz und widersprüchlich, so elegant! Lenas Sprachkenntnisse waren wieder einmal dringend von Nöten. Wo war es denn nur versteckt, das Benediktinerinnen – Kloster, das auch Herbergsbetten anbot?! Mehrfach hatten wir schon die immer gleich aussehenden Straßen durchquert und wurden zunehmend erschöpfter. Die Auskunft eines älteren Herrn war dann allerdings umfassend. Zwei deutsche Pilgerinnen, er sei hocherfreut! Der Glaube gälte also doch noch etwas, auch in diesem für ihn eher als unchristlich bewerteten Land…

Wir stiefelten los in die gewiesene Richtung und waren beglückt eine Nonne zu entdecken, der wir mehr oder weniger unauffällig folgten. Schock lass' nach! Über den Hof wälzten sich schon wahre Pilgermassen, aufgereiht in einer breiten Schlange, die sich äußerst langsam die Treppe hinauf bewegte. Klar, oben wurde gefragt, gestempelt, bezahlt, das dauerte seine Zeit. Mit Grauen dachte ich an die Erfahrung von Burgos... Hauptsache, es wäre noch etwas frei!

Das war es dann auch und wie im Wanderführer beschrieben, splittete sich die dem Kloster angegliederte Großherberge in zwei Säle. Einen für die Männer. Vorne. Und einen für die Frauen. Dahinter. Damit ja niemand von den Bartträgern sich etwa dorthin verirrte, aus Versehen natürlich. Die abgenutzten, gelblichen Metallbetten waren kurz, schmal und niedrig, ein wahrer Graus für meine "riesige" Lena. Aber wie immer klagte sie nicht. Fiel auf die Matratze nieder und schlief erschöpft ein. 

Ich stürzte mit meinen Wechselklamotten in den Männersaal, von dem geschickter weise die Sanitärräume abgingen. Wie hatte es für San Juan im Wanderführer geheißen: "Warmes Wasser nur theoretisch!" Das galt auch für diese sittenstrenge Einrichtung. Doch was tut der wahre Pilger? Er seufzt und ergibt sich in das eiskalte Schicksal.

Ulli hatte sich ein Hotelzimmer vorbestellt, das wusste ich. Was war wohl aus Sehad geworden? Und aus gewissen anderen Menschen? Würde ich es je erfahren?

Ich unterhielt mich mit allen Sprachen die ich beherrsche, in dem großen, vollbelegten Saal. Und natürlich auch in jenen, derer ich nicht fähig bin. Mein Sternzeichen ist Zwilling. Und damit das noch getoppt wird, habe ich den Löwen als Aszendenten. Ich brauchte drei Minuten, dann war ich Mittelpunkt, reparierte zwei verklemmte Ventilatoren, verband mehrere verletzte Füße, las aus dem Rother alles über Leon vor und sah Lena in Richtung der Dusche verschwinden. Jemand hatte ein winziges Radio mit und drehte es auf. Ich rockte ein wenig die Hütte und erstarrte plötzlich. In der Tür stand Guy. 

Seit fünf Tagen hatten wir uns nicht gesehen. Mir klappte der Mund auf. Dann fasste ich mich: "Du darfst hier nicht sein! Wenn dich die Benediktinerinnen erwischen, hier ist der Frauen - Schlafsaal!" Dabei versuchte ich vergeblich, ihn aus dem Türrahmen zu schieben. "Möchtest du mein Pics ansehen? Ich hab‘ ein neue Camera bekommen. Ich muss auch reden mit dir. Kommst du zu essen mit mir? 19 Uhr?" Ich habe meine Freude darüber wohl kaum verhehlen können. Mein Herz war kurz stehengeblieben, bei seinem Anblick. Und jetzt stand ich da mit roten Wangen und nickte im gleichen Tempo unaufhörlich, wie der Duracellhase in der Werbung trommelt...

Kaum ist Guy in dem Saal in den er gehört, schütte ich meinen Rucksack komplett aus. Am liebsten würde ich jetzt das kleine Schwarze anziehen. Die tollen Dessous. Und knallrote Lack -HighHeels. Zum Friseur rennen, mir drei Pfund Makeup ins Gesicht werfen. Tja, Pech gehabt! Was ich hingegen aufzuweisen habe: Eine grüne unter den Knien abgeschnittene Wanderhose, ein ehemals weißes Langarmshirt, Wandersandalen, mit denen man zur Not Lagerfeuer austreten kann, einen acht Zentimeter großen Plastikkamm. Und „3 in 1 – OutdoorShampoo“, für Körper, Haare und Wäsche, biologisch abbaubar.

Ich muss sooofort in die City! Und mindestens ein rosanes Halstuch erwerben. Denn ich habe ja wenigstens etwas aufzuweisen: meine rosafarbene Fleecejacke, die ER noch nicht kennt. Vielleicht ergattere ich irgendwo einen Lippenstift?! Rosa, klar! Und preiswerte Ohrringe?! Ich bin so aufgeregt, dass mir die Hände zittern. Und pausenlos singe ich. "Was ist denn mit dir passiert? Sechser im Lotto?" fragt die frisch gewaschene Lena. Ich setze die Batterie wieder ein, nicke wie bestellt und antworte: "Mehr als das, mit Zusatzzahl!!" Wir müssen jetzt in die Stadt! 

Als wir uns durch Wallensteins Lager quälen, kommt Guy auf mich zu und zieht mich am Ärmel. "Gabby, please, kann wir auch mit mehr Leute essen? Es kommt noch mehr um 19 Uhr!" Ich bin ein Kind. Ein Schaf. Ein Lamm also. Und einfach immer noch vertrauensvoll. Doch wie hätte ich auch ahnen können... Wie ich vorgeführt werden würde… Wie weh ein Herz tun kann… Wie unfassbar lang zwei Stunden sein können?

Der Nachmittag besteht aus einem regelrechten Programm. Kaum hat den Pilger das städtische Leben wieder, verfällt er scheinbar in eine Art Alltag. Das Hospital befindet sich erfreulich nahe am Bereich der Kathedrale. Lena erfährt es sei gerade Siesta und wir möchten noch einmal später wiederkommen. Also setzen wir uns in die Sonne und gönnen uns einen Milkshake. Jahrelang hatte ich mir Genüsse dieser Art verwehrt, um mein Gewicht nicht noch weiter zu steigern. Am Ende hatte ich fast gar nichts mehr gegessen. Jetzt darf ich alles. Muskeln sind wieder dort entstanden, wo sie hingehören. Mein ganzer Körper hat sich gestrafft, als hätte er sich aufgerichtet, wo er sich zuvor schützend gebeugt hatte.



Knapp sitzen wir, da entdeckt uns Walther, der unheimlich große und dicke Schreiner aus dem Süddeutschen. Wohl jeder kennt ihn am Weg, hat ihn irgendwo schon einmal gesehen. Seine Statur fällt einfach auf. Und jeder fragt sich wie es möglich ist, dass dieser Mann in der Gluthitze seine gewaltige Körpermasse über die vielen Kilometer schleppt. Jetzt erfahre ich es. Er zeigt mir Fotos von einem Altar, den er der kleinen Kirche in seinem Ort gespendet hat. Ganz aus Recyclingmaterial hat er ihn errichtet. Was man nicht ahnen konnte: in diesen Pranken steckt ein zartbesaiteter Künstler! Wie so oft täuscht das Äußere. Ich habe mich sehr gefreut über diese Begegnung und wünsche dem Kämpfer, dass er sein Ziel wie wir alle erreichen möge. Noch sind es 311 km bis Santiago, da kann noch viel geschehen. Das erhitzte, schwitzende Gesicht lächelt. "Ich gehe für meinen Glauben. Der Herr wird mich schützen". 

