Montag, 25. Juli 2016

Von den Häusern 2...


Was für seltsame Hausobjekte es doch zu kaufen gibt! Wie ich das meine? Nun, einige der bisherigen Objekte:


Wie man gut erkennen kann handelt es sich um einen ehemaligen Supermarkt. Verkaufsfläche 165 qm, Grundstück 1300 qm. Der  unschlagbare Preis: 19.000 €.


Dann war da das frühere Feuerwehrhaus an der Nordsee:


Neun Zimmer, zwei Küchen, ein Vollkeller, zwei Treppenhäuser usw., auf fast 300 qm Nutzfläche für auch noch günstige 29.000 €. Weitblick über den Deich inklusive.


Geht's noch billiger? Aber ja. Man sollte nur (sehr viel) Fantasie (und Geld) zum Ausbau mitbringen, des ehemaligen Schwimmbades von Clausthal - Zellerfeld:


Nutzfläche 810 qm, Preis: 10.000 € 


Oder lieber eine ehemalige Kirche / Kapelle. Die ist aktuell zu haben in Dassel:


Andachtsraum mit Empore plus Turm ca. 200 qm. Preis = Verhandlungsbasis.


Ein Zivilschutzbunker in Wilhelmshaven steht ebenfalls zum Verkauf:


Nutzfläche 1100 qm, Kaufpreis ganze 20.000 €, also fast nix auf den Quadratmeter umgerechnet. Aber...



Fast hätte ich das ehemalige Verwaltungsgebäude in Brunau vergessen:


Sieht gar nicht übel aus? Bietet auch etwas, nämlich 400 qm für durchaus erschwingliche 25.000 €. Der Haken an der Sache? Es war in den letzten Jahren eine Heuschreckenfarm darin untergebracht, mit hoher Luftfeuchtigkeit (plus feuchten Decken) und Millionen von Tierchen, ein paar davon sind noch vorhanden, daher der günstige Preis...



Dann waren da auch noch:

- der stillgelegte Bahnhof mit Gleisanschluss, 

- die ehemalige Großbäckerei in Brandenburg (von den Räumen her mein absoluter Favorit)

- eine Ex-Kneipe mit Wohnrecht für den Ex-Besitzer in einer der Wohnungen

- das Objekt mit Reetdach dem die Hälfte von eben jenem noch fehlt 

- das Haus wegen plötzlichem Todesfall (mit auch Besonderheiten wie z.B. kompletter Messie-Ausstattung)


Und wenn sie nicht gestorben sind, dann suchen sie noch heute... Oder haben vielleicht nun doch etwas gefunden? Auch ein Problemfall, wie zu erwarten war, wenn man sich die obige Preiskategorie anschaut. Dann auch noch die Ansprüche, wie ein dichtes Dach, bis ca. 100 km um die Seehafenstadt herum, eine gewisse Größe und wenn es geht auch noch in der Nähe von Wasser. Und Schiffen. Geht nicht anders.

Am Samstag (Vor)Besichtigung. Ob eine Verfahrensbeteiligung überhaupt Sinn machen würde. Die "Bezugsstadt" für z.B. Arztbesuche, Lebensmitteleinkäufe und Baumarkt: hässlich, mehr geht kaum noch. Aber ich hatte mich vorbereitet und mir einen youtube-Film angeschaut, ahnte also daher was uns erwartete. Der eigentliche Ort: ganz okay. Das Haus: eine Großbaustelle. Und schön nun wirklich nicht. Aber der Held bleibt optimistisch, als wir durch die Fenster schauen.


  
Wir schlendern durch benachbarte kleine Straßen, fotografieren nach rechts und links, auch von hinten. Rollos gehen hoch, man beobachtet uns. Toll für Asperger. Aber "flüchten" ist nicht. Der Kopf besiegt das Gefühl. Die Entscheidung fällt später daheim: Wir bewerben uns um das Haus und im August sehen wir es von innen. Danach folgt die nächste Runde. Vor Oktober wird keine Entscheidung für oder gegen uns fallen. Irgendwie eine Nervenzerreißprobe. Es hilft aber nichts. Da müssen wir nun durch. Wird es das neue Heim werden? Es wird geschehen wie es vorgesehen ist...




Ganz sicher ist das kein Traumhaus. Aber ich bin handwerklich begabt. 
Und es ist nicht mehr wie früher. Seit einem Jahr ist der Held in meinem Leben.
Er kann wirklich viel. Gemeinsam sind wir stark!






Dienstag, 19. Juli 2016

Von den Häusern...

Endlich, endlich erlebt auch der Nordwesten so etwas wie einen Sommertag und ich stürze förmlich hinaus auf die Terrasse (oder sollte ich besser sagen: den Balkon?), es gilt die Folgen dieses schier unendlich langen Winters zu beseitigen, umzutopfen, aufzuräumen, ein wenig zu gestalten. Das uralte Haus scheint mir mit halb geschlossenen Liedern dösend durch die Fenster zuzuschauen. Sicher freut es sich darüber, dass etwas Neues entsteht. 

Lange gab es hinten nur einen Hof. Und in den Jahrhunderten davor einen schmalen Wasserweg, der die Bauern und Händler aus dem Umland auf ihren flachen Booten in die nahe gelegene Innenstadt mit dem majestätischen Rathaus brachte. Die Bürger mögen dort schon auf Nachschub gewartet haben und zu Fuß oder per Pferdewagen wurden die Waren  ins ostfriesische weite Land verteilt. In meiner Straße (meinem Viertel) lebten damals  niederländische Kaufleute, denen es sicher nicht schlecht erging in der neuen Heimat, die sie wegen der Verfolgung in der alten hatten suchen müssen. So manche Ladung Torf mag direkt durch die Fenster der Kellerkökens schon einen Besitzer gefunden haben, viele Kleikartoffeln, etliches Gemüse, vielleicht auch Tuchwaren. Schließlich residierten unten im Souterrain die Frauen und sahen, wer oder was da direkt an ihrem Fenster vorbei stakte. Das in den Kanälen übliche "Treideln" ( also ziehen der Boote an Seilen, oft  genug auch von Frauen) war zwischen den Häuserzeilen unmöglich.

Meine Gedanken haben viel Zeit um zu wandern. In die Vergangenheit, als ich hier mit meinen Kindern lebte. Die Gegenwart, da der Held Einzug gehalten und die neue Terrasse gebaut hat, da die alte modernd zusammengebrochen war. Und in die Zukunft. Was wird sie uns bringen? Wird es in absehbarer Zeit ein neues Zuhause geben? Wann? Wo? Was alles wird sich ändern (müssen)? Ob das Haus etwas davon spürt? 

Quatsch, das sind doch nur Mauern, Steine, Balken, Sand. Tote Materie. Oder ist da doch mehr? So etwas wie eine Seele, die fast fünf Jahrhunderte überdauerte? Oder sind all' die Gedanken, Schritte, Sorgen und Zeiten des Glücks der zahllosen Bewohner von einst einfach dahin wie ein Lufthauch? Wird auch von mir und meiner Familie gar nichts bleiben? Das ist ein befremdlicher Gedanke. Seit fast drei Jahrzehnten gehört das Haus nun mir. Besser gesagt: Hat die Zeit es mir (aus)geliehen. Auf der Welt gehört uns gar nichts. Aller Besitz ist uns nur für einen begrenzten Zeitraum zur Verfügung gestellt, festzuhalten oder mitzunehmen ist uns am Ende unmöglich. Wir geben frei. Alles. Auch uns? Das wäre ein schöner, tröstlicher Gedanke. 

Freiheit für mich und das Haus, das wünsche ich mir. Wobei seine (hoffentlich) länger andauern wird als meine. Neue Familien werden einziehen. Andere Kinderfüße auf den alten Holzstufen nach oben rennen durch alle Etagen. Weihnachtsbäume werden leuchten. Menschen sich lieben. Vielleicht auch hassen. Wie wird es hier in den nächsten 465 Jahren werden? Existiert das Haus dann noch? Ach, was denke ich da... Dreht sich überhaupt die Erde so lange weiter? Die Menschen sind auf dem besten Weg alles von Grund auf zu zerstören und unbewohnbar zu machen. Werden sie lernen? Überhaupt begreifen was sie tun? Ich wünsche es mir sehr, angesichts der aktuellen Ereignisse in mehreren Teilen der Welt hege ich aber starke Zweifel daran...

Es ist mir nur möglich mich auf mich selbst und mein direktes Umwelt zu konzentrieren. Was wird werden? Wie oft habe ich mich das schon gefragt. Wenn wieder ein neuer Winter kam. Mit der schon so oft erlebten Kälte, den langen und dunklen Tagen. Bald bricht ein neuer an. Müssen wir auch den noch hier durchstehen? Oder gibt es Hoffnung? Wenn ich zu träumen wagen würde... Mal so ganz frei und mutig... Ja, was wäre dann? Wohin ginge ich? Was ließe ich alles los? 

