Sonntag, 21. Februar 2016

Schweres Gepäck


Der Jakobsweg ist irgendwie eine Metapher für das Leben. Viele gehen ihn so, wie sie bisher gelebt haben. Manche mit viel zu großem und bis zum Rand beladenen Rucksack. Erstaunt stellte ich das auf meinem ersten Camino fest. Gerüstet waren sie, für alle Eventualitäten, da brauchte es Gummibänder, div. Sorten Teebeutel, ein Schweizer Messer für alle Fälle, die zusätzliche Regenhaube, manchmal doch den Fön, Sicherheitsnadeln (welch' schöner Begriff!), Kleber, eine halbe Apotheke usw. Und für vieles Ersatz. Schnallen, Bänder, Schnürsenkel, Knöpfe, Haken und, und, und.

Vermutlich brauchen wir das, wenn wir die gewohnte heimische Komfortzone verlassen. Aus Panik? Wovor? Dass es uns an etwas fehlen könnte? Wir nicht für alle Eventualitäten gerüstet sind? Macht uns das Angst? Fehlt es uns an Vertrauen, dass für alles gesorgt sein wird? Wir nur brauchen werden was wir bei uns tragen? Warum benötigen dann manche Menschen scheinbar so viel? Und andere extrem wenig? Werfen Pilger oft schon nach der Pyrenäenüberquerung von Frankreich nach Spanien einiges aus dem Gepäck? Während andere sich abschleppen. Mit viel Glück bis zum (manchmal) bitteren Ende / Ziel. Wenn's anders ausschaut wird der Weg abgebrochen. Zu regnerisch. Zu kalt. Zu heiß. Zu fremd. Zu belebt. Zu einsam. Zu anders eben, als vorher gedacht. Umzuplanen, zu nehmen was es gibt, sich zu freuen über das, was da ist und sich nicht permanent das zu wünschen was es nicht gibt, scheint schwierig zu sein für uns Menschen von heute. Zu verwöhnt. Zu verfügbar scheint alles zu sein. Und ist doch nur schillernde Glitzerfassade...

"Der Weg gibt dir nicht das was du willst, sondern das was du brauchst".
( so lautet ein Camino - Sprichwort... )

Was habe ich gebraucht, damals im April 2007, als ich aus meinem gewohnten Alltag herausgerissen war, ohne Berufstätigkeit, mit einer kleinen Rente, isoliert in einer winzigen Wohnung an der südlichen Hamburger Stadtgrenze? Dazu mit der Diagnose "Soziale Ängste" belastet. Dass sie nicht zutraf, bzw. nur Teil eines Ganzen war, das ahnte ich damals. Aber nicht, dass ich hochbegabte Asperger Autistin bin. Das weiß ich erst seit zweieinhalb Jahren. Und es hat viele Türen aufgestoßen, die mir zuvor verschlossen waren. Das Bild welches ich (und andere) von mir hatte(n) in seinen Grundfesten erschüttert. 

Ich brauchte wohl Menschen. Keine aufgezwungenen, sondern die freie Wahl ob Abstand, Nähe, Kurzkontakt, oder mehr. Das ist auf einem Jakobsweg natürlich besonders gegeben. Wir lernen (Weg)Gefährten kennen und können einander begleiten für Minuten, Tage oder Wochen. Vielleicht erreichen wir mit ihnen das ersehnte Pilgerziel. Oder sie werden uns sogar zu langjährigen Freunden und Begleitern im "Leben danach".  Das Erlebte schweißt zusammen, ein "weißt du noch"? Auch Paare bilden sich manchmal, Kinder gehören dazu. Wie schön. Oder wie unglücklich irgendwann. Das ist das reale Leben. Mir waren viele Erkenntnisse vorherbestimmt. Die (fast) alles in meinem Dasein veränderten. Sonst wäre ich heute nicht da, wo ich jetzt bin. Und damit meine ich auch den Ort...

 Es ist, wie es ist, weil es vorher war, wie es war. 

(Das habe ich nach dem zweiten Camino geschrieben...) 