Was auch immer ihn behütet und ihm Kraft gegeben hat: Er wird tatsächlich in Santiago einlaufen. Krank wird er sein, in den letzten beiden Tagen davor. Magen und Darm machen ihm schwer zu schaffen. Ist es die Aufregung nun bald anzukommen? Oder macht sich allmählich der Gedanke breit: "Was wird danach sein?" Vielen Pilgern ergeht es so. Über lange Wochen kämpfen sie sich der ersehnten Stadt entgegen. Mit allen Entbehrungen die dieser Weg nun einmal mit sich bringt. Sie begegnen sich selbst auf eine veränderte Weise. Und anderen. Lernen sich ganz neu kennen. Und jene Menschen, die ihnen als Lehrmeister geschickt worden sind. Je näher man dem Ziel kommt, desto mehr stellt sich die Frage: „Wie viele Kilometer sind es noch? Und somit Tage?“ Die galicische Regierung hat dafür gesorgt, dass man diesen Gedanken nicht ablegen kann. Alle fünfhundert Meter steht ein hoher Stein. Und auf ihm unübersehbar welche Wegstrecke noch zurückzulegen ist. Man möchte nicht hinschauen und tut es doch, wie bei einem Unfall auf der Autobahn… Leise entsteht im Kopf die Frage: Was ist denn danach? Wenn ich "entpilgert" bin?

Noch sind wir weit entfernt davon, besichtigen vorerst nur die Kathedrale von Leon mit ihren faszinierenden Glasfenstern in den prächtigsten Farben. Viel schöner erscheint sie mir, als jene in Burgos, die ich nur von außen gesehen habe. Aber schon da empfand ich sie als überladen. Hier kostet es keinen Eintritt, die Anzahl der Besucher hält sich im Rahmen. Es ist so still, wie es in einem Kirchenraum sein sollte.

Weit weniger allerdings auf dem Postamt. Meine kluge Begleiterin hat herausgefunden, dass man Päckchen voraus schicken kann, postlagernd. Extra für Pilger hat man in Santiago eine neue Halle errichtet, um der Flut der Sendungen einigermaßen Herr zu werden. Denn der Versand in heimische Gefilde wäre unfassbar teuer. Aber so kostet es nur ein paar Euros und die ist es mir wert, wenn ich die 2,5 kg nicht mehr schleppen muss, die mir die nette Postbeamtin in einen Karton verpackt. Das hässliche Regencape ist z.B. darin, mein Biwaksack, das Messer mit dem geschnitzten Holzgriff, Kleinkram. Und vor allem die hässliche, schwarze Fleecejacke! Inzwischen kann ich besser einschätzen was ich brauche und was nicht.

 
„Crocs“ sind gerade neu aufgekommen, fast jeder Pilger hat diese unförmigen Teile an seinem Rucksack hängen. Auch meine geplagte Wegbegleiterin möchte welche erwerben. Endlich mal weiche Schuhe! Wir klappern die Schaufenster ab. Schließlich suche ich ja auch etwas… Es soll gut aussehen und fast nichts kosten. Am Ende sind wir beide zufrieden. Lena hat eine Billigausgabe der teuren Modepantinen in den Händen und ich habe ein 4 Euro–Shirt ergattert. Dafür bin ich ja zum Essen eingeladen, da spare ich die Geldausgabe wieder ein. 

Da ich ohne Armbanduhr bin schaue ich alle paar Minuten verstohlen auf Lenas. Die Zeit will nicht vergehen, so erscheint es mir. Auch mit der Warterei im Hospital nicht. Dafür werden wir äußerst freundlich behandelt, das erstaunt mich. Endlich findet sich ein Arzt der Zeit hat. Viel mehr als Desinfektion, ein wenig Verbandsmaterial und gute Ratschläge kann er nicht bieten. Dafür muss bar bezahlt werden. Und nicht wenig. Für eine Studentin ist es eine erhebliche Summe. Das Lächeln galt also der „Privatpatientin“…

Zurück in der Herberge wasche ich mir im Waschbecken die Haare, trage eine Kur auf, die im Einzeltütchen zu erwerben war. Wie gut, dass mein Schopf so kurz ist. Ich kann die wenigen Haare später unter dem Uralt–Händetrockner mit Verrenkungen ein wenig erhitzen und versuche, mit meinem Minikamm so eine Art leicht antoupierter Frisur hinzuzaubern. 

Schön ist anders, aber dieses Problem trifft unterwegs alle gleich. Den kleinen Ohrhänger lege ich an, fahre mir sorgsam mit dem Pflegestift über die trockenen Lippen. Ein wenig gespendete Creme pflegt mein Gesicht. Dann ziehe ich die sauberen Sachen über. Das neue Shirt, meine heißgeliebte rosane Jacke. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel. Aus einem gebräunten Gesicht leuchten mir zwei strahlende dunkle Augen entgegen. Es ist unverkennbar, wie sehr ich mich freue... So spät, dass ich gerade noch pünktlich bin, gehe ich nach unten. Niemand soll merken, wie aufgeregt ich bin. Sorgsam habe ich alle meine Sachen schon in den Netztaschen untergebracht. Ich könnte den Rucksack schnell packen. Vielleicht wird es ja notwendig?!  
                                                    
Betont langsamen Schrittes gehe ich mit klopfendem Herzen auf die kleine, wartende Gruppe zu, die mich dort schon erwartet. Doch wo ist Guy? Er biegt gerade um die Ecke. Und er ist nicht allein. Eine Frau hat sich bei ihm eingehakt, lacht ein wenig zu laut und ein wenig zu vulgär. Unsere Blicke kreuzen sich. Die ist mir doch schon irgendwo begegnet? Und da schon unangenehm aufgefallen. Wo war das bloß? Dann erinnere ich mich. Das ist die billig wirkende Hamburgerin aus der Herberge in... Kaum habe ich daran gedacht, vernehme ich in meine Richtung: "Wer hat denn dir die Hosen so chic abgeschnitten? Aber ab einem gewissen Alter ist das wohl eh egal..." Alle lachen. Mehr oder weniger. Und schauen an mir hinunter.

Ich möchte, dass sich der Boden auftut. Es geschieht nicht und der Abend hat gerade erst begonnen. Das Grüppchen macht sich auf in Richtung Fußgängerzone. Warum bin ich nicht einfach wieder nach oben gegangen? Am Anfang meines Weges, da hätte ich es sicher getan. Wäre geflohen. Aber nun bin ich in meiner vierten Woche unterwegs. Und lasse mich nicht einfach so verjagen. Ich bin ich. Und um mich herum ist eine schützende Rüstung. Die vielleicht keiner sieht, von der ich aber weiß, dass sie da ist. Seit frühester Kindheit trage ich sie. Und sie ist längst mit mir verwachsen...

Mit der Mehrheit der Stimmen wird ein Restaurant gewählt. Man will draußen sitzen, natürlich. Mehrere Tische formen sich schnell zu einem langen. Ich sitze zwischen lauter Menschen die ich nicht kenne. Guy nimmt sich schnell den Stuhl mir gegenüber. Seine Auserwählte schmeißt sich sofort daneben. Sie trägt eine verfluste schwarze Fleecejacke, wie ich leicht erfreut feststelle. Allerdings mit weit geöffnetem Reißverschluss. Und darunter offensichtlich nur einem BH.

Oft habe ich mich später gefragt, ob da so etwas wie Eifersucht in mir war. Ich bin ziemlich schonungslos mir selbst gegenüber. Also warst du, oder warst du nicht? Erstens gehört kein Mensch einem anderen. Und zweitens war nichts zwischen uns. Ich hatte eine Wahl gehabt. Gespürt, dass es eine Hürde gab die ich nicht überspringen konnte. Ich hatte diesen Mann einfach nicht begehrt. Wäre nie auf die Idee gekommen, ihm seine Wanderklamotten vom dünnen Leib zu reißen und ihn aufs Bett zu werfen. Es ging mir um ganz anderes. Schutz, Nähe, Geborgenheit, Wärme. Etwas, das ich so lange vermisst hatte.

