Donnerstag, 4. Februar 2016

Upcycling: vorher-nachher

Das erste aufzuarbeitende Teil (welches ich mir unbedarft bei einem bekannten Auktionshaus ersteigert habe) war kurz nach der Wende ein großer Standuhrkasten, abzuholen in Potsdam. Da wollte ich sowieso schon immer hin, also verband ich angenehmes mit nützlichem, packte meinen erwachsenen Sohn mit mir ins Auto und beim ebay-Verkäufer weit mehr dazu, als ich  angenommen hatte. Er nannte zahlreiche Schuppen, Anbauten und ehemalige Stallungen sein eigen, die vollgefüllt waren mit allem, was man sich aus Großmutters bzw. -vaters Zeiten nur denken kann. Und die Preise waren unterirdisch, oder besser "überirdisch", ganz nach Sichtweise, wenn man jene in Hamburg gewohnt war...

Auf jeden Fall waren beide Seiten zufrieden und nach einer (kalten!) Nacht im Auto waren 100 DM für ein Pensionszimmer eingespart und der ausgeuferte Einkauf schmerzte nicht mehr ganz so. Die Schlösser mit ihren wundervollen Ausstattungen entschädigten mich ohnehin für alles, dazu der Park von Sanssouci - ein Traum. Bester Laune strebte ich heimwärts. Dort erhob sich die Frage: wohin mit all' den Sachen?  Der Van war voll bis unter die Decke. Da ich ohnehin eine Garage anmieten wollte und diese just in diesem Moment in unserer kleinen Wohnanlage angeboten wurde, griff ich zu. Nichtahnend, dass der Menschen dazu neigt zu sammeln, wenn sich ihm der PLatz dazu bietet. Seufz...

Als ich Jahre später in mein Haus an der niederländischen Grenze zurückkehrte, da galt es, meine "Schätze" erneut zu transportieren. Indes hatte ich nun einen enormen Vorteil: mein großes, fast leeres Haus zur Verfügung. Und schier endlos Zeit. Mit dem Nachteil einer arg winzigen Erwerbsunfähigkeitsrente. Es mussten Möbel her, doch woher nehmen ohne Kapital? Mein Blick fiel auf das, was bereits da war: Mein "Gerümpel" aus Potsdam. So genannt von wenig empfindsamen Gemütern, während ich das große Potenzial zu erkennen glaubte, was darin steckte. Es musste nur ans Licht gebracht werden...

Für radikale Upcycling-Ideen braucht man Mut, das stellte ich rasch fest, aber auch, dass einem dies leichter fällt, je preiswerter und maroder ein Teil ist. Was wäre der maximale Verlust, was könnte man gewinnen? Nach einigen Nächten mit wenig Schlaf begann ich. Mit dem Inhalt eines kleinen Werkzeugkoffers. Lange hatte ich mir ein häßliches kleines Tischchen angeschaut. Sicher mal von einem Menschen in Brandenburg selbst gebaut, der mit Material nicht wählerisch sein und keinen großen Wert auf Proportionen legen konnte. Entsprechend spinnerig war das Ding:



Also mutig ans Werk, weg mit den vorderen Beinen und dem klapprigen Sperrholzbrettchen, her mit zwei alten Tischbeinen, die keiner mehr wollte. Schließlich braucht man normalerweise vier - es sei denn ein Upcycler ist am Werk:

 

Es dauerte ewig, bis ich die rettende Idee hatte, was an den Beinen nun genau abzusägen war, damit sie an den Tischrest passten, aber irgendwann war es genau richtig. Ich spachtelte die Ritzen zu und erkannte, dass es so nicht ging, das sah "gebastelt" aus! Also schön beigeschliffen und kleine Konsolen auf die Ansetzstellen angebracht. Zierleisten passte ich auf die Seitenteile ein und verstärkte die hinteren Tischbeine rundum mit Winkelleisten. Gut verleimt, eingespannt und im Trocknungsprozess (der Zeit gab, um über die Folgeschritte nachzudenken):


