Donnerstag, 10. März 2016

In der Welt zu Hause


... habe ich mich lange gefühlt. Vielleicht, weil ich diesen Fixpunkt sonst nur selten mein eigen nennen konnte. Nicht an Orten, sondern mehr mit Menschen. Der Mann, mit dem mich einst eine starke Liebe verband, sagte einmal als ich ihn besuchte: "Es ist beneidenswert, wie du deine Jacke über eine Stuhllehne legst und dich daheim fühlst!" Diese Aussage erstaunte mich, denn das habe ich nie so empfunden. Und darum antwortete ich wie ich es fühlte: "Hier ist im Moment mein Heim weil DU da bist..." 
Hat er es verstanden? Habe ich begriffen was wiederum er mir klarmachen wollte? Nämlich, dass er nicht von dieser Stadt, aus dieser Straße würde weggehen können! Die Vergangenheit loslassen. Das habe ich erst Jahre später wirklich erkannt. Und da tat es sehr, sehr weh. Weil uns das unumstößlich auf immer trennte.

Zuhause ist, wo das Herz
eine Heimat findet.
(Fred Ammon)


Eine Liebesgeschichte... Kapitel 21

Ich schrecke auf, weil ich Geräusche nicht einordnen kann. Wo bin ich? Ach ja, jetzt erinnere ich mich. Vorsichtig betaste ich die Sachen an meinem Leib. Alles immer noch feucht! Da hilft nur eine heiße Dusche und sich umzukleiden. Diese Idee hatten andere auch schon, denn sie traben an meinem Bett vorbei, schlittern durch die undefinierbare Lache und verschwinden im Sanitärraum. Das Merkwürdige: nur Sekunden später tauchen sämtliche weiblichen Pilgerinnen wieder auf mit ihren unbenutzten Duschutensilien unter dem Arm. Die Herren der Schöpfung hingegen bleiben verschwunden. Was da nicht stimmt will ich selbst herausfinden!

Als ich um die Ecke schaue sehe ich zuerst einmal Toiletten. Für beide Geschlechter. Warum nicht. Türen sind ja drinnen, die lassen sich schließen. Was sich dagegen nicht vor fremden Blicken schützen lässt sind die Duschen. Denn dort gibt es keine Türen, nicht einmal Vorhänge. Nichts. Rein gar nichts! Für einen kurzen Moment zögere ich. Aha, deshalb also die Massenflucht! Ich friere, habe verklebte Haare, bin ein Neutrum 50plus und kein Mensch wird mich demzufolge registrieren. 

Ich reihe mich also unter den erstaunten Blicken manch männlichen Pilgers in die Duschtruppe ein und habe meinen Kram auf der schmalen Fensterbank in Sicherheit gebracht. Öffnet sich eine WC-Tür, murmele ich so etwas wie "Buen Camino" und genieße ungerührt weiterhin das heiße Wasser. Ich habe diesen Tag überlebt, da überstehe ich auch noch Männerblicke.

Mit erhobenem Haupt trockne ich mich ab und schlüpfe in trockene Kleidung. Wenn die Kids mich so sehen könnten, die hätten Spaß! Und den will ich jetzt auch. Ich habe den bisher zweitgrößten Schock meines Jakobsweges überstanden, jetzt will ich wenigstens die Kathedrale von Burgos besichtigen. Meine Herberge liegt nämlich in Camino-Richtung gesehen, schon außerhalb der Stadt. Also werde ich morgen von ihr nichts mehr mitbekommen.

Bewaffnet mit dem ganze 300g leichten Tagesrucksack mache ich mich auf, zurück zu laufen. Irgendwo habe ich da einen Supermercado gesehen. Und er findet sich auf Anhieb. Drei Bananen, eine Dose BilligCola und der obligatorische Thunfischsalat werden verstaut. Mir bleiben noch zwei Stunden für die Kathedrale übrig und mit raumgreifenden Schritten eile ich den hohen Türmen entgegen.