Nun hatte er offensichtlich bekommen, was ihm gefehlt hatte. Dagegen gab es nichts zu sagen. Irgendwie war ich sogar ein wenig froh. Als wäre ein gewisser Druck von mir genommen worden. Ich hätte mir nur gewünscht, es wäre eine irgendwie akzeptable Frau gewesen. Mit der hätte ich geschnackt und ihn einbezogen. In einem passenden Moment gesagt: "Ich freue mich für dich!" Aber so ist es nicht in dieser Situation.

In mir gehen merkwürdige Gefühle vor. Analyse ist mir unmöglich, denn ich kann leider immer nur eines: denken oder fühlen! Und beides tue ich immer in voller Konsequenz. Ich kann nicht anders. Den Begriff "fremdschämen" habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nie gehört. Aber er bezeichnet wohl genau das, was ich empfinde. Ich bin entsetzt über das Szenario, das sich nun vor meinen Augen abspielt.

Die Speisekarten gehen reihum. Dass ich nichts werde essen können, ist schon klar. Wenn ich es nicht tue, werde ich mich nicht übergeben müssen. Wenigstens das möchte ich mir ersparen. Die Bestellungen werden aufgenommen. Ich verneine. Ein Bier bitte. Klein. "Du willst nichts essen?!" Wieder Kopfschütteln: "Es war wohl zu viel, am Nachmittag, da haben wir das Eiscafé leergefuttert!" Guy sieht mich mit einem merkwürdigen Blick an und ich lächle in die Runde. "Alzheimer-Bulimie, was?!" tönt die Reeperbahn-Braut. Irgendwer fragt, was das sei und die Antwort erfolgt prompt: "Wenn man in einem gewissen Alter frisst ohne Ende und das Kotzen vergisst!" Es wird still am Tisch.

Wenn ich nach rechts schaue kann ich die Kathedrale sehen. Und ich schaue immer wieder hinüber, mit nur einem Gedanken: "Bitte lass' mich Haltung bewahren!" An meine Großmutter in Berlin denke ich. Sehe sie vor mir mit ihrem schwarzen Kleid und dem bis zum Kinn zugeknöpften Stehkragen. "Contenance", ermahnte sie, wenn ich mal ein wenig zu laut war. Vor lauter Freude und Glück, in der großen Wohnung herumtollen zu können. In diesen Ferientagen so etwas wie eine normale Kindheit zu empfinden.

Fritz, der Profipilger mit dem langen weißen Rauschebart, erzählt mir ohne Punkt und Komma von seinen zahlreichen Jakobswegen. Er ist fast in jedem Jahr unterwegs. Und rettet mich heute. Jede vergangene Minute zählt.

Längst steht der Tisch voller Rotweinflaschen. Mit: "Wo bleibt denn das rote Gesöff?" war es angefordert worden. Von wem? Richtig geraten. Während alle essen, schaue ich mir die Vorübergehenden an. Und lerne jedes Detail der gegenüberliegenden Häuserfassaden förmlich auswendig. Auch das hilft über die Zeit. Guy wird angestoßen: "Die Buddels sind leer! Willst du keine neuen bestellen?" Er will, oder besser gesagt, er muss wohl. Sein Teller ist noch ziemlich gefüllt, als er abgeräumt wird. Scheinbar ist auch er satt.

Jetzt ist Zeit für Liköre. Und härtere Sachen. "Möchtest du auch etwas?" Ich weise auf mein Glas: "Danke, ich habe noch." Die Antwort folgt auf dem Fuße: "Tja, in einem gewissen Alter verträgt man eben nicht mehr so viel!" Leider bin ich selten schlagfertig. Aber ab und zu, da gelingt es mir. Dies ist so ein Moment! "Und in manchem Alter, da verträgt man leider noch gar nichts. Da ist man nach einem Wein schon voll!" Sehe ich ein Lächeln bei manchen Anwesenden? Andere starren auf den Tisch. Es kommt keine Stimmung auf, unter solchen Umständen. Damit hatte niemand gerechnet!

Als die Frauen sich zum Rudel-Toilettengang entschließen, zieht Guy meine Aufmerksamkeit auf sich: "Ich werde da sein, Santiago, an deine Geburtstag. Wir treffen in den Kathedrale! Oder ich sitze auf Treppe." Will ich das? Wie kommt er nur darauf? Nach dieser Entgleisung? Eine Antwort erspare ich mir. Das ist auch gut so. Denn an diesem Tag werde ich längst am Atlantik, in Finisterre sein. Und über die Stufen der Kathedrale bin ich nicht allein gegangen...

Der Aufbruch wird beschlossen, da die ganze Gruppe am Gottesdienst des Klosters teilnehmen möchte. Auch Guy und Begleiterin schließen sich an, obwohl sie längst in ein Hotel gewechselt haben. Die Benediktinerinnen hatten um zahlreiches Erscheinen gebeten. So kommt es auch. Alle Bänke sind dicht gefüllt. Ich muss mich nach vorn setzen, sonst ist nichts mehr frei.

Es wird eine bewegende halbe Stunde. Man hört den Gesang der Nonnen schon, bevor man sie sehen kann, dann öffnet sich die Seitentür im Altarbereich und eine lange Reihe schreitet singend herein. Gänsehaut. Sie tragen mächtige Kapuzen, die ganz nach vorn gezogen sind, man kann kein Gesicht erkennen, nicht einmal schemenhaft. In zwei gegenüberliegenden Reihen fest verbundener holzgeschnitzter Bankstühle nehmen sie Platz. Mehrere Gebete werden gesprochen, deren tieferer Sinn mir verborgen bleibt.

Als sich die Oberin erhebt, ahne ich, dass eine kurze Predigt folgen wird. Sie schaut über all die Reihen mit den dichtgedrängt sitzenden Pilgern. Ich verstehe erstaunlich gut was sie sagt. Warum, das weiß ich nicht. Vom Glauben spricht sie. Und fügt an:
"Aus vielen Ländern der ganzen Erde und von allen Kontinenten seid ihr gekommen. Weil ER euch gerufen hat. Ihr habt diese Stimme in der Ferne vernommen. Heimkehren werdet ihr in eure Häuser auf der ganzen Welt, wenn ihr euren Camino zu Ende gegangen seid. Ihr werdet eure Freunde und Familien wiedersehen und ihnen berichten, dass der Glaube existiert. Weil er in euch lebt.“ Ausgerechnet auf mich tritt sie zu, legt mir vorsichtig ihre schmale weiße Hand auf die Haare und spricht den Pilgersegen. 

Vielleicht hat sie mich weinen sehen. Denn ich denke an meine Kinder in der Ferne. Vielleicht hat sie aber auch gespürt, dass ich diesen Segen brauche. Und reinen Herzens bin. Ich schaue hinauf zu dem schlichten Holzaltar, den die Flammen der Kerzen längst dunkel gefärbt haben. In mein Tagebuch werde ich schreiben:“ Ich habe die Stimme gehört, die mich einst rief. Und jetzt bin ich zurück auf meinem Pilgerweg! Danke, dass DU mich gemahnt hast!“  Die Nacht ist unerträglich stickig. Ich übergebe mich mehrfach. Am Morgen liege ich im Hof, die Beine an einer Wand hoch. Der Kreislauf streikt.

Trotzdem laufen Lena und ich Astorga entgegen. Ab jetzt wird vieles anders.
Guy sehe ich nie wieder. Ein Kapitel ist endgültig abgeschlossen.



Eine Liebesgeschichte... Kapitel 31

Der Tag hat übel begonnen. Er kann nur besser werden!
Die frische Luft tut gut. Langsam kommt die Sonne hervor. Lena und ich entscheiden mit dem Bus aus der Stadt heraus zu fahren. Es soll ewiglange Vorstädte geben und ein Industriegebiet, das kein Ende zu nehmen scheint. Das brauchen wir nicht, wir wollen Natur. Es gilt eine Haltestelle für den Überlandbus zu finden, das erweist sich als gar nicht so einfach. Aber Lena, mit ihrem Leistungskurs "Spanisch", meistert die Situation.

