Donnerstag, 3. März 2016

Landkarten sind furchtbar...



voller Versprechen und Abenteuer! 
(Unbekannt)

Die (gebraucht ersteigerte) Landkarte "Portugal" lag im Briefkasten und ich zog mit dem Zeigefinger jene Linie entlang, die wir bald in der Realität kennenlernen werden. In Wanderstiefeln. Bei Regen? Noch Schnee? Mit Frühlingswetter? Die Hitze der Extremadura werde ich wie 2013 wohl nicht ertragen müssen - vielleicht starten wir in einen beginnenden Frühling und alles wird gut. Was ist "alles"? Was geht mir aktuell durch den Kopf? Auf jeden Fall fast gleichzeitig Vergangenheit und Gegenwart, vielleicht auch die noch unklare Zukunft. Wird der Camino mir mehr Klarheit bringen? Fand ich damals (2007) den Schlüssel für die Zukunft? 


 

Eine Liebesgeschichte... Kapitel 9

Der Morgen beginnt, wie die meisten vorher. Bedeutet? Stirnlampen-Ballett. Sagt dem (Noch-nicht-) Caminogänger nichts?! Nun, so gegen 4.45 Uhr beginnt ein sich permanent steigerndes Tütengeraschel. Wenn nämlich ein Pilger aufgestanden ist fühlen sich mindestens drei andere befleißigt es ihm gleich zu tun. Bloß, wie ärgerlich, wenn es eine "gute" Herberge ist die über Vorhänge verfügt die man zuziehen kann. Oder gar Fensterläden. Ja, die gibt es tatsächlich und seltenerweise auch.
Und dann ist es ziemlich finster, im Massenschlafsaal. Aber wozu hat man diese phantastischen Taschenlampen am Stirnband, die man von Höhlenforschern kennt oder auch Bergleuten, die damit ihre Kohlenflöze ausleuchten. Also auf den Kopf damit und möglichst rasch sämtliche neun Super-Laser-Elektroden eingeschaltet, damit die volle Wirkung auch eintritt! Das brennt sich selbst durch meine dunkle Schlafbrille, mit der ich der Stubenfliege Puck zum Verwechseln ähnlich sehe.


Kennt Ihr Mordgelüste? Nein? Nun, in so einer Massen-Pilgergarage wird man sich Gefühlen bewusst, von denen man zuvor nie wusste, dass sie verborgen in einem schlummern. An diesem Morgen wünsche ich mir eine MP. Ganz ohne 3 dahinter. Wer? Ich sage nur "Hamburg". Noch Fragen?
Nun ja, fast vier Stunden Schlaf haben mein Kraftdepot aufgefüllt. Ich schiebe die Brille hoch. Inzwischen ist es 5.15 Uhr und ich erlebe Highlife in Tüten. Der Unterschied zwischen Taschen- und Stirnlampe? Mit der ersteren leuchtet man gezielt auf die Stelle an der man etwas erkennen möchte. Mit der Gegenvariante überall hin, sobald man den Kopf bewegt. Und das tut man z.B. automatisch, wenn man geräuschvoll seinen Rucksack vollstopft, oder die Tür zum Hof knarrend öffnet, weil es einen plötzlich siedend heiß überkommt, dass man über Nacht die Wäsche draußen gelassen hat...


Zwei Jahre später werde ich breit lächelnd im gleichen Bett liegen. Und ein Kegel- (Entschuldigung) Wanderverein, von Herren zwischen 60 und 65 wird meine Aufmerksamkeit einfordern. Was man sieht, von so einem unteren Doppelstockbett aus? Nun, ab Sockenhöhe über Krampfadern
und Pilsbauch sowie Fettbrust bis zum Anfang des Truthahnhalses. Das Ganze in leicht gelblich gewordenem Feinripp verpackt und darauf aus ein nettes Opfer für's Abendessen zu finden. Da hilft nur den Regler des MP3-Players (ach, sieh' da, die Frau ist trotz ihres hohen Alters noch lernfähig und weiß jetzt wie das Teil heißt) auf Höchststufe zu drehen!
Doch davon ahnt das Geschöpf auf der gleichen Matratze am 21. April des Jahres 2007 rein gar nichts. Und hätte es wohl auch nie geglaubt...


Um 8 Uhr sitzen Maria und Josef samt Gabriele vor der Herberge. Welche Kombination, alleine von den Namen her. Sie haben gemeinsames Gottvertrauen. Warten geduldig eine ganze Stunde lang. Dann beginnt Josef vernehmlich an das Herbergs-Holztor zu klopfen. Die Verantwortung für zwei lädierte Frauen gleichzeitig überfordert ihn. Von dem Lärm wird ein Nachbar wach und schimpft aus dem Fenster. Wir verstehen zwar eigentlich nichts, aber der Tonfall lässt keine andere Deutung zu... Nur Minuten später erscheint er empört auf der Straße. "Que es?" oder so ähnlich brüllt er.
Wir erklären es ihm. Hoffe ich jedenfalls. Maria jammert, was das Zeug hält. Und ich zeige meine frischen Verbände. Ein Fluch folgt, den ich nicht übersetzen kann. Aus einem strengen Blick und einer bestimmenden Handbewegung, höre ich sowas wie "Telefon" heraus. "Herr, bitte mach', dass es stimmt, damit ich mich nicht blamiere"...

Nach Ewigkeiten erscheint der vergrätzte Spanier wieder. "... Taxi", oder so ähnlich. Ohilfe! "No taxi?" Er brummelt etwas, macht wieder eine Handbewegung, wie: Bleibt sitzen! Minuten später erscheint er mit einem Geländewagen, wirft brummig unsere Rucksäcke und die Stöcke in den winzigen Kofferraum und brüllt: "Aqui!" Damit zeigt er ins Auto. Wir sollen einsteigen übersetzen ich mal tapfer.

Über Schleichwege und Felsbrocken fliegen wir buchstäblich Puente la Reina entgegen. "Heilige Maria!" betet die gleichnamige Pilgerin und klammert sich an mich. Und ich mich wiederum an den Überrollbügel. Damit wir wegen des nicht vorhandenen Dachs nicht schneller im Himmel landen, als wir beide es möchten. Ich hatte selbst so ein Teil und finde es herrlich. Das wär doch mal ein toller Abgang! Besser, als elend an Tetanus zu versterben, wäre es allemal. Meine Augen leuchten. Jeep fahren, iss, wie wenn'se fliechst...

Leider ist das Vergnügen kurz. Nach ganzen drei Kilometern wird abrupt vor der Gesundheitsstation angehalten (diese Strecke hätten wir auch humpeln können!). Einmal kurz das Gesicht gegen den Vordersitz geschlagen (sind die Zähne noch drin?) und das Genick gegen die Rückbank gedonnert, schon sind wir angekommen. Leicht schwankend quälen sich die tapferen Rentner heraus. Ich muss natürlich rausspringen, über die Seitenwand. Macht sich besser... Und tut saumäßig weh. Ach ja, da war doch noch etwas, fast vergessen?!

Wir greifen nach den Rucksäcken und der Geldbörse. Was sollen wir dem Helfer in der Not geben? Sind zehn Euros genug? Während wir noch beratschlagen tippt er mir auf die Schulter und lässt einen wahren Redeschwall los. Was typisch ist. Sprich auf diesem Weg drei Worte in der Landessprache und diese rustikalen Einheimischen glauben du verständest alles was sie sagen. Und hören nicht mehr auf zu reden. Ich nicke wie der Heckscheibendackel im alten VW - Käfer. Dann rumpelt der Retter im Eiltempo davon. "Was hat er denn gesagt?", fragt der verblüffte Josef nach. "Also, wenn ich das richtig verstanden habe, dann nimmt er von Pilgern kein Geld! Wir sollen beim Heiligen beten für ihn, in Santiago!" Das versprechen wir alle drei hoch und heilig. Und betreten todesmutig das flache Gebäude über dem das Schild prangt, dass ich leicht als "Gesundheitsstation" übersetze.