Am Abend steht Nordportugal auf dem (Fernseh-)Programm. Eine Naturdoku soll es sein. Wir schauen sie uns an. Es ist, als kämen wir heim, wenigstens in den Bildern. Plötzlich sehe ich sie. Die berühmte Brücke in Porto über den Douro und von jetzt auf gleich strömen mir Tränen über die Wangen, wie die blaugrünen Wasser des Flusses in den Atlantik. Alle Geräusche und Gerüche sind präsent, die ständig unterdrückte Sehnsucht nach der geliebten Stadt steigt brachial auf... Der Held tröstet mich. Er versteht nur zu gut. Wir teilen die gleichen Erinnerungen:




                                                                  (Mai 2016)                                                                  

Ein Haus werden wir uns am Wochenende anschauen. Nein, es ist nicht schön. Die Stadt, in der es sich befindet, auch nicht. Mit der Region ist es nicht anders. Aber habe ich eine Wahl? Ansprüche sollte ich mir noch mehr abschminken. Was will man zu jenem Preis verlangen, der mein Limit ist? Dafür kauft man normalerweise ein Auto. Für den Helden wird es auch schwierig werden, falls... Wie werden wir eine Fernbeziehung leben? Wieder keine Antwort. Wieder etwas, das man (er)leben muss. Vorhin habe ich mir das Bild vom Objekt ausgedruckt. Der Himmel sieht darauf nun blauer aus, als zuvor auf dem Computer-Bildschirm. Die Ziegel erscheinen fast romantisch. 

Sicher kann man es sich dort mit der Zeit schön(er) machen. 
Vermutlich. Vielleicht. Oder auch nicht? Niemand kennt die Zukunft.
Aber hoffen kann man...





Sonntag, 29. Mai 2016

Von der Ferne...



Da erstieg er den Hügel jenseits der Stadtmauern und schaute zur See. Und er sah sein Schiff mit dem Nebel nahen. Da wurden die Tore seines Herzens aufgeschwungen, und seine Freude flog weit über das Meer. Er schloss die Augen und betete in der Stille seiner Seele. Aber als er den Hügel hinabstieg, überkam ihn eine Traurigkeit, und er dachte in seinem Herzen: Wie soll ich in Frieden und ohne Trauer gehen? Nein, nicht ohne Wunde im Geist werde ich diese Stadt verlassen. Lang waren die Tage der Qual, die ich in ihren Mauern verbrachte, und lang waren die Nächte der Einsamkeit; und wer kann seine Qual und seine Einsamkeit ungerührt hinter sich lassen? Zu viel von meinem Geist habe ich in diesen Straßen verströmt, und zu zahlreich sind die Kinder meiner Sehnsucht, die nackt in diesen Hügeln wandern, und ich kann mich nur schwer und mit Schmerzen von ihnen zurückziehen.
Es ist kein Gewand, das ich heute ablege, sondern eine Haut, die ich mir mit eigenen Händen abreiße. Auch ist es kein Gedanke, den ich hinter mir lasse, sondern ein Herz, süß vor Hunger und Durst. Doch kann ich nicht länger bleiben. Das Meer, das alles zu sich ruft, ruft mich, und ich muss das Schiff besteigen. Denn zu bleiben, auch wenn die Stunden in der Nacht brennen, hieße zu gefrieren und unbeweglich zu werden und in einer Form zu erstarren. Gern nähme ich alles was hier ist mit mir. Aber wie wäre mir das möglich?
Eine Stimme kann nicht die Zunge und die Lippe mit sich tragen, die ihr Flügel gaben. Allein muss sie in den Äther hinaus. Allein und ohne sein Nest muss der Adler zur Sonne fliegen… 

(Khalil Gibran) 




In wenigen Stunden tragen uns stählerne Flügel für ein paar Tage zurück nach Porto. 
Wir haben dort etwas zurückgelassen, das wir suchen wollen. 
Vielleicht finden wir es...




Montag, 25. April 2016

Quo vadis 2

...als ich den ersten Post dieses Titels schrieb, ahnte ich Veränderungen voraus - aber nicht, welcher Art sie genau sein würden. Nun steht zumindest fest: Mein Haus wird verkauft werden (müssen)! Das ist die Folge von Entwicklungen, die nicht aufzuhalten sind. Und eine sehr schmerzliche Konsequenz. Im Traum stieg die frühere Gabriele kurz vor dem Hafen aus und ich blieb in der Electrico stehen, den Blick auf die Britannic gerichtet. 

So soll es in der Realität nicht sein. Das Unterbewusstsein hat mich daran erinnert, dass ich Aufgaben zu lösen habe. Und damit ich das nicht vergesse, kam in der vorigen Woche gleich noch ein kräftiger Schubs hinterher. Dazu möchte ich nicht mehr schreiben als: "Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es der dem bösen Nachbarin nicht gefällt"...

Noch schmerzt der Gedanke sehr. Denn ein Auszug wird unvermeidliche Folgen haben. Letzten Endes auch für die Beziehung zum Helden. Er hat hier seinen Arbeitsplatz, ist 50plus und kann nicht einfach so mal eben woanders neu anfangen. Ich schon. Wnn auch in einem gewissen (sehr bescheidenen) finanziellen Rahmen. Meine Lebensarbeit steckt als Kapital in diesem (noch) meinen Haus. Ist darin gebunden. Und ich kann keine Tür aushängen, um damit Rechnungen zu bezahlen. Das ist die bittere Realität. 



Da ich etwas in dieser Richtung bereits auf mich zurollen sah, gab es ein inneres Erdbeben in Portugal. Mit vielen klaren Worten meinerseits. Und sehr gefühlvollen von der anderen Seite. Da stand ein Asperger wieder einmal hilflos da. Verstehend und doch dem ausgeliefert, wie er nun einmal ist. Trotz aller Empathie. Ein Mensch, der mir einmal sehr, sehr viel bedeutet hat, sagte damals zu mir: "Wenn du zwischen Verstand und Gefühl zu entscheiden hast, wirst du immer ersteres wählen. Weil du unglaublich erwachsen bist und ich neben dir ein unreifer Bub." 

In diesen Tagen denke ich oft daran. Es trifft wohl zu. Doch hat mich auch vor manchem falschen Schritt bewahrt. So hoffe ich. Sicherheit war mir immer wichtig. Da ich sie als Kind nie und später nur selten hatte. Der Fluch der Vergangenheit (den meine Mutter voller Hass ausgesprochen hat) verfolgt mich stets, wohin ich auch gehe. Es gibt Ketten, die man niemals los wird. Aber man muss sich nicht noch schwerere freiwillig dazu aufladen. Es ist (für mich) gut erwachsen zu sein.

Wir wissen alle nicht, wie es geworden wäre, 
wenn wir irgendwann eine andere Tür gewählt hätten.
Nichts ist Zufall. Es wird kommen, wie es geschehen soll. 
Irgendwo wartet ein Haus. So Gott will...







 

Mittwoch, 20. April 2016

Untergang

...Neubeginn oder Erdrutsch? Vor diesem leeren virtuellen Blatt sitze ich nun seit Tagen. Den Anfang nicht findend. Weil mir das Ende fehlt? Dabei könnte ich doch einfach erzählen. Von einem Pilgerweg. Der keiner war. Einer Reise. Wohin? Zu mir? Zu uns? Mir fehlen die Antworten darauf und noch viele mehr. Obwohl ich sie bekommen habe. Ganz ohne Fragen zu stellen. 

Vielleicht war es also doch ein Camino. Nur ganz anders, als ich ihn mir gedacht hatte. Konnte ich ihn mir denn überhaupt vorstellen? Sicher nicht. Gab es eine Chance vorher zu simulieren was wie passieren (oder eben nicht geschehen) würde? Nein. Ich habe die Verantwortung getragen. Ohne zu ahnen wie das ausgehen könnte. Welche Gefühle mich begleiten, welche Dämonen der Vergangenheit auferstehen und mich einholen würden. 

Um es vorwegzunehmen: Wir haben unseren Weg in Spanien abgebrochen. Sang- und klanglos. Doch halt, dieser Begriff ist nicht stimmig. Wir haben ihn nach sehr kurzer Rücksprache beendet. Wir wollten einfach von jetzt auf gleich nicht mehr weiter. Wir gingen zurück. Nach Portugal. In das Land, das in unseren Herzen einen so großen Raum einnimmt. Santiago war nicht (mehr) wichtig. Sondern WIR. Es war die richtige Entscheidung!

Wer mich kennt weiß, dass ich nichts für Zufall halte. Es sollte alles sein, so wie es war. Und hat vieles ausgelöst, mit dem nicht zu rechnen war. Aus dem Ende wurde ein neuer Anfang. Vielleicht. Wenn das das Ziel sein soll. Es klingt vermutlich "kryptisch", was ich schreibe. Aber anders kann und will ich es zunächst nicht formulieren. Ich kann und will überhaupt wenig im Moment. Was ich dem Weg zuschreibe. Dem unvollendeten, der zum Schluss doch in sich rund war. Nicht weniger oder mehr, als meine vier bis zum Ende gegangenen langen Caminos. 