Zu unserem großen Erstaunen schallt uns beim Besteigen des Gefährts ein allseitiges "Buen Camino" entgegen. Da sind andere auch auf die gleiche Idee gekommen. Einer hat's im Rücken, bei einem anderen macht das Knie nicht mit. Und dann die Füße! Ich habe Wunden auf dem Camino gesehen, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte! Einschließlich meiner eigenen.

Wir blättern im Wanderführer, um uns zu orientieren. Wo wollen wir überhaupt hin? Wo aussteigen? Lena will ihre kaputten Füße schonen, ich einem gewissen Paar entgehen. Wir stecken die Köpfe zusammen und entscheiden: Astorga soll das heutige Tagesziel sein. Weit genug entfernt und für uns gerade noch irgendwie machbar.

In der Leoner City brodelt der Verkehr am frühen Morgen. Unglaublich! Wir sind Großstadtgetümmel einfach nicht mehr gewöhnt. Überall Werbung. Gern auf riesigen Bildschirmen. Eben gerade als wir auf einen zufahren, wechselt dessen Werbeaussage. "KEEP WALKING" steht da und darunter erscheint JONNY WALKER, mit dem bekannten laufenden Männchen. Wir nehmen es beschämt als Metapher, müssen aber auf der anderen Seite laut loslachen. Das war wohl auf uns gemünzt... Ich beschließe die nicht gegangenen Kilometer aufzuholen, indem ich ab sofort jeden Abend jogge. Da ich fit bin dürfte mir das keine Schwierigkeiten machen. Und so wird es auch sein. 

Der Wanderweg nach der Busfahrt zieht sich trotzdem. Ich lebe von der BilligCola, kann noch immer nichts essen. So kann man leicht Gewicht verlieren... Unsere Anstrengungen wollen wir mit einer Top–Herberge belohnen. Sie soll in einem uralten Herrenhaus stecken und damit hatte ich schon in Obanos gute Erfahrungen gemacht. Zielstrebig durchstreife ich die Stadt. Und finde sie. "Hier, Lena, hier muss es sein!" Der Eingang ist bereits vielversprechend. Alte, große Fliesen, viele Balken und durch eine gläserne Trennwand schaut man in einen Raum mit einem derben, riesigen Holztisch.


 Leider ist niemand zu sehen, alles schläft offensichtlich. So lassen wir die großen Rucksäcke fallen und uns auch. In der Halle die als Aufenthaltsraum dient, liegen auf atriumartig angelegten Stufen große Diwankissen. Ich sinke nieder. Irgendwo von der Balustrade herunter eine Stimme: "Wollt ihr Stempel, oder auch Betten?" Na, was wohl?! Es wäre noch nicht „completo“, erfahren wir und sollten es uns ruhig gemütlich machen. Dankeschön, haben wir schon getan!

Meine Weggefährtin schnappt sich den Stapel spanischer Zeitungen, um die uns entgangene Weltgeschichte der letzten Wochen nachzuholen. Und ich throne mit ausgebreiteten Armen entspannt auf der Kissenlandschaft. Aus einem CD-Player erschallt Musik aus den Achtzigern. Ach, wie lange ist das her... Aber den Titel kenn' ich noch und den folgenden und übernächsten. ABBA!! Als die CD abgespult ist, ein Ruf von oben: "Leg' mal bitte 'ne neue ein!" Das tue ich gern…

Irgendwie gleite ich in eine andere Welt. Denke an meine ( späte ) Discozeit, tobe mit meinem Freund Johann über die Tanzflächen, denke an meine Outfits und den Spitznamen "Gary Glitter"... Da holt mich eine weibliche Stimme aus den Phantasien in die Gegenwart zurück: "So ihr beiden Hübschen, dann mal her mit den Pilgerpässen!" Schnell sind die bunten Stempel gesetzt, wir entrichten den Spottpreis und dürfen auf Bettensuche gehen. Tatsächlich finden sich zwei leere Matratzen abacho. Nach der Dusche verschwindet Lena erschöpft im Bett und ich in die City der 12.000 Einwohner-Stadt. 



Fast fühle ich mich ein wenig wie im Urlaub. Der Himmel ist strahlend blau. Am Bischofspalast, den einst Antoni Gaudi errichtet hat, spielt ein Musiker auf seiner Gitarre und es wird getanzt. Offensichtlich befinden sich dort mehrere Abi-Klassen. Ein Song nach dem anderen wird gewünscht und dazu geklatscht und abgefeiert. Ich freue mich mit, wage einige Schritte, lasse die Musik in mein Herz fließen. Ein Gefühl von Glück erfasst mich. Vielleicht sind es nur Sekunden, aber es ist da.

Den kleinen, sehr gepflegten Park durchstreife ich. Ah, Engelsskulpturen, die sind sicher ein Foto wert! Ich schaue aufs Kameradisplay, um den optimalsten Ausschnitt zu erfassen. Da sehe ich ihn. Meinen Engel. Den, der mir als Schutzengel erschienen war! Ich hebe den Blick nach oben und es scheint mir, als sähe er mich lächelnd an: "Hast du mich also gefunden?" Mit einer seltsamen Ergriffenheit stehe ich da. Es ist sicher eine merkwürdige Laune des Zufalls. So etwas gibt es gar nicht! Oder etwa doch? 



Zurück in der Herberge platziere ich mich wieder auf "meinen" Kissen. Zwei junge Männer mit gefüllten Plastiktüten kommen herein, die offensichtlich kochen wollen. Einer davon sieht haargenau aus wie mein Freund Otti aus Berlin. Der auch so gern kocht... Klar, dass ich mit den beiden Jungs ins Gespräch komme, die ich so auf Mitte / Ende dreißig schätze. "Magst du mitessen? Wir haben viel zu viel eingekauft!" Und ob ich mag. Ich habe Hunger wie ein Bär nach dem Winterschlaf!

Wir sitzen schwatzend und Gemüse schnibbelnd am langen hölzernen Holztisch, als ein weiterer Pilger eintrifft, um nach einem Bett zu fragen. Es ist Horst, der mich in der Kirche von El Burgo Ranero gerettet hatte, vor dem spanischen Uralt-Playboy in Zwergengröße! Er ist in drei Minuten oben um ein Bett zu suchen und wieder unten, um mit uns zu sitzen. Gemeinsam wird vorbereitet, gekocht und genossen. Er gibt den Wein zur Mahlzeit aus und schnell wird ein "Opfer" für dessen Besorgung ausgeguckt und erhält als Entschädigung einen Anteil vom Mahl.

So speise ich also mit Horst, dem Manager, der sich über sein Leben klarer werden möchte, Michael, dem jungen Vater, der von diversen Süchten loskommen möchte plus Tim und Struppi. So habe ich insgeheim die beiden Jungs getauft. Wobei Struppi über kein einziges Haar, sondern einen kugelrunden, gänzlich haarfreien Kopf verfügt. Auch eine zweite Runde Wein muss her. So etwas bin ich von daheim gar nicht gewöhnt. Aber jetzt und hier herrscht Ausnahmezustand…

Tim erzählt mir, sie seien schon den zweiten Tag da und nähmen den ganzen Weg ohnehin locker. Eine solche Einstellung erscheint mir noch unvorstellbar zu diesem Zeitpunkt. Wir brechen zu zweit zum Schokoladenmuseum auf, in dem es einen sehr großen, wunderschönen Stempel über vier Felder geben soll und genau den wollen wir. Astorga, umgeben von ausgedörrtem, steinigem Land, konnte in der Landwirtschaft nicht auftrumpfen. Darum wurden viele Männer zu Fuhrleuten. Transportierten Waren zur Küste und ins Land, darunter auch Zucker und Kakao. So entstand die Spezialität, für die die Stadt berühmt ist: Schokolade, in allen Farbvariationen. Von weiß, über orange, rot und türkis, bis zu schwarz. Tim kauft verschiedene Proben ein, wir sitzen danach zwei Stunden lang schwatzend in einer kleinen Bar und philosophieren über Gott und die Welt. Dass er zu jedem Kaffee ein alkoholisches Getränk bestellt registriere ich zwar, mache mir darüber aber weiter keine Gedanken. Er ist nicht mein Sohn und demzufolge geht es mich rein gar nichts an.