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Der Pilger



Nicht mehr eingeschlossen
von der Wunschwelt im Stammschloss
herunter vom hohen Ross
zu Fuß nur und doch
entschlossen zur Ferne

mit der Muschel am Ohr
hörst du das Rauschen
deiner Sehnsucht Brandung
das gelobte Land aber
liegt diesseits des Meeres

durchlaufene Schuhe nur
führen dich ins Unbegangene
Wanderer zwischen Fernsicht und Heimweh
Grenzüberschreiter
ins immer mehr

(A. Knapp) 


 Mai 2007


Kommentare:

  1. So viele Deiner Gedanken sind mir selbst sehr vertraut ... und ich lese Deine Worte mit einem immer wiederkehrenden Kopfnicken und Staunen. Und mutig bist Du. So paradox es vielleicht klingt, aber ich denke, so eine offiziell anerkannte Erklärung für das eigene "Anders-sein" macht es vielleicht doch ein bißchen einfacher und man muß sich nicht ständig in seinem eigenen "So-Sein" in Frage stellen. Was nicht heißt, daß man sich in seinem Tun nicht immer wieder auch hinterfragen sollte. You know what I mean ... Ein schönes Photo von Dir!
    Herzliche Grüße
    Antje

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    1. Das ist es wohl, was wir oft suchen: zu nicken wenn wir etwas lesen, zu verstehen, wer da etwas warum und wie schreibt. Mir geht es jedenfalls so. Obwohl mich auch kontroverses interessiert - aber manchmal ermüdet mich das zu sehr...
      Als ich 1987 aus einer westfälischen Großstadt nach Ostfriesland zog, dazu "in die Provinz" war das nicht immer leicht, als alleinerziehende, voll berufstätige Mutter. Einen Nachbarn gab es jedoch, mit dem so eine Art Freundschaft entstand. Die sich beleben ließ, als ich nach fast einem Jahrzehnt der Abwesenheit in mein Haus zurückkehrte. Wir mochten uns immer, ohne das weiter zu hinterfragen.
      Im Spätherbst 2013 sagte er völlig unvermittelt auf der Straße zu mir: "Du bist auch hochbegabt. Und Asperger!" Ich verstand gar nichts und fragte deshalb nach: "Ach, wie kommst du auf so etwas? Wer denn noch?" Er selbst!
      Damit begann eine weitere Reise. Zu mir und in mich hinein. Die bisherige Diagnose "Posttraumatische Belastungsstörung" trat schlagartig in den Hintergrund.
      Es war mir, als hätte ich über viele Jahre Kleidungsstücke anprobiert, die nie richtig passten. Zu eng, zu weit, zu lang, zu kurz. Nun fühlte ich mich in einem plötzlich wohl und heimelig - es war mir, als habe ich es immer schon getragen...
      Viel las ich zum Thema, nächtelang. Nickte. Staunte. Lachte. Weinte.
      Noch immer hinterfrage ich mich oft (aber auch das gehört zum Asperger): Bin ich so anders? In welchen Situationen wird das deutlich? Was überfordert mich? Wohin zieht es mich? Welche Menschen passen zu mir, welche Umgebungen? Mehr und mehr verstehe ich. Die Vergangenheit. Gescheiterte Beziehungen. Guten, erfolgreichen Momente und Situationen. Ab und zu auch das JETZT. Aber nicht immer.
      Das Leben ist ein großes Rätsel. Für alle Menschen. Und eben das macht uns aus und verbindet uns...

      Alles Liebe zu Dir!

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  2. Irgendwie bin ich auf deinem Blog gelandet und fühle mich hier gut aufgehoben! Ich habe gerade ein gutes Stück zurückgescrollt und deine letzten Post's gelesen. Viele deiner Gedanken sind meinen sehr ähnlich, denn auch ich wandere auf einem Weg. Zwar nicht in Form eines Pilgerweges, sondern auf meinem ganz eigenen, den ich mir Stück für Stück selber baue, Pflasterstein für Pflasterstein vor meine Schritte setze, sozusagen! Seit geraumer Zeit (schon sehr lange sogar!) ist mir klar, dass ich auf "weniger ist mehr" setzen will, auf das Reduzieren in allen Belangen und das sich-besinnen-auf-das-wirklich-Wichtige. Es war mir ein überaus dringendes Bedürfnis, ganz viel zu ändern in meinem Leben. Angefangen habe ich damit, mich von aller Bagage in meinem Zuhause, allem Überflüssigen und allem Zuviel zu trennen. Es wurde licht und luftig im Hause Hummel. Dann kamen Beziehungen und Verantwortlichkeiten an die Reihe, die mich nur noch belasteten und mir das Leben schwer machten. Eine unglaubliche innere Befreiung war das! Und heute bin ich zwar noch immer nicht ganz fertig mit dieser Aufgabe, aber da ziehe ich direkte Parallelen zum Jakobsweg: "Der Weg ist das Ziel!". Es ist unglaublich, mit wie wenig man glücklich und zufrieden ist, wenn man nur alles erkennt, was das Leben einem Wunderbares schenkt. Dinge, die man nicht kaufen kann und für die man mit wachem Geist durch sein Leben gehen soll, um sie zu erkennen. Aber Dinge von unglaublichem Wert!
    Ich bin oft erschüttert, wie viele Menschen sich über "Haben" und "Konsumieren" definieren. Und mit einem Tempo durch ihr Leben rasen, dass mir schwindlig wird. Immer auf der Suche nach dem grandiosen Höher, Weiter, Besser, Mehr. Doch umso ausgiebiger freue ich mich darüber, dass scheinbar die Anzahl der Menschen steigt, die hinterfragen und die auf der Suche sind nach einem einfachen, unaufgeregten und dadurch so überaus genussvollen Da-Sein!
    Schön, dich hier gefunden zu haben!
    Herzlichste Grüsse!