Ausgerechnet in den beiden Tagen vor dem Rückflug suchte mich die gefürchtete Migräne heim, in einer bisher nicht gekannten, noch verschärften Form (was mich dazu bringt nun doch noch einmal einen Versuch der Behandlung durch einen Internisten zu starten!). Ich hatte im Fieber einen seltsamen Traum, von dem ich glaube, dass er mir eine wichtige Botschaft (meiner eigenen Gedankengänge) übermitteln wollte. Die ich (hoffentlich) richtig interpretiere.

Seltsam, dieser hölzerne Tresen - irgendwie ziemlich aus der Zeit gefallen.  Die Dame dahinter auch, mit ihrer Spitzenbluse und den hochgesteckten Haaren. Sie reicht mir eine in Tinte getauchte Schreibfeder. Eine Schiffspassage unterzeichne ich. Und wundere mich. Das wäre eigentlich so gar nichts meins! Überall gerahmte Bilder an den Wänden von mächtigen Ozeandampfern, erhaltenen Auszeichnungen, den angebotenen Strecken. Da beginne ich etwas zu ahnen...

Plötzlich finde ich mich in der "Electrico" von Porto wieder, die im Traum eine richtige Bahn mit Anhängern ist und offenbar gen Hafen rumpelt. Zahlreiche Menschen sitzen an kleinen Tisch, spielen Karten, rauchen Zigarren, trinken Champagner. Ich schaue an mir hinunter, da ich vermute, dass meine Kleidung nicht passt. Was tue ich überhaupt hier? Das ist doch alles so gar nicht meine Welt?! Warum habe ich eine Schiffsreise gebucht, wenn ich das doch gar nicht wollte? Noch dazu offenbar auf einem englischen Schiff einer längst vergangen Zeit?

Es scheint mich auch niemand zu bemerken, alle schauen förmlich durch mich hindurch. Ich bin Gast und scheinbar doch nicht anwesend. Irritiert suche ich den Blick irgendeines Menschen. Bis ich ihn finde. Eine blonde, schlanke Frau steht an den Ausgangstüren, hält sich an einer der Messingstangen fest. Seltsamerweise trägt sie einen grünen Wanderrucksack und hat eine -jacke locker um die Hüften geknotet. Ihre sportliche Bekleidung kommt mir merkwürdig vertraut vor.

Sie passt so gar nicht in diese Gesellschaft. Und ich brauche meine Zeit um zu erkennen, dass ich selbst diese Reisende bin, nur um einige Jahre jünger. Das macht mich neugierig und ich spreche sie an. Ob sie sympathisch ist? Wie wird sie auf mich wirken? Ich mag ihr Lächeln, ihre ruhige, freundliche Stimme und offene Art. Ja, sie gefällt mir und plötzlich frage ich mich auch gar nicht mehr, was ich an diesem Ort tue. 

Sie sagt mir, dass sie gleich aussteigen wird, da ihr Weg zu Ende sei. Und fragt mich, wohin ich unterwegs wäre. Ich erzähle von der gebuchten Passage. Ihr Gesicht wird plötzlich sehr ernst, dann löst es sich wieder: "Du weißt, dass das Schiff untergehen wird?" Ich nicke. Die Electrico hält an. Die Frau mit dem Rucksack steigt aus, dreht sich noch einmal um und winkt mir lächend zu. Dann verschwindet sie in der Menschenmenge. 

Die kleine Bahn ruckelt an und jetzt kann ich schon gut den Hafen erkennen. Am großen Kai liegt ein mir riesig erscheinendes Schiff mit vier Schornsteinen, die bereits rauchen. In wenigen Tagen wird es auf eine Seemine laufen und binnen einer Stunde untergehen. Vielleicht hätte ich auch aussteigen sollen?! Aber ich bin gar nicht auf diesen Gedanken gekommen. Ich gehörte einfach zu diesen anderen Menschen. Die offenbar nicht ahnen was sie erwartet. Auf dem mächtigen Schiffsrumpf kann ich nun deutlich den Namen erkennen. BRITANNIC.

Der Traum lässt viele Interpretationen zu. Die für mich wichtigsten scheinen zu sein: 
Dass wir manchmal in unser Unglück laufen (fahren), obwohl wir das ganz genau wissen müssten. 
Dass wir vielleicht eine Passage unterschreiben, die ein anderer Mensch für uns gebucht hat, möglicherweise vor sehr langer Zeit. 
Dass wir uns irgendwann von einem Teil unseres Selbst verabschieden müssen, da seine Zeit gekommen ist. 
Dass es wichtig ist sich zu mögen, so, wie man wirklich ist. Die (oft schwere) Hypothek zu überwinden, die uns das Schicksal mitgegeben hat. 
Dass...


Viele Menschen haben den Untergang überlebt. 
Vielleicht hätte ich dazugehört. Wenn ich nicht erwacht wäre. 





Viele Menschen haben ein Problem damit das Leben zu überleben.
Vielleicht würde ich dazugehören. Wenn ich nicht aufgewacht wäre.








Samstag, 16. April 2016

Back home


 Dazwischen


Wieder hier und doch noch nicht da.

Zurück, aber nicht wirklich angekommen.

Der Weg brauchte seine Zeit.

Die Verarbeitung auch.

Wir werden sie uns nehmen...


Unterwegs auf dem Caminho Português
 


Freitag, 8. April 2016

Goodbye Portugal...

...hallo Spanien - und zurück. Klingt verwirrend und ist es auch. Da sowohl Smartphone und Wlan spinnen, Erklärung später vom heimischen PC. Weil uns der Kuestenweg partout nicht loslassen wollte, haben wir uns letztlich in unser Schicksal ergeben... Nun folgen ein paar Erholungstage am Atlantik, dann heisst es wieder: Goodbye Portugal, hallo Deutschland. Bis bald im Blogkosmos! Die Peregrinos vom Caminho Portugues                                                          

Freitag, 1. April 2016

Quo vadis?

Wir sind heute den dritten Tag unterwegs, mein Smartphone hat kein Internet, wir sind ungewollt auf den  Kuestenweg geraten, statt auf jenem durch das Binnenland zu bleiben, haben am Atlantik einen toten Delphin gefunden, dafuer aber keine Herberge und somit Schlafmoeglichkeit, am Ende mussten wir trampen zu einer Jugendherberge, die uns als "Oldies" nicht aufnehmen wollte, schon gar nicht Mann und Frau zusammen...
Nun sind wir zurueck "binnen" und haben uns nach dem Gewaltmarsch gestern mit ganzen zehn Kilometern heute begnuegt (allerdings bergauf und bei 20 Grad prallen Sonnenscheins). Jetzt haben wir Herbergsbetten und der nette portugiesische Hospitalero hat mich fuer diesen kurzen Eintrag an seinen PC gesetzt. Der Herbergs-PC funktioniert naemlich auch nicht, seufz...
Wir sind also koerperlich gesund, die Psyche ist allerdings etwas angeschlagen wegen der Umstaende. Morgen geht geht es weiter unser Abenteuer, mal schauen, was noch alles kommt - es war schon so ungeheuer viel in diesen ersten drei Tagen...

Gabriele und der Held in "Albergue Portela de Tamel" (Pilgrimshostel)

Sonntag, 27. März 2016

Abschied und Aufbruch

Mein Rucksack streckt mir erwartungsvoll die Gurte entgegen - gleich geht es los...

Der Held fährt uns zum Flughafen (hoffentlich ohne Osterstau), wo wir am Nachmittag gen Porto fliegen werden. 

Viele Gedanken gehen uns/speziell mir durch den Kopf. Allen Menschen die ich in meinem Herzen bewahre bin ich in diesen Stunden besonders nah!

Danke an alle Freunde die mich sorgend begleiten, ganz besonders Ingrid, die in den letzten Jahren so vieles mit mir geteilt hat und Edward, der den Weg selbst gegangen ist und sich lebhaft vorstellen kann, was jetzt in mir vorgeht. 
Caro, wir sehen uns in Ostfriesland nach unserer Rückkehr (wenn alles klappt), da überschneiden sich drei Tage mit Eurem Aufenthalt hier. 
Nicole, über Deine Osterkarte hab' ich mich riesig gefreut und Dein Kranz hängt jetzt im Windfang, er wird das erste im Haus sein, was ich sehe.

Zu meinen Kindern und meinem Enkel sende ich meine ganze Sehnsucht und Liebe! Vielleicht spüren sie, was sie nicht zu lesen vermögen...

Sollte es unterwegs die Möglichkeit geben zu bloggen, werde ich es tun. Allerdings weiß ich nicht genau, wie ich mich dann hier einwählen kann. 

Es ist alles gesagt. 
Ich erwarte gar nichts. Alles liegt in Gottes Hand...



 (Es konnte einfach nur dieses Lied sein...)


Donnerstag, 24. März 2016

Qué sará? Was wird sein?