Um diese Zeit wälzen sich wahre Menschenmassen über den großen Platz, unter ihnen viele Pilger, noch mit ihren Rucksäcken sprich ohne Bett. Mich schaudert bei diesem Gedanken. Ich schiebe mich durch die Menschenmassen und dann sehe ich ihn stehen, mit dem Rücken zu mir. Guy! Bevor ich ihn erreiche dreht er sich um: "Ich sah deine Schatten! Oh my God, I‘ve thought I'd lost you!" Wir fallen uns in die Arme. Er lacht und weint gleichzeitig, fährt mir vorsichtig durch die nassen Haare und sagt immer wieder: "You've touched meine Herz, verstehst du?"

Hand in Hand suchen wir ein Lokal. Ich soll essen, aber das kann ich nicht. Wenn ich aufgeregt bin, geht es mir immer so. Wir sitzen am Fenster, mit Blick auf das mächtige Gotteshaus und haben wohl einen leicht debilen Gesichtsausdruck. Haach…"Why", fragt er, "why bist du weggelaufen?" Ich versuche es ihm zu erklären. Und spüre, dass das in der Kürze der Zeit nicht möglich ist. Was weiß er denn schon von mir? Er verstände es auch nicht, aber das ist jetzt nicht wichtig. Er sitzt mir gegenüber und ich fühle mich einfach geborgen, alles ist gut.

Er erzählt von seinem schönen Hotelzimmer mit dem großen Bett. Wie er alles vorbereitet hat. Extra große Badetücher bestellt und die doppelte Anzahl von Shampoo erbeten. Ich lächle, doch dann sage ich, dass es nicht geht. Weil ich eine Pilgerin bin und mein Herbergsbett schon belegt und bezahlt habe. Er fragt nach dem Preis und als ich mit "3 Euros" antworte verschluckt er sich fast. Spürt aber, wie ernst es mir damit ist. Warum habe ich mich damals so entschieden? Heute frage ich mich das. Und finde keine erklärende, logische Antwort außer der: Es sollte alles so sein wie es kam!

Guy macht mir einen Vorschlag. "Ok, let's have ein Pausentag. Breakday, du verstehst? Willst du das auch?" Ich nicke. Er sagt: "I'll be back in seconds. Don't run away!" Am Tresen fragt er etwas, lässt mich dabei aber nicht aus den Augen. Man telefoniert für ihn. Und er nickt. Dann setzt er sich wieder. "Es ist bestellt. Wir werden haben eine sehr schöne Hotel morgen. Du sollst fühlen, wie eine Königin!"

Die Kirchturmuhr schlägt halb und ich springe erschrocken auf: "Ich muss zurück, sonst komme ich nicht mehr hinein!" Guy wirft einen Schein auf den Tisch und wir rennen los. "Noch weiter?" Ich nicke. Endlich sind wir am Park. In dem man als Frau abends nicht allein unterwegs sein sollte, so stand es im Wanderführer. Die spärlichen Laternen spenden ein mehr als schwaches Licht. Dann stehen wir vor den Baracken. Die Fenster sind mit Gittern versehen. Zur Nacht wird eine Kette vorgelegt werden.


Guy ist entsetzt. "Wie sagt man das auf Deutsch? Schrecklich?" Kann schon sein. Er fotografiert innen und außen. "Gabby, please take your backpack and come with me!" Ich hauche ihm einen Kuss auf die Wange. "Also um acht Uhr an der Kathedrale!" „Die Nacht ist kurz und kalt“, werde ich am nächsten Tag ins Tagebuch schreiben, „nur weg hier!“

Nichts über meine Gefühle habe ich eingetragen, Ängste.
Hatte ich keine mehr? Was erwartete ich vom kommenden Tag?
Was auch immer Guy erhofft: Ich werde ihn bitter enttäuschen!
(Und heute, im Jahr 2016 denke ich: Er mich auch!)



