Donnerstag, 25. Februar 2016

Aufbruch ins Ungewisse

Im Frühjahr 2007 habe ich nicht viel zu verlieren, ich kann nur gewinnen. Und setze alles auf eine Karte. Noch einmal ein großes Abenteuer in meinem Leben, das soll der "Camino de Santiago" werden. Im Gedanken: "Das kann doch noch nicht alles gewesen sein?!" Bücher gelesen, Filme gesehen (damals gab es bei weitem noch nicht die Flut von heute) und doch, als ich später gefragt werde, da antworte ich mit: "Ja, es war alles so wie beschrieben und doch ganz anders." Warum? Weil wir immer uns selbst mitnehmen, ganz gleich, wohin wir auch gehen...

Im Moment beschäftigt mich diese Zeit naturgemäß sehr, da der "Camino Português" immer näher rückt, ich sehr lange mit einem Weggefährten vom Jakobsweg am Telefon geredet habe. Was uns verbindet ist eines dieser Geheimnisse des Weges. Da ist etwas, das uns nicht loslässt. "Quien hace el Camino repio!" So schrieb es mir meine Tochter damals in die spanische Ferne. Was soviel bedeutet wie: "Wer den Weg einmal geht, der wiederholt ihn auch!" Das ist erstaunlicherweise wahr geworden. Für ihn. Für mich.

Seit Montag kämpfe ich mit Migräne, habe einen Tag und zwei Nächte lang fest gelegen und noch immer ist mein Kopf nicht frei. Alle Kommentare habe ich aufmerksam gelesen, versuche auch versäumte Blogeinträge nachzuholen. Das wird dauern und hat keinesfalls mit Desinteresse zu tun. Vielleicht geht mir im Moment zuviel durch den Kopf, oder es ist einfach der klassische Asperger - Fluch. Ich muss mit dem leben was mich da alle paar Wochen marternd heimsucht...

Darum heute im Anschluss der erste Teil meines Tagesbuchs vom Jakobsweg 2007. Ich war keine Heldin - ganz im Gegenteil. Auch keine Naive - vielleicht irgendwo dazwischen. Und das ist wohl die richtige Mischung. Bei mir hat sich damals alles erfüllt, was man dem Camino nachsagt. Der das gibt was man braucht und nicht das, was man sich wünscht. Es kam alles ganz anders als zuvor gedacht. Ein Abenteuer aber wurde es tatsächlich...


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Eine Liebesgeschichte (Kapitel 1)...




oder eher die eines Leidens?

Davon konnte ich nichts ahnen, an jenem Morgen, da ich in Heidelberg aus dem Bus stieg und die Sonne schien, wie sie es jetzt auch tut. Es war 9.30 Uhr, an diesem 15. April 2007, und eine schlaflose Nacht auf engem Sitz ab Hamburg lag hinter mir.

Mein Sohn hatte den Vortag mit mir in meiner kleinen Wohnung in der Nordheide verbracht, um noch einmal in Ruhe mit mir sprechen zu können. Wir haben viel gelacht in diesen Stunden, uns Videos zum Thema Camino angesehen und einen über "The Scary Guy", einen hochinteressanten Mann mit vielen Tattoos, der Antigewaltkurse an Schulen auf der ganzen Welt gibt. 


An meiner rechten Wade, die ungefähr auf's Doppelte angeschwollen war, befand sich nämlich seit zwanzig Stunden ein etwa fünfundzwanzig Zentimeter großer Engel eintätowiert, nach einer eigenen Zeichnung. Er trägt Flammenschwert,  Rüstung und Schild, steht als Schutzgestalt für meinen Namen. Denn ich wurde nach einem Erzengel benannt.

Tapfer hatte ich die Tortur des stundenlangen Stechens überstanden, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann sagte mein Freund Don (der ein begnadeter Künstler ist) nun sei es genug. Das Werk würde vollendet, wenn ich heil zurück wäre von meinem Marsch. Und vielleicht wolle ich dann ja auch in dem Schild einen ganz anderen Text haben als jetzt. War er Hellseher?


Die folgende Nacht war eine einzige Qual. Es pochte in der gequälten Hautregion, ich konnte auf dieser Seite nicht richtig liegen und auf der anderen auch nicht, denn selbst die Auflage der Decke war schon zu viel. Außerdem war ich extrem aufgeregt. Lange hatte ich warten müssen und nun ginge es los! So schnell würde ich nicht wieder in meinem Bett liegen...

Rasch ging der Tag vorbei, dann hieß es: Packen! Längst war die Ausrüstung über das Internet zusammengesteigert worden, jedes Gramm ausgewogen und selbst das kleinste Detail durchdacht. Schließlich galt es, das ganze Zeug über achthundert Kilometer quer durch ganz Nordspanien zu schleppen. Mein Sohn sah mir aufmerksam zu und fragte: "Ist das alles was du mitnimmst? Für sechs Wochen?"