Es ist ein merkwürdiger Spagat. Das alte Tagebuch des Caminos von 2007 zu lesen und auf den Rucksack zu schauen, der darauf wartet gepackt zu werden für den fünften Jakobsweg. Der so ganz anders werden wird als der damalige. Aus mehreren Gründen. Statt achthundert Kilometern warten ganze zweihundertsiebzig auf mich. Start ist in Portugal und nicht in Südfrankreich. Der Held wird an meiner Seite und ich somit vom ersten Schritt an nicht allein sein. Neun Jahre älter bin ich inzwischen geworden und mein Unfall 2013 in der Sierra Nevada steckt mir buchstäblich noch schmerzhaft in den Knochen. Mein Herz will nicht immer so wie es sollte.

Was wird sein?

An meinem Leben hänge ich nicht. Aber das Haus unfertig zurückzulassen und damit der Familie etwas kaum zu Bewältigendes aufzubürden, das belastet mich sehr! Was ich noch tun konnte habe ich versucht, z.B. tagelang im Windfang tapeziert, gestrichen, einen Schrank aufgebaut, ein schönes "WELCOME"-Schild (mal wieder UPCYCLING aus Resten) gestaltet. Falls wir zurückkehren wird mein Blick also auf einen schönen kleinen Raum fallen und nicht sofort auf unser gruseliges Bau-Chaos (in der Küche habe ich z.B. eine feuchte Fensterwand zur Abtrocknung geöffnet, den Putz abgeschlagen).




Mich nicht verabschieden zu können, das schmerzt noch viel mehr! Ein Pilgerweg ist kein Spaziergang. Wenn man weiß, dass man angeschlagen ist, schon gar nicht. Die aktuelle Terrorgefahr hat man auch im Hinterkopf. Es ist nicht gut für die Seele (und auch nicht für den Kopf), wenn wichtiges nicht abgeschlossen ist, nicht mehr gesagt werden kann. Aber das ist mir unter den gegenwärtigen Umständen unmöglich. Diesen Schmerz werde ich mitnehmen. Bis in die Kathedrale von Santiago hinein, wenn ich sie denn erreiche.

Nimmt man seine Pilgerschaft ernst startet man mit dem Pilgersegen, bezahlt alle Schulden, macht sein Testament, so heißt es. Damit man frei im Kopf und offen im Herzen losgehen kann. Das wird dieses Mal nicht so sein. Ein absolutes Novum. Einen letzten Brief an die Familie (wie sonst immer) gibt es nicht. Kein erneuertes Testament. Was sollte ich denn auch schreiben? Ich liebe meine Kinder, das wissen sie. Und nichts könnte daran etwas ändern. Auch kein SCHWEIGEN. Mein Enkel wird an Karfreitag achtzehn Jahre alt. Er hat eine schriftliche Nachricht von mir erhalten. Wenigstens das. Aber eine wirkliche Umarmung ist das nicht, kann es gar nicht sein...

Qué sará? What will be? Es wird geschehen wie es sein soll.
Und so wird es richtig sein.




 

Mittwoch, 23. März 2016

Terrorziel Santiago de Compostela...

wir sind sicher alle noch erschüttert von den Gewaltakten in Brüssel. Verübt von religiösen Fanatikern. Es gab und gibt sie zu vielen Zeiten und aus jeglichen Religionen. Wenn Menschen glauben, dass nur sie die Wahrheit für sich gepachtet haben.

Dazu Gewalt aus der rechten und der linken Ecke. Erschreckende Entwicklungen für mich. Zumal, wenn man meinen speziellen Lebenshintergrund dazu sieht. Für beide Seiten wäre ich ein willkommenes Ziel von Hass und Verachtung. Obwohl ich die Wahrheit selbst nicht kenne. Zwei Väter habe ich, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Der eine einst Opfer verirrter Ideologien, der andere ein Täter. Wessen Kind bin ich? Vielleicht liegt dort mit ein Grund für das Gefühl der Zerrissenheit, das mich immer wieder überkommt. Wir brauchen Wurzeln um fliegen zu können. So seltsam das auch klingt.

Nun kann ich (können wir) schon fast die Stunden bis zum Aufbruch zählen. Vorbereitet ist noch nicht viel. Ganz im Gegensatz zu den vier anderen Jakobswegen. Wenn ich könnte würde ich daheim bleiben. Flughäfen sind gerade keine besonders sicheren Orte. Die Kathedrale von Santiago ist es noch weniger. Seit Jahren wird sie nach dem Petersdom als das gefährdetste Terrorziel der Christenheit genannt. Wenn es einen Anschlag gibt, dann sicher in der Pilgermesse. Da ist die Kathedrale überfüllt.

Es wird geschehen wie es sein soll. 
Weil alles ist wie es ist, weil es eben war wie es war. 


Raimund Joos (Verfasser etlicher Pilgerführer zu den Jakobswegen) schreibt dazu aktuell:  Besondere Gefahrensituation in der Kathedrale von Santiago

Nach Einschätzung der Regierung von Spanien besteht derzeit in Spanien eine hohe Terrorgefahr. Ein Artikel vom 28.06.2015 der bekannten spanischen Zeitung EL MUNDO spricht von unzureichenden "dieser Realität nicht entsprechenden" Sicherheitsvorkehrungen insbesondere bezogen auf die Kathedrale von Santiago. Zitiert werden konkret die Bedenken der zuständigen Polizeigewerkschaft, die Alarm schlägt.
Schon seit geraumer Zeit wird befürchtet, dass die Darstellung des Maurenschlächters in der Kathedrale von Santiago, von radikalen Islamisten als eine Provokation gegenüber ihrer Religion verstanden werden könnte und dies die Terrorgefahr an diesem Ort weiter erhöhen könnte. Eine Einschätzung, welche ich persönlich teile.

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/spanien-kein-platz-fuer-den-maurentoeter-1159401.html

Da mir bisher leider keine neueren Kenntnisse vorliegen, welche auf eine Entspannung der Sicherheitslage oder wesentlich verbesserte Schutzmaßnahmen in der Kathedrale hindeuten, ist m.E. leider weiterhin von einer erhöhten oder hohen Gefahr von Terroranschlägen für die Kathedrale von Santiago auszugehen. Es ist daher eine individuelle persönliche Entscheidung zu treffen ob, dieser Ort insbesondere während großer Personenaufläufe (z.B. bei der allgemeinen Pilgermesse) sicherheitshalber besser gemieden wird.

Bon Camino! Raimund

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Eine Liebesgeschichte... Kapitel 34 

Auf dem Jakobsweg bin ich nun schon seit vier Wochen unterwegs. 

Wie heißt es? Zwei Wochen benötigst du, damit dein Körper sich an die ungewohnte Anstrengung gewöhnen kann. Die nächsten zwei Wochen gehören deinem Geist, damit er erfasst was mit dir und um dich herum geschieht. Die beiden letzten Wochen gehst du für deine Seele...

In „Riego de Ambros“ haben wir fast verschlafen, erst um kurz nach acht Uhr schrecken wir auf. Die morgendliche Stille war seltsam. Keine Stirnlampen, kein Tütengeraschel. Das ist schon lange unser sonstiger Alltag. Nach einem kleinen Frühstück machen wir uns auf den Weg. In Anbetracht unserer Füße bzw. Beine, haben Lena und ich uns für den längeren, serpentinenreichen Weg über die Asphaltstraßen entschieden.

An riesigen verbrannten Kastanienbäumen geht es vorbei und Tal um Tal ganz in lila getaucht, tut sich auf. Wie immer sprinte ich vorweg und stehe staunend an so mancher Stelle. Welcher Anblick! Wie schön ist diese Welt! Und wie gut geht es mir! Eine tiefe, innere Ruhe hat sich meiner längst bemächtigt. Nichts wird mehr geschehen. An jedem weiteren Tag werde ich so laufen wie heute. Mit einem Seufzen auf die Welt schauen, mich freuen, dass ich unterwegs sein darf!


Gerade habe ich noch so gedacht, als Dauerregen einsetzt mit eiskaltem Wind. Lena sagt, ihr Vater habe sie vor Unwettern gewarnt und sie wolle keinen Kilometer weitergehen als bis nach Ponferrada. So kenne ich sie noch gar nicht, stur und unerbittlich! Ich tue, was ich in solchen Fällen immer zu tun pflegte: ich gebe nach.

Die Herberge, die von den Schweizern betrieben wird, ist zu dieser Zeit noch geschlossen. Also müssen mir im Innenhof warten. Der Ansturm der Pilger wächst ständig. Als sich endlich die Türen öffnen, wird sogleich um Stille gebeten und wir erfahren, dass immer nur vier Pilger gleichzeitig eingelassen werden. Weil es eben Vierer-Zimmer gibt. Das passt gut. Lena und ich sowie die Jungs belegen einen gemeinsamen Raum. 

Da es Sonntag ist verziehen sich unsere männlichen Mitbewohner in eine Kneipe, um dort Sportfernsehen zu betrachten (dieser Begründung glaube ich da noch!). Wir in die Innenstadt. Dort ist nicht viel los am Wochenende und wir wollen gerade enttäuscht wieder abziehen, als uns zwei Pilger auf eine Ausstellung hinweisen mit dem Titel "Camino de Santiago". Sie soll lohnenswert sein und nichts kosten. Der Tipp war Gold wert!