Eine neue Tischplatte sollte es auf jeden Fall werden und die sägte ich aus einer alten Kommodenabdeckung zurecht. Ein wenig geschwungen, um die starre Optik aufzubrechen. Auf die hintere Kante wurde eine Leiste geleimt und darauf zwei Stempelhölzer vom Scrapbooking. In der Holz-Grabbelkiste fand sich eine Krone, im früheren Leben mal Kindergarderobe gewesen. Kleine Zierelemente aus Holz hatte ich ohnehin immer (das können auch mal gebrauchte Kinderbauklötze sein!):


Schraubzwingen braucht es nicht immer, auch die Klemmzangen für 1 € tun es. Genauso wie Reste von Leistchen, für kleine Objekte kann man fast alles verwenden! Und was so ein rechter Bastler ist, der hebt so etwas ohnehin auf. Die Schublade wurde auch damit umrandet und alles sah gleich viel wertiger aus:

 

Würde das Puzzle nun ein harmonisches Gesamtbild ergeben? Ich trug dünn eine weiße Grundierung auf, um die vielen verschiedenen Hölzer zu vereinheitlichen:


Das Ergebnis überraschte mich positiv und es war viel schöner als erwartet! Auf weiß folgte ein kräftiger Anstrich in dunkelbraun, das sah aus wie eine Schokoladenglasur:


Damit hat man eine wundervolle Grundlage für Kreidefarben, zumal diese hier und dort angeschliffen werden, um dunkle Akzente zu setzen. Schließlich will man das neu geschaffene Stück "alt" aussehen lassen. Das folgt man dem Trend "SHABBY CHIC", der aber meistens in der weißen Farbwelt beheimatet ist. Da meine Kreationen aber keinem "Style" unterliegen, sondern ganz aus meiner Feder stammen, erhalten sie dezente Faben, die mich immer ein wenig an das Rokoko erinnern:



Ich habe im Laufe der Jahre Kreidefarben verschiedener Hersteller ausprobiert, arbeite aber heute nur noch mit einer Marke: Den Produkten von Annie Sloan  http://www.anniesloan.com/about-annie-sloan .
Sie sind nicht gerade billig, aber sehr ergiebig und "preiswert" im wahrten Sinne des Wortes. Dazu schreibe ich aber noch einen eigenen Post. Die Farbtöne harmonieren wunderbar miteinander, nichts beißt sich. Als Versiegelung und um den gewünschten Vintage-Touch zu erhalten wird nach zwei Farbaufträgen versiegelt. Und siehe da: Das Objekt scheint schlagartig um ein Jahrhundert gealtert zu sein:



Man wachst zuerst mit einem hellen Wachs, danach mit einem dunklen. So kann man die Intensität des letzteren korrigieren, falls es zu intensiv wirkt. Auch dazu folgt mal ein Anleitungs-Post:

 

Beide Aufträge werden kräftig aufgebürstet, wenn sie eingezogen sind. Das schließt die Oberfläche und verleiht einen tollen Glanz. Jetzt wurde nur noch ein neuer Schubladenknauf montiert. Fertig!




Es war viel Arbeit (allein die Zwischenschliffe, seufz)..., aber sie hat sich wirklich gelohnt. Mein kleines Tischchen könnte in jedem Schloss stehen (wenn auch vielleicht in einer dunklen Ecke) und ist ein Unikat, das so nicht reproduzierbar ist. Das möchte ich auch gar nicht. Denn ich lebe mit meinen Möbeln, sie werden benutzt und überstehen jeden Alltag.

Ein wenig fühlt man sich damit wie eine Prinzessin,

auch wenn man weit davon ist, wirklich eine zu sein...

 


Ein gänzlich aus vorhandenen Materialien entstandenes Schmuckstück,

eine echte Metamorphose!