Ja, das war alles. An Kleidung hat man das, was man auf dem Leib trägt und eine Garnitur zum Wechseln. Dazu eventuell eine Shorts. Mütze oder Kappe, Halstuch. Hygieneartikel in kleine (leichte!) Plastikfläschchen abgefüllt. Ein Mikrofaserhandtuch. Schlafsack. Vielleicht Regenzeug, Löffel, Messer. Medikamente, Verbände. Sonnenmilch, Schere. Sandalen. Sonnenbrille, Wanderführer zum Jakobsweg, Kamera, Handy, Ladegeräte, Tagebuch, Stifte. Proviant, Wasser. Wanderstöcke.
Immerhin kamen trotz Verzichts ca. 12 kg zusammen. Und, dass der Rucksack überhaupt nicht zu meinem Rücken passte, sollte ich auch bald merken.


Dann war der Moment gekommen. Ich verriegelte alle Fenster, schlüpfte in die Wanderkleidung, spülte das letzte Geschirr und zog die Wohnungstür ins Schloss. Wir gingen zum Bus,  stiegen später in die Bahn um. Mein rücksichtsvoller Sohn schleppte sich mit dem Rucksack ab und bemerkte fachmännisch: "Ganz schön schwer, das Teil!"
Kurz nach 23 Uhr kamen wir am Hamburger HBF an und liefen in der Dunkelheit zum hellerleuchteten ZOB hinüber, wo schon meine Tochter wartete. Wie hatte sie mich mal gefragt: "Warum willst du das eigentlich machen?" Wir saßen in ihrer großen, weiß gefliesten Küche, ich sah fast verlegen auf die braune Holztischplatte und suchte nach der zutreffenden Antwort. Dann fiel sie mir ein: "Ich möchte noch einmal ein großes Abenteuer erleben! Das kann nicht alles gewesen sein!" Und sie verstand mich.


Was war mein Leben denn gewesen, bis dahin? Kinder, Arbeit, Hausausbau. Hospiz, Tod. Eine ausgerottete Familie. Viel Kraft, Mut und Neuanfänge standen dagegen. Doch nun war ich 51 Jahre alt. Beruflich wegen Burnout ausgemustert. Seit fast einem Jahrzehnt gab es keinen Mann mehr in meinem Leben. Ich hatte mich in meiner Dachwohnung wie in einem Adlerhorst verschanzt. Die Welt, mit ihren Menschen, die war da unten. Und ich sah durch meine Dachfenster nur den Himmel, las viel, war Fernsehjunkie, bastelte und strickte. Das Internet war meine Nabelschnur nach draußen.
 

Wegen meiner „Posttraumatischen Belastungsstörung“ hatte ich sedierende Medikamente bekommen, mit fatalen Folgen. Mein Leben lang war ich sehr schlank gewesen und niemand kannte mich anders. Aber nun waren fast zwanzig Kilogramm an Gewicht dazugekommen. Und verloren sich trotz strenger Diät nicht wieder. Da nützte auch kein vorbereitendes "Lauftraining" auf meinem Crosstrainer. Ausgerechnet machte auch noch meine angeschlagene Niere Probleme. Und ein entzündeter Zahn musste mir zwei Tage vor dem Start gezogen werden. Bis unter den Haarwurzeln war ich vollgepumpt mit Antibiotika.

Als Frau fühlte ich mich nicht. Eher als Neutrum. Jenseits von allem. Eben 50plus, übergewichtig und mit sozialen Ängsten behaftet. Vor allem die Hundephobie machte mir arg zu schaffen. Wenn ich ein solch' haariges „Untier“ sah, verschwand ich sofort in eine Nachbarstraße. Und dachte nicht, dass sich das je ändern würde.

Ich glaube, ich dachte an diesem späten Abend überhaupt an gar nichts mehr. Die Würfel waren gefallen, es gab kein Zurück mehr. In Heidelberg würde ich am kommenden Morgen von einer männlichen PKW - Fahrgemeinschaft erwartet werden und dann ginge es gemeinsam los gen Südfrankreich. Alles in allem würde ich vierundvierzig  Stunden lang unterwegs sein. Aber davon ahnte ich nichts. Genauso wenig von all' den Abenteuern, die mich bald erwarteten...


Machten die Kids sich Sorgen? Sie ließen es sich jedenfalls nicht anmerken. Wir standen zu dritt fest umarmt im Kreis. Ich hatte mein Testament gemacht, wie es ein Pilger vorsorglich tun soll und meine Tochter erhielt den roten Notfall - Ordner, in dem alle wichtigen Unterlagen zusammengefasst waren. Obenauf war ein Brief an die Kinder abgeheftet, der begann: 

"Wenn ihr diesen Brief lest, ist mit mir irgendetwas geschehen, das euer sofortiges, besonnenes Handeln notwendig macht."