Stille empfängt uns. Kühle. Marmorboden. Ein Hauch von Luxus. "Und all umsönst?" würde der Ostfriese fragen. Das kann ich mir zunächst kaum vorstellen. Hinter einem Tresen, der jedes deutschen Chefarztes wahrlich würdig wäre, mustert uns eine schlechtgelaunte spanische Krankenschwester. Da uns die entsprechenden Vokabeln fehlen ziehen wir eine Art Laientheater ab. Ich humple demonstrativ hin und her, Maria krümmt den Rücken und schlurft stöhnend ein paar Schritte. Wenn Blicke töten könnten... Unsere Chipkarten werden eingelesen. "Aqui!" Das kennen wir schon und setzen uns schüchtern hin. Dann werden meine Begleiter aufgerufen und ich sitze ängstlich allein in der vornehmen Halle bis auch mein Name ertönt. "Gabriel?!" Vorsichtig folge ich dem jungen Medico.


"Hablas espanol?" Ich wehre entsetzt ab. Deutsch? Englisch? Mehr habe ich nicht anzubieten. Er klopft auf eine Art OP-Tisch, da soll ich mich hinlegen. "Comment problema es?" Oder so etwas sagt er. Problem? Hier! "Aqui", sage ich hoffnungsfroh und zeige auf meine Verbände. Vermutlich lacht er sich innerlich tot. Aber äußerlich beherrscht er sich. Ich ziehe Sandalen und Wandersocken aus, lege mich hin. El Medico versucht die Verbände abzuwickeln, die verklebt sind wie stets. Er holt eine Sprühflasche mit H2o und einen Hocker. Das kann länger dauern, soviel ist ihm schon klar. Vorsichtig löst er eine Bandage nach der anderen. Als die letzte fällt, pfeift er durch die Zähne. Weist mich an liegen zu bleiben und verlässt den Raum.

Eine Minute später erscheinen ein zweiter Arzt und zwei Krankenschwestern. Ratlos stehen sie da, diskutieren. Ich verstehe fast nichts. Der hinzu gerufene wesentlich ältere Arzt erklärt mir: "Fly home. Clinica Alemania! Entiendes?"Nein, ich will nichts verstehen! "Voy despues de Santiago", sage ich bockig und hoffe, dass er verstanden hat, wohin ich gehen werde. Die Tür fliegt zu, als er mit seinem Tross den Raum verlässt. Der hübsche, junge Arzt lächelt. "Eres fuerte?" Ich nicke, als wenn eine Batterie eingebaut wäre. Aber klar bin ich stark!
Er holt ein OP- esteck, schneidet alles abgestorbene Gewebe weg und ein wenig vom gesunden dazu, schabt die gehäuteten Fußsohlen ab,  desinfiziert, verbindet. Ich habe mir die Zunge ziemlich aufgebissen und mein Gesicht ist tränenüberströmt. Er klopft mir auf die Schulter. "Bravo! El Cid!" oder irgendsoetwas sagt er. Ich fühle mich allerdings nicht wie ein spanischer Nationalheld. Eher wie Jeanne d' Arc während der Verbrennung. Aber ich hab's überlebt!


Am PC versuchen wir ein Übersetzungsprogramm. Von Spanisch auf Englisch und danach in Deutsch (wünscht mein Gegenüber seltsamerweise). Hat was von "Stille Post". Am Ende kommt etwas völlig anderes heraus, als am Anfang gesagt wurde. Ich muss zum Teil laut loslachen. Ein Blick aus fast schwarzen Augen trifft mich ermahnend: "Die Sache ist ernst!" Ach ja, das hatte ich fast vergessen...
In der Vorhalle warten Josef und Maria auf mich. Sie hat eine Spritze erhalten und fühlt sich bestens. "Wir werden frühstücken. Und dann in Ruhe losziehen. Und du?" Ich schaue auf die lange Einkaufsliste in meiner Hand. Zuerst muss ich zur Apotheke. Dann werde ich losgehen, gen Estella. Nicht ganz fünfundzwanzig Kilometer werden das sein, da werde ich hinkommen, das spüre ich ganz genau. Dass der nette junge Arzt zur Verabschiedung nochmal eindringlich gemahnt hatte: "No walking!! Fly home!" das erwähne ich nicht.


Am Abend liege ich in Estella schlotternd auf einer Matratze.
Das Fieber ist gestiegen. Voluminöse Ödeme haben sich gebildet.
Mein Ziel scheint unerreichbar. Aber ein Wunder wird geschehen...
Zwei Nächte später und 40 km weiter berührt ein Engel mein Herz.


 

Eine Liebesgeschichte... Kapitel 10



Estella, "die Schöne".

Der Rother Wanderführer beschreibt die Sehenswürdigkeiten. Von denen ich rein gar nichts sehen werde, außer der Herberge. Unterwegs laufe ich wieder einmal an einem Gedenkzeichen für eine auf dem Weg verstorbene Pilgerin vorbei. Vor jedem bleibe ich stehen. Wie ist der Mensch ums Leben gekommen ( manchmal steht es dabei )? War er glücklich, im Moment seines Todes, oder entsetzt? Ist er um seines Glaubens willen unterwegs gewesen, oder suchte er sich selbst? Gott?
Auf jeden Fall trug er sein Herz, seine Seele und auch seinen Körper über diesen Weg. Irgendetwas wird ihn angetrieben haben es zu tun. War es ein glücklicher Umstand, für den er sich bedanken wollte (so ist es bei mir), versuchte er, einen tiefen Schmerz zu überwinden, hatte er sich aufgemacht, um das Leben eines geliebten Menschen zu retten? 


Erschüttert nehme ich zerknitterte, verwitterte Fotos wahr auf die man immer wieder trifft. Sie stecken in Baumhöhlen, Nischen. "Betet für xxx steht darauf, er wird sterben, wenn nicht ein Wunder geschieht. Ich erflehe es, bitte denkt an ihn und gebt ihm Kraft." Das Gesicht eines Kindes ist darauf abgebildet. Die großen dunklen Augen schauen mich ernst an. Lebt der kleine Junge noch? Ich werde es nie erfahren. Und erfasse noch nicht woran mich dieses Kind erinnert. Ich will es vielleicht auch nicht wissen. Und der körperliche Schmerz überdeckt was in meiner Seele vorgeht.

Der Jakobsweg besteht aus drei Teilen, so sagt man. Die ersten Wochen  gehst du für deinen Körper. Er wird schmerzen, klagen, sich wehren gegen die ungewohnte Anstrengung. In den Wochen danach ist dein Geist gefordert. Du wirst ihn zwingen müssen zu begreifen, dass das, was du jetzt schon fast routinemäßig abspulst, nun sein täglich Brot ist. Das ist dein Auftrag. Aufstehen, packen, laufen, waschen, schlafen, essen, schlafen, aufstehen, packen. Es wird sich noch etliche Tage so wiederholen.

Und wenn du dir Zeit für dich selbst nimmst, vielleicht allein unterwegs bist und bereit dich zu erkennen und deine gesteuerten Gedanken loszulassen, so werden Bilder in dir entstehen. Erinnerungen. Du wirst weinen und fröhlich sein. Tiefen Schmerz empfinden. Dem Menschen begegnen, der du früher einmal warst. Der vielleicht einmal ganz andere Hoffnungen hatte und Träume, die du längst verloren geglaubt hast. Du wirst dich jetzt prüfen müssen, ob sie inzwischen auch nicht mehr wichtig sind. Oder ob du sie nur verdrängt hast. Woher du eigentlich kommst und wohin du gehen willst.
Jetzt kann man sich an vielem festhalten. Dem Wanderpartner. Strikten Planungen und Tagebuch-Einträgen. Man kann die Flasche Rotwein zum Pilgermenü austrinken. Alle Fehler der nervenden Mitpilger ausgiebig belästern. Oder morgens vor dem leicht erblindeten Herbergsspiegel stehen und ernst hineinsehen. Das, was ich da erblicke, das bin ich. In diesem Alter. Mit dem ersten grauen Haar vielleicht. Oder längst ganz vielen. Mit all' den Linien, die das Leben darin gezeichnet hat. Auch den kleinen Lachfältchen. Und den tieferen Sorgenfalten. Das, was ich da sehe, ist die ungeschminkte Wahrheit...