Fasziniert stehen wir vor den Exponaten zum Jakobsweg. Und gehen ihn symbolisch, denn er ist mit vielen Gängen und hundert Ecken nachgestellt. Wunderschöne Bilder und galicische Klänge. Diese Musik erfasst das Herz, ob man möchte, oder nicht. Erst als ich die nicht enden wollende Landkarte sehe und all' die Stationen in den Filmen vorgeführt bekomme, die Pilger bei Sonne und Regen, im Schnee und in der Hitze durchziehen, verstehe ich so richtig was an Anstrengungen schon hinter mir liegt. Welches Glück habe ich, dass ich auf diesen Weg gehen durfte und gesund bin! Nur noch wenig mehr als zweihundert Kilometer sind es bis ans ersehnte Ziel. 



Wie hatte meine Tochter in ihrem letzten Kommentar u.a. geschrieben: 
„Ich beneide dich so sehr!  Bin glücklich, wenn ich von deinen Erlebnissen lese. Das kann dir niemand mehr nehmen! Es ist so toll, dass du dich auf den Weg gemacht hast, deinen Traum lebst und so reich belohnt wirst! Du bist in unseren Herzen und Gedanken, wir sind immer bei dir!!“ 

An jedem Tag wenn ich angelangt bin, schicke ich eine SMS nach Hause. Und mein Enkel steckt einen neuen Pin in die vier zusammengeklebten Landkarten die er an der Flurwand befestigt hat. Am Anfang kam es ihm vor als ginge ich langsam, weil es auf der langen Karte so aussah als käme ich kaum voran. Jetzt kann er erkennen welche weite Strecke ich schon zurückgelegt habe. Jeder der es hören möchte (oder auch nicht) erfährt, dass seine Suuuperomi auf dem Jakobsweg unterwegs ist...

Lena hat Heißhunger auf Fastfood und eine Werbetafel lockt uns dafür aus der City hinaus. Wir laufen und laufen, aber vergeblich. Das ganze Stück müssen wir auch wieder zurück. Eine etwas schmuddelige Bar ist mehr oder weniger erzwungene Endstation. Milchkaffee und Tortilla müssen reichen. Zurück in der Herberge sitze ich noch lange im Aufenthaltsraum, mitten unter den vielen Pilgern. Es macht mir jetzt nichts mehr aus. Ich bin eine von ihnen. Leider plagt mich großer Durst und es gibt nur einen Automaten, der keine Auswahl mehr zu bieten hat. Außer Bier, Export und Bier. Es bleibt mir nichts anderes übrig als auch so eine Dose zu ziehen. Die haut mich völlig aus den Pantinen, denn ich habe in meinem ganzen Leben noch kein ganze Glas Bier getrunken…

 Struppis Bundeswehrstiefel sind auseinandergefallen, die Nähte haben sich aufgelöst. Wohl oder übel wird er sich neue Wanderstiefel kaufen müssen. Ich verbinde seine Wunden und wir klären, dass es am nächsten Tag nicht gemeinsam weitergehen kann, da die Geschäfte vor zehn Uhr nicht öffnen. So ziehen Lena und ich am Morgen allein los. Immer weiter geht es jetzt hinauf, dem O'Cebreiro entgegen, der letzten großen Qual auf dem Camino.

Unterwegs treffen wir auf die beiden "Anfänger-Weibsen" von Rabanal, die sich schon wieder zanken. Ist das ein Pärchen! Eine erklärt dauernd ihr Mann sei Professor, die andere weiß alles besser und hat von nichts eine Ahnung. Na prima. Trotzdem haben wir sie jetzt an den Hacken und das in schwierigem Gelände. Inzwischen hat es auch wieder zu regnen begonnen. Na und? Was interessiert mich das? Ist doch nur Wasser und das perlt ab. 

"Wie heißt du eigentlich?" fragt meine neue Begleiterin, die keinen Zentimeter von mir weicht. Als ich ihr meinen Namen nenne fängt sie sofort an zu weinen (erst viel später werde ich erfahren, dass eine Wahrsagerin ihr geweissagt hatte sie brauche sich keine Gedanken zu machen, der Erzengel Gabriel würde sie sicher über den Weg geleiten). Auf meine Gegenfrage antwortet sie: "Ich heiße Fee." Ich muss lächeln.


Von nun an, da werden wir zusammen gehen. In wechselnden Kombinationen und Stimmungen.  Erreichen jetzt gemeinsam „La Faba“, das kleine, verschlafene Dorf. Auch noch so spät, dass der Alptraum aller Pilger wahr wird: completo! Schon im schmalen Herbergsflur türmen sich Berge lehmiger Stiefel und Stöcke. Es herrscht Sauwetter und viele Pilger stehen verunsichert ohne Aussicht auf ein Nachtlager herum.

Doch die Erzengel-Namensvetterin und eine gute Fee schlafen über dem Altar.
Teilen die dünnen Matratzen mit Tarantula, der achtbeinigen.
Bis die Fee auf eine gar folgenreiche nächtliche Idee verfällt...


Eine Liebesgeschichte... Kapitel 35

In der wogenden Menge tobt ein regelrechter Tumult, der puren Angst um ein Nachtlager geschuldet. Es gießt in Strömen. Der Boden war eine einzige lehmige Rutschpartie. Man hat den schwierigen Aufstieg durch die Hohlwege im Wald hinter sich gebracht. Alle sind durchgefroren und erschöpft. Den Anstieg zum O'Cebreiro wird keiner mehr bewältigen. Welche Möglichkeiten gibt es?


Mein Gehirn rattert wie ein Computer. Das Wort "Kirchenasyl" dringt plötzlich von fern an mein Ohr. Ich verfüge über eine ungeheuer schnelle Reaktionsfähigkeit. Bedenke den Zug, setzte gleichzeitig schon die nächste Spielfigur. Schach. Binnen Bruchteilen von Sekunden springe ich hoch. "Hier! Wir!" Die Hospitalera sprich Deutsch, welches Glück! Als ich mich endlich zu ihr durchgekämpft habe er-zählt sie mir was sie noch anbieten kann. Die Empore der kleinen Kirche auf dem Gelände. Vier passen darauf. Ich nicke und lege die vier Pilgerpässe vor. Wieder einmal passt es! Irgendwie habe ich mich inzwischen daran gewöhnt. Dass kleine Wunder dieser Art geschehen. Dass ich sicher geborgen bin in Gottes Hand. Es mag schwülstig klingen, aber so empfinde ich es.
Die Stempel besiegeln unseren Anspruch. Rettung in letzter Minute! 

Matratzenersatz wird es geben, Kissen nicht. In der Herberge sieht es aus wie in einem Flüchtlingslager. Selbst auf der Küchenbank wird noch eine Pilgerin nächtigen. Eine auf ihrer Isomatte unter dem Tisch. So etwas ist aus versicherungstechnischen Gründen eigentlich gar nicht erlaubt. Aber gerade in den deutschen Herbergen wird immer wieder nach einem Ausweg gesucht, Bürokratie hin oder her. Danke Maria, du hattest ein großes Herz und Löwenmut!


Ich halte die Stellung während die anderen einkaufen. Ziehe die schweren, durchnässten Stiefel und die Socken aus. Entzünde am Altar eine Kerze. Knie mich in eine Bank. Denke wie so oft an meine Familie daheim. Mögen alle beschützt und in Sicherheit sein! Jeden umarme ich in meinen Gedanken. Tiefer Friede ist in mir. Alles ist gut! An jedem Tag neu darf ich meinen Traum leben...
 Mit Lena mache ich mich später auf Polster zu holen, die von den Sofas der Hospitaleras stammen. Wir legen wie in einem großen Puzzle die Kirchenempore damit aus. Breiten unsere Schlafsäcke darüber, essen das übliche Zeug. Thunfisch. Tomaten. Käse. Bananen. Unsere Welt ist in Ordnung.

Für den abendlichen Gottesdienst kämmen sich Fee und Marianne extra die Haare, wie ich mit Vergnügen feststelle. Manches überträgt sich von heimatlichen Gefilden eben bis ins spanische Galicien... Die Schlafsäcke richten wir gegen den Altar hin aus und genießen den Gottesdienst gewissermaßen aus einer "Loge" heraus. Die Kirche ist dicht gefüllt, kein Platz mehr frei. Alle suchen die Geborgenheit der Pilger-Gemeinschaft. Wollen spüren, dass sie Teil eines großen Ganzen sind. Bei der Umarmung, mit dem "Friede sei mit dir", fließt so manche Träne. Auch wir vier hinter den geschnitzten Hölzern umarmen uns. Wir gehören alle zusammen! Keiner ist auf dem Camino ganz allein unterwegs, es sei denn er will es sein...


Als es still wird und die Pilger hinübergehen in ihre Herberge, bleiben die vielen roten Grableuchten zurück. Ihre Flammen tanzen über die weißen Kalkwände. Es wird still bis auf jene Wanderer, die sich unten im Bereich hinter dem Altar auf ihren Isomatten für die Nacht niederlassen dürfen. Auch sie flüstern nur leise, erleichtert noch ein sicheres Dach über dem Kopf gefunden zu haben. Wir sind eine große Gemeinschaft an diesem Abend. Nichts trennt uns. Wir erzählen uns mit gedämpften Stimmen unsere Lebensgeschichten. Jedenfalls jenes was entscheidend war dafür, uns auf diesen besonderen Weg zu machen. Jeder hatte seinen ganz speziellen Grund.