Er ging über mehrere Seiten, mit intensiven Erläuterungen, was wie zu händeln sei und endete mit: 

"Haltet zusammen. Ihr braucht euch jetzt, mehr denn je! Ich werde immer bei euch sein, auch wenn ihr mich nicht mehr sehen könnt. Ihr werdet mein letzter Gedanke auf dieser Welt sein! Hadert nicht. Es ist alles richtig, so wie es kommen wird. Was kann es schöneres geben, als für einen großen Traum zu sterben?! Ihr wisst, dass ich es mir so gewünscht hätte.
In ewiger Liebe,
eure Mum"


Die Kids verstauten den Rucksack im tiefen Bauch des Busses, drückten mir einen Beutel mit Proviant in die Hände und umarmten mich ein letztes Mal. Ich fand einen Sitzplatz am Fenster, ziemlich weit vorn. Wir legten unsere Hände an die Scheiben, um noch einmal die Familie zu beschwören. Dann setzte der Bus zurück und rollte an. Ich klebte geradezu am Fenster um zu winken. Und sah die Kinder rennen. Auf die andere Seite des ZOB's, denn sie wussten, dort würde das Gefährt bald vorbeifahren müssen. 

Ich konnte noch einmal in ihre Gesichter sehen. Und sie strahlten. Mamas Traum begann! Alles war gut. Ich weinte erst, als sie am Horizont verschwanden. Sah hinaus, auf die in der Dunkelheit vorbeifliegende mitternächtliche Großstadt mit ihren vielen Lichtern.


Mein Camino hatte längst begonnen.

Sechs Wochen später würde ich ins Leben und zur Liebe zurückgelaufen sein. 





Kommentare:

  1. Oh - das ist sehr übel - ich hoffe, daß Du dich von diesen Migräne-Anfall bald wieder erholst.
    Dein Tagebuch hab ich gelesen - es ist sehr bewegend und hat mich neugierig gemacht, wie es Dir weiter ergangen ist.
    Nun werd wieder schnell wieder fit, damit Du dich für Dein bevorstehendes Abenteuer gut vorbereiten kannst!
    Ganz herzliche Grüße
    Antje

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    1. Meistens zwingt mich die Migräne für zwei Tage ins Bett, ganz klassisch mit geschlossenen Vorhängen und möglichst keinerlei Geräuschen und Gerüchen. Da will ich nichts hören oder sehen, essen oder trinken - wünsche mir einfach nur, dass dieser Wahnsinnsschmerz endlich aufhört. Nun geht es wieder, wie ich hoffe für Wochen. Mit Grauen reden wir leise davon wie es wäre wenn es mich am Abreisetag erwischte, fast scheint es so, als befürchteten wir diese Belastung hätte irgendwie Ohren...
      Vom Tagebuch hab' ich vorhin Kapitel 2 + 3 gelesen. Ich müsste immer zwei pro Blogpost veröffentlichen, um es noch vor unserem Start zum Ende zu bringen. Oder aber eher unwichtige komplett auslassen, dann wäre es eine Art von "Leseprobe". Doch würde zwangsläufig vieles fehlen. Verstände man dann den Rest? Ich habe noch keine Ideallösung gefunden... Her mit einem guten Tipp!

      Ganz liebe Grüße zurück zu Dir

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  2. dein Bericht hat mich wieder tief ergriffen..
    und ich kann gar nicht viele Worte machen..
    ich kann dir so vieles nachfühlen
    gute Besserung

    liebe Grüße
    Rosi
    ps.. die schwarze Schrift ist leider etwas schwer zu lesen

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    1. Die Schrift ist nun abgeändert und hoffentlich wieder lesbar...

      Der Kopf hat sich im Hinblick auf die Schmerzen beruhigt, ansonsten geht vieles in ihm vor...

      Es tut mir gut verstanden zu werden. Das ist keinesfalls selbstverständlich...

      Liebe Grüße zu Dir

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  3. Ich drücke dir ganz dolle die Daumen, dass es eir bald wieder besser geht.
    Dein Tagebuch ist ergreifend und spannend, mit Vorfreude warte ich auf den nächsten Teil.
    Ganz lieb, Jana

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    1. Hat sich alles wieder beruhigt, bis zum nächsten Schmerzanfall, auf den ich liebend gern verzichten würde...
      Zur Veröffentlichung des Tagebuchs habe ich ein wenig höher an Antje einige Gedanken dazu aufgeschrieben. Ich weiß nicht, wie es besser ginge, hmmmmh...

      Ganz liebe Grüße zu Dir und an Dein süßes Haus

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