Nun ist der Weg frei für die letzten Wochen. Der Körper hat sich längst gewöhnt, der Geist weiß, was erforderlich ist. Nun gehe ich für meine Seele. Es arbeitet in mir. Warum bin ich überhaupt losgegangen? Was davon hat sich erfüllt? Werde ich verändert zurückkehren? Was ist mir wichtig im Leben? Woran habe ich mein Herz vielleicht gebunden, das eigentlich gar nichts zählt? Habe ich den Menschen vernachlässigt, der mich wie selbstverständlich schon lange durchs Leben begleitet? Die Existenz meiner Kinder kaum noch als ein Geschenk wahrgenommen? Ersticke ich an all' dem was ich mir selbst auferlegt habe, sei es beruflich, oder in meiner Freizeit? Wovor bin ich vielleicht die ganze Zeit weggelaufen?
DAS ist das Geheimnis dieses ganz besonderen Weges. "Also ich jedenfalls habe keinen Engel am Wegrand stehen sehen", sagen viele Männer und klopfen sich lachend auf die Schenkel. Ich erinnere einen in Villafranca Montes de Oca, einige Monate später, auf meinem  zweiten Camino. Er lag auf dem Nachbarbett. Mit üblen Wunden und ungeheurem Starrsinn. Mit 20 km - Etappen habe er begonnen, so erzählte er irgendwie wütend. Sie dann auf 25 und 30 gesteigert. Nun ginge er schon 35 km am Tag, weil er sich einer Gruppe junger Frauen angeschlossen habe, die über ihn spotteten. Alles wäre Humbug, es sei ihm rein gar nichts Besonderes begegnet. Als er seinen Wortschwall ausgeschüttet hat, sehe ich ihm fest in die Augen und frage: "Nein? Bist du nicht heute mir begegnet? Habe ich dir nicht gesagt was ich bei dir sehe? Was vielleicht dein Problem ist?" Da war er still.


Das bin ich auch, als ich mich in die Halle der Herberge hineinschleppe. Ausnahmsweise kommt man in Estella mal oben an. Und die Stadt liegt unten, sonst ist es immer umgekehrt. Eine mittelgroße Jakobusfigur steht neben der Treppe. Leise erklingen gregorianische Gesänge vom Band. Eine große, weiße Kerze brennt und ein angenehmer Duft verbreitet sich aus einer Räucherschale. Fast möchte ich auf die Knie sinken vor Dankbarkeit. Ich bin da. Für heute angekommen. Die beiden älteren, bärtigen Spanier (Inhaber) sind kurz angebunden und unfreundlich, wie es so oft der Fall ist. Man wirft mir den Pilgerausweis gestempelt hin, ich entrichte den geringen Obulus. Eine knappe Bewegung mit dem Kopf weist den Weg, die Treppe hinauf. Den Rucksack im Arm ziehe ich mich Stufe für Stufe nach oben. Der Blick ins erste Zimmer schockt, da ist Party. Im 2.Saal ist es ruhig und ich sehe ein freies Bett unten, mehr brauche ich nicht.


Stunden später erwache ich mit Schüttelfrost. Ach ja, ich hatte gar nichts ausgepackt! Mit zitternden Händen zerre ich den Schlafsack aus dem unteren Rucksackfach, breite ihn geöffnet über mir aus. Nun erkenne ich auch, was mich geweckt hatte. Eine Koreanerin im Nachbarbett telefoniert per Handy, lacht ständig schrill und irre laut. Sie sieht aus, wie einem Manga entsprungen. Ginge es mir gut, würde ich sie vermutlich interessiert beobachten. Aber es geht mir ganz und gar nicht gut.
Das dicke Apothekenpaket fällt mir ein. Ich muss unbedingt die Wunden desinfizieren und die Kompressen wechseln. Das tue ich dann auch. Duschen kann ich nicht, denn mein Kreislauf streikt. Fiebrige Augen sehen mich im Spiegel des Sanitärraums an. Und ich befürchte ernsthaft, dass mein Weg hier nun doch zu Ende sein könnte. Welche Blamage. Ganze 115 km hätte ich nur geschafft...


Eine junge Frau mit langen, schwarzen Haaren tritt durch den Türrahmen und lässt ihren Blick schweifen, auf der Suche nach einem freiem Bett. Ich rufe: "Amina!" Es ist die junge Iranerin aus den Niederlanden vom Pyrenäenpass. Sie stürzt an mein Bett und wir umarmen uns. Erzählen, wie es uns inzwischen ergangen ist. Sie belegt schnell einen Platz, packt aus und rennt los zum Einkauf. Ach, wie köstlich mundet, was sie für uns gekocht hat! Es ist das erste warme Essen unterwegs. Und ich genieße mit Tränen in den Augen jeden Bissen. Nudeln und Fleisch mit einer fantastischen Soße. Wie es allein duftet...
Mein Glück ist vollkommen, als auch Josef und Maria erscheinen. Nun bin ich in Sicherheit. Alles ist gut. Ich bin nicht mehr allein! Der Grazer bettet erst seine Frau, dann sucht er Wolldecken für mich zusammen, rollt sie ein und lagert meine Beine hoch, auf denen sich inzwischen im Unter-schenkelbereich unzählige kleine rote Punkte zeigen. Wenn es doch nur Eis gäbe, um zu kühlen! Der rechte Fuß ist so stark voller Ödeme, dass ich nie und nimmer einen Stiefel werde darüber ziehen können.


Josef erfasst die Lage. Auch seine Frau kann nicht weiter. Er fragt an der Rezeption nach, ob wir wegen Krankheit einen Tag und eine Nacht länger bleiben dürfen. Denn normalerweise darf man immer nur für eine Nacht in einer Herberge sein. Erleichtert kehrt er zurück. Wir dürfen! Sofort schöpfe ich neue Hoffnung. Mit der Hochlagerung, Pause und Desinfektion werde ich bestimmt weiterlaufen können!
Mit todernstem, prüfendem Blick tritt kurz danach einer der beiden Chefs durch die Tür. Er ist groß und vermittelt ungeheure Autorität, allein durch seine Art. Unfreundlich schreitet er die Betten ab. Und bleibt ausgerechnet an meinem Fußende stehen. Starrt auf die Decken, die zu einem Stapel unter meinen Füßen aufgetürmt sind. Ich habe keine Flecken darauf hinterlassen, darauf habe ich genau geachtet. Ich brauche sie auch gar nicht mehr, er kann sie gerne alle haben. Ich will eigentlich überhaupt gar nichts mehr... Wo ist denn bloß das Mauseloch hingekommen, in das ich jetzt gern und vollständig kriechen möchte?? Ich drücke mich tief in die Matratze.