Als wir in die Herberge zurückkehren, herrscht allgemeiner Trubel. Inzwischen sind alle wach und wollen möglichst gleichzeitig kochen. Wie gut, dass wir damit durch sind! Die Herberge hat einen Innenhof mit Wandbrunnen und Sitzgruppen. Dort lassen wir uns nieder und reden. Schnell ist der Abend gekommen, Lena hat sich dazugesellt, Michael und Horst auch, wir wählen den größten Tisch für die illustre Runde. Als die restlichen Pilger zu Bett gehen, fangen wir erst richtig an. Lena hatte nichtsahnend eingekauft und stellt nun eine große Schüssel mit Salat auf den Tisch, die regen Zuspruch findet. Michael erzählt aus seinem Leben und warum er auf den Jakobsweg gegangen ist. Wie ihm vor ein paar Tagen alles Geld gestohlen wurde. Dass er daheim Frau und Kinder hat. Für die er leben möchte. Ohne Drogen. Mehr und mehr erkenne ich, dass jeder Pilger seine ganz eigene Motivation hat, sich auf diesen Weg gemacht zu haben.



Der Abend ist warm. Ein vorweg genommener Sommerabend. Viel zu schön, um schon ins Bett zu gehen. Ich biete mich an den englischen Hospitalero zu fragen, ob wir noch sitzenbleiben dürfen. Drinnen finde ich ihn mit seiner Freundin im Arm. Beide rauchen in aller Ruhe einen Joint! Er ermahnt uns nur leise zu sein. Ansonsten könnten wir... Irgendwann klingelt ein Handy. Es gehört Horst. Der entgegen sonstiger Gewohnheit ein Glas „vino tinto“ zu viel hatte. Ratzfatz ergibt sich eine Diskussion, er legt sein Telefon auf den Tisch und schaut mich an, mit dem Blick und der Frage: "Erklär' mir einer die Frauen!"

Ich weiß, dass das Paar seit Jahren zusammen ist. Eher eine Schicksalsgemeinschaft, als Liebende. Er hat mir seine Geschichte erzählt. Und ist jetzt ratlos. Ich versuche ihm die Reaktion der Freundin zu erklären. "Stell' dir vor der Mensch, mit dem du lebst macht sich auf, um einen christlichen Weg zu beschreiten. Um sich zu finden. Du rufst ihn besorgt an, ob es ihm gut geht. Er antwortet dir es ginge ihm bestens, er sei seit sehr langer Zeit nicht mehr so glücklich gewesen. Und im Hintergrund hörst du Musik und Lachen. Wie fändest du das? Würdest du nicht auch den Hörer hinwerfen?" Er nickt verstehend. Sagt, dass er noch einen weiteren Tag bleiben wird. Um den Zauber dieser Stunden zu wiederholen. "Den Zauber macht das Zusammentreffen der Menschen an diesem Abend aus! Morgen wird es anders sein. Du wirst vermutlich eine Enttäuschung erleben!" Genauso kommt es auch. Doch ohne diese seine Entscheidung würde ich seinen Platz im Flugzeug zweieinhalb Wochen später nicht erhalten! Am Ende, da passt einfach alles zusammen.
   
Eine halbe Stunde vor Mitternacht verabschiede ich mich. Eine Etappe von einundzwanzig Hitzekilometern erwartet uns. Immer mehr ansteigend. Zweihundertsiebenundzwanzig Höhenmeter werden es sein. Und ich will mir keine Blöße geben! Sehr lange liege ich noch wach. Habe einen der Fensterläden geöffnet und sehe hinaus in die beleuchtete Gasse, hin zur Kathedrale. Die mächtigen Deckenbalken über mir zwingen meine Gedanken zu meinem eigenen Haus. Das diesem nicht unähnlich ist. Seit sehr vielen Jahren habe ich es nicht mehr gesehen. Es steht leer. Wenn es überhaupt noch existiert... Den Gedanken daran kann ich nicht mehr loswerden, so sehr ich es auch möchte. Ich muss  hin! Ein Jahr später wird es so weit sein.



Lange noch warte ich auf Lena. Als sei sie mein Kind und ich könne nicht eher einschlafen, als bis ich sie sicher in ihrem Bett wisse. Ahnte ich, was kommen würde? Wahrscheinlich irgendwie... Sie erschien erst sehr spät, bzw. früh.Und ich erkannte später, dass an diesem Abend unbemerkt die weiteren Weichen für ihr Leben  gestellt wurden.

Am Morgen erklärt Hospitalera Angela (eine weiße Hexe) das Ritual von Finisterre.
"Bedenke deinen Wunsch dort sehr genau, denn er wird sich erfüllen!" 
Ganz genau so tritt es viel später auch ein, für jeden von uns...



Eine Liebesgeschichte... Kapitel 32

Als Erste sitze ich am Frühstückstisch. Und das mir...
Für drei Euros darf man das (bescheidene) Büfett) plündern. Aber es gibt Milchkaffee satt und ich stopfe mich voll mit Honigbrot und gekochten Eiern. Warum schläft die ganze Bande bloß noch? Wenigstens erscheint Horst, der seinen Aufenthalt tatsächlich verlängert. Er hat seine Videokamera mitgebracht und will mich unbedingt digitalisieren. Denn er sammelt "besondere" Camino–Geschichten und jene, die ich ihm erzählt habe, will er unbedingt für seine DVD verewigen.

Wir lassen uns auf den Kissen in der Halle nieder und ich beginne ein wenig stockend vor der Linse zu erzählen. Von meiner ersten Idee, auf den Jakobsweg zu gehen. Den Unsicherheiten und endlos vielen Fragen. Der Info-Seite zum Thema im Internet. Und wie mir einer antwortete, den ich zuerst für vertrauenswürdig und später für nett befand. Wir mailten und ich löcherte ihn. Ein Greenhorn 50plus war ich eben. Er war unendlich geduldig. Nein, Frauen würden auch an den einsamsten Stellen nicht pausenlos überfallen. Pilger nicht hinter jedem dritten Zaun von wilden Hunden angegriffen. Ja, als "ältere Dame" wäre ich sicher gefeit gegen Annäherungsversuche. Und die "Entpilgerung" in Santiago würde ich auch überleben...

Er bat um meine Anschrift um mir sein Camino-Tagebuch zu senden. Bald darauf hielt ich die erste, reale Schilderung dieses Weges in den Händen. Las von vielen Entbehrungen, Verletzungen und Schmerzen. Anton war von Österreich aus gestartet und in langen vier Monaten 3150 km (!) weit gepilgert. Da ich um seine zahlreichen Einschränkungen wusste, die er bei einem schweren Autounfall erlitten hatte, nötigte mir das ungeheuren Respekt ab! Gleichzeitig begann ich schwach zu ahnen, was vielleicht auf mich selbst zukommen würde...

Kurz vor meinem Start traf noch ein zerdrückter Briefumschlag ein mit einem handschriftlichen Brief. Eingewickelt lag ein einfaches Marienmedaillon darin. Und ich erfuhr seine Geschichte:
Ein Franzose pilgerte über Lourdes, wo er das geweihte Medaillon erwarb, bis Santiago. Und gab es an Anton, den österreichischen Jakobspilger weiter, der es als gesegneten Schutz bei sich hatte bis er die ersehnte Stadt erreichte.Nun hielt ich es in den Händen. Trug es an einem einfachen Lederbändchen um den Hals. Griff so manches Mal danach wenn mich das Gefühl überkam: Nichts geht mehr! Aber es ging! Nun kam ich meinem Ziel immer näher und hoffte es heil zu erreichen.