 


















Kommentare:

  1. etwas ganz anderes gesucht und... dich gefunden! Ich glaube ja nicht an zufälle *lach*

    wunderschön, was du da machst und chapeau für soviel professionalität! Ich bin dabei wasserwaage und schraubzwingen wieder zu aktivieren, werde aber nie auch nur in die nähe deiner talente kommen!

    sonntagsbisous auch vom trüben meer und heute abend ist der nächste sturm angesagt....

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  2. Bei "Zufällen" sind wir gleicher Meinung und auch ansonsten oft...

    Was möchtest Du denn "werkeln"? Hast Du ein Blog?

    An meinen "Talenten" habe ich immer wieder (immer noch) die größten Zweifel und quäle mich lange, bis ein Objekt in meinen Augen "ganz gut" ist und abgeschlossen wird. Aber als professionell empfinde ich mich nie, sondern stets neu als LERNENDE. Daher: danke für Dein Lob!

    Liebe Grüße zurück aus dem deutschen in den französischen Nordwesten!

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  3. Wow. Da hast du dem alten Stück aber mit allem Fleiß und aller Liebe ein zauberhaftes neues Leben geschenkt.
    Bei solchen Dingen sind die Geschichten dainter fast schöner als alles Andere. Im Aut übernachtet, alte Kindergarderobe etc. Es steckt also nicht nur viel Arbeit sondern auch viele Erinnerungen drin !!!!

    liebe Grüße
    nicole

    ...und vielen Dank für deine Besuche und Kommetare bei mir.

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    1. Ich mag es, die Jetzt-Zeit mit der Vergangenheit zu verbinden, es ist ein wenig wie "zaubern"...
      Und natürlich gehören Geschichte und Geschichte stets zusammen...
      Dein Blog finde ich toll, kann ich es bei mir irgendwie verlinken? Das würde ich gern, aber bin noch neu hier und weiß nicht ob und wie das geht... Dann geht mir auch keiner Deiner Einträge verloren!
      Hab Dank' für Deine Rückmeldung, alles Liebe zu Dir und einen Windstoß vom Meer

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  4. Die ... Prinzessin ohne Erbse?
    Bin ich da auf dem richtigem Pferd?

    Deine handwerklichenn Fähigkeiten erstaunen mich enorm.

    Wo hat es Dich denn hi verschlagen?

    LG
    Männe

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    1. Ja, Manfred, Du bist auf dem richtigen Pferd! ICH bin es, lächel...

      Was mir handwerklich und kreativ so gelingt, das erstaunt mich selbst immer wieder. Bei jedem neuen Objekt spielt sich zunächst das gleiche Drama nach scheinbar demselben Drehbuch ab: "Das wird nichts... das sieht unmöglich aus... daraus kann gar nichts werden... besser man verheizt das krüppelige Teil..." usw. Am Ende kommt dann doch etwas dabei heraus. Manchmal sogar beeindruckend, wenn man an das Ausgangsmaterial denkt - ich werd' noch so einige dieser Metamorphosen hier zeigen...

      Aber nicht nur das. Im März gehe ich tatsächlich wieder auf einen Camino. Doch auf meinen 5.Jakobsweg nicht allein und dies ist das vorweggenommene Wunder überhaupt. Denn in meinem Leben hat ein Partner Platz gefunden (oder besser: "genommen"?). Wir leben im buchstäblich (ur)alten Haus! Aus dem Kauf des anderen in Sachsen-Anhalt ist durch die Sturheit des dortigen Maklers leider nichts geworden. Sonst hätte ich auch nie meinen Helden (aus Brandenburg) kennengelernt.

      Und da ich im Leben nichts für "Zufall" halte, sollte es also wohl so sein. Er ist Handwerker und wir ergänzen uns in diesem Bereich prima. Er lernt von mir und umgekehrt... Aus seinem Hobby "Modellbau" (Schiffe und Flugzeuge) bringt er viele Fähigkeiten mit.