Er schaut hoch, mich direkt an. Ohhilfe! Dann stößt er etwas aus, das wie: „Los!" klingt. Ich rappele mich hoch und hinke hinter ihm her nach unten. Er verschwindet in der Küche. Ich soll wohl kochen, zur Strafe?! Er klopft auf eine der sperrigen, langen Sitzbänke, die wirken wie aus einem Riesenbaum handgeschnitzt. Es ist wohl besser seiner Anweisung zu folgen. Der Hüne setzt einen großen, demolierten Topf auf die Gasflammen und räumt sämtliche Küchenschränke aus, bis er gefunden hat was er sucht. Angebrochene Schachteln mit Speisesalz, mehrere geöffnete Flaschen mit Essig. Immer wieder schaut er mich scheinbar drohend an.
Könnte ich jetzt vielleicht wieder nach oben? "Nein!" sagt sein Blick. Um mich herum wuseln viele Pilger hin und her. Es ist Essenzeit. Ich überlege, wie das schmecken wird. Eine Salz-Essig-Suppe. Aber ich werde sie essen, denn einen Widerspruch zu riskieren würde ich nicht wagen. Donnernd wird ein Eimer auf den Boden gestellt, das dampfende Wasser hineingeschüttet. Ah, jetzt verstehe ich. Ich soll vermutlich die benutzten Decken waschen!!

Das Gefäß wird mir hingeknallt, samt dem hineingeschütteten Essig und viiiel Salz. In Ordnung, ich mach' das! 

Gerade habe ich nach dem Henkel gegriffen und will los da werde ich mit einem Knurren zurückgeschubst. Sind aber auch zu dämlich, diese Pilger! "Aqui!" Es klingt drohend und weist auf die heiße Brühe. Ja, was denn bloß? Was will er denn? Er beugt sich herab, greift nach meinem Unterschenkel und stopft ihn in den Eimer. Mein Aufschrei lässt sogar die Pilger draußen auf der Terrasse hochspringen. Mir stürzen Tränen aus den Augen. Schnell presse ich beide Hände auf den Mund. Schreien hilft nichts, das habe ich schon in meiner Kindheit gelernt...
"Aqui!" Er wiederholt es scheinbar wütend. Gehorsam setze ich das zweite Bein neben das erste. Der Peiniger zeigt auf die große Uhr. In meinem Kopf tost es, ich verstehe rein gar nichts. Die Uhrzeiten habe ich mir in der fremden Sprache nie einprägen können. "Eine halbe Stunde sollst du so sitzenbleiben", übersetzt ein junger Deutscher.


Ich dachte immer die spanische Inquisition wäre längst abgeschafft. Aber scheinbar haben einige Foltermethoden bis in die Neuzeit überlebt. Meine Augen folgen dem Sekundenzeiger der großen Küchenuhr. Ich schaukele ein wenig vor- und rückwärts, als wäre der Hospitalismus der Kindertage zurückgekehrt. 3 Minuten. 10. 12. 25. 30. Da sehen meine Schenkel und Füße schon aus wie Tomaten, denen man die Schale abgezogen hat. Ich spüre den Schmerz fast nicht mehr. Er hat bereits meinen ganzen Körper erfasst...
Pünktlich erscheint der Hospitalero, mit einem Handtuch. Fast zärtlich nimmt er einen Fuß nach dem anderen aus der Marterbrühe und trocknet ihn ab. Schleppt mich hinaus auf die Terrasse und setzt mich auf einen der weißen Plastik-Gartenstühle. Mit einem zweiten, auf dem er die Beine ablegt, richtet er mich zur Sonne aus. "El Sol", erklärt er. Und ich nicke. Alles ist in Ordnung, jetzt, da dieser unmenschliche Schmerz nachlassen wird. 


Das hält ungefähr 10 Sekunden an. Dann beginnt el sol ihr Werk zu tun. Sie trocknet aus. Und damit ziehen sich meine Wunden unter der Wirkung von Essig und Salz zusammen. Ich kralle mich in die Armlehnen. Die Hexenverbrennungen fallen mir merkwürdigerweise ein. Der Schmerz ist nicht zu beschreiben. Und die Anteilnahme auch nicht. Jeder will wissen was los ist. Man bringt mir Obst. Und Kaffee. Amina hält meine Hand. Sie erzählt, dass es in den Niederlanden einen Mord an einem Prominenten gegeben hat durch einen Moslem. Und wie verschärft die politische Situation dadurch ist. Wir unterhalten uns über Religionen und Toleranz mit vielen anderen jungen Menschen. Dann geht sie los, Essig und Salz auf Vorrat zu kaufen, damit ich am nächsten Tag versorgt bin.
Am Morgen sitze ich geduldig in einer Ecke der Küche, mit der spanischen Rosskur, die mir helfen soll. Die anderen Pilger frühstücken und werden weiterziehen. Amina bringt mir einen Kaffee. Wir verabschieden uns unter Tränen. "Wenn du mich brauchst, so rufe nach mir und ich werde da sein!" sage ich zum Abschied. Ahne wohl, dass es so sein wird, auf diesem Weg der so unendlich viele Geheimnisse birgt.



Am Nachmittag des übernächsten Tages erreiche ich Los Arcos.
Begegne seltsamen mittelalterlichen Pilgern. Einer von ihnen ist mein Sohn.
Es wird das Fieber sein, so erkläre ich es mir. Oder doch nicht?


 

Eine Liebesgeschichte... Kapitel 11

 


Kaum ist Amina fort, erscheint Josef in der Küche, bereitet ein bescheidenes Frühstück für Maria und kocht gleichzeitig das Wasser auf, das ich später benötige.

Dreißig Minuten erneut spanische Folter. Aber voller Hoffnung. Und Gedanken darüber, dass es die Liebe wohl doch geben muss. Denn ich erlebe ein Paar, das schon seit fünfundvierzig Jahren verheiratet ist. Glücklich, wie beide betonen. Sie schauen sich an und erkennen die Gedanken des anderen ohne, dass sie ausgesprochen werden müssen. Immer wieder sind da kleine Gesten. Eine Hand, die sich auf einen Arm legt. Ein Streicheln über verschwitzte Haare. Ach, wie sehr hatte ich mir das einst auch einmal gewünscht. An jenem 8. Mai 1972. Da ich noch glaubte, es wäre so, in guten wie in schlechten Tagen. Eben für immer. Warum auch sonst sollte man sich denn zu einem Menschen bekennen? Schon siebzehn Monate später würde der Traum vom Glück vergangen sein. Hatte ich verstanden, dass man manche Männer nicht für sich allein hat. Eine bittere Lektion. Und sie wird meine Einstellung zu Männern auf immer verändern. Ich werde nicht mehr an die Unverbrüchlichkeit einer Ehe glauben. Und schon gar nicht an Treueschwüre. 


Es tritt irgendwann ein Mann in mein Leben, der verheiratet ist. Zum zweiten Mal. Und in den mehr als achtzehn Jahren, in denen ich hoffe ihn eines Tages auf immer an meiner Seite zu wissen, wird er noch drei Mal heiraten. Allerdings nicht mich. Und als er das doch will, ist es zu spät. Für mich. Er versteht es nicht. Ich sei doch die Liebe seines Lebens. Nun, da habe er es endlich erkannt. Warum sei er denn sonst immer wieder zu mir zurückgekehrt, fast zwei Jahrzehnte lang?!
Kurz denke ich an ihn an jenem Morgen. Und nicke, wie zur Bestätigung, dass es richtig war, als ich ihm am Telefon sagte: "Es ist aus. Vorbei. Brauchst du es noch in Fremdsprachen?" Er wird nochmal anrufen, da leite ich gerade die Dienstbesprechung im Hospiz. Einundzwanzig Augenpaare verfolgen erstaunt wie ich sage: "Unsere Liebe ist vollendete Vergangenheit! Rufe mich nie mehr an!" Danach setze ich mich ruhig zurück an den ovalen Teaktisch und frage: "Wo waren wir noch gerade? Ach ja, bei Asta! Du übernimmst ab Dienstag Frau Klaasen. Brust - Ca im End-stadium. Vielleicht noch 2 Wochen, eher kürzer. Hier sind die Wohnungsschlüssel..."