Die beiden Jungs wollen sich Lena und mir anschließen. Einen habe ich noch aufwendig mit Verbänden versorgt. Er kann kaum sitzen oder gehen, hat sich schon am ersten Wandertag böse Verletzungen durch eine falsche Bekleidung zugezogen, einen Slip der mehr oder weniger nur aus Bändern bestand, wie er wohl bei der Bundeswehr üblich war (sagt er). Doch fast zwei Jahrzehnte später hat der üble Wunden angerichtet, wie eine reibende Schnur, mit der ich die Farbe in hölzernen Rillen heraus schleife. Stöhnend liegt der kahlköpfige Struppi bäuchlings auf seinem Herbergsbett. Es gibt fast nichts, was ich nicht schon einmal gesehen habe, ich desinfiziere also und opfere mein teures Verbandsmaterial in dem Gedanken, dass ich selbst es wohl nicht mehr benötigen werde.

Zu viert brechen wir auf doch schnell laufe ich mich frei. Fliege leichten Fußes über Geröll und Asphalt. Meine Schmerzen habe ich vom ersten Tag an, sie gehören zu meinem Weg. Inzwischen bin ich mit Lanzetten versorgt wie ich sie in Deutschland für meine Patienten benötigte, die an Diabetes litten. Sie sind einzeln verpackt, absolut steril und scharf. An jedem Abend öffne ich die neu entstandenen Blasen und verbinde sie.

Die merkwürdige Methode vieler anderer Pilger entsetzt mich. Mit nicht desinfizierten Nähnadeln (höchstens mal in die Flamme eines Feuerzeuges gehalten – sehr hygienisch!) stechen sie die gewölbten Erhebungen auf. Ziehen unsterile Nähgarnfäden hindurch, die das Gewebewasser ableiten sollen. Niemand braucht sich unter solchen Umständen über Infektionen zu wundern. Ich bin nicht immer ein Vertreter der Schulmedizin, in diesem Fall aber rigoros! Es reicht völlig wenn der Weg einen umbringt. Man muss diese Sache nicht auch noch selbst beschleunigen...

Von drei in Südfrankreich gestarteten Pilgern erreicht laut Statistik nur ein Pilger Santiago. Aus verschiedenen Gründen. Einer davon mag eine Erkrankung sein. Also keine Nähgarne in Wunden! Manche Pilger sehen aus, wie afghanische Knüpfteppiche!

Zügig befinde ich mich in einem winzigen Kaff. Überall werden Muscheln und Wanderstöcke angeboten, wegen der vielen Frischlinge auf dem Weg. Ich eile vorbei. Seit vier Wochen bin ich nun unterwegs. Braungebrannt, abgerissen, mit dem Blick der Abenteurer in den dunklen Augen. Ich werde in Santiago ankommen und wenn ich kriechen muss! Das weiß ich jetzt.



Wo ist die örtliche Bar? Ich will Kaffee, jetzt, sofort und gleich! Zwei liegen direkt nebeneinander. Die Schilder konkurrieren. Die eine wirbt mit PONDEROSA oder so ähnlich. Prompt sammeln sich dort die deutschen Pilger. Nach deren Gesellschaft ist mir nicht im Geringsten zumute. Ich habe viele von ihnen als laut, fordernd und peinlich empfunden. So entscheide ich mich für die äußerlich still wirkende Gartenwirtschaft nebenan. Dass man Schuhe und Socken in jeder Pause auszieht weiß ich inzwischen. Und strebe barfuß ins Innere der kleinen Wirtschaft. 

"Buena Vista Social Club" erklingt dort. Ist das zu fassen?? Eines der Geheimnisse dieses Weges... Eine Gruppe junger Südamerikaner hat ihre mitgebrachte CD auflegen lassen. Sie feiern ihren Jakobsweg. Schon an der Tür greift mich einer. Es ist lange her, dass ich so getanzt habe. Die rosane Jacke muss von den Hüften. Habe ich nicht vergessen wie es ist sich im Rhythmus von Klängen zu wiegen? Nein, ich erinnere mich. An ein längst vergessen geglaubtes Leben. Die Bambusdekorationen der bescheidenen Bar fliegen an meinen Augen vorbei. Es ist nur ein Traum. Es muss einer sein, denn so etwas gibt es gar nicht! Ich schwebe über den Boden dahin, fühle mich und meinen Körper. Biege mich hintenüber, werde herumgewirbelt. Gibt es pures Glück? Ich empfinde es in diesen Minuten...

Als Lena eintrifft sitze ich längst mit hochgelegten Füßen in der Sonne des kleinen Gartens. "Geht es dir gut?" Ich lächle. Schaue auf die fernen Berge die uns erwarten. "Lange habe ich mich nicht mehr so gut gefühlt!" Der Weg zieht sich, wie immer. Am Ende bietet er einen Waldweg der einem fast die Zweige ins Gesicht schlägt, so schmal ist er. Das letzte Stück geht es wieder einmal bergauf. Die letzte Bergkette zwischen uns und dem großen Ziel kündigt sich allmählich an.

Das Lächeln in meinem Gesicht verliert sich an diesem Tag nicht mehr. Und mit ihm erreiche ich die Herberge von Rabanal. „No perros“ (keine Hunde) steht auf dem Schild am Eingang. Doch das Erste was ich im malerischen Innenhof dieser ganz speziellen Herberge auf dem Weg sehe ist ein Hund! Den ich liebevoll kraule. Meine Angst ist Vergangenheit. 

Schnell finden sich zwei Betten für Lena und mich. Abacho, welcher Segen! Der Zettel an der Dusche verheißt: " KALTES WASSER HEUTE!" Ich überlege ob ich mir das antun muss und werfe mich lieber auf‘s Etagenbett. Fernsehen? Das vermisse ich entgegen aller meiner Befürchtungen überhaupt nicht. Ich kann Nahsehen und dieses Programm ist zum Teil einfach köstlich! An jenem Nachmittag bietet sich z.B. die Sendung: "2 Greenhorns auf dem Jakobsweg" an.
Das Etagenbett gegenüber belegen zwei ältere Damen. Der Dialog klingt in etwa wie folgt: "Das Duschwassser ist kalt!" Empörter Blick und: "Das dürfen die gar nicht! Schließlich haben wir das volle Geld bezahlt!" Na, ja dann... Für fünf Euros kann der Deutsche schließlich etwas verlangen. Ich werde angesprochen: "Wissen Sie vielleicht, wo die Leitern stehen?" Fast verschlucke ich mich am Thunfischsalat mexikana. "Die was bitte?" Na, Leitern wollen sie. Wie sollte man denn sonst nach oben ins Bett kommen?! Nach vier Wochen habe ich gelernt, mich zusammenzureißen. "Klettern vielleicht?" rege ich an. Der Hospitalero schreitet vorbei, mit einem Zettel und Klebband. Das kann nur eines bedeuten... 

Ich schnappe mir mein 97 g - Handtuch und die sauberen Wechselklamotten. Ach, wie gut tut das heiße Wasser den gequälten Knochen! Vor der Tür die üblichen Diskussionen. "Is there someone in?" Kanadier. Diesen Tonfall habe ich inzwischen einwandfrei drauf. Die Antwort wird bejaht. "Is she german?" Wieder nickt wohl jemand. Mehrfach unterwegs sind mir gesprayte Aufrufe an Häuserwänden und Brücken aufgefallen: "Kill the germans!" Es hat mich ziemlich erschreckt. Denn Zeit meines Lebens habe ich mich als Weltbürgerin empfunden. Unter dem heißen Wasser allerdings, ist mir das alles gerade ziemlich schnurz. Ich habe schon fast sechshundert Kilometer in den Beinen. Das Wasser steht mir irgendwie zu!