Was uns erwartet fragen die Weggefährtinnen. Leise lese ich aus dem Wanderführer vor. Der anstrengende Aufstieg zum O'Cebreiro steht uns bevor. Danach liegt die weite Ebene bis Santiago praktisch vor uns. Es wird dann über Tage nur noch relativ (!) eben sein. Doch noch... Die beiden „Oldies“ ( sechs Jahre älter als ich, aber mental um Lichtjahre von mir entfernt ) erfahren aus dem Buch, dass es die Möglichkeit eines Rucksacktransports gibt. Na, das wäre doch die ersehnte Lösung! Wird sich alles am Morgen regeln meine ich. Dann werden wir in der Bar nachfragen. Da hängen nämlich stets  diesbezügliche Zettel aus, ich hab‘ sie mehrfach gesehen...

Fee erklärt solches Vertrauen wäre nicht ihr Ding. Sie müsse die Angelegenheit sofort geregelt haben, sonst hätte sie keine einzige ruhige Minute! Also zieht sie sich komplett wieder an und stiefelt los zur Bar. Ausgerechnet diejenige von uns, die außer "Buen camino", nicht ein einziges Wort Spanisch spricht. Sie regele das schon versichert sie uns! Und ist tatsächlich zwanzig Minuten später mit einer Erfolgsmeldung zurück. Die Wirtin habe sich alles notiert, mit dem Fahrer telefoniert und es bestätigt. Wir sollten unsere Rucksäcke auf die Bank an der Herberge stellen, das Salär daran befestigen und es würde uns zum vereinbarten Ort gebracht. Traue nie der "Stillen Post"… Am nächsten Nachmittag werde ich zum ersten und einzigen Mal ohne Rucksack in einer Herberge sein! Es ist besser davon jetzt nichts zu wissen. Die gute Fee hat alles geregelt, basta!

Natürlich nörgelt ihre Begleiterin Marianne wieder und sofort haben beide sich wie immer in den Haaren. Lena schleicht nach draußen. Als sie zurückkehrt, macht sich einer der Streithammel auch auf. Nach zwei Minuten erscheint zwischen den Kirchenbänken ein verunsichertes Gesicht. "Aber die Herberge ist doch abgeschlossen! Wo geht es denn hier zur Toilette?" lautet die ängstliche Frage. "Beim Esel!" brüllt Fee nach unten und kriegt die Krise. Herrje, wo denn sonst, um diese Zeit?! Den besuche ich auch noch und höre bei meiner Rückkehr schon von unten Diskussionen. Muss das denn sein? Im Hause des Herrn? Er kommt mir unerwartet zu Hilfe…


Auf der gewundenen Holztreppe nach oben entdecke ich nämlich eine Spinne. Doch sie verdient wahrhaftig die Bezeichnung "Tarantula". Sieht aus wie eine südamerikanische Vogelspinne, hat deren behaarten, kräftigen Leib und auch nahezu die Ausmaße! Ich bin begeistert. Ein neues Tier für meine Fotodokumentation! Ich bitte Lena mir die Kamera zu reichen und erkläre den Grund dafür. Ein Schrei ertönt daraufhin, der das alte Gemäuer fast zum Einsturz bringen könnte... Mit rasanter Geschwindigkeit verschwindet jemand an der entgegengesetzten Wand. Und leider das anvisierte Fotoobjekt auf der Stelle auch. Haben Achtbeiner Ohren? Oder war es eher die Vibration des Bodens?

Harmlos frage ich, was denn los war?! Marianne leidet an einer extremen Spinnenphobie! Schluck, das war es also... Dafür habe ich volles Verständnis, denn das kenne ich von meiner Tochter. Der Rest der Nacht ist ziemlich gelaufen. Wir erwachen am Morgen ganz leicht zerknautscht. Vier in einem gemeinsamen Bett war denn doch ungewohnt. Aber irgendwie stylisch! Ich bin von der Besonderheit der Situation noch immer begeistert, aber offensichtlich die Einzige… Sorgfältig wird gepackt, wir reihen unser Gepäck nebeneinander auf der Bank auf, befestigen den Geldschein mit einer Sicherheitsklammer. Ich war noch nie ohne Rucksack unterwegs. In ihm ist alles was ich brauche um hier, fern der Heimat, zu überleben. Nur äußerst ungern lasse ich ihn zurück! Im leichten Daypack trage ich lediglich die Verpflegung, meine Kamera und die Kappe bei mir. Als wir losgehen schaue ich mit einem mehr als unguten Gefühl immer wieder zurück.

„Mach dir keine Gedanken, am Nachmittag hast du ihn wieder“, murmelt die gute Fee.
Und ich antworte besorgt: "So Gott will!" Ahne ich wieder einmal etwas?


Eine Liebesgeschichte... Kapitel 36 

Herumtrödeln ist meine Sache nicht. Ich stürme nach oben! Je höher ich komme, desto tiefer kann ich hinabschauen. Die Sonne scheint, der Wind ist wie Seide und streichelt mir sanft übers Gesicht. Verstohlen sehe ich mich manchmal um und wenn ich niemanden entdecken kann fange ich laut an zu singen. Quer durch die Rockszene, was mir so einfällt. Nein, keine Kirchenlieder. Die kenn' ich gar nicht. Und das muss ich auch nicht. Einer hat mich auf diesen Weg geholt, um mir das Leben zurück zu schenken und der macht keine halben Sachen! Ich strahle der Welt entgegen. Das Leben ist schön und könnte besser nicht sein! 


Keine Steigung erschreckt mich mehr. Jeden Hund der es zulässt knuddele ich. Singe und rede den ganzen Tag. Genieße jede Minute. Bin ganz "jetzt", denke nicht an morgen. Der Augenblick zählt. Nicht das, was war und nicht das, was sein wird. Ich bin. Das genügt. 

Irgendwo der Stein "GALICIA". Ich werde mich verlieben in diese zauberhafte Landschaft. Ihre verwunschenen Wälder, die verzauberten Dörfer. Auf jedem neuen meiner Jakobswege werde ich unterwegs sein hierher. Mich zu Hause fühlen wenn ich die Region erreicht habe, in der nicht mehr spanisch gesprochen wird. Sie ist irgendwie eigenwillig. Eigensinnig. Sperrig. Wehrt sich dagegen sich vereinnahmen zu lassen. Sie ist so wie ich...


Leicht erreiche ich ohne die Rückenlast den O'Cebreiro. Der dortige Trubel aber ist nicht meine Welt. Busse, PKWs, Ausflugslokale. Wieder einmal fühle ich mich fremd inmitten all' der spanischen Ausflügler. Will fort von den lärmenden Menschen. Erwerbe im Eiltempo in einem winzigen Lädchen ein geflochtenes Schnurarmband mit kleinen Glöckchen daran. Auf dem Begleitzettel steht: "Wenn du ihrer Hilfe bedarfst so läute die Glöckchen. Damit rufst du die Engel! Und sie werden dir zu Hilfe eilen!" Liebevoll binde ich es um. Stecke in die Hosentasche ein zweites Armband mit silberfarbenen Muscheln und einem baumelnden Templerkreuz. Das Abbild des Kreuzes werde ich bald wie eine Brandmarke auf der Handinnenfläche tragen. Doch davon ahne ich nichts, da ich mit zügigen Schritten dem Wald entgegen schreite und damit der Weite, die mich alsbald wieder verschluckt. Zu laufen ist längst mein Alltag geworden. 

Nie habe ich mich gefragt: "Warum tue ich mir das an?!" Ich wusste stets warum. Ein Gelöbnis bricht man nicht, man geht weiter. Aufgeben stand nie zur Debatte. Und jetzt ist sowieso alles unwichtig geworden. Irgendwo da hinten am Horizont liegt die ersehnte Stadt. Keine Frage, dass ich sie erreiche. Selbst mit einer Fraktur könnte man mich nicht aufhalten! Nein, ich würde in diesem Moment trotzdem  nicht glauben, dass ich in nur wenigen Wochen wieder hier stehen werde. Und mir kurz danach etwas brechen. Was mich nicht daran hindern wird, weiter zu gehen. Und erneut anzukommen.


Heute bin ich froh die besprochene Herberge zu erreichen. Ich sinke auf den Eingangsstufen nieder, richte mich zur Sonne aus, schließe die Augen und bin einfach nur froh. Für heute, ist es geschafft!
Ich ahne den ganzen Ärger erst, als die Anderen eintreffen. Unsere Rucksäcke sind (natürlich) nicht da! Wer sich auf andere verlässt, der ist verlassen. Ich werde richtig wütend. So lange war ich allein unterwegs, hätte solche Experimente nie gemacht. Die Last die man zu tragen hat kann man nicht einfach so abkippen! Was soll jetzt werden?! Marianne äußert klugerweise wir könnten ja schon mal Betten belegen, abwarten, duschen und unsere Wäsche waschen. "Um dann was bitte anzuziehen?" frage ich in einem scharfen Ton. Mittlerweile reicht es sogar mir. Dieses permanente Übermaß an Dummheit, Überheblichkeit und Ignoranz. Hätte ich bloß nicht...