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    1. Ich freue mich, dass WIR uns gefunden haben, aber wie du sicher schon nachgelesen hast glaube ich nicht an Zufälle. Was uns begegnen soll, das findet uns auch. Deine Gedanken und Einstellungen kann ich nur absolut unterstreichen!
      Ein Weg ist ein Weg, der begangen werden will, sonst ist es keiner. Wir können Abzweigungen nehmen, an Kreuzungen stehen, uns auf Bänke setzen um zu rasten (oder einfach auf Wiesen). Wir können zweifeln, ob wir das richtige Ziel ansteuern, manchmal Umwege nehmen. Oder eine Strecke zurück gehen. Manchmal folgen wir dabei den Sternen, lassen uns treiben, oder von guten Karten leiten.
      Die Hauptsache ist: Wir bleiben nicht auf der Stelle stehen, sondern entwickeln uns weiter...

      Schön, dass du da bist / warst, liebe Grüße!

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  3. liebe Gabriele
    und wieder bringen es deine Gedanken auf den Punkt..
    ich glaube du bist auf deinem Weg gut voran gekommen
    hast erkannt was gut für dich ist ..
    diesmal wir dein Camino anders sein denn du hast jetzt einen Partner an deiner Seite ;)
    es werden andere ..gemeinsame Erfahrungen sein..
    ich schrieb ja schon.. ich könnte es nicht .. früher vielleicht..
    da wäre es sicher auch für mich eine Option gewesen
    anstatt den Weg in mich hinein.. einen realen Weg unter die Füße zu nehmen..
    ich brauche auch sehr wenig.. trotzdem habe ich sehr viel..
    eigentlich nicht um zu besitzen..eher um zu bewahren..
    was ich mein eigen nenne ist auch schon alt..
    bin halt ein Sammler ;)
    liebe Grüße
    Rosi

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    1. Sammler bin ich auch, manchmal bedauere ich das! Aber andererseits bereichern jene Dinge mein Leben an denen ich mich erfreue. Ich versuche mich von so vielem zu trennen, wie es möglich ist. Aber das geht eben nicht immer, da ich nicht genau einschätzen kann, was eines Tages in meiner Werkstatt mal "verbaut" werden wird.
      Mit dem Jakobsweg ist es anders. Da sind die Regeln klar. Es gibt eine Liste auf der genau steht was eingepackt wird. Plus irgendeinem Teil, das man sich verstohlen lächelnd zugesteht. Der Held wünscht sich ein Kissen, bei mir wird es ein ganz leichtes, kleines Westchen sein. Unterwegs kauft man nur was verzehrt wird, sammelt nichts (da alles getragen werden muss). Sortiert eher noch aus, bzw. verbraucht.
      Zu wandern ist eine Zeit die mich deshalb ordnet. Alles überschaubar macht. Raum gibt. Für Gedanken. Pläne. Wolkenkuckucksheime. MICH. Das ist eine sehr große Bereicherung. Von der Natur nehme ich gedanklich die Farben mit, all' die Gerüche und Geräusche. Von den Menschen ihr Lachen, die Erinnerung an ihre Umarmungen. Den Klang ihrer Worte. Große Geschenke sind das!
      Die vielen Fotos bringen in der Nachbearbeitung den Weg zurück, jeden einzelnen Tag, kostbare Momente. Sie verbrauchen (nur) Speicherplatz. Aber das gestehe ich mir offenen Herzens zu!
      Schon einmal startete ich nicht allein. Damals (2009) mit einer Freundin. Unterwegs passte (ihr) gar nichts. Die Stiefel zu hart, die Herbergen zu laut, auf die Socken reagierte sie mit Allergie, auf mich plötzlich nicht viel anders. Sie "fand" nichts zu essen, es war alles anders als gewohnt (was es ja auch sein soll, sonst könnte man gleich daheim auf dem Sofa sitzen bleiben). Nach neun Tagen war es vorbei, ihr Ex-Mann organisierte ihren Rückflug. Sie hatte ihre große Chance verpasst in ihrem Leben etwas zu verändern. Aber dazu gehört Mut. Und eben den hatte sie nicht, noch nie gehabt...
      Der Held erwartet gar nichts. Er geht mit mir, weil er mich begleitet. Es könnte auch auf dem Kerryway in Irland sein, oder zum Annapurna in Nepal. Irgendwie ist es ein großer Vorteil. So unbedarft zu sein. Wer nichts erwartet, der kann so rasch nicht enttäuscht werden. Ist offen für dasjenige, was er vorfindet. So (er)hoffe ich es jedenfalls...