Eine Liebesgeschichte... Kapitel 22

Wie kann man beschreiben, was man doch selbst kaum verstanden hat?! Ich will es wenigstens versuchen...

Die ganze Nacht über hat es irgendwo geschnarcht, gegrunzt oder getropft – the CaminoMusic also. Und falls mal eben gerade nicht, setzt sich garantiert jemand nur wenig von mir entfernt nieder und betätigt danach die Spülung. Ich danke! War ich nicht gestern glücklich, überhaupt ein Bett zu haben? So schnell vergisst der Mensch!

Über Berge von Rucksäcken, Stiefeln, Wanderstöcken, Taschen, Beuteln und wer weiß was, erlange ich die Freiheit und suche mein Heil in der Flucht. Was wäre geschehen, wenn nächstens doch jemand geraucht und diese Blockhütte in Brand gesetzt hätte? Wir wären alle hilflos in Schutt und Asche gesunken. Doch das zählt jetzt nicht mehr, ich laufe mit Riesenschritten zurück in die Stadt. Um mich herum tanzen Millionen Flocken. 


Schneeflöckchen, Weißröckchen, am 1. Mai auf dem Jakobsweg. Unglaublich! Bibbernd warte ich auf dem weitläufigen Platz. Der Schnee scheint aus allen Richtungen heranzustieben und ich schneie schnell ein. Am Ende flüchte ich mich in den Eingang einer Bar. Meine Kleidung ist ohnehin noch feucht, da ungewaschen. Ich kann jetzt kein Fieber brauchen. 

Dabei brennt es längst in mir. Ein Kind steht an diesem Morgen mit leuchtenden Augen in der Kälte und ist einfach glücklich. Dad wird gleich sein kleines Mädchen bei der Hand nehmen und Ostern, Weihnachten und Geburtstag werden auf einen Schlag eintreten. Bloß weiß er noch nichts von dieser Rolle.

Als Guy zwanzig Minuten nach mir eintrifft bin ich schon wieder blaurot gefroren. Nicht zum Aushalten ist diese Kälte! Er greift tatsächlich meine Hand und wir suchen gemeinsam mit Hilfe der Karte nach dem zu erwartenden Palast. Und es ist wahrlich einer! So schön fast wie im Märchen, ich kann mich gar nicht sattsehen. Guy bemerkt es lächelnd und lässt mir das Vergnügen. Ich hüpfe wie ein Ball neben ihm her. Gleich wird es warm sein und luxuriös, ich werde ein Frühstück bekommen und eine große Wanne wird da sein und überhaupt... Cinderella im Schloss…

Als wir die Auffahrt hinaufgegangen sind und ich in die Empfangshalle hineinschaue, fällt mir erst auf, wie schäbig ich aussehe. Alles voller Lehm. Die Haare hängen mir nass ins Gesicht. Oh, wie furchtbar! Guy ist souverän wie immer und lässt mir keine Zeit für längere "Ich - möchte - im - Boden -versinken - Anfälle". An der Rezeption lässt sich niemand etwas anmerken. Offensichtlich sind die dunkel gewandeten Herren den Anblick von zerrupft aussehenden Pilgern gewohnt, Hauptsache sie haben die goldene Kreditkarte mit Platin-Querstreifen, als „Sesam öffne dich“.

Unbedingt muss ich den Rucksack hergeben, er wird mir getragen. Die Stöcke aber nicht, vielleicht brauche ich die zu meiner Verteidigung! Ich versuche auch ein gleichmütiges Gesicht zu machen, um mir die unverhohlene Bewunderung des ganzen Ambientes nicht anmerken zu lassen. Irgendwie kommen Tarzan und Jane praktisch direkt aus dem Urwald und buchen die Präsidentensuite im Ritz Carlton! Leider konnte ich schlecht fotografieren, aber ungefähr sah sie so aus:


Wo wir gehen und stehen hinterlassen wir Nässe. Auch im Fahrstuhl tropfe ich auf den Boden. Ist das peinlich! Als die Zimmertür geöffnet wird entfährt mir fast ein Laut, ich kann ihn gerade noch unterdrücken. Der Raum ist ungefähr so groß wie die Schalterhalle der Post in meinem Heimatort. Der Hotelboy zieht sich zurück. Endlich kann ich den Luxus vollends genießen! Guy verschwindet zuerst im Bad, daher kann ich mir alles anschauen und wenn es ganz schlimm kommt, muss ich es auch berühren. 