So kenne ich mich gar nicht. Ich bin einfach sauer. Und dann dieses hirnlose Herumgerede. „Mein Mann ist ja Professor“… Eine Lösung muss her und dass sie von gewissen Leuten nicht kommen wird ist mir klar. Wer hat noch Handyguthaben? Ich. Wessen Spanisch ist das Beste? Na also. Lena fragt also mit meinem Gerät in La Faba nach. Und erhält die Auskunft, die Rucksäcke ständen da noch. Neue Pilger seien eingetroffen und fingerten bereits erstaunt an ihnen herum.

Ich reagiere wie das HB - Männchen und gehe direkt durch die nichtvorhandene Decke. Selbst Lena erschrickt, so hat sie mich in all' den Wanderwochen nie erlebt. Niemand hat ungefragt etwas anzufassen das mir gehört! Mein Rucksack ist ein Teil meiner selbst. Ich bin weit weg und kann ihn nicht beschützen. Ich flippe förmlich aus. Ein Taxi muss her! Sofort! 

Wie, wo, was. Vier Leute, vier Meinungen. Ist mir völlig gleich, aber sowas von... Ich sehe Grabbelfinger vor mir, die die einlaminierten Fotos meiner Kinder betasten. Ausnahmezustand! Meine Rüstung funktioniert nicht. Denn mein Schild schützt nicht im entfernten La Faba! Die Bar mit Zimmern vermittelt uns ein Taxi. Als der Geländewagen heran rauscht, ermahne ich Lena über den Preis zu verhandeln. Ich mag zwar Frau sein, älteres Semester und tausende Kilometer fern der Heimat, aber blöd bin ich deswegen noch lange nicht. Volle fünfzig Euro kostet am Ende die Aktion! Schäumend schwinge ich mich auf den Beifahrersitz. Die anderen verschwinden betreten auf der Rückbank. Erst durch die lange Autofahrt wird mir deutlich wie weit ich heute gelaufen bin durch die sengende Hitze. Meine gute Stimmung ist dahin.

Noch mehr, als wir in La Faba eintreffen und aus dem Taxi steigen. "Luxuspilger, Luxuspilger!" schallt es uns entgegen. Ich bin mordlüstern, will nur eines: meinen „Salewa“. Als ich ihn im Arm halte interessiert mich erst einmal gar nichts mehr! Gott hat leider die Gehirne nicht gleichmäßig verteilt, so ist es nun einmal. "Triacastela?" fragt der Fahrer, ich nicke. Noch am Abend bin ich sauer. Habe auch genug davon, ohne Armbanduhr zu sein. In der kleinen tienda entdecke ich in der Vitrine eine für zehn Euro, erhalte eine neue Batterie dazu. "Mama, komm' mal runter", würden meine Kids sagen. Aber das funktioniert nicht. Es bahnt sich etwas an und am Ende werden sich alle Puzzlestücke ineinander fügen. Tim und Struppi treffen mit einem Taxi ein. Hatten wieder einmal ein paar Bier zu viel. Ist das meine Welt? Alkoholisierte Pilger? Streitende alte Frauen? Es steht mir plötzlich bis obenhin.


Für den kommenden Tag bieten sich zwei Varianten an. Eine landschaftlich schönere und eine über das älteste Kloster Mitteleuropas, in Samos. Klar, wofür ich mich entscheide. Die Oldies streiten noch in den Betten. Lena hängt unten mit den Jungs (und ein paar Flaschen) herum. Am Morgen stehe ich früh auf. Eine Entscheidung steht an die wieder einmal alles verändern wird. "Lena, kommst du mit?" Sie wird gar nicht richtig wach. Murmelt unverständliches Zeug. In der Küche hocken die Streithähne. Sie wissen nun doch nicht welche Strecke sie laufen wollen. Überhaupt will Fee erst frühstücken. Jetzt reicht es sogar mir. Die Zeit für meine letzte Freiheit ist gekommen. Meine Augen werden schmal.

"Schönen Tach noch", sage ich im besten Hamburger Dialekt, renne förmlich los.
Ganze drei Kilometer weiter stürze ich einen Abhang hinunter. Das blutige Ende?


Eine Liebesgeschichte... Kapitel 37

Trübe ist der Morgen. Und das ist gut so.

Denn ich trage deshalb Fleecejacke, Weste und Hardshell als letzte Schicht. Entlang der Straße geht es wie so oft. Meine Stimmung ist im Keller. Diese blöden Weiber! Allesamt! Warum hab' ich mich überhaupt so lange darauf eingelassen? Und nicht mein eigenes Ding durchgezogen?! Meine Schritte sind anders, an diesem Tag. Ungleichmäßig. Ich achte nicht auf sie. Das muss ich auch nicht mehr! Sechshundertundsiebzig Kilometer liegen nun schon hinter mir. Das ist schon etwas für eine norddeutsche Hausfrau meines Alters! 

Auto um Auto rauscht an mir vorbei. Das nervt. Wie alles heute. Noch habe ich weder etwas gegessen oder getrunken. Und es dauert Kilometer bis zum ersten Dorf. Endlich kündigt es sich an. Ein Abzweig von der anderen Straßenseite, wo denn auch sonst... So rasch es in Stiefeln und mit Rucksack eben geht, hetzte ich hinüber und nehme diesen Schwung gleich mit, in Richtung Geröllweg nach unten. Woran es nun letztlich lag weiß ich nicht. Jedenfalls rutsche ich weg, will den Aufschlag mit gestreckten Armen abfangen, das schwere Backpack rutscht nach oben (verlagert also meinen Schwerpunkt) ich schlage zuerst mit dem Kopf auf und rolle dann irgendwie ab. Das hat gesessen! Zuerst merke ich, dass Blut von der Stirn tropft. Als ich nachtasten will sehe ich meine rechte Hand.

Unbedingt musste ich ja am Vorabend das metallene Armband anlegen. Mit den Muscheln und dem hängenden, spitzen Templerkreuz. Mit einem Messer hatte ich eine der Ösen aufgebogen und Fee hatte sie mit Messer und Gabel wieder geschlossen. Nun steckte eben jenes Kreuz in meiner Handfläche. Mit einem unterdrückten Aufschrei zog ich es heraus. Die linke Hand hatte nur Schürfwunden abbekommen. Auf meiner hellgrauen Jacke zeichneten sich Blutflecken ab. Mist! Alles daneben an diesem verflixten Tag! Wenigstens die Wanderhose war heil geblieben, da ich mit dem Kopf aufgeschlagen war. Die Wunde befand sich direkt am Haaransatz.

So konnte und mochte ich nirgendwo hineingehen. Schlich mich zurück zur Schnellstraße, vorsichtig die auch entstandene Beule betastend. Die Stirn war mit angeschwollen, soviel war klar. Gesundheitsstation? Nähen lassen? Wo? Hier gab es keine großen Städte mehr. Höchstens „Sarria“ bot sich an, doch bis dahin waren es noch mehr als zwanzig Kilometer... 

Was tut der tapfere Pilger? Er geht weiter! Ich legte mir ein Papiertaschentuch auf die Wunde und zog vorsichtig meine kiwifarbene Mütze darüber. Selbst dieser Druck war schon zu viel, mir war hundeelend! Ich achtete ab sofort extrem auf jeden meiner Schritte. Begriff, dass es nicht gut war, mit den Gedanken woanders als auf dem Weg zu sein. Verstand den Sturz als Mahnung! Die Stöcke nutzlos unter dem Arm schritt ich dahin, immer in dem Gedanken, wie die Wunde wohl aussähe. Und was lag am Straßenrand? Der Splitter eines Spiegels! Wie bestellt.
Kritisch musterte ich mich. Es blutete nicht mehr, also war alles in Ordnung. Um mich abzulenken unterhielt ich mich mit meinem Schutzengel: "Du hast nicht aufgepasst, dafür erwarte ich nachher eine erstklassige Herberge als Ausgleich, aber mindestens!" Jegliche Antwort blieb mir verwehrt... 


Mit einer Gruppe kanadischer Frauen erreichte ich später die beeindruckende Klosteranlage von Samos. Doch wir waren viel zu früh für eine Besichtigung, also blieb uns nur ein Cafe zu suchen für den obligatorischen Milchkaffee. Zu sechst belagerten wir einen großen Tisch und zeigten uns gegenseitig  die unterwegs erlittenen Blessuren. Da kam so einiges zum Vorschein! Sie schenkten mir zwei Pins mit der kanadischen Flagge, die steckte ich an meine Mütze. Dann zog es mich aber weiter. Sitzen nervte mich. Ich wollte laufen, Freiheit empfinden.
Die Strecke zog sich unermüdlich entlang der Schnellstraße dahin. Inzwischen war es wie immer heiß geworden! Ich schälte mich aus den warmen Klamotten, ließ mich zu einer kleinen Trinkpause an einem Rastplatz nieder. Dort zeigte mir ein Stein, wie nahe ich Santiago bereits gekommen war.