Gerade habe ich daran gedacht, da sind meine dreißig Minuten um. Auch Maria hat es bis in die Küche geschafft. Wir beratschlagen, wie es weitergehen könnte. Da erscheint der strenge Hospitalero in der mittlerweile fast verlassenen Räumlichkeit und weist uns hinaus. Wir erklären, dass wir doch noch eine Nacht bleiben dürfen! "Si", nickt er, aber nicht bis 13 Uhr. In dieser Zeit würden neue Laken aufgezogen, das ganze Haus gewischt, die Sanitärräume gereinigt. Er zeigt mehr als deutlich auf den Ausgang. Was nun?
Josef trägt halb mich, halb seine Maria. Die nächste Bar ist unsere. In der junge Spanier toben, übriggeblieben vom vergangenen Samstagabend. Es dauert nicht allzu lange, dann sind wir Ziel ihres Interesses. Meine hellen Haare verlocken zu allerlei Blödsinn. Trotzdem munden uns "Bocadillo queso" und Milchkaffee hervorragend. Und wir verquasseln den Vormittag. Eine Stunde lang sitzen wir danach noch wartend auf der Holzbank vor der Herberge, im Schatten.

Das Essig-/Salzbad wärmt mich auf. Danach schlafe ich. Josef weckt mich mit den Worten: "Das Essen ist fertig!" Eine Suppe wartet auf mich und Paprika in Öl. Es schmeckt hervorragend. Und ich spüre wieder einmal wie wenig es braucht, um glücklich zu sein...

Schnell vergeht der Nachmittag auf den weißen Plastikstühlen, in der Sonne des Innenhofes, auf dem die bunte Wäsche flattert. Junge Menschen aus aller Welt scharen sich um mich. Wir erzählen und lachen. Erneut sind alle Kontinente versammelt. Und wieder ist Englisch die verbindende Sprache. Es ist spannend die Beweggründe zu erfahren, warum Menschen sich auf diesen fernen Weg gemacht haben. Ihre Träume und Hoffnungen zu erkunden. Zum ersten Mal bin ich ganz angekommen, in der Gemeinschaft der Pilger. Einer spielt "Que sera" auf der mitgebrachten Gitarre und ich singe begeistert mit.

Um 18.30 Uhr verschwinde ich nach der dritten Marter im neuen Bett. In dem sich merkwürdigerweise ein einzelner Wanderstab und ein Tagebuch gefunden haben. Dessen letzter Eintrag drei Tage zurückliegt. Josef staunt. Hatten nicht alle gesagt, ich bräuchte dringend einen zweiten Trekkingstock?! Und nun lag er da. Einfach so. Ob ich ihn nehmen darf? "Glaubst du, der ehemalige Besitzer wird zurückkehren, um ihn zu holen?" So spottet ein Mitpilger.
 
Und darum begleitet mich der goldfarbene Wanderstock am Montag auf meinem heißen Weg nach Los Arcos. Die netten Norwegerinnen verabschiede ich am Busbahnhof. Sie wollen heim. Geben auf! Traurig winke ich ihrem Bus nach. Josef und Maria frühstücken irgendwo, in einer der wenigen Bars die schon geöffnet sind. Dafür fehlt mir das Geld. Also mache ich mich allein auf den einundzwanzig Kilometer langen Weg in der Hitze, die mir inzwischen zum Alltag geworden ist.

Als es fast 40° heiß ist lasse ich mich an der Schnellstraße nieder. Diesen Weg habe ich gewählt falls ich zusammenbrechen würde. Man könnte im Notfall ein Auto anhalten. Der Weg ist wesentlich weiter als der eigentliche Camino. Aber sicherer unter diesen Umständen. Das kleine hölzerne Wartehäuschen bietet mir Schutz vor der glühenden Sonne und eine bescheidene Sitzmöglichkeit. Seit dem Morgen habe ich keine Menschen mehr gesehen, nur Autos und Fahrer. Manche hupen und winken. Weil ich so verrückt bin an der Fahrbahn zu laufen? Oder eine Pilgerin? Das wird ein ewiges Rätsel bleiben.

Die Wunden haben sich zur Hälfte geschlossen, alles nekröse Gewebe hat sich abgelöst. Der Schmerz ist so, dass ich ihn mit tiefem Atmen gerade ertragen kann. Die Bananen schmecken wunderbar, die eben erworbene Cola stärkt meinen Kreislauf. Da schaut er durch eines der Plastikfenster.

Ein Kind? Ein Mann? Ich kann es nicht sagen. Mal erscheint das freundlich lächelnde Gesicht auf der rechten Seite. Dann wieder links. Wie ist es so schnell dahin gekommen? Es wird sicher ein Junge sein, vom Dorf am Horizont. Der beschlossen hat ein wenig mit der Pilgerin zu spielen. Ich trete hinaus und kann zu meiner Verblüffung niemanden erblicken. Drehe mich fast ein wenig enttäuscht um, da entdecke ich die Gestalt neben meinem Rucksack.
Wie erstarrt bleibe ich stehen. Das ist kein Mensch! Was ist es dann? Noch immer fiebere ich. Es wird eine Erscheinung sein. Tonlos frage ich: "Bist du ein Engel?" Denke selbst, dass ich spinne, als ich das denke. Vergnügt flitzt der helle Schatten um mich herum. Zeigt lächelnd auf mich und steht vor mir. "Du bist ein Schutzengel?" Nie habe ich als Erwachsene an so etwas geglaubt. Das gehört zu kindlichen Vorstellungen! Oder doch nicht? Als ich lache, verschwindet die Lichtgestalt erschrocken. In mir.
Am späten Nachmittag erreiche ich unbeschadet den kleinen Ort Los Arcos. Finde die Herberge "Casa Austria" nicht auf Anhieb. Frage lässig bei Bauarbeitern nach. Gar nicht bemerkend, dass mir so etwas längst zur Gewohnheit geworden ist. Sie weisen mir den Weg. Rechts also. Ich entdecke die schmale Gasse und erreiche eine bezaubernde Herberge mit blumenbekränztem Vorhof und einem idyllischen Innenhof. Ja, natürlich ist ein Bett frei. Abacho . Ich muss schnell unterwegs gewesen sein! Kann deutsch sprechen. Heaven must be here! 

Als ich mich gerade niedergelegt habe, erscheint eine lärmende Gruppe junger Menschen. Die Männer verschwinden bald darauf, das Mädchen das sie begleitet fragt mich: "Schläfst du?" Und als ich verneine lässt es sich auf dem Boden vor meinem Bett nieder. "Ich bin so traurig", sagt es und erzählt mir seine Lebensgeschichte. Erkennt irgendwann diese Merkwürdigkeit. "Warum habe ich das getan? Bitte entschuldige! Ich bin eigentlich nie so vertrauensselig! Es tut mir leid. Warum bloß?" Ich umarme sie. Erzähle ihr was ich verstanden habe. Und wo sie von meinem Gefühl her ansetzen könnte sich zu heilen. Ich weiß es einfach. "Du bist ein Engel", flüstert sie. Ich lächle. Gibt es die überhaupt?! Nach meinem Namen fragt sie. Und ich nenne ihn. "Also doch! Gabriel!"

Mit diesen Gedanken schlafe ich ein. Nein, ganz gewiss bin ich kein geflügeltes Wesen. Habe Fehler um Fehler in meinem Leben gemacht. Mein Potential nicht erkannt. Irrtum an Irrtum gereiht. Ich bin geradezu der personifizierte Fehler. Und jetzt ist mir auch noch eine Gestalt erschienen. Ich bin wohl mitten drin, im Fieberwahn!

Gegen Abend mache ich mich auf zur "Farmacia", lege einen Zettel auf den Tisch mit all' dem was ich benötige. Entdecke in der Deko vor dem Tresen alles das was Pilger so brauchen. Und denke an den Medico, der mich aufgefordert hatte: "Compeed? Throw it away!!" Und das habe ich getan. Wechsle brav ab zwischen Schulmedizin mit Jod und Kompressen und "Spanischer Folter", mit Salz, Essig und heißem Wasser.