      Liebe Grüße zu Dir!

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  4. ich halte zwar nicht viel vom jakobsweg - aber sehr viel vom wandern!
    was du beschreibst - den grossen ballast den viele mit sich herumschleppen - den materiellen und den seelischen - das sehe ich immer wieder hier im wald. und dann gibts aber auch die leichtgewichte die mit nix als einem kamm in der tasche ausziehen - und dann auf die mildtätigkeit und geduld anderer angewiesen sind.
    du scheinst niemand zu sein der einen weg einfach so abbricht nur weil es gegenwind gibt - das finde ich grossartig! ich wünsche dir eine wunderschöne wanderung!!!
    xxx

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    1. Der Jakobsweg polarisiert (gerade ich bin keine Verfechterin) und ich wollte ihn nie mehr gehen. Aber die Vernunft bringt mich auf ihn zurück, in diesem Fall nach Portugal. Ca. zwei Wochen sollte die Laufzeit betragen (der Held muss Urlaubstage nehmen). Im März schon mit relativ angenehmen Temperaturen zu gehen. Verpflegung und Übernachtung müssen günstig sein (mit materiellen Möglichkeiten sind wir nicht gesegnet). Auch die Anreise sollte sich finanziell in Grenzen halten. So fiel die Entscheidung. Und nicht gar so schwer, da ich Porto sehr liebe...
      Nein, ich breche nichts so leicht ab. Selbst die Fraktur 2013 in den Bergen hinter Granada hat mich nicht aufgehalten, auch mit Krücken kommt man voran, wenn auch langsam. Wieder eine Metapher für's reale Leben. Es "geht" immer irgendwie weiter, wenn man es ernsthaft will und sich nicht unterkriegen lässt...
      Was du machst beeindruckt mich aber auch! Ich finde dich grossartig!
      Bleib' wie du bist, eben auf deinem speziellen Weg.

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  5. ich komme immer wieder und lese gebannt...auch die Antworten auf deine Wege...
    egal, wie lang es zeitlich her ist" fasziniert lausche ich deinen gedanken und berichten...
    sich auf den weg machen,
    nicht stehen bleiben
    sich weiter entwickeln..
    auch wenn man nicht weiß, wo man "an"kommt und wann das sein wird und ob es überhaupt möglich ist irgendwo anzukommen, vielleicht sogar um zu bleiben..(was nie stehen bleiben heißt)
    viele wissen nicht wie das ist, lernen und erkennen es nie.
    Die Wege dahin sind wunderbar, für jeden auf eine unvergleichlich kostbare Art und Weise
    und es bleibt, bleibt so viel...
    weißt du was?
    Antje, Beate und das Rumpelkämmerchen gerade hier zum lesen zu finden..
    einfach nur schön...
    herzlichst Angel...

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    1. Möchte Dir gern ausführlich antworten, aber heute ist Migränetag - wie ich das hasse!! Und doch annehme... Irgendeinen (für mich noch immer verborgenen Sinn) wird es hinter dieser Qual geben - vielleicht erkenne ich sie eines Tages noch?!
      Lege mich wieder hin...
      Alles Liebe für Dich!

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