 Irgendwie war ich ein wenig stolz, andererseits registrierte ich gar nicht, dass bald das Ende meines Weges gekommen wäre. Und sich damit die Frage auftat, wie es danach weitergehen solle. Es war mir in diesem Moment wohl auch völlig gleichgültig. Ich las stets im Wanderführer die nächste Etappe nach, um zu wissen, was mich erwartete. Alles andere war Schnee von übermorgen.


Abgekämpft durch die Hitze und mit pulsierendem Kopfschmerz, erreichte ich endlich die Stadtgrenze von Sarria und erblickte gänzlich Unerwartetes: Plattenbauten und reichlich Verkehr. Schnell sollte ich begreifen, dass die galicische Landschaft unglaublich schön, dafür aber die meisten Städte scheußlich sind. In dieser Region fehlt einfach das Geld. Die Arbeitslosenquote ist hoch und die spanische Regierung zeigt keine Ambitionen, das durch spezielle Initiativen auf absehbare Zeit zu ändern. Einzig der Bau von Autobahnen wurde forciert, der wiederum idyllische Landschaften brutal zerschneidet, aber die Verkehrsanbindung verbessert. Man kann wohl nicht alles haben...


Der Camino führte wieder einmal in großen Schleifen durch die Neustadt und so langsam reichte es mir tatsächlich. Da zeigte ein gelber Pfeil endlich in Richtung Altstadt. Über eine seeehr lange und äußerst steile Treppe. Das auch noch, zum heutigen Abschluss!  Mir blieb wahrhaftig nichts erspart, an diesem Tag. Eine Stufe, 5, 10, 40, 60... Endlich! Die Altstadt tat sich auf. Und mit ihr die alltägliche Frage: Wo ist die Herberge?! Es reihten sich so einige aneinander, aber sämtlich noch geschlossen! Fluch der bösen Tat, wenn man nicht läuft, sondern fliegt... Ich brummelte etwas vor mich hin, wie: "Denk' dran, du hast bei mir was gut zu machen! Wo ist sie denn, die Super - Luxus - Traumherberge?" 

Ich stand nichtsahnend bereits direkt davor. Fast schon aus der Stadt heraus hatte ich mir vorgenommen: Bis zu der Ecke da vorn gehst du noch und dann zurück.
Aus dem herrlich schattigen Flur schaute mir eine Pilgerin vom Internetanschluß aus entgegen: "Hello! Come in! It's paradies here!" Je weiter ich vordrang, desto mehr staunte ich. "What's the price?" Sechs Euros. Ich war sprachlos. Eine junge Familie hat diesen alten Palast gekauft und liebevoll zu einer Herberge ausgebaut. Mit Holzbetten und Bettwäsche mit Rüschen und Bändern. In dunkelrosa! Schnappatmung…

Das Wasser der Dusche war heiß, die Wäsche schnell gewaschen. Es gäbe eine Dachterrasse mit Leinen, erfuhr ich. Ach?! Und auf dem Weg dahin stolperte ich über die Sonnenterrasse für Pilgerin-nen. Huch... "Hast du gut hinbekommen, Schutzengel! Ich bin versöhnt! Aber völlig." Für den Rest des Nachmittags liege ich in der Sonne, lasse mir Füße und Unterschenkel im Jacuzzi massieren, höre den Wasserfontänen der Brunnen zu, sauge den Duft des Rosengartens in mich hinein und bin einfach nur glücklich. Die Gespräche mit der Australierin Anne  und der Kanadierin Susan (six Miles from Ottawa/Guy), versüßen mir den Aufenthalt zusätzlich.


 Erst als die Sonne gesunken und meine Wäsche getrocknet ist, mache ich mich auf gen Neustadt. Um den Proviant für den kommenden Tag zu besorgen. Wer steht da streitend mitten auf der Straße? Richtig. Die Oldies! "Und wo bist du? Unsere Herberge ist laut und schmuddelig!" Einen Moment lang bekomme ich die furchtbare Vorstellung, sie könnten eventuell wechseln wollen?! Dann überkommt mich eine Art Rachegefühl. Ich erzähle. Wie gut ich es habe. Dass ich gleich auf dem Diwan des Wintergartens ruhen werde um fernzusehen. Dass wir ein Kaminzimmer haben, in dem später ein spanischer Abend stattfinden wird. Von Rosen, Brunnen, Massage und gebügelter Bettwäsche... Adios, ich hab's eilig!


Aus dem Supermarkt kommt mir Lena entgegen. Sie sieht müde und erschöpft aus, schleppt zwei schwere volle Tüten. Ich kann mir denken, was sich alles darin findet und für wen. Sie wird sicher gleich für Tim und Struppi kochen! Später erfahre ich, dass ich richtig lag. Und bezahlt hat sie (inklusive des Alkohols) auch noch alles! Hat sie daraus etwas für’s reale Leben gelernt? Nein…

Bald bin ich zurück, in meiner Mini-Alhambra. Blogge ein wenig da kostenlos, schicke Mails an die Kinder. Im Automaten hinter mir gibt es zum Spottpreis gekühlte Getränke. In der Kirche auf dem kleinen Platz an der Ecke hatte ich aus tiefstem Herzen ein Dankgebet gesprochen. Die Weiler am Weg waren mir heute wie ein einziges großes Freilichtmuseum erschienen. Hunde, Hühner, Berge, Seen, Flüsse, geheimnisvolle Wälder. Wege scheinbar ohne Anfang und ohne Ende.


Als ich losging, war ich dem Tod vielleicht näher, als dem Leben und jetzt denke ich einen (sehr!) kurzen Moment lang an Guy. I'm alive! Ja, du hast es vorhergesagt. Ich würde ins Leben laufen, sagtest du. Und auch, dass mein Herz sich öffnen würde. Weil es wie eine Blütenknospe voller Liebe sei und nur darauf warte, sie herauszulassen...

In meinem Blog schreibe ich an jenem 16.Mai:

"Nur noch wenige Tage und mein Gelübde ist erfüllt. Vom Monte de Gozo aus werde ich vielleicht die Kathedrale schon sehen können. Welche Gedanken werden mich dort bewegen? Wer wird bei mir sein? Meine Ankunft ist zugleich auch der Anfang vom Ende. Werde ich glücklich sein, an jenem Tag? Oder traurig? Wird etwas ganz Neues beginnen?
Eines weiß ich: dass daheim die liebsten Menschen warten, die man haben kann und deren Bilder ich bis ans Ende der Welt tragen werde, in meinem Herzen und flatternd an meinem Rucksack.
Ich bin reich, ja, das bin ich! Ich werde geliebt und ich habe ein Herz voller Liebe. Gott hat mir  Wunderbares geschenkt! Einfach nur: danke!"

Tage später wird meine Tochter den Eintrag lesen und kommentieren, mit:

„Allerliebste Mama,
hach, jetzt sitze ich in der Bücherhalle am PC und es kullern schon wieder die Tränen, beim Lesen deines letzten Eintrags. Du bist sicher schon da, in Santiago und während ich hier schreibe befindest du dich vielleicht gerade in der Kathedrale... Viele andere sind mit dir! Ich bin so unsagbar stolz auf dich. Meine Gedanken werden dich weiter begleiten, bis ans Ende der Welt!“ 

Wir ahnten nicht im Entferntesten, wie alles bald kommen würde. Ich stände nicht allein auf dem „Berg der Seufzer“, der so genannt wird, weil die Pilger von alters her dort zum ersten Mal ihr Ziel erblicken können. Wie sanken sie wohl befreit zu allen Zeiten auf die Knie. Wussten, dass sie ihren beschwerlichen Weg überlebt hatten. Ihre Gelöbnisse fast erfüllt waren. Was muss das für Menschen vor tausend Jahren bedeutet haben!

Ich werde nicht weinen an jenem Tag. Denn das Glück ist in mein Leben gekommen. Eben gerade jener Schritt der noch fehlte, um alles zu einem Abschluss zu bringen. Zu zweit schauen wir hinab, auf die vor uns liegende Stadt der Sehnsucht...


Beim Kaminabend in Sarria fehlen nur noch ganze vier Etappen. Dann werde ich Arzua erreichen. Wo wir zusammentreffen werden... Nun jedoch genieße ich noch einen schönen Abend, mit vielen Gitarrenklängen, Gesang und Likörproben. Menschen aus etlichen Nationen drängen sich wieder einmal auf engstem Raum an der großen offenen Feuerstelle zusammen. Sie sind eine verschworene Gemeinschaft und niemand fragt danach woher jemand stammt, was er besitzt oder ist. Alle sind wir Pilger und werden bald vor dem goldenen Altar der Kathedrale von Santiago stehen. Nur das zählt jetzt.

Ganze einhundertundvierzehn Kilometer sind es noch bis Santiago.
Und fünfundsiebzig bis zur schicksalhaften Begegnung mit zwei Männern.
Den einen sehe ich unerwartet wieder, an jenem 20.Mai 2007...