Langsam Fuß vor Fuß setzend, in Sandalen, schleiche ich zurück durch die kleine Altstadt. Los Arcos, einst bedeutende Stadt am Camino, mit prächtiger Kirche, verfällt. Anklagend stehen noch viele Fassaden, von hinten abgestützt. Durch die leeren Fensterhöhlen erblickt man nichts als den strahlendblauen Himmel dahinter. Potemkinsche Dörfer. Das Geld für Sanierungen fehlt. Wie in so vielen Orten am Weg. Trotzdem stehe ich beeindruckt in der kleinen Gasse, mit diesen majestätischen Theaterkulissen.

Die Pilgergruppe erscheint unvermittelt. Fast hört man sie mehr als sie zu sehen. In graubraune Gewänder sind sie gehüllt. Tragen Schlapphüte mit Pilgermuscheln, wie es vor Jahrhunderten üblich war. Ihre langen, geschnitzten Pilgerstöcke lassen einen gleichmäßigen Klang auf dem Pflaster erschallen. Ich will ausweichen und trete zurück, dicht an eine der fast verfallenen Häuserwände. Da gehen sie schon wie durch mich hindurch. Eine Gänsehaut stellt mir auch noch das allerletzte Härchen auf.
In die nächste Gasse biegen sie singend ein. Die am Ende kraftvoll einherschreitende Gestalt dreht sich um. Fasziniert schaue ich in ein fast noch kindliches Gesicht, mit grünblauen Augen. Es lächelt und winkt mir zu mitzukommen. Es ist fast das Gesicht meines Sohnes. Ein wenig jünger. Und es trägt noch nicht die feinen Linien, die das Leben hinein gezeichnet hat...


Ich werde weitergehen am nächsten Morgen, gen Viana.
Er, der mich dort erwarten wird, ist mir um einige Stunden voraus.
Und mir längst vorbestimmt, auf diesem Weg der Wege...



 

Eine Liebesgeschichte ... Kapitel 12



Durch unendliche Getreide- und Weinfelder zieht der Weg sich dahin.

Knapp über dem Boden warten sie noch, die grünlichen Ähren und die knorrigen, zukünftigen Weinstöcke. Im Herbst werde ich die Ernte der Garben erleben und von den reifen Trauben naschen. Unter einer weinberankten Pergola im Bikini auf einer Sonnenterrasse liegen. Nach Schicksalsschlägen wird der Weg mich wiederhaben. Und erneut werde ich unterwegs sei, gen Santiago...


Davon ahne ich an diesem schon früh sehr heißen Morgen nichts. Schleppe mich so dahin. Manchmal singe ich auf dem einsamen Weg und staune welche Texte mir einfallen. Unglaublicher Kitsch. Hundertmal mitgesungen ein gutes Jahrzehnt zuvor, in meiner Discozeit. Etwas verspätet, da man mir Kindheit und Jugend gestohlen hatte. So bin ich bereits Mitte dreißig, als ich die erste Diskothek meines Lebens betrete. Und sie ist die Ursache, dass ich heute so ziemlich alle Marianne Rosenberg-Hits auswendig kenne, die wir dort zu früher Stunde mitsangen, lauthals. Wieder einmal fast heiser, im Morgengrauen.
Warum denke ich daran, an diesem Vormittag, an dem die Luft flirrt unter der Hitze, die der Boden ausstrahlt? Vielleicht, weil ich mich ein wenig erinnere. Daran, dass ich eine Frau bin. Immer noch ansehnlich für ihr Alter. Die einst einen Winter lang an jedem Wochenende begeistert die Nacht zum Tage machte und tanzte, bis der Tag erwachte...


Lächelnd genieße ich platanos und Cola, zum Spätfrühstück. Frage irgendwann flüsterleise: "Bist du da, mein Schutzengel?" Aber natürlich erhalte ich keine Antwort! Der linke Fuß ist jetzt fast schmerzfrei, dafür hinke ich rechts noch gewaltig. Das Gefühl mindestens eine Rasierklinge stecke in dieser Wunde hat nicht nachgelassen.
Auf so mancher Wiese sinke ich nieder, streife den Rucksack ab, küsse die Fotos meiner Lieben die daran baumeln, lege den Kopf darauf und schlafe, während die Räder der Autos nur wenige Meter von meinem Kopf entfernt dahin rasen. Ich fürchte sie nicht. Nur ein einziger Gedanke ängstigt mich: "Nicht laufen zu können". Ich bin nun in der zweiten Woche unterwegs. Und wenn ich Viana erreiche, werde ich einhundertfünfundfünfzig Kilometer hinter mir haben...


Gegen Mittag ist es unerträglich. Serpentine folgt auf Serpentine, der Asphalt scheint zu glühen. Ich sehe Dinge die es vermutlich gar nicht gibt. Von einem der unzähligen Hügel blicke ich hinunter, auf die sich dahin schlängelnde Straße. Ganz klein am Horizont kann ich das ersehnte Ziel erkennen. Drei Stunden werden es also noch sein, das weiß ich nun schon aus meiner wachsenden Erfahrung.
Ich bin bei weitem kein so großes Greenhorn mehr wie am Anfang. Die Sonne hat meine Haare hell werden lassen, Gesicht, Arme und Beine sind leicht gebräunt. Im Rucksack trage ich neuerworbene Shorts bei mir. Der kleine Sportladen in Los Arcos, direkt auf dem Kirchplatz, hatte sie zu erheblich reduziertem Preis draußen hängen. Und ich hatte sie todesmutig gekauft, ohne sie anzuprobieren. Sie würde schon passen! Etliche Kilos waren inzwischen verloren, das war klar. Den Gürtel, mit seinen vielen Löchern hatte ich immer enger um mich ziehen müssen.


Am Nachmittag erreiche ich erschöpft mein Ziel. Jedenfalls den Stadtrand. Dort empfängt mich zu meiner großen Freude eine Art Spielplatz oder Park mit einem Brunnen. Erschöpft falle ich daneben nieder. Und werde mit Wasser übergossen! Ein junger Deutscher steht grinsend über mir. "Where do you come from?" Als ich mit "Hamburg" antworte, atmet er erleichtert auf: "Englisch ist nicht gerade eine meiner Stärken!" Reichlich stark muss er aber sein, denn er trägt einen wahrhaft monströsen Rucksack bei sich. "23 kg", erklärt er schmunzelnd. Weil er Zelt, Matratze, Kocher usw. bei sich hat. Gregorianische Gesänge schon vor fünf Uhr seien nicht seine Vorstellung vom Pilgern...
Ich bewundere ihn. Mein Rucksack, mit Wasser und Proviant wiegt zehn Kilogramm weniger und drückt mich nieder. Nur mit Mühe kann ich diese Last tragen. Die mir der Junge nun zurück auf die Schultern hievt. Es geht weiterhin steil bergan, als kletterte man eine Rutsche über die Sitzfläche hinauf. Meine Augen suchen verzweifelt nach dem ersehnten Schild: "Albergue". Aber es findet sich nicht. Immer steiler geht es hinauf, über das alte Steinpflaster.

Für die Pilger in den Bars am Straßenrand habe ich keinen Blick. Aber er habe mich gleich gesehen, wird er später sagen. Ich hoffe, dass es nicht stimmt. Ich trug die schwarze, mittlerweile leicht verschmutzte Fleecejacke, die abgerissenen Hosen, die Haare fielen mir wirr in das erhitzte Gesicht. Ich schnaufte und humpelte. Verabschiedete meinen jungen Begleiter mit einer dankbaren Umarmung und einem sehr ernst gemeinten "Buen Camino". Dann schlich ich mich durch das Tor in die große Eingangshalle zum steinernen Tresen, hinter dem die spanische Hospitalera thronte.