Das wirkt jetzt, als hätte ich noch nie in einem solchen Hotel genächtigt. So ist es natürlich nicht. Mein Freund, mit dem ich fast zwei Jahrzehnte lang zusammen war, hat mich und die Kinder nur in Tophotels untergebracht. Schon aus seinen eigenen hohen Ansprüchen heraus. Und mein Mann sowieso. Aber das ist lange her und nach den versifften Etablissements der letzten Tage weiß ich goldbestickte Decken, Teppiche so dick wie Bücher und goldene Kronleuchter durchaus zu schätzen. Vorsichtig ziehe ich die Stiefel aus und stelle sie in den Flur. Dann wippe ich auf dem Bett herum. Ich bin wirklich ein großes Kind!

Guy kommt in einem blütenweißen Bademantel wieder, der mit einer Art Wappen versehen ist. Seine Wäsche hat er in einen Beutel verpackt und ich soll meine hinzufügen. Eilig schütte ich meinen Rucksack aus und suche alles hervor, das gelitten hat. Schlüpfe aus der hässlichen, schwarzen, flockigen Fleecejacke und der schmutzigen Hose. Dann betrete ich das Bad. Unfassbar! Alles in Marmor und goldfarben. Auch für mich hängt ein Bademantel da. Ich bade, bis meine Haut sich auflöst. Wasche mehrfach die Haare. Benutze Haarkur und Bodymilk und probiere überhaupt alles aus was in den Körbchen bereitliegt. Mit leuchtenden Augen kehre ich ins Zimmer zurück. 

Wäsche und Stiefel sind inzwischen zur Reinigung abgeholt. Was ich noch an Kleidung trug das habe ich gewaschen und verteile die Sachen schüchtern auf den Heizungen. Nun kann ich nicht mehr weglaufen! Das stellt Guy mit einem fröhlichen Jungenlachen fest. Aber dazu hätte ich, ehrlich gesagt, auch nicht die geringste Lust. Wer würde denn in eine Herberge flüchten wollen aus einem solchen Paradies? 

Wir ordern ein Frühstück und ich staune was da alles gebracht wird. Heute habe ich Hunger. Ja! Ich will alles probieren und wenn mir übel wird davon, es ist ganz egal! Hier könnte ich es eine Woche lang aushalten. Ach Unsinn, Monate. Oder noch länger?!

Ganz vorsichtig krabble ich im Anschluss samt Bademantel unter die wertvollen Decken des Betts. Lächelt da jemand? Er jedenfalls zieht den Bademantel aus. Upps. Nun, es ist sein Zimmer. Er darf. Vorsichtig rollt er mich in seinen Arm. "Du bist müde, bist du? Bestimmt das war keine gute Nacht!" Nein, das war es nicht. Aber jetzt ist alles gut. Es könnte gar nicht besser sein. Über Stunden werde ich zugedeckt und gefragt, ob ich irgendetwas bräuchte. Nein, lieber Guy, ich brauche rein gar nichts, ich möchte ewig so mit dir liegen und nur schlafen. Und das tun wir, fast bis zum Nachmittag.

Mein Glück ist vollkommen. Seines hingegen nicht ganz...