In meinen Sandalen jogge ich anschließend. Laufe unzählige Windungen und Steigungen hinauf gen Foncebadon. Wilde Hundemeuten hatte „Hape Kerkeling“ beschrieben für diesen Ort. Schöne Aussichten! Vier Kilometer bin ich schon entgegen gesprintet. Also ist der Weg retour nicht kürzer. Allerdings führt er jetzt abwärts, da kann man fast fliegen...



Lena fragt nachdem sie ausgeschlafen hat, ob ich Lust auf Nudeln hätte. Logo! Wir haben unsere Wäsche gewaschen und sie über dem Kamin ausgebreitet, der extra für uns entzündet wurde. Als die Tür aufgeht erscheint Karl, der Architekt aus Berlin. Mit dem Ruf: "Der unkaputtbare Phönix!" Lächelnd schließen wir uns in die Arme. Als ich am frühen Nachmittag in der kleinen Bar die kesse Sohle aufs Parkett legte, wurde mein Retter in Zubiri von seinem Begleiter hereingeschleppt. Seit Wochen leidet er an Schmerzen. Nichts hat geholfen, er kann kaum gehen.  "Mensch Mädchen, " sagt er, "det is ja wohl nich wahr! Pamplona! Ick erinnere mir! Da warst'e doch hin! Kee'n Pfifferling hätt' ick vor dir jejeben, nu tanzte hier durch die Jejend! Weeßte wat: Für mir biste der Phönix aus der Asche, Du bist jroßartig! Echt, du bist die Jrößte!"

Da die beiden Jungs längst im (wieder einmal alkoholischen) Tiefschlaf versunken sind, gelangt er unverhofft in den Genuss unserer berühmten Nudeln mit Soße. Das Internet erwartet mich und ich blogge. Was soll ich schreiben? Jede Sekunde kostet hier Geld. Stolz lese ich den Kommentar meines neunjährigen Enkels:

"Hallo, liebe Suuuuuuuuuperomi!! 
Unglaublich was du schon alles geschafft hat. Ich habe schon gaaaanz viel Pins in die Landkarte von deinem Weg gesteckt! Du schaffst es bis Finisterra! Riiiiesengroßer Kuss, dein Fynn"

Lächelnd schlendere ich mit Lena zum Gottesdienst in die Kirche des kleinen Ortes. Die Mönche tragen wieder die verdeckenden Kapuzen, dieses Mal in schwarz. Und hinter einer schmiedeeisernen Trennwand. Gregorianische Gesänge stellen mir noch die feinsten Härchen auf.  In der Herberge treffen wir auf eine Australierin mit kostbaren Vorräten in ihrer Bauchtasche. Kaffee, grüner Tee. Wir erhitzen noch einmal Wasser im Kessel. Reden bis Mitternacht am langsam ausbrennenden Kamin miteinander. Zauberstimmung.

In dieser Nacht schlafe ich wie so oft unterwegs kurz, aber tief.
Bald nach Sonnenaufgang sind wir unterwegs.
Zum Cruz de Ferro. Eine der markantesten Stellen des Weges.



Eine Liebesgeschichte... Kapitel 33

Ohne es bewusst wahrzunehmen ist die Musik zurückgekehrt in mein Leben. Ich erinnere mich. Daran, wer und wie ich war, noch vor wenigen Jahren zuvor. Welche Freude ich einmal empfand am Leben. Und das vergesse ich nicht mehr. Aus jedem trüben Herbergsspiegel blitzen mir nun in der Frühe zwei lebendige Augen entgegen. Erwartungsvoll, was der neue Tag wohl wieder aufregendes bringen möge.

Am Morgen des 12.Mai brechen Lena und ich als Letzte auf. Die Jungs hatten ihren Bestand an Colaflaschen am Vortag nicht leeren können. Und nun meine Wasservorratsflasche damit gefüllt. Genau in jenem Moment als ich den Rucksack überstreife, platzt die Bombe, sprich meine aufgefüllte Flasche. Die schwache Kappe aus Kunststoff hat dem Druck der Kohlensäure nicht standhalten können und löst sich wie eine Silvesterrakete aus der Verschraubung. Ein Dreiviertelliter braunen Klebegetränks ergießen sich im Schwall hinter den rabanalschen Bartresen...

Lena holt den Schrubber und wischt. Der spanische Wortschwall der Bedienung verstummt. Grinsend machen wir uns auf, die zahllosen Serpentinen hoch. Sie schlauchen, so früh am Morgen. In Foncebadon holen wir die beiden wesentlich früher gestarteten neuen Wegbegleiter ein. Sie fallen an einer Häuserwand nieder zwecks Pause. Ich stoße Lena in die Rippen, brülle: "Buen Camino" und zische zwischen den Zähnen hervor: "Die Blöße geben wir uns nicht, wir ziehen vorbei, sind topfit!" Hinter dem Ort öffnet sich eine kleine Plattform. Auf der lassen wir die Rucksäcke erschöpft fallen.

Von nun an wird es nur noch aufwärts gehen. Wo wohl die beiden amüsanten weiblichen Oldies geblieben sind? Eine hat erzählt, wie sie den Fernreisebus aus Bremen unterwegs angehalten hatten. In Deutschland gebucht hatten sie "den Camino". Und nicht gewusst wo der denn sein würde (noch heute unfassbar ist für mich solche Unbedarftheit). So fuhren und fuhren sie denn. Kurz vor Astorga entdeckten sie am späten Abend im Lichtkegel ein Schild: "Camino". Und einen Pfeil nach rechts. Woraufhin sie sofort aussteigen wollten! Als ich das später vernahm, bekam ich einen Lachkrampf und fiel nahezu aus dem Bett meiner Freundin. Eine jener beiden Frauen, die damals gegen 22.30 Uhr auf der spanischen Landstraße standen und sich fragten: "Wo sind sie denn nun, die vielbeschriebenen Herbergen?"

In einer Bar hatte ein Einheimischer Mitleid. Brachte sie zu einem Freund mit vermietbarem Zimmer. Der schlug die Hände über dem Kopf zusammen und spendierte Betten für die Nacht. Am Morgen bestand er auf der Entleerung der riesigen Rucksäcke. Und durchforstete sie. Für einundzwanzig (!) Schlüpfer in erstklassigem Feinripp und Zeltgröße z.B. schlug damit das letzte Stündlein. Die beiden Neu-Pilgerinnen erfuhren, dass man unterwegs von Hand waschen könne. Auch Pullover und Shirts in mehrfacher Ausführung gänzlich überflüssig seien. Beide waren Lena und mir tapfer auf den Fersen und ich erinnerte mich später daran, sie belustigt in jeder Herberge mit neuen skurrilen Ideen erlebt zu haben.

Nun trafen wir uns also am eisernen Kreuz wieder. Einsam in der Landschaft hatten wir es uns vorgestellt. Wie ein Gipfelkreuz in den Alpen. Doch bevor wir das Cruz de Ferro überhaupt erblickten, sahen wir Busse in allen Regenbogenfarben auf dem benachbarten Parkplatz. Plus jeder Menge PKWs. Aha. Es war eine Art Picknickplatz für die Spanier. Das hatten wir ganz anders erwartet. Der Wanderführer beschreibt diesen Berg der Steine, mit dem Kreuz auf einem Holm in der Mitte, als jenen Ort, an dem die Pilger Steine niederlegen, die sie möglichst aus der Heimat mitgebracht haben. Diese werfen sie hier ab als Symbol für die seelische Last, die sie mit diesem Pilgerweg ablegen wollen. Wir warteten bis der größte Trubel vorbei war, um unsere Steine ganz oben nieder zu legen und die obligatorischen Fotos als Beweis zu schießen.