Ich frage nach einem Bett. Abacho? Sie schüttelt energisch den Kopf und erklärt etwas von "tres". Ich verstehe Bahnhof. Ist mir auch gleich. Wenn ich einen Stempel bekomme, ist auch ein Bett frei. Nichts anderes zählt. Eine nette Kopfbewegung Richtung Treppe folgt. Ich greife nach Geldbörse und Stöcken, setze mal gerade eben zwei Schritte, als mich ein energischer Aufschrei stoppt. Die spanische Frohnatur steht in einem Türrahmen und brüllt: "Las botas! Aqui!" Aha, die Botten! Ganz vergessen! Artig ziehe ich die Stiefel aus und stelle sie ins Regal. Das hätte man ja auch ein wenig freundlicher... Aber Nettigkeit hat dieser Volksstamm irgendwie nicht besonders abbekommen.

Erst auf dem nächsten Camino wird mir klar werden, dass es auch viele unfreundliche, fordernde Pilger gibt. Die glauben auf alles ein Recht zu haben, wenn sie dafür ein paar Euros auf den Tisch legen. Doch daran denke ich an diesem Nachmittag nicht, schleiche eingeschüchtert die Treppen hinauf und hoffe die Zimmernummer richtig verstanden und übersetzt zu haben. Als ich die Tür zum genannten Zimmer öffne, erstarre ich. Ohhh! Das also war mit "tres" gemeint. Dies ist eine der wenigen Herbergen am Weg, mit drei (!) Betten übereinander. Und da ich so spät komme, habe ich das große Los gezogen: Ich darf knapp unter der Zimmerdecke schlafen! Na bravo...



Zu dieser Herberge gibt es Berichte von Pilgern mit gebrochenen Gliedern nachdem sie nächtens aus dem dritten Stock auf den Steinfußboden gedonnert waren und sich dort in ihrem Blut liegend wiederfanden. Ich streife die Last vom Rücken ab, schleiche die Treppe hinunter, nehme allen Mut zusammen und frage diese Höflichkeit in Person nach einem unteren Bett, zeige meine Verbände. Entweder dort wo ich bin, oder aqui, ginge es wieder zur Tür hinaus! Dafür reicht mein schmales Spanisch völlig aus.
Ergeben ziehe ich mich am Geländer nach oben und den Rucksack in eine Zimmerecke. Dort lege ich meinen Kopf auf das Teil und strecke mich aus. Um mich herum nur italienische und französische Sprachlaute. Wunderbar! Sie können lästern, wie sie wollen. Ich verstehe rein gar nichts. Und versinke tief im Schlaf der Gerechten. 


Als ich erwache sammle ich meine wenigen Wechselsachen zusammen, wasche und dusche. Es wird Zeit mich für den kommenden Tag mit Bananen und Coffeingetränk zu versorgen! Und das tue ich auch routinemäßig. Dann beschließe ich zu schauen, ob die mächtige Kirche vielleicht geöffnet sein könnte. Seit St.Jean habe ich in keiner mehr gesessen. Diese Stille genießen können. Etwas zaghaft zerre ich am messingfarbenen Türgriff. Und siehe da: Sesam öffne dich! Ein hochgewachsener Priester stürzt auf mich zu. Er weist auf den Beichtstuhl. Und ich schüttele vehement mit dem Kopf. Ich habe nichts zu beichten! N o c h nicht, denn das wird sich ändern...

Interessiert schreite ich die vielen Nebenaltäre in den Nischen ab. Das meiste ist nicht mein Geschmack. Typisch spanisch überladen. Jesus als Leiche mit Dornenkrone und Marterwunden im Schneewittchensarg. Maria über und über geschmückt, mit entrücktem Gesichtsausdruck. Das ist nicht meins. Kirche in ihrer Funktion an sich schon nicht (ich war in einem katholischen Kinderheim!). Der Glaube den ich in mir trage ist von  anderer Natur. Meine Mutter hat versucht,ihn mir auszuprügeln. Wie oft fragte sie mich woher er käme. Und ich antworte leise: "Er war doch immer da, wie die Kerne im Apfel!" Daran denke ich an diesem späten Nachmittag, da am Horizont die Sonne zu sinken beginnt. Und lasse mich in der zweiten Reihe nieder, wie ich es in Kirchen immer tue.

Falte die Hände und senke den Kopf. Dankbar bin ich. Dass ich bis hierhergekommen bin trotz allem. Und für ein Leben in dem mir viel Glück geschenkt wurde. Die Hoffnung wächst von Tag zu Tag, mein Gelöbnis erfüllen zu können. Was danach sein wird, zählt nicht, in diesem Moment, es ist mir gleichgültig. Ich habe nur ein "Oneway-Ticket" gelöst. Mein Leben bedeutet mir nichts. Und würde ich es unterwegs verlieren auf diesem Pilgerweg, könnte mir etwas Besseres geschehen? Mit meinem Sohn ist besprochen mich in diesem Fall an Ort und Stelle verbrennen zu lassen. Das Übriggebliebene zum "Ende der Welt" zu tragen und meine Asche über das Meer zu streuen. "Du wirst Finisterre erreichen, tot oder lebendig", so versprach er.


Vor der Kirche sitzt jemand, der etwas dagegen hat. Er folgt mir.
Und wird mich daran erinnern, dass ich lebe. Und eine Frau bin...


 

Eine Liebesgeschichte... Kapitel 13

 


Es ist ein seltsam beruhigendes Gefühl auf der Holzbank Platz zu nehmen.

Eben als ich durch das mächtige Portal trat setzte die Orgel durchdringend ein. Das ging mir an die Nieren. Befangen bin ich hin und her geschritten, habe mir alles angeschaut. Bewusst auch die Kanzel, über und über mit Putten bedeckt in Säuglingsgröße. Eine Welle hat sich da in mir aufgebaut die kurz vor ihrem Überschlag steht. Der ewige körperliche Schmerz des Weges hat mich bisher kaum klar denken lassen. Es war nur noch ein einziges Gebet: "Lass' mich das nächste Ziel erreichen!" Nun liegt der erste Wandertag hinter mir, an dem all' die Schritte ohne Tränen zu bewältigen waren.
Jetzt schaue ich hinauf zu dem beeindruckenden Altar, der bis unter die hohe Gewölbedecke reicht. Folge mit meinen Augen den geschnitzten Bildern, die den Gläubigen seit Jahrhunderten ihre Geschichten erzählen. Fast bemerke ich den Auslöser nicht! Es ist eine Szene am Rande, wie alle anderen auch. Eine Putte streckt mir ihren kleinen Arm und ihr rundliches Händchen entgegen.

  


Da schreie ich so auf, dass es im Raum wiederhallt. Erschrocken presse ich mir beide Hände fest auf meinem Mund. Tränen stürzen mir wie Flüsse aus den Augen, ich kann nichts mehr halten oder unterdrücken. Alle Dämme brechen. Mein Kind sehe ich vor mir. Den toten kleinen Sohn, an den zu denken ich mir strikt untersagt habe. Eine traurige Minute ab und zu, aber mehr darf es nicht sein! Das Leben geht weiter und erfordert meine ganze Kraft. Ich habe zwei wunderbare Kinder, die leben. Mehr kann man kaum geschenkt bekommen...
Verzweifelt versuche ich mir das auch in diesem Moment zu sagen. Aber es funktioniert nicht wie sonst. Alle Bilder steigen auf. Es ist damals. Ich bin selbst verletzt. Man hat mich überfallen, im eigenen Haus. Ich versuche verzweifelt den kleinen Menschen  zu schützen, doch seine Augen werden sich für immer schließen. Er streckt einen Arm und ein Händchen nach mir aus. Das ist das letzte was ich von ihm sehe. Eingebrannt in meine Seele. Unauslöschlich eingeschnitten in mein Herz. 