Eine Liebesgeschichte... Kapitel 23

Der Eintrag für den 1.Mai in meinem kleinen, dünnen Wandertagebuch ist der kürzeste, für alle Tage dieses Caminos überhaupt. Wolken habe ich hinein gezeichnet, mit dicken Sturmpustebacken. Lasse viele kleine Flöckchen tanzen. "Blogeinträge Internet-Cafe ergänzt", schreibe ich in dürren Worten. Und auch: "Was wird dieser Weg noch alles bringen?" Viel Traurigkeit lese ich aus dem kargen Rest heraus. Und erinnere mich daran, wie leicht Träume zerbrechen können. 

Ein Frauenversteher ist nicht zwangsläufig auch ein guter Verführer. Guy jedenfalls nicht. Vielleicht hätte er alles ganz anders anfangen sollen?! Aber vermutlich hätte auch das nichts genützt. Die Frau, die ihm gefiel, weil sie so anders ist, wird ihm zum Rätsel.

Als es an die Tür klopft wird die Wäsche gebracht, fein säuberlich verpackt. Kaum liegt sie auf dem Bett muss ich sie anschauen und auseinander dividieren. Wie das duftet. Und gebügelt ist alles. Sieht aus wie neu. War es mir ein willkommener Anlass um aus dem Bett zu springen? War ich wirklich ein solch naives Kind? 

Fast ein Jahrzehnt lang gab es keinen Mann mehr in meinem Leben. Nichts liegt mir ferner als Sex mit einem zu haben. Ich weiß. Das ist wie Fahrrad fahren. Man verlernt es nicht. Aber es bauen sich immer mehr Gedankenhürden auf. Bedenkenlos verschwinde ich im Bad und ziehe mich an. Wir wollten doch noch in die Stadt. Einiges besichtigen. Ich habe von der Altstadt noch gar nichts gesehen. Guy zieht sich auch an als er sieht, dass ich wanderfertig bin. Er ist sehr schweigsam. Vielleicht hat er Sorgen? Ich versuche ihn zum Lachen zu bringen, kaspere um ihn herum. Denn ich bin ausgelassen fröhlich und möchte, dass er ein wenig davon abbekommt.
 

Guy wird ständig angesprochen oder gerufen. Seine freundliche und offene Art gefällt den Menschen. Er ist unverstellt, leise und sanft. Das macht ihn anziehend. In den Bars kommen selbst kleine Kinder zu ihm und er lässt sie auf dem Schoß sitzen. Er ist Großvater und weiß, wie man die Zwerge mit allerlei Schabernack unterhält. Sein Verhalten hat mir sonst immer gefallen. Doch plötzlich macht es mich unsicher. Er hält mich nicht mehr an der Hand. Redet mit Gott und der Welt in mehreren Fremdsprachen, die er wohl ziemlich gut beherrscht. Ich stehe daneben und kann nur ein freundliches Gesicht machen, fühle mich überflüssig. 

Es folgt der wohl größte Fehler des Tages: wir suchen ein Internetcafe auf und sitzen dort drei geschlagene Stunden lang auf unterschiedlichen Etagen. Einer unten, einer oben. Jeder taucht in seine eigene, virtuelle Welt ein. Ich lese mein (noch) bescheidenes Blog. Ein paar zaghafte, aber ermunternde Kommentare. Den ersten meiner Tochter. Sie schreibt u.a.:

„Eben habe ich hier am PC deinen ersten Eintrag von unterwegs gelesen und war so bewegt. Da kullerten gleich wieder die Tränchen... Ich bin so stolz auf dich! Du bist die tougheste Mama, die es überhaupt gibt! Das warst du auch vor deinem Weg schon. Wir denken so viel an dich. Und hoffen, du kannst in der Ferne ein wenig davon spüren... Es ist sehr merkwürdig, abends in den Sternenhimmel zu gucken und zu wissen, dass es dieselben Sterne sind, die dich auf deinem Weg begleiten. Ich wünsche mir, dass wir den Weg eines Tages gemeinsam gehen. Du weißt ja: Quien hace el camino repio! Wir haben dich so lieb!!“