      Nur habe ich durch diese Veränderung in meinem Leben so einige Ziele aus den Augen verloren. Wenn ich Kontakt zu alten Freunden habe, oder bekomme, fällt mir das wieder ein. Manchmal macht es mich traurig. Andererseits ist mir klar, dass man nicht alles gleichzeitig haben kann. Es auch dazugehört sich zu verabschieden. Im schlimmsten Fall von nahestehenden Menschen. Was sehr wehtun kann. Aber wem sage ich das...

      Dein Blog habe ich abonniert und freue mich sehr, dass ich Dich wieder lesen kann!
      Du kannst mir auch "folgen" wenn Du magst, oder das Blog per Mail abonnieren. Ich hoffe alle paar Tage einen Eintrag zu schaffen. Aber das reale Leben geht mir heute vor - die Zeit bei "blog.de" war halt eine ganz andere...
      Was wohl aus den vielen (Blog-) Freunden so geworden ist? Sie sind sicher in alle Winde verstreut...

      LG zu Dir, schlaf gut!

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  5. ein großes Kompliment zu deinen Tischchen
    das ist dir wirklich sehr gut gelungen

    einen Modellbauer hast du dir geangelt?? ;)
    da passt ihr ja gut zusammen
    mein Mann war auch dem Modellbau verschrieben
    leider musste er viel zu früh die Werkzeuge aus der Hand legen
    und hier bei mir tummeln sich nun noch so einige fertige und unfertige Sachen

    ich wünsche euch alles Gute

    liebe Grüße
    Rosi

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    1. Liebe Rosi,

      ich glaub' es war umgekehrt, ER hat sich mich geangelt, lächel... Und da er ein "Krebs" ist, hält er fest was er hat.
      Das mit den "Überbleibseln" kenne ich, sozusagen aus einem früheren Leben, denn es ist lange her. Aber nicht vergessen. Hatte danach das Gefühl mit den Sachen auch meinen Mann "zu entsorgen". Aber irgendwann hab' ich es doch geschafft...

      Die Vergangenheit ist vergangen. Ich versuche "jetzt" zu leben. Was morgen sein wird können wir nicht wissen. Vielleicht ist das auch gut so...

      Dankeschön für Deinen lieben Wunsch, auch ich sende Dir alles Gute

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  6. oh.. ein Krebs.. war mein Mann auch..
    sie sind Familienmenschen und handwerklich begabt ;)
    ich hab eine e mail addy von dir gesucht aber nicht gefunden
    ich klicke mal Benachrichtigung an da bekomm ich sie ja sicher
    liebe Grüße
    Rosi

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    1. Ja, mein Held ist auch ein Familienmensch und ein begabter Handwerker dazu, das passt gut zu mir!

      Ich bin eine Zwillingsfrau und neige manchmal dazu mich zu verzetteln, er erdet mich dann. Andererseits werkelt er auch an mehreren Projekten gleichzeitig, daher sieht die kleine Dachwerkstatt im Moment aus, als wäre dort ein Bombe explodiert...

      Konntest Du die mail addy finden? Hilfe, ich bin hier echt noch unbedarft, smile...

      Liebe Grüße zu Dir!

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  7. klicken vergessen
    aber ich kanns auch anders machen ich schicke dir hier 2 Links du musst sie dann ja nicht veröffentlichen

    ich bin ja auch neu im Bloggerland und immer auf der Suche wie ich was machen soll wenn ich etwas ändern möchte ;)

    http://workshop-html.blogspot.de/p/alle-lektionen.html

    https://hilfe.blogger.de/stories/2103940/

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    1. Hoffentlich habe ich alles richtig gemacht, Dein Workshop-Tipp war gut zu verstehen, aber wenn man (noch) unsicher ist kann trotzdem etwas danebengehen...

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  8. Klasse, ein Meisterstück.
    Der Aufwand hat sich echt gelohnt -
    ein echtes Unikat ist entstanden.
    Meine Anerkennung.
    Jana aus Villa Türmchen

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  9. Danke, Jana. Es ist ganz gut geworden, aber zu einem Meisterstück fehlt noch eine Menge, da bin ich sehr kritisch mit mir...
    LG zu Dir und in dein wunderschönes Haus!

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