"Weißt du was", brüllt Lena hinauf, "du siehst irgendwie immer aus, wie beim Apres Ski!" Ich muss lachen. Dann winkt sie mich herunter. "Komm' schnell, da ist eine Messe!" Improvisiert an einem steinernen Tisch hält ein italienischer Patre eine Messe in lateinischer Sprache ab. Menschen vieler Nationen sitzen um uns herum. Er spricht den Pilgersegen und beim "Friede sei mit dir" umarmen wir uns als Gemeinschaft und bilden eine menschliche Kette. Wieder einmal begreife ich mich als einen Teil der Welt. Ganz gleich woher man kommt wir sind alle Menschen! Mir stehen wieder einmal Tränen der Rührung in den Augen...

Über den „Monte Irago“, mit 1532 m der höchste Punkt des Caminos, erreichen wir „Manjarin“. Hier residiert der Aussteiger Thomasz, der vor Jahren ein verlassenes Dorf gewissermaßen "besetzt" und einige halbzerfallene Häuser für sich nutzbar gemacht hat. Er selbst sieht sich in der Tradition der Tempelritter und hält mit einem selten gewaschenen Gewand eine Art privater Messe ab. Danach möge man möglichst umfangreich seine zahlreich angebotenen Devotionalien erwerben, oder für den Tee und Kaffee spenden den er in Thermoskannen bereithält, so hofft er. Reale Preise darf er dafür nicht verlangen, da er keine Toiletten aufzuweisen hat. Wer hier über Nacht bleiben möchte, muss hartgesotten sein...

Wir nehmen Kekse und Tee und ich verliebe mich auf den allersten Blick in einen der zahlreich vorhandenen Hundewelpen. Wie war das noch mit den Seelen, die Jakobus auf dem Weg an jene verschenkt, die er liebt? Gern würde ich das warme, fellige Wesen mit mir nehmen, das mich zärtlich küsst. Aber ich weiß, dass das unmöglich ist. Keine Herberge nimmt einen Pilger mit einem Vierbeiner auf! So muss ich schweren Herzens ohne treue Hundeaugen weiterziehen.



Immer weiter geht es bergauf und bergab. Meine Schienbeine brennen heftig. Ein ganz neues Gefühl von Schmerz. In „El Acebo“, mit seinen romantischen Holzbalkonen, gibt es kein freies Bett mehr. Also heißt es weiterziehen, gen „Riego de Ambros“. Das bedeutet nochmal die Kräfte für weitere drei Kilometer zu mobilisieren, mit längst müden Beinen. Aber die Anstrengung lohnt sich. Die Herberge ist halbleer und zu meiner Freude stelle ich fest, dass Lena und ich eine Art Schlafwagenabteil mit Schiebetüren beziehen können, ganz für uns allein. Das bedeutet sich ungehemmt auskleiden und herumgehen zu können! Auch der Luxus einer eigenen winzigen Wandlampe und einer persönlichen Steckdose ist gegeben. Unfassbar! Das wird mit einem Tänzchen von uns gefeiert.



Im Stiefelregal steht ein ganz niegelnagelneues Paar. Schon wieder Anfänger? Nein, es ist Kurt, der jammernd im Hof sitzt die Füße voller Blasen. Nachdem seine alten Stiefel sich aufgelöst hatten musste er auf freier Wildbahn neue kaufen. Zudem ist ihm sein Ticket für den Rückflug ab Santiago heute unterwegs aus der Brusttasche gefallen. Weder kennt er Abflugtag, noch Fluggesellschaft. Menschen gibt‘s! Ich besorge Salz und Essig aus der Küche, koche Wasser auf und setze die Füße des mehrfach geplagten Pilgers in eine Plastikschüssel. Just in diesem Moment erscheint ein aufgeregtes Pärchen, das Dokumente schwenkt. "Hat hier zufällig jemand sein Flugticket verloren?" Alles ist gut. 

Leider hat der kleine Ort keine Tienda. Ich durchforste sämtliche Ecken und umrunde ihn, während die Anderen schlafen. Gehe auch wieder die ersten Kilometer auf dem Weg, der uns am kommenden Tag bevorsteht. Das jedoch ist kein Weg, sondern eher eine Rutschpartie durch's wilde Kurdistan! Nein danke! Heilfroh bin ich, als ich zurück zur Herberge gelange.

Wir beschließen uns das Pilgermenü zu Gemüte zu führen. Eine Alternative gibt es nicht. So sitzen wir zur viert im Restaurant und vertilgen mit langen Zähnen das gummiartig mundende Essen. Als Kurt mich entdeckt besteht er darauf, mit mir einen „Rachenputzer“ zu trinken. Der gibt meinem Magen den Rest. Solcherlei Genüsse verweigert er konsequent. Allerdings muss ich versprechen, mit dem beglückten Pilger irgendwann zu Abend zu essen zum Dank für meine liebevolle Verarztung und Rettung. Ich nicke. Ahne nicht wie das Schicksal alles fügen wird. In „Arzua“ werden wir erneut aufeinandertreffen.

Die Zusage wird also eingelöst, schon acht Tage später. 
Aber ein anderer Mann wird mir am Tisch gegenüber sitzen 
und versuchen meine ganze Aufmerksamkeit zu fesseln... 







 

Kommentare:

  1. ich habe es gestern noch durchgelesen ..
    war dann aber zu müde noch zu antworten ;)
    du schreibst so lebendig dass man fast meint dabei zu sein..
    es ist schon erstaunlich was dort für Menschen zusammen kommen
    und mit welchen Beweggründen..
    für manche scheint es echt nur zum amüsieren zu sein
    und die 2 Damen .. die dort wie zu einem Wochenendausflug aufkreuzen.. das ist schon irgendwie lustig..
    ich bewundere dich echt wie du diese ganzen Strapazen gemeistert hast

    vielleicht ist es auch eine Art Trotz.. man will es schaffen
    und der Mensch ist ja zu vielem fähig wenn es sein muss
    oder wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat

    dass sich alles fügt und alles so kommt wie es sein muss ist eines der Mysterien deines Weges..
    das macht Gänsehaut..

    ich bin gespannt wie es weiter geht

    liebe Grüße
    Rosi

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  2. Liebe Gabriele,
    ich muß gestehen, daß ich es einfach nicht geschafft habe, Dein Tagebuch mitzuverfolgen, obwohl es sooooo interessant und auch spannend ist. Jetzt habe ich es mir für die Ostertage vorgenommen - denn lesen werde ich es auf jeden Fall.
    Nun stehst Du schon in den Startlöchern für die Reise zum nächsten Pilgerweg. Obwohl Du gar nicht willst!
    Manche Dinge muß man wohl "durchziehen" weil man es sich so vorgenommen hat.
    Manchmal kann man aber auch was völlig Verrücktes tun, etwas, was man sich so noch nie zugestanden hat.
    Du könntest es einfach in der letzten Sekunde absagen - wenn Du es wolltest. Einfach so.
    Jetzt schüttelst Du vielleicht den Kopf, oder es kommt ein schrilles Neiiiiiiin aus Deinem Mund, vielleicht denkst Du ja auch: die spinnt wohl ... es gibt kein zurück mehr ... oder ... oder ...
    Ich habe versucht mir vorzustellen, wenn ich in dieser Situation wäre. Ist natürlich nur hypothetisch. Obwohl ich auch so gestrickt bin, daß ich die Dinge eben auch "durchziehe" oder "durchstehe" - aber in diesem Fall könnt ich auch ganz kurzfristig "umdisponieren".
    Aber wie auch immer Du entscheidest - es ist dann richtig so.
    Und wenn Du dich auf die Socken machst, dann wünsche ich Dir Gottes Segen und daß er Dir noch einen zusätzlichen Schutzengel mit an die Seite gibt und Du wohlbehütet Dein Ziel erreichst.
    Alle guten Wünsche für Dich von Herzen
    Antje

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