Eine ungeheure Sehnsucht nach ihr erfasst mich! Ich muss mich mühsam fangen. Und bastele mit Hilfe des Tagebuchs meinen Blogeintrag zusammen. Die spanische Tastatur ist ganz anders als meine gewohnte und ich tippe ohnehin nur mit einem Finger. Oben mailt und chattet Guy mit Kanada, den Kindern und Enkeln. Drei Stunden sind eine lange Zeit. Es zerreißen noch mehr der zarten Bänder, die uns verbunden hatten. Jeder ist in seine ganz eigene Welt zurückgekehrt. Schweigsam setzen wir uns in das gleiche Cafe wie am Vortag, schauen hinaus auf den Kathedralenplatz und sprechen kaum miteinander. 

Ich habe das unbestimmte Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Und weiß nicht, wann und was es war. Es ist das furchtbare Gefühl aus der Kindheit, bestraft zu werden für eine nicht benannte Schuld. Durch Missachtung. Es ist fast das Schlimmste was man mir überhaupt antun kann. Doch woher soll er das wissen?! Vielleicht tut er es nicht bewusst. Das weiß ich aber alles erst heute. Jetzt. 

Irgendwann gehen wir zurück zum Hotel. Das Zimmer hat seinen Charme verloren. Der Zauber ist erloschen. Ich verkrieche mich tief in einem der schweren Sessel. Was könnte ich tun? Guy steht eine Weile am Fenster. Dann dreht er sich um, mit den Händen in den Hosentaschen. Er scheint mir ein völlig Fremder zu sein.

"Why, Gabby, why? Didn't I wait?" Er macht mir Vorwürfe und spricht nur noch Englisch mit mir. Ich werde immer unsicherer. Sein Blick macht mir Angst. Ich überlege verzweifelt was ich zu meiner Entschuldigung anführen könnte. Und entscheide mich dafür ihm die Wahrheit zu sagen. Wie gern ich ihn mag. Wie sehr ich mir gewünscht habe ihn wiederzusehen. In seinem Arm zu schlafen. Weil er wie ein Vater ist für mich.

Vermutlich ist das das Schlimmste, was ich ihm antun kann. Er macht einen Schritt auf mich zu. " Why not Großvater? I understand!" Er geht zum Fenster zurück und starrt hinaus in die Dunkelheit und auf den Schnee, der die ganze Zeit über leise fällt. Ich möchte sterben. Jetzt, sofort, auf der Stelle. Weil ich dieses Gefühl nicht aushalten kann. Weil es all' die entsetzlichen Geschehnisse meiner Kindheit in mir aufsteigen lässt, die nun wie Luftbläschen in kochendem Wasser nach oben drängen. Ich wage es kaum mich zu rühren.
 
Irgendwann tragen wir beide in unsere Tagebücher ein. Guys Handy läutet. Seine Frau ist dran. Sie reden fast eine Stunde. Kosten spielen eben keine Rolle... Er wird wieder ruhig und freundlich. Es gefällt mir, wie vertraut und liebevoll diese beiden Menschen miteinander umgehen. So hätte ich mir meine eigene Ehe auch gewünscht. Sie lachen zusammen. Die Stimme seiner Frau klingt, soweit ich sie entfernt hören kann.

Es dauert eine ganze Weile, bis ich auch die Gegenseite erkennen kann. Er hätte sie bedenkenlos betrogen, wenn sich ihm die Gelegenheit geboten hätte. Ohne mit der Wimper zu zucken. Und er wird es bald tun! Aber sie ist weit fort, ahnt es vermutlich nicht und es wird der Beziehung keinen Abbruch tun. Oder doch?