Es ist meine Schuld. Ich trage die volle Verantwortung. Und kann sie nicht mehr leugnen an diesem trüben Aprilnachmittag, da ich in der Ferne feststelle, dass man vor nichts davonlaufen kann. Es schüttelt mich, alles bricht aus mir heraus. So viele Tote in meinem Leben... Warum? Was hab' ich falsch gemacht? Ich war doch noch ein Kind, als es losging. Ich breche völlig zusammen.
Lange dauert es, bis ich mich zusammenreißen kann. Ich weiß nicht, ob es ein Leben nach dem Tod gibt. Ob ich meinen kleinen Jasper irgendwann in den Armen werde halten können. Ob es tatsächlich so etwas wie ein Lichttor gibt, an dem auch mein Mann mich erwartet. Es ist eine zu kindliche Vorstellung um realistisch zu sein! Aber in jenen Momenten wünschte ich mir, es wäre so...

Falls mein Mann mich so sitzen sehen kann wird er sagen: "Tapfer bist du, meine Kleine, wie du es früher schon warst. Und gut hast du alles gemacht, auch allein. Wir können stolz sein auf unseren Nachwuchs. Ich bin bei dir auf deinen Wegen und sicher, dass du ankommen wirst am Ziel". Da werde ich ruhiger. Nun ist es gut. Eine große Last habe ich völlig unerwartet niederlegen können, an diesem Altar.

Als ich mir die Tränen trocknen und die Nase putzen möchte bemerke ich, dass ich kein Taschentuch bei mir habe. Wie so oft gab es in der Herberge kein Papier, da habe ich es gelassen. Und die Sonnenbrille steckt dort auch im Rucksack. Was jetzt, wie komm' ich bloß hier weg?! 

Eine schmale Hand reicht mir über die Schulter ein kariertes Taschentuch. Irritiert ergreife ich es. Sitze noch eine Weile so da, bis ich denke, dass es irgendwie geht. Trete aus der Bank, durchmesse mit großen Schritten den halbdunklen Kirchenraum und stoße das schwere Tor auf. Es ist jemand hinter mir hergegangen, das konnte ich hören. Drehe mich um. Schaue auf ein paar Wandersandalen und vorsichtig, über die Zipphose und ein kariertes Hemd, in ein offenes Gesicht. Graublaue, freundliche Augen, Dreitagebart. Ein gewinnendes Lächeln. "Bist du from Germany? Ich bin Guy from Ottawa und spreche deutsch ein wenig. Willst du trinken mit mir eine Bier, oder ein Kaffee? We can talk a little bit und alles ist nicht so schwer?!"

Wann habe ich mich zuletzt von einem Mann einladen lassen? Das ist lange her! Ich erinnere mich kaum noch. Die Bar gegenüber der Kirche ist gut besucht. In dieser Straße spielt sich das pralle Leben ab. Hier befinden sich die Geschäfte und Lokale, kommen die Pilger durch, die noch weiter wollen, gegen Logrono vielleicht, die Stadt die man am Horizont schon gut erkennen kann. Wir wählen einen Außentisch. Was haben wir getrunken? Ich erinnere mich nicht mehr.

Doch daran, dass ich lächelte. Und er mich irgendwann zum Lachen brachte. Es war aber auch zu komisch. Wir unterhielten uns in einem seltsamen Englisch-Deutsch-Kauderwelsch. Guy war als Hubschrauberpilot der kanadischen Army für ein paar Jahre in Deutschland stationiert. Danach hatte er Karriere gemacht, wurde Offizier. Eigentlich ist er Engländer, aber die Mutter wanderte mit ihm und seiner Schwester während des 2.Weltkrieges nach Ottawa aus. Er hat noch viele Freunde in Deutschland, die er regelmäßig besucht.

Es ist schön selbst nicht viel reden zu müssen. Interessanten Geschichten zuzuhören. Ich möchte nichts von mir erzählen, lieber abgelenkt sein. Und so sage ich es auch. Guy scheint Gott und die Welt zu kennen. Kaum sitzen wir lassen sich Pilger mit am Tisch nieder. Sind sie fort, folgen die nächsten. "I'm sorry", sagt Guy, "vielleicht du willst mit mir essen, später, ja? Dann werden wir sitzen in eine andere, schönere Lokal und es wird ruhiger sein." Seltsamerweise möchte ich tatsächlich mit ihm allein sein...
 
Ja, ich möchte mit ihm essen. Noch habe ich kein Pilgermenü aus der Nähe gesehen und mit wem würde ich es lieber ausprobieren, als mit diesem sympathischen Mann?! Die Zeit verfliegt und immer wieder muss ich danach fragen. "Why musst du gehen?" Ich erkläre, dass diese Herberge zwei Besonderheiten aufweist, nicht nur Dreierbetten sondern auch eine verkürzte Öffnungszeit. Um 21.30 Uhr ist Einschluss. Wer zu spät kommt muss draußen schlafen. "Du hast geweint, ich möchte, du lachst. So ich werde nehmen ein Hotelzimmer für dich und du hast nichts zu tun dafür, nothing!"

Zur Akzeptanz eines solchen Angebotes kann ich mich nicht durchringen. Ich kenne den Mann gar nicht! Am Ende verpflichtet es mich doch zu etwas?! Bis nach dem Essen bitte ich mir Bedenkzeit aus. Er lächelt: "Du bist eine... eine... Wie heißt this ängstliche animal?" Er beschreibt es. Ich muss lachen: "Ein Reh?!" "Yes", sagt er, "das bist du! Eine fliehende Reh"...
 

Im benachbarten Restaurant dauert es ewig bis das Essen auf dem Tisch steht. Und kaum haben wir es serviert bekommen, da taucht Ursel auf. Sie stammt aus Berlin und lässt sich ungefragt nieder. "Wir haben uns doch schon einmal in einer Herberge gesehen! Wie geht’s? Und wer ist das?"
Sie ist laut und penetrant. Ich möchte, dass sie weggeht. Aber nein, Guy lädt sie auch ein, darauf war sie wohl aus. Ich bringe fast nichts herunter. Bin angespannt irgendwie. Schaue mehr auf den Mann als auf den Teller, ohne es zu bemerken. 
Er ist mein Engel des Tages. Nachdem das Essen abgeräumt und Ursel verschwunden ist, fragt Guy nach einem freien Zimmer. Aber es gibt längst keines mehr. Irgendwie beruhigt mich das. Obwohl... "What's the time?" Ohilfe, ich muss sofort los. Wir lassen alles stehen und liegen, rennen in Richtung der Herberge. Dort räuselt schon jemand am Tor. "Ich komme! Bitte warten!" 


Es bleibt gerade noch Zeit für eine kurze Umarmung.
"I hope I will see you again", wir sagen es fast gleichzeitig...
Im Tor winke ich noch einmal, dann fällt es krachend ins Schloss.








Kommentare:

  1. ach Gabrele..
    ich sollte mir eine Packung Tempo neben den PC legen bevor ich anfange zu lesen ;)
    ich bewundere deinen Mut und dein Durchhaltevermögen..
    ich weiß.. ich hätte es nicht gekonnt

    meine Tochter war 36 als ich an ihrem Grab stand..
    ein kleines Kind zu verlieren muss noch viel schlimmer sein..
    liebe Grüße
    Rosi

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    1. Wir alle tragen etwas mit uns herum. Und kein Leid ist größer oder kleiner. Es bleibt immer ein tiefer Schmerz zurück...

      Ich verstehe Dich gut!

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  2. Tief ergriffen bin ich. Ich habe Tränen, aber keine Worte, die ich hier hinterlassen könnte.
    Fühl Dich umarmt,
    herzlichst
    Antje

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    1. Manchmal braucht es keine Worte. Weil man ein Gefühl vermitteln kann. Und das hast Du getan.

      Hab' Dank!

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