Wir sind beide nur kurz im Bad. Guy bestellt den Weckruf. Er möchte ab sofort 30 Km-Etappen gehen, erklärt er mir. Wir würden uns wohl nicht wieder begegnen. Ich nicke und weine. Er nimmt mich in den Arm, streicht die Tränen fort. Ich rede, versuche ihm schluchzend zu erklären, warum es ist wie es ist. Alles in deutscher Sprache, weil ich so aufgeregt bin. Was hat er verstanden? Als er das Licht gelöscht hat dreht er sich um, rollt sich in seine Decke ein und schläft bald darauf ein, mit dem Rücken zu mir. Keine Minute lang finde ich in den Schlaf. Sitze mit angezogenen Knien frierend da. Ach könnt' ich doch nur fort...

Die Mutter hat das Kind hinausgebracht auf den Balkon und die Tür hinter ihm geschlossen. Es sitzt im Nachthemd mit Strickjacke in der Nacht, schaut in die Sterne. Und wartet darauf, dass es Morgen wird, der Vater heimkommt, die Tür öffnet, es in eine Decke wickelt und ins Bett trägt. Dann wird es nicht mehr kalt sein. Er schließt das Kind fest in die Arme. Und beide schlafen ein.

Die Mutter hat das Kind auch jetzt schweigend der Kälte und Lieblosigkeit ausgesetzt. Doch kein Vater wird es in die Arme nehmen und ihm Wärme geben. Schlimmer konnte es kaum kommen. Alles ist falsch an mir. Ich war es nicht wert zu leben für meine Eltern. Eine einzige Enttäuschung. Das war ich schon mit meiner Geburt. Für den Vater, weil ich seine fünfte Tochter war und nicht der erhoffte Sohn. Für die Mutter wegen der dunklen Haare und Augen. „Nichtarisch“ nannte sie das. Ich werde tun können, was immer ich will und weder von der einen, noch der anderen Seite geliebt werden. Weil beide Tatsachen nun einmal unumstößlich sind…

Als der Weckruf erfolgt stehen wir auf, packen und gehen hinaus auf die Straße, ganz ohne Frühstück. Der Morgen ist frostig. In jeder Hinsicht. Wir umarmen uns kurz und stumm zum Abschied. "You'll go first", flüstere ich leise und schiebe Guy weg, drehe mich fort in die Gegenrichtung, versuche Herz und Verstand auszuschalten für Augenblicke. Ganz fest an etwas Anderes zu denken, wie ich es tausende Male in meinem Leben getan habe. Seine Schritte verhallen auf der noch leeren Straße.

Mir wird ungeheuer schlecht und ich habe Angst, dass ich mich übergeben muss. Halte mich an dem Brunnen fest, der Wasser speit, als sei nichts geschehen. Mein Herz scheint gerade einen Riss zu bekommen. Ich wasche mir das Gesicht mit dem klirrkalten Wasser ab und denke: „When will I see you again?“ Dann werde ich alles ganz anders machen, "richtig". So Gott will! Doch diese Gelegenheit wird nicht mehr kommen.

Ich richte mich auf und setze meine ersten Schritte.
Noch 488 km bis Santiago. Und 450 km bis zu meinem Schicksal.




 

1 Kommentar:

  1. zu hause fühlen.. jaa..
    das ist so eine Sache..
    ich habe mich als Kind eigentlich auch immer überall zu hause gefühlt..
    und doch war es irgendwie ein "Trauma" für mich als ich mit 6 Jahren mit meinen Eltern aus meiner bis dahin Heimat wegziehen musste..aus unseren kleinen (wirklich nur) 4 Wänden..
    es dauerte bis ich es überwunden hatte..
    wie es anklingt hattest du keine schönen Erinnerungen an dein "erstes" Heim und musstest dich auch später immer neu orientieren..
    ich bin nur 3 x umgezogen.. einmal als Kind.. dann in unsere erste Wohnung mit meinem Mann und noch mal grad um die Ecke in eine größere..
    deine Geschichte geht wieder sehr spannend weiter.. und ich kann dich gut verstehen..
    mir wäre es sicher ähnlich ergangen ;)
    ich wünsch dir eine gute Nacht
    